Mebeverin: muskulotropes Spasmolytikum beim Reizdarmsyndrom

Mebeverin ist ein krampflösender Wirkstoff, der direkt an der glatten Muskulatur des Darms ansetzt. Es wird vor allem beim Reizdarmsyndrom eingesetzt, wenn krampfartige Bauchschmerzen im Vordergrund stehen. Im Handel ist es unter Namen wie Duspatal und Mebemerck sowie als Generika.

Der wesentliche Vorteil gegenüber anderen Spasmolytika liegt im Wirkprinzip. Mebeverin wirkt muskulotrop, also unmittelbar auf die Muskelzelle, und nicht über eine Blockade von Acetylcholinrezeptoren. Damit entfallen die typischen anticholinergen Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Sehstörungen oder Harnverhalt weitgehend.

Wirkmechanismus

Mebeverin wirkt direkt auf die glatte Muskelzelle der Darmwand und normalisiert deren Erregbarkeit. Es beeinflusst den Natriumeinstrom in die Muskelzelle und vermindert die Freisetzung von Calcium aus intrazellulären Speichern. Die Folge ist eine Entspannung der übermäßig angespannten Muskulatur.

Entscheidend ist, dass die normale Darmbewegung erhalten bleibt. Der Wirkstoff dämpft den krankhaft gesteigerten Tonus, ohne die Peristaltik lahmzulegen. Eine Verstopfung als Folge der Behandlung ist deshalb nicht zu erwarten.

Da keine Muskarinrezeptoren blockiert werden, fehlen die anticholinergen Nebenwirkungen. Mebeverin ist deshalb auch bei Patienten anwendbar, bei denen Butylscopolamin wegen Engwinkelglaukom oder Prostatavergrößerung nicht infrage kommt.

Nach der Aufnahme wird der Wirkstoff bereits in der Darmwand und in der Leber vollständig gespalten. Im Blut lässt sich unverändertes Mebeverin praktisch nicht nachweisen. Die entstehenden Abbauprodukte Veratrumsäure und Mebeverinalkohol werden über die Nieren ausgeschieden. Aus diesem vollständigen Abbau folgt die geringe Zahl systemischer Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.

Anwendungsgebiete

Zugelassen ist Mebeverin bei:

  • Reizdarmsyndrom mit krampfartigen Bauchschmerzen
  • krampfartigen Beschwerden im Magen-Darm-Bereich
  • Beschwerden im Bereich der Gallenwege

Beim Reizdarmsyndrom richtet sich die Behandlung nach dem führenden Beschwerdebild. Mebeverin kommt vor allem beim schmerzdominanten Typ zum Einsatz. Bei Verstopfung stehen Ballaststoffe und Macrogol im Vordergrund, bei Durchfall Loperamid, bei Blähungen Pfefferminzöl oder Simeticon.

Die Behandlungsempfehlungen zum Reizdarmsyndrom führen Spasmolytika als eine von mehreren Optionen. Sie wirken symptomatisch und beeinflussen den Verlauf der Erkrankung nicht.

Vor einer dauerhaften symptomatischen Behandlung sollten Warnzeichen ausgeschlossen sein. Dazu zählen Blut im Stuhl, ungewollter Gewichtsverlust, Blutarmut, Fieber, nächtliche Beschwerden und ein Beginn der Symptome nach dem 50. Lebensjahr.

Dosierung und Einnahme

Übliche Dosierung bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 10 Jahren:

  • Filmtabletten mit 135 mg: dreimal täglich eine Tablette
  • Retardkapseln mit 200 mg: zweimal täglich eine Kapsel
  • Einnahme jeweils etwa 20 Minuten vor den Mahlzeiten

Die Einnahme vor der Mahlzeit ist wesentlich. Krampfartige Beschwerden beim Reizdarmsyndrom treten typischerweise nach dem Essen auf, weil die Nahrungsaufnahme die Darmbewegung anregt. Der Wirkstoff soll zu diesem Zeitpunkt bereits wirken.

Tabletten und Kapseln werden unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit eingenommen. Retardkapseln dürfen nicht geöffnet oder zerkaut werden.

Nach Besserung der Beschwerden kann die Behandlung schrittweise reduziert und beendet werden. Ein Ausschleichen im pharmakologischen Sinn ist nicht erforderlich, ein abruptes Absetzen unbedenklich.

Bessern sich die Beschwerden nach zwei Wochen nicht, sollte die Behandlung ärztlich überprüft werden.

Nebenwirkungen

Mebeverin gilt als gut verträglich. Nebenwirkungen sind selten und in der Regel mild.

