Scopolamin: Wirkung gegen Reisekrankheit

Scopolamin (Hyoscin), ein Tropanalkaloid aus Pflanzen der Nachtschattengewächse wie Bilsenkraut und Stechapfel, ist ein potenter Antagonist muskarinischer Acetylcholinrezeptoren. In Deutschland werden zwei Salzformen genutzt: das tertiäre Scopolamin (in transdermalen Pflastern wie Scopoderm) und das quartäre N Butylscopolamin (Buscopan, eine separate Substanz mit überwiegend peripherer Wirkung). Wegen der unterschiedlichen Pharmakologie ist es wichtig, sie nicht zu verwechseln.

Scopolamin in Pflasterform ist die etablierte Therapie der Reisekrankheit (Kinetose) und kommt zudem in der postoperativen Übelkeit sowie in der Palliativmedizin zur Sekretkontrolle bei Rasselatmung am Lebensende zum Einsatz. Der Wirkstoff hat ein anspruchsvolles Sicherheitsprofil mit zentralen anticholinergen Effekten, was bei älteren Menschen und bei Vorerkrankungen wie Engwinkelglaukom oder Prostatahyperplasie eine sorgfältige Abwägung verlangt.

Wirkmechanismus

Scopolamin blockiert kompetitiv muskarinische Acetylcholinrezeptoren (M1 bis M5) und entfaltet dadurch parasympatholytische Wirkungen. Im Gegensatz zu Atropin überquert die tertiäre Form die Blut Hirn Schranke und wirkt zentral. Im Vestibularkern und in der Area postrema unterdrückt Scopolamin die Verarbeitung widersprüchlicher Sinneseindrücke, die der Reisekrankheit zugrunde liegen, und reduziert das Triggern von Übelkeit über das Brechzentrum.

Peripher hemmt Scopolamin die Sekretion von Speichel und Schweiß, vermindert die Magen Darm Motilität und führt zu einer Erweiterung der Pupille mit Akkommodationsstörung. An der glatten Muskulatur des Magen Darm und Urogenitaltrakts wirkt es entkrampfend. Diese Effekte erklären sowohl den Nutzen in der palliativen Sekretkontrolle als auch die typischen Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit und Sehstörung.

Über das transdermale System wird Scopolamin in einer langsamen Freisetzung über bis zu 72 Stunden abgegeben. Die Wirkung beginnt etwa vier Stunden nach Aufkleben, was eine vorausschauende Anwendung vor Reisebeginn nötig macht. Der Abbau erfolgt überwiegend hepatisch, eine geringe renale Elimination ergänzt das Ausscheidungsmuster.

Anwendungsgebiete

  • Reisekrankheit bei Schiff , Flug , Bus oder Autoreisen, vor allem bei längerer Belastung
  • Postoperative Übelkeit und Erbrechen, Pflaster vor Operation als Bestandteil multimodaler Antiemese
  • Palliative Sekretkontrolle bei Rasselatmung am Lebensende, häufig als subkutane Gabe von Butylscopolamin oder als Scopolamin Pflaster
  • Prämedikation in der Anästhesie, klassisch zur Sekretreduktion und Sedierung, heute seltener eingesetzt
  • Hypersalivation bei neurologischen Erkrankungen wie Parkinson Syndromen oder amyotropher Lateralsklerose, individuelle Indikation

Scopolamin ist nicht indiziert bei Übelkeit infolge Chemotherapie, hier sind 5 HT3 Antagonisten wie Ondansetron oder Granisetron Mittel der Wahl. Bei Schwangerschaftserbrechen werden andere Antiemetika bevorzugt.

Dosierung und Anwendung

Reisekrankheit Pflaster: ein Pflaster (1,5 mg Scopolamin) etwa fünf bis acht Stunden vor Reisebeginn hinter das Ohr kleben, auf trockene und unbehaarte Haut. Wirkdauer bis 72 Stunden. Bei längerer Reise neues Pflaster auf die andere Seite kleben.

Postoperative Übelkeit: Pflaster ein bis zwei Stunden vor Operationsbeginn. Anwendung idealerweise als Teil eines multimodalen Konzepts mit Dexamethason und einem 5 HT3 Antagonisten.

Palliative Sekretkontrolle: Butylscopolamin 20 bis 60 mg subkutan oder kontinuierlich pro Tag, in spezialisierten Settings auch tertiäres Scopolamin. Ziel ist die Reduktion störender Atemnebengeräusche, nicht die vollständige Trockenheit.

Hände nach Anwendung waschen: Reste auf den Fingern können bei Augenkontakt Mydriasis und Sehstörungen verursachen.

Niereninsuffizienz und Leberinsuffizienz: bei eingeschränkter Funktion vorsichtige Anwendung, niedrigere Pflasterzahl in Folgeperioden.

Ältere Patienten: Vorsicht wegen ausgeprägter zentraler anticholinerger Effekte. Bei kognitiver Vulnerabilität ist Pflaster oft nicht das beste Mittel, alternative Antiemetika oder eine sorgfältige Indikationsstellung sind besser.

Nebenwirkungen

Sehr häufig: Mundtrockenheit, Schläfrigkeit, Sehstörungen mit verschwommenem Sehen.

Häufig: Schwindel, Hautreizung an der Klebestelle, weite Pupillen mit Lichtempfindlichkeit, Verstopfung, Harnverhalt.

