Safinamid: Wirkung bei Morbus Parkinson
Safinamid (Handelsname Xadago) ist ein selektiver und reversibler Hemmer der Monoaminoxidase B (MAO B) mit zusätzlicher Modulation der Glutamatfreisetzung. Seit 2015 in Europa zugelassen, wird es als Add on Therapie bei Patienten mit Morbus Parkinson eingesetzt, die unter Levodopa Schwankungen wie Wearing Off oder On Off Phänomenen leiden. Damit ergänzt es das Spektrum der Parkinson Medikamente um eine Substanz mit dualem Wirkmechanismus.
Im Vergleich zu klassischen MAO B Hemmern wie Selegilin und Rasagilin hat Safinamid eine zusätzliche nicht dopaminerge Wirkung über Modulation spannungsabhängiger Natriumkanäle und Reduktion der Glutamatfreisetzung. Diese Komponente kann theoretisch motorische Komplikationen wie Dyskinesien und nicht motorische Symptome wie Schlafstörungen oder Schmerzen positiv beeinflussen. Klinisch ist Safinamid eine sinnvolle Option bei Patienten, die mit Selegilin oder Rasagilin nicht ausreichend behandelt sind oder Verträglichkeitsprobleme haben.
Wirkmechanismus
Safinamid hemmt selektiv und reversibel die Monoaminoxidase B (MAO B) im zentralen Nervensystem. MAO B baut Dopamin im synaptischen Spalt ab. Eine Hemmung dieses Enzyms erhöht die Verfügbarkeit von Dopamin und verlängert die Wirkung von Levodopa, was Wearing Off Phänomene reduziert. Im Gegensatz zu Selegilin und Rasagilin (irreversible MAO B Hemmer) ist die Bindung von Safinamid reversibel, was theoretisch ein günstigeres Nebenwirkungsprofil bietet.
Zusätzlich blockiert Safinamid spannungsabhängige Natriumkanäle und reduziert dadurch die Freisetzung von Glutamat. Diese nicht dopaminerge Wirkung könnte zur Reduktion von Levodopa induzierten Dyskinesien beitragen. Studien zeigen eine signifikante Verlängerung der ON Phase ohne Zunahme der Dyskinesien, was Safinamid von einigen anderen Add on Therapien unterscheidet.
Pharmakokinetisch zeigt Safinamid eine gute orale Bioverfügbarkeit (etwa 95 Prozent), die Halbwertszeit beträgt 20 bis 26 Stunden, was eine einmal tägliche Anwendung erlaubt. Der Abbau erfolgt überwiegend hepatisch über mehrere Wege ohne CYP3A4 Hauptbeteiligung, was das Risiko für klassische Wechselwirkungen reduziert.
Anwendungsgebiete
- Morbus Parkinson bei erwachsenen Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung als Add on zu Levodopa basierter Therapie, vor allem bei Wearing Off oder On Off Phänomenen
- Add on bei kombinierter Parkinson Therapie mit Dopaminagonisten und Levodopa
- Off Label bei Frühstadien oder als Monotherapie wird wegen begrenzter Datenlage nicht empfohlen
Safinamid ist nicht für die Erstlinientherapie des Morbus Parkinson zugelassen. Bei sehr jungen Patienten oder bei wenig fortgeschrittener Erkrankung sind Dopaminagonisten oder Levodopa Monotherapie etabliert. Eine Selbstmedikation gibt es nicht.
Dosierung und Einnahme
Erwachsene: Beginn mit 50 mg einmal täglich oral. Nach zwei Wochen Steigerung auf 100 mg einmal täglich, wenn klinisch indiziert und gut verträglich.
Einnahmezeitpunkt: einmal täglich, etwa zur gleichen Tageszeit, mit oder ohne Mahlzeit. Tablette unzerkaut mit Wasser einnehmen.
Therapiedauer: langfristig, solange Wirksamkeit und Verträglichkeit gegeben sind. Eine Reevaluation nach drei und sechs Monaten ist sinnvoll.
Niereninsuffizienz: bei eGFR über 30 ml pro Minute keine Dosisanpassung. Bei schwerer Niereninsuffizienz (eGFR unter 30) Vorsicht und individuelle Beurteilung. Leberinsuffizienz: bei moderater Beeinträchtigung Maximaldosis 50 mg täglich. Bei schwerer Leberinsuffizienz nicht empfohlen.
Levodopa Anpassung: bei Patienten unter Safinamid kann eine Reduktion der Levodopa Dosis sinnvoll sein, wenn Dyskinesien auftreten oder eine ausgeprägte ON Phase mit Hyperkinesien gemeldet wird. Die Anpassung erfolgt durch den behandelnden Neurologen.
Nebenwirkungen
Häufig: Dyskinesien, Schlaflosigkeit, orthostatische Hypotonie, Übelkeit, Kopfschmerzen, Stürze.
Gelegentlich: Verschlimmerung von Halluzinationen oder Wahnvorstellungen, Verwirrtheit, Anstieg der Lebertransaminasen, Appetitverlust, Verstopfung.
Selten, aber relevant: Impulskontrollstörungen mit pathologischem Spielen, hypersexuellem Verhalten, übermäßigem Einkaufen oder Essen. Diese Phänomene sind charakteristisch für dopaminerg wirksame Therapien und sollten bei jeder Visite aktiv erfragt werden.
Augennebenwirkungen: in Einzelfällen wurde Verschlechterung einer vorbestehenden Retinopathie beobachtet. Bei Patienten mit Albinismus, Familienanamnese hereditärer Retinitis pigmentosa, Uveitis oder Retinopathie ist Safinamid kontraindiziert.
Serotoninsyndrom: theoretisch erhöhtes Risiko bei Komedikation mit serotonergen Substanzen, klinisch selten.
