Brivaracetam: Wirkung, Anwendungsgebiete und Hinweise

Brivaracetam ist ein Antiepileptikum, das zur Behandlung fokaler Anfälle bei Erwachsenen und Kindern ab zwei Jahren zugelassen ist. Der Wirkstoff gehört zur gleichen Substanzklasse wie Levetiracetam, besitzt jedoch eine deutlich höhere Affinität zu seinem molekularen Zielangriffspunkt und ist pharmakologisch weiterentwickelt. Brivaracetam steht seit 2016 in Europa als Zusatztherapie bei fokaler Epilepsie zur Verfügung.

Epilepsie ist eine der häufigsten chronischen neurologischen Erkrankungen. Fokale Anfälle entstehen in einem umschriebenen Bereich des Gehirns und können sich klinisch sehr unterschiedlich äußern, von kaum bemerkbaren Wahrnehmungsveränderungen bis hin zu ausgeprägten motorischen Symptomen und Bewusstseinsverlust. Nicht alle Patienten erreichen mit einem einzigen Antiepileptikum eine vollständige Anfallsfreiheit, weshalb Kombinationstherapien klinisch bedeutsam sind.

Wirkweise von Brivaracetam

Der primäre Wirkmechanismus von Brivaracetam besteht in der hochaffinen Bindung an das synaptische Vesikelprotein 2A (SV2A). SV2A ist ein Transmembranprotein, das an der Ausschüttung von Neurotransmittern aus präsynaptischen Vesikeln beteiligt ist. Durch die Bindung an SV2A wird die exzessive, anfallsbedingte Neurotransmitterausschüttung moduliert. Dies führt zu einer Stabilisierung der neuronalen Aktivität und einer Reduktion der Anfallsbereitschaft.

Im Vergleich zu Levetiracetam weist Brivaracetam eine bis zu 15-fach höhere Affinität zu SV2A auf. Zusätzlich hemmt Brivaracetam spannungsabhängige Natriumkanäle, was einen weiteren anfallsunterdrückenden Mechanismus darstellt. Diese duale Wirkung unterscheidet Brivaracetam pharmakologisch von Levetiracetam und könnte bei einem Teil der Patienten, die auf Levetiracetam nicht ausreichend ansprechen, klinisch relevant sein.

Brivaracetam überquert die Blut-Hirn-Schranke sehr schnell, was zu einem raschen Wirkeintritt beiträgt. Die orale Bioverfügbarkeit ist nahezu vollständig, und der Wirkstoff zeigt eine gleichmäßige Pharmakokinetik mit geringer Variabilität zwischen verschiedenen Patienten.

Anwendungsgebiete

Fokale Anfälle mit und ohne sekundäre Generalisierung

Brivaracetam ist zugelassen als Zusatztherapie bei fokalen Anfällen, die mit oder ohne sekundäre Generalisierung auftreten können. Fokale Anfälle, die sich auf einen Beginn in einer Hirnregion beschränken, sprechen besonders gut auf Brivaracetam an. Der Wirkstoff kann auch dann eingesetzt werden, wenn ein Anfall sich im Verlauf auf das gesamte Gehirn ausbreitet (sekundäre Generalisierung). Die Kombination mit anderen Antiepileptika ist häufig notwendig und in der klinischen Praxis gut etabliert.

Therapieresistente fokale Epilepsie

Bei Patientinnen und Patienten, bei denen andere Antiepileptika nicht ausreichend wirksam sind oder nicht vertragen werden, stellt Brivaracetam eine therapeutische Option dar. Klinische Studien haben gezeigt, dass ein Teil der Patienten unter Brivaracetam eine signifikante Anfallsreduktion erlebt, auch wenn sie auf Levetiracetam oder andere Antiepileptika nicht ausreichend angesprochen haben.

Anwendung bei Kindern

Seit der Erweiterung der Zulassung ist Brivaracetam auch für Kinder ab zwei Jahren verfügbar. Für jüngere Kinder steht eine Lösung zur oralen Einnahme zur Verfügung, was die Dosierung bei kleinen Kindern erleichtert. Die Dosierung wird gewichtsadaptiert vorgenommen und vom behandelnden Kindereurologen festgelegt.

Darreichungsformen und Dosierung

Brivaracetam steht als Filmtabletten, als Lösung zur oralen Einnahme und als Konzentrat zur Herstellung einer Injektionslösung zur Verfügung. Die Tabletten und die Lösung werden zweimal täglich eingenommen. Bei Patienten, die vorübergehend keine orale Medikation einnehmen können, ermöglicht die intravenöse Darreichungsform eine lückenlose Weiterführung der Therapie.

Die Anfangsdosis für Erwachsene beträgt in der Regel 50 mg zweimal täglich und kann je nach individuellem Ansprechen auf bis zu 100 mg zweimal täglich gesteigert werden. Die minimale Dosis liegt bei 25 mg zweimal täglich. Bei Patienten mit Leberfunktionsstörungen kann eine Dosisanpassung erforderlich sein. Alle Dosierungsentscheidungen werden vom behandelnden Neurologen getroffen.