Gelegentlich bis selten: Verwirrtheit, Halluzinationen, Gedächtnisstörungen, Erregung, Tachykardie, Akkommodationsstörung mit Doppelbildern, allergische Reaktionen.

Bei Überdosierung oder bei sehr empfindlichen Personen: anticholinerges Syndrom mit Verwirrtheit, Halluzinationen, weiten Pupillen, Tachykardie, Hyperthermie, Hautrötung. Antidot ist Physostigmin in der Notfallmedizin.

Engwinkelglaukom: akuter Glaukomanfall durch Pupillenerweiterung möglich, Kontraindikation bei manifestem Engwinkelglaukom.

Beim Pflasterwechsel: Reboundphänomene wie Schwindel, Übelkeit oder Schweißausbrüche binnen 24 Stunden nach Entfernen sind möglich, vor allem nach längerer Anwendung.

Wechselwirkungen

  • Andere Anticholinergika wie Trizyklika, klassische Antihistaminika, Phenothiazine, Spasmolytika: additive anticholinerge Wirkung mit Verwirrtheit, Tachykardie und Harnverhalt.
  • Sedativa und ZNS Dämpfer (Benzodiazepine, Z Substanzen, Opioide, Alkohol): verstärkte Müdigkeit, Stürze möglich.
  • Domperidon und Metoclopramid: gegenläufige Wirkung im Magen Darm Trakt, klinische Bedeutung gering.
  • Inhalative Anticholinergika (Tiotropium, Glycopyrronium, Aclidinium): zusätzliche anticholinerge Belastung, vor allem bei systemischer Resorption.
  • Cholinesterasehemmer (Donepezil, Rivastigmin, Pyridostigmin): pharmakologischer Antagonismus, gegenseitige Wirkungsabschwächung.
  • L Dopa: bei Parkinson kann Scopolamin Wirkung verändern, in der Praxis selten relevant.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: nur bei strenger Indikation, sicherer sind nicht anticholinerge Antiemetika. Wenn ein Pflaster eingesetzt wird, möglichst kurz und in niedrigster Dosis. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch, Stillen unter laufender Pflastertherapie nicht empfohlen.

Kinder und Jugendliche: Scopolamin Pflaster werden in Deutschland in der Regel ab 10 Jahren angewendet. Bei jüngeren Kindern sind Verwirrtheit und paradoxe Reaktionen möglich.

Ältere Patienten: ausgeprägtes Risiko für Verwirrtheit, Stürze und Harnverhalt. Bei kognitiver Vorerkrankung restriktive Indikation. Geriatrische Listen wie Priscus stufen anticholinerge Substanzen kritisch ein.

Vorerkrankungen: kontraindiziert bei manifestem Engwinkelglaukom, Magen Darm Stenosen, paralytischem Ileus, schwerer Prostatahyperplasie mit Restharn, Myasthenia gravis.

Verkehrstüchtigkeit: in der Regel eingeschränkt, vor allem in den ersten Stunden und am Folgetag. Während der gesamten Anwendungsdauer kein Bedienen schwerer Maschinen.

MRT: einige Pflaster enthalten metallische Bestandteile, vor MRT entfernen.

Anwendung beim Kind und Hund: kein direkter Hautkontakt mit gebrauchten Pflastern, weil Restmengen ausreichen, um Vergiftungen auszulösen. Pflaster nach Gebrauch zusammenfalten und sicher entsorgen.

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Häufig gestellte Fragen

Wann sollte ich das Pflaster vor Reisebeginn aufkleben?

Etwa fünf bis acht Stunden vor der Reise. Die Wirkung baut sich langsam auf, weil das Pflaster den Wirkstoff über die Haut über mehrere Stunden in das Blut abgibt. Wer kurz vor Abfahrt klebt, hat in der ersten Stunden meist noch keine ausreichende Schutzwirkung.

Worin unterscheidet sich Scopolamin von Butylscopolamin?

Scopolamin ist tertiär und überquert die Blut Hirn Schranke. Es wirkt zentral und wird gegen Reisekrankheit eingesetzt. Butylscopolamin (Buscopan) ist quartär, gelangt nicht ins Gehirn und wirkt überwiegend peripher krampflösend, etwa bei Magen Darm Krämpfen oder Menstruationsbeschwerden.

Was tun bei verschwommenem Sehen unter Scopolamin?

Verschwommenes Sehen und Lichtempfindlichkeit sind häufige Nebenwirkungen, weil die Pupillen erweitert und die Akkommodation gestört ist. Während der Anwendung kein Autofahren und keine feinen Tätigkeiten ausführen. Wer eine plötzliche schmerzhafte Pupillenerweiterung und Augenrötung bemerkt, sollte sofort eine augenärztliche Notfallambulanz aufsuchen, weil ein akuter Glaukomanfall ausgeschlossen werden muss.

Darf ich das Pflaster duschen?

Kurze Duschen sind in der Regel kein Problem, weil das Pflaster wasserfest ist. Heißes Baden, Saunagänge und intensive sportliche Belastung erhöhen die Wirkstofffreisetzung und können Nebenwirkungen verstärken. Wer das Pflaster verliert, klebt ein neues auf die andere Seite und passt die Reststeuerung der Reisedauer an.

Quellen

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