Mecillinam: Amidinopenicillin gegen gramnegative Erreger bei Harnwegsinfekten
Mecillinam (auch Amdinocillin) ist ein Beta Lactam Antibiotikum aus der speziellen Gruppe der Amidinopenicilline. Es wurde in den 1970er Jahren in Dänemark entwickelt und hat ein einzigartiges, sehr schmales Wirkspektrum auf Enterobacterales mit besonderer Affinität zu Escherichia coli, dem Hauptverursacher unkomplizierter Harnwegsinfektionen. Mecillinam selbst ist intravenös verfügbar (Selexidin), die orale Form wird als Pivmecillinam (Pivmelam, Selexid) verwendet, ein Prodrug mit deutlich besserer oraler Bioverfügbarkeit.
In Skandinavien ist Mecillinam beziehungsweise Pivmecillinam seit Jahrzehnten Standardtherapie bei akuter unkomplizierter Zystitis und führte zu einer der weltweit niedrigsten Resistenzraten von E. coli in Harnwegsinfektionen. Mit der Wiederzulassung von Pivmecillinam in Deutschland 2018 hat auch hier ein gut wirksames Schmalspektrum Antibiotikum mit niedrigem Resistenzdruck Einzug gehalten, das in den aktuellen Leitlinien zur unkomplizierten Zystitis als Erstlinie empfohlen wird.
Wirkmechanismus
Mecillinam ist ein Beta Lactam Antibiotikum mit einer untypischen, hochselektiven Bindung an PBP2 (penicillinbindendes Protein 2) in gramnegativen Bakterien. PBP2 ist verantwortlich für die Aufrechterhaltung der Stäbchenform der Bakterien. Die selektive Hemmung führt zu einer charakteristischen sphärischen Verformung der Bakterien (osmotisch instabile Spheroplasten) mit folgender Lyse.
Diese spezifische PBP2 Bindung unterscheidet Mecillinam von anderen Beta Lactamen, die meist mehrere PBP gleichzeitig binden. Daraus ergibt sich ein sehr enges Wirkspektrum, das fast ausschließlich Enterobacterales (E. coli, Klebsiella pneumoniae, Proteus mirabilis, Enterobacter, Citrobacter) abdeckt. Grampositive Bakterien einschließlich Staphylococcus saprophyticus (zweithäufigster HWI Erreger) sind weitgehend resistent. Pseudomonas aeruginosa, Enterococcus faecalis und Anaerobier sind unempfindlich.
Mecillinam wird in hohen Konzentrationen renal ausgeschieden und reichert sich im Urin an, was die antibakterielle Wirkung im Harntrakt erklärt. Pharmakokinetisch wird Mecillinam intravenös rasch verteilt mit Halbwertszeit etwa 1 Stunde, weshalb häufige Dosen erforderlich sind. Pivmecillinam (orales Prodrug) wird im Darm zu Mecillinam hydrolysiert.
Anwendungsgebiete
- Akute unkomplizierte Zystitis bei Frauen: Erstlinientherapie laut deutscher S3 Leitlinie 2017
- Akute unkomplizierte Pyelonephritis: bei niedrigem Schweregrad und gesicherten empfindlichen Erregern
- Asymptomatische Bakteriurie in der Schwangerschaft: sichere Option mit langer Anwendungserfahrung
- Rezidivprophylaxe rezidivierender Harnwegsinfekte: off label, in niedriger Dosis
- Bakteriurie bei Diabetikern: bei symptomatischer HWI
Mecillinam hat eine sehr enge Indikation auf Harnwegsinfektionen, da systemische Konzentrationen für andere Infektionen meist nicht ausreichen. Dies ist im Sinne von Antibiotic Stewardship ein Vorteil.
Dosierung und Anwendung
Pivmecillinam (orales Prodrug, in Deutschland verfügbar): 400 mg dreimal täglich über 3 Tage bei akuter Zystitis. Bei Pyelonephritis 400 mg dreimal täglich über 7 bis 14 Tage.
Mecillinam intravenös: in Deutschland nicht verfügbar, in Skandinavien 200 bis 400 mg alle 6 Stunden.
Einnahme: mit ausreichend Wasser, mit oder ohne Nahrung. Aufrecht stehend oder sitzend einnehmen, da die Tablette zu Ösophagusreizung führen kann.
Bei Niereninsuffizienz: bei eGFR unter 30 ml/min möglicherweise reduzierte Wirksamkeit wegen geringerer Urinkonzentration; klinisch trotzdem oft wirksam, individuelle Bewertung.
Therapiedauer: bei unkomplizierter Zystitis nur 3 Tage, was Resistenzdruck reduziert und gut wirksam ist.
Nebenwirkungen
Häufig: meist gut verträglich. Übelkeit, Diarrhö, Bauchschmerzen, Hautausschlag, Pruritus, vaginale Soor.
Gelegentlich: Erbrechen, Kopfschmerzen, allergische Reaktionen, Anstieg der Lebertransaminasen.