Beschriebene Nebenwirkungen:

  • allergische Hautreaktionen wie Ausschlag, Juckreiz und Quaddeln
  • Schwellungen im Gesicht
  • Schwindel und Kopfschmerzen
  • Übelkeit
  • sehr selten schwere Überempfindlichkeitsreaktionen

Die anticholinergen Nebenwirkungen, die für Butylscopolamin typisch sind, treten unter Mebeverin nicht auf. Mundtrockenheit, Akkommodationsstörungen, Herzklopfen und Harnverhalt sind nicht zu erwarten.

Auch eine Verstopfung als Folge der Behandlung ist untypisch, weil die normale Darmbewegung erhalten bleibt.

Bei Auftreten von Hautausschlag, Juckreiz oder Schwellungen im Gesicht sollte die Einnahme beendet und ärztlicher Rat eingeholt werden.

Wechselwirkungen

Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind bislang nicht in klinisch bedeutsamem Ausmaß bekannt. Der Grund liegt im vollständigen Abbau des Wirkstoffs bereits während der Aufnahme, sodass keine relevanten Blutspiegel entstehen.

Der Wirkstoff hemmt oder induziert keine bedeutsamen Abbauenzyme und tritt nicht in Konkurrenz um die Eiweißbindung.

Vorsicht ist lediglich bei der Kombination mit anderen Substanzen geboten, die die Darmbewegung beeinflussen, weil sich die Wirkungen auf das Beschwerdebild überlagern können. Ein pharmakologisches Risiko ergibt sich daraus nicht.

Alkohol führt zu keiner bekannten Wechselwirkung, kann aber die Beschwerden des Reizdarmsyndroms selbst verstärken.

Besondere Hinweise

Mebeverin darf nicht angewendet werden bei:

  • bekannter Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff
  • paralytischem Ileus

Bei plötzlich einsetzenden starken Bauchschmerzen mit Erbrechen, aufgetriebenem Bauch, fehlendem Windabgang oder harter Bauchdecke darf kein Spasmolytikum eingenommen werden. Diese Zeichen können auf einen Darmverschluss oder eine akute Entzündung hindeuten und erfordern sofortige ärztliche Abklärung.

In Schwangerschaft und Stillzeit liegen keine ausreichenden Daten vor. Die Anwendung sollte nur nach ärztlicher Abwägung erfolgen.

Für Kinder unter zehn Jahren ist der Wirkstoff nicht vorgesehen.

Eine Beeinträchtigung der Fahrtüchtigkeit ist nicht zu erwarten. Bei auftretendem Schwindel gilt dennoch Vorsicht.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Mebeverin und Butylscopolamin?

Mebeverin wirkt muskulotrop, also direkt auf die Muskelzelle der Darmwand. Butylscopolamin blockiert dagegen Acetylcholinrezeptoren. Deshalb treten unter Mebeverin keine anticholinergen Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Sehstörungen oder Harnverhalt auf, und es ist auch bei Engwinkelglaukom oder Prostatavergrößerung anwendbar.

Warum soll man Mebeverin vor dem Essen einnehmen?

Krampfartige Beschwerden beim Reizdarmsyndrom treten typischerweise nach dem Essen auf, weil die Nahrungsaufnahme die Darmbewegung anregt. Die Einnahme etwa 20 Minuten vor der Mahlzeit sorgt dafür, dass der Wirkstoff zu diesem Zeitpunkt bereits wirkt.

Führt Mebeverin zu Verstopfung?

In der Regel nicht. Der Wirkstoff dämpft den krankhaft gesteigerten Muskeltonus, lässt die normale Darmbewegung aber bestehen. Eine Lähmung der Peristaltik wie bei manchen anderen Spasmolytika ist nicht zu erwarten.

Gibt es Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten?

Klinisch bedeutsame Wechselwirkungen sind nicht bekannt. Der Wirkstoff wird bereits während der Aufnahme vollständig abgebaut, sodass keine relevanten Blutspiegel entstehen. Er hemmt oder induziert auch keine bedeutsamen Abbauenzyme.

Wie lange kann man Mebeverin einnehmen?

Die Behandlung richtet sich nach den Beschwerden und kann bei Bedarf über längere Zeit erfolgen. Bessern sich die Beschwerden nach zwei Wochen nicht, sollte die Behandlung ärztlich überprüft werden. Vor einer dauerhaften Anwendung sollten Warnzeichen wie Blut im Stuhl oder Gewichtsverlust abgeklärt sein.

Quellen

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