Wechselwirkungen
- Andere MAO Hemmer (Selegilin, Rasagilin, Tranylcypromin, Moclobemid, Linezolid): Kombination mit Safinamid wegen additiver MAO Hemmung kontraindiziert.
- SSRI und SNRI (Fluoxetin, Paroxetin, Sertralin, Venlafaxin, Duloxetin): theoretisch erhöhtes Risiko für Serotoninsyndrom. Vorsichtige Kombination mit niedrigen SSRI Dosen, klinische Beobachtung.
- Trizyklische Antidepressiva: erhöhtes Risiko für Serotoninsyndrom oder hypertensive Reaktion, Kombination kritisch.
- Tramadol, Pethidin, Methadon: theoretisches Risiko Serotoninsyndrom, individuelle Beurteilung.
- Sympathomimetika (Pseudoephedrin, Phenylephrin, Cocain): hypertensive Reaktionen möglich, Kombination meiden.
- Levodopa und Dopaminagonisten: gewollte Kombination als Add on Therapie. Levodopa Dosis kann angepasst werden.
- BCRP Substrate (Rosuvastatin, Imatinib, Methotrexat): Safinamid hemmt BCRP, Spiegel können steigen. Bei Hochdosis Methotrexat Vorsicht und Monitoring.
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: Daten begrenzt. Eine Anwendung wird nicht empfohlen, außer bei zwingender Indikation und nach individueller Beratung. Frauen im gebärfähigen Alter sollten zuverlässig verhüten. Stillzeit: Anwendung während Stillzeit nicht empfohlen wegen unklarer Datenlage.
Kinder und Jugendliche: nicht zugelassen.
Augenkontrollen: bei Patienten mit Albinismus, Retinitis pigmentosa Anamnese, Uveitis oder anderen retinalen Erkrankungen ist Safinamid kontraindiziert. Vor Therapiebeginn dermatologische und ophthalmologische Anamnese.
Vor Therapiebeginn: Anamnese auf psychiatrische Vorerkrankungen, Impulskontrollstörungen in der Vergangenheit, retinale Erkrankungen, Lebererkrankungen. Komedikation prüfen, vor allem antidepressive und schmerztherapeutische Substanzen.
Aufklärung: Patienten und Angehörige sollten über Impulskontrollstörungen und deren Symptome informiert werden, weil diese sich oft schleichend entwickeln und vom Patienten nicht spontan berichtet werden.
Lifestyle bei Morbus Parkinson: Physiotherapie, Logopädie, Ergotherapie, regelmäßige neurologische Kontrollen, ggf. Tiefenhirnstimulation in fortgeschrittenen Stadien als ergänzende Optionen. Sturzprophylaxe und Sturzraumgestaltung im Wohnumfeld.
Verkehrstüchtigkeit: bei Schlaflosigkeit, Verwirrtheit oder Orthostase eingeschränkt. Plötzliches Einschlafen ist eine seltene aber relevante Nebenwirkung dopaminerger Therapien. Patienten sollten ihr Reaktionsvermögen sorgfältig beobachten.
Das könnte Sie auch interessieren
- Levodopa, Standardtherapie bei Morbus Parkinson
- Rasagilin, weiterer MAO B Hemmer mit etwas anderem Profil
- Entacapon, COMT Hemmer als Add on bei Wearing Off
- Pramipexol, Dopaminagonist als Add on oder Erstlinie
- Donepezil, Cholinesterasehemmer bei Parkinson Demenz
Häufig gestellte Fragen
Worin unterscheidet sich Safinamid von Rasagilin?
Beide hemmen MAO B selektiv. Safinamid hat eine zusätzliche Wirkung über Glutamatmodulation, die theoretisch Levodopa induzierte Dyskinesien reduzieren kann. Die Bindung an MAO B ist bei Safinamid reversibel, bei Rasagilin irreversibel. Klinisch sind beide Substanzen wirksame Add on Optionen, die individuelle Wahl erfolgt nach Verträglichkeit und Patientenprofil.
Was sind Impulskontrollstörungen unter Parkinson Medikamenten?
Dopaminerg wirksame Therapien können bei einem Teil der Patienten zu pathologischem Spielen, hypersexuellem Verhalten, übermäßigem Einkaufen oder Essen führen. Diese Symptome entwickeln sich oft schleichend und werden vom Patienten selbst nicht erkannt. Angehörige sollten aktiv darauf achten und bei Verdacht den Neurologen informieren.
Was bedeutet Wearing Off?
Wearing Off bezeichnet das vorzeitige Abklingen der Levodopa Wirkung mit Wiederauftreten der Parkinson Symptome vor der nächsten Dosis. Patienten erleben Phasen guter Beweglichkeit (ON Phase) und Phasen mit Symptomen (OFF Phase). MAO B Hemmer wie Safinamid verlängern die ON Phase, indem sie Dopamin im synaptischen Spalt länger verfügbar halten.
Darf ich unter Safinamid bestimmte Lebensmittel nicht essen?
Im Gegensatz zu klassischen unselektiven MAO Hemmern hat Safinamid bei normaler Dosierung keine relevante Wirkung an MAO A im Gastrointestinaltrakt. Tyraminreiche Lebensmittel wie reifer Käse oder Rotwein sind in normalem Maß meist unproblematisch. Bei höheren Dosen oder Komedikation wird mehr Vorsicht empfohlen.
Quellen
- EMA, Xadago (Safinamid) EPAR
- Gelbe Liste, Safinamid Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- AWMF, Leitlinien Morbus Parkinson
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie
Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss
Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Die Therapie des Morbus Parkinson erfordert eine spezialisierte neurologische Begleitung. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen, maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.