Hinweise zur Anwendung

Antiepileptika dürfen niemals ohne ärztliche Rücksprache abrupt abgesetzt werden, da dies einen epileptischen Status (anhaltende oder rasch wiederholte Anfälle) auslösen kann. Eine schrittweise Dosisreduktion unter ärztlicher Aufsicht ist beim Absetzen von Brivaracetam erforderlich.

Brivaracetam kann die Fahrtüchtigkeit und die Fähigkeit zur Bedienung von Maschinen beeinträchtigen, insbesondere zu Beginn der Therapie oder bei Dosisänderungen. Patienten sollten bis zur individuellen Klärung dieser Frage auf das Führen von Fahrzeugen verzichten. In Deutschland sind für Epilepsiepatienten besondere Regelungen bezüglich der Fahrerlaubnis gültig, die der behandelnde Arzt erläutern kann.

Unerwünschte Wirkungen

Brivaracetam wird insgesamt gut vertragen. Im Vergleich zu Levetiracetam zeigen klinische Studien ein günstigeres Profil bei psychiatrischen Nebenwirkungen wie Reizbarkeit und Aggressivität, die bei Levetiracetam häufiger beobachtet werden. Mögliche unerwünschte Wirkungen von Brivaracetam umfassen:

  • Schläfrigkeit und Müdigkeit, besonders zu Beginn der Behandlung
  • Schwindel und Koordinationsschwierigkeiten (Ataxie)
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Reizbarkeit, Angstzustände und Stimmungsschwankungen (seltener als bei Levetiracetam)
  • Seltener: Verhaltensänderungen, depressive Verstimmungen
  • Bei intravenöser Gabe: lokale Reaktionen an der Einstichstelle

Wechselwirkungen

Brivaracetam wird in der Leber über Hydrolyse und Hydroxylierung abgebaut. Das Enzym CYP2C19 spielt beim Abbau eine Rolle. Starke Induktoren von Leberenzymen wie Rifampicin oder bestimmte andere Antiepileptika wie Carbamazepin, Phenytoin und Phenobarbital können den Brivaracetam-Spiegel im Blut senken und eine Dosisanpassung erfordern. Brivaracetam selbst kann den Carbamazepin-Epoxid-Spiegel erhöhen und damit zur verstärkten Toxizität von Carbamazepin beitragen. Der behandelnde Neurologe überwacht mögliche Interaktionen im Rahmen der regelmäßigen Kontrolluntersuchungen.

Brivaracetam auf Sanoliste

Auf Sanoliste finden Sie Neurologinnen und Neurologen sowie Epileptologen, die auf die Diagnostik und Behandlung von Epilepsie spezialisiert sind. Für Patienten mit therapieresistenter fokaler Epilepsie ist die Behandlung durch einen auf Epilepsie spezialisierten Neurologen oder in einem Epilepsiezentrum besonders wichtig, um alle therapeutischen Möglichkeiten zu nutzen.

Die Informationen auf dieser Seite dienen allgemeinen Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin. Brivaracetam ist verschreibungspflichtig und darf nur nach ärztlicher Verordnung eingesetzt werden.

Häufige Fragen zu Brivaracetam

Was unterscheidet Brivaracetam von Levetiracetam?

Brivaracetam und Levetiracetam teilen denselben Wirkmechanismus über SV2A, unterscheiden sich aber in der Bindungsaffinität deutlich: Brivaracetam bindet mit viel höherer Affinität an SV2A. Zusätzlich hemmt Brivaracetam Natriumkanäle, was Levetiracetam nicht tut. Im klinischen Alltag zeigt Brivaracetam ein günstigeres Profil bei psychiatrischen Nebenwirkungen. Bei Patienten, die Levetiracetam wegen psychiatrischer Verträglichkeitsprobleme nicht einnehmen können, kann Brivaracetam eine Alternative darstellen. Umgekehrt kann Brivaracetam auch bei Patienten wirksam sein, die auf Levetiracetam keine ausreichende Anfallskontrolle erreicht haben.

Kann Brivaracetam in der Schwangerschaft eingenommen werden?

Für Brivaracetam liegen keine ausreichenden Daten aus Studien mit schwangeren Frauen vor. Tierstudien zeigten Reproduktionstoxizität bei hohen Dosen. Da jedoch das Risiko unbehandelter Epilepsieanfälle in der Schwangerschaft ebenfalls erheblich ist, muss der Nutzen individuell gegen die möglichen Risiken abgewogen werden. Diese Entscheidung sollte ausschließlich in enger Abstimmung mit dem behandelnden Neurologen getroffen werden, idealerweise bereits vor einer geplanten Schwangerschaft.

Wie schnell wirkt Brivaracetam nach Einnahme?

Brivaracetam wird nach oraler Einnahme rasch resorbiert und erreicht die maximale Blutkonzentration nach etwa einer Stunde. Die Überquerung der Blut-Hirn-Schranke erfolgt schnell. Eine klinisch relevante Anfallsreduktion zeigt sich in klinischen Studien bereits in den ersten Wochen der Behandlung. Die vollständige Beurteilung der Wirksamkeit einer Antiepileptikum-Therapie erfordert in der Regel eine Beobachtungszeit von mehreren Monaten, da die Anfallshäufigkeit natürlichen Schwankungen unterliegen kann.