Selten, aber wichtig: anaphylaktische Reaktionen (Beta Lactam Allergie), schwere Hautreaktionen (Stevens Johnson Syndrom), Clostridioides difficile assoziierte Diarrhö, Hypoglykämie und Carnitin Mangel bei langfristiger Pivmecillinam Therapie (durch Pivalat Bindung an Carnitin), interstitielle Nephritis.
Wichtig: bei bekannter Beta Lactam Allergie ist Mecillinam wegen möglicher Kreuzreaktivität kontraindiziert. Carnitin Mangel ist eine spezifische Nebenwirkung der Pivalat Bindung in Pivmecillinam, klinisch relevant nur bei sehr langer Anwendung oder Risikopatientinnen und Patienten.
Wechselwirkungen
- Probenecid: verlängert Halbwertszeit durch Hemmung der renalen Tubulärsekretion
- Andere Beta Lactam Antibiotika: nicht zugleich verordnen ohne Indikation
- Methotrexat: kann renale MTX Clearance reduzieren bei Hochdosis Therapie
- Hormonelle Kontrazeptiva: theoretische Reduktion durch Mikrobiom Veränderung, klinisch wenig relevant
- Valproinsäure: Pivalinsäure Bindung an Carnitin kann zur Hyperammonämie führen
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: Mecillinam und Pivmecillinam gelten als sicher und sind in skandinavischen Ländern eine bevorzugte Option bei akuter Zystitis und asymptomatischer Bakteriurie in der Schwangerschaft. Lange Anwendungserfahrung ohne Hinweise auf Teratogenität. Stillzeit: Anwendung möglich, geringe Übergänge in die Muttermilch ohne klinische Relevanz für den Säugling.
Antibiotic Stewardship: das schmale Wirkspektrum und die niedrige Resistenzentwicklung machen Mecillinam zu einem im Stewardship Sinne hervorragenden Antibiotikum. Fluorchinolone und Cephalosporine sollten bei unkomplizierter Zystitis möglichst vermieden werden.
Resistenzlage: in Deutschland liegt die E. coli Resistenz gegen Mecillinam aktuell unter 5 Prozent, deutlich besser als bei Fluorchinolonen (über 20 Prozent), Cotrimoxazol (über 30 Prozent) oder Cefuroxim (etwa 10 Prozent).
Bei Pyelonephritis: Mecillinam wirkt auch bei oberer HWI, allerdings sind die Spiegel im Nierengewebe und Blut niedriger als im Urin. Bei Verdacht auf urosepsis oder bei schwerem Verlauf werden parenterale Antibiotika mit besserer Gewebepenetration bevorzugt.
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Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Mecillinam und Pivmecillinam?
Mecillinam ist der eigentliche Wirkstoff, Pivmecillinam ist sein orales Prodrug. Mecillinam ist nur intravenös verfügbar (in Deutschland aktuell nicht im Handel). Pivmecillinam wird im Körper rasch zu Mecillinam hydrolysiert und ist die in Deutschland verfügbare orale Form für die ambulante Therapie der Zystitis.
Wie wirkt Mecillinam anders als andere Beta Lactame?
Mecillinam bindet hochselektiv an PBP2 in gramnegativen Bakterien. Dieses spezifische Penicillinbindende Protein ist verantwortlich für die Aufrechterhaltung der Stäbchenform. Die Hemmung führt zur Verformung in osmotisch instabile Spheroplasten und Lyse. Andere Beta Lactame binden meist mehrere PBP gleichzeitig, mit breiterem aber weniger selektivem Wirkspektrum.
Warum hat Mecillinam so wenig Resistenzen?
Das schmale Wirkspektrum auf Enterobacterales und der gezielte Einsatz nur bei Harnwegsinfektionen reduzieren den Selektionsdruck für Resistenzen. In Skandinavien wird Mecillinam seit Jahrzehnten als Erstlinientherapie bei Zystitis eingesetzt, ohne dass die E. coli Resistenz wesentlich angestiegen ist (unter 5 Prozent). Andere Antibiotika mit breiterem Wirkspektrum haben in der gleichen Zeit deutlich höhere Resistenzraten entwickelt.
Kann Mecillinam auch bei Männern angewendet werden?
Ja. Pivmecillinam kann bei Männern mit komplizierten oder rezidivierenden Harnwegsinfekten eingesetzt werden, wobei die Therapie länger dauert (7 bis 14 Tage) und eine urologische Abklärung der Ursache (Prostatitis, Blasenausgangsobstruktion, Restharn) erfolgen sollte. Bei akuter unkomplizierter Zystitis bei Männern unter 50 Jahren ohne Risikofaktoren ist die Anwendung möglich.
Quellen
- AWMF S3 Leitlinie unkomplizierte Harnwegsinfektionen
- Gelbe Liste, Mecillinam und Pivmecillinam Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- EMA Fachinformationen Pivmecillinam Präparate
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