Bempedoinsäure ATP-Citrat-Lyase-Hemmer bei erhöhtem LDL-Cholesterin

Bempedoinsäure ist ein neuartiger lipidsenkender Wirkstoff, der 2020 in der EU unter dem Handelsnamen Nilemdo zugelassen wurde. Als erster Vertreter der ATP-Citrat-Lyase (ACL)-Hemmer greift er in die Cholesterinbiosynthese ein, ohne dabei die für Statine typischen Muskelprobleme zu verursachen. Dies macht Bempedoinsäure zu einer wichtigen Option für Patienten, die Statine nicht vertragen (sogenannte Statinintoleranz) oder bei denen Statine allein das LDL-Ziel nicht erreichen.

Der Zulassung lagen die CLEAR-Studien (CLEAR Harmony und CLEAR Wisdom) zugrunde, die eine LDL-senkende Wirkung von 15–25 % als Zusatztherapie zu maximal verträglichen Statinen zeigten. Die CLEAR Outcomes-Studie (2023) war die erste kardiovaskuläre Endpunktstudie mit Bempedoinsäure und zeigte eine signifikante Reduktion von MACE (Major Adverse Cardiovascular Events) bei Statinunverträglichen, was die Zulassung um eine kardiovaskuläre Risikoreduktionsindikation erweitert hat.

Wirkmechanismus

Bempedoinsäure ist ein Prodrug, das in der Leber durch das Enzym Very Long Chain Acyl-CoA Synthetase 1 (ACSVL1) in seine aktive Form Bempedoyl-CoA umgewandelt wird. Diese aktive Form hemmt selektiv die ATP-Citrat-Lyase (ACL), ein Schlüsselenzym der intrazellulären Cholesterinbiosynthese.

ACL ist in der Cholesterinbiosynthesekaskade oberhalb der HMG-CoA-Reduktase (dem Angriffspunkt der Statine) angesiedelt. ACL katalysiert die Spaltung von Zitrat zu Acetyl-CoA und Oxalacetat im Zytosol; Acetyl-CoA ist das Ausgangssubstrat für die Cholesterinsynthese und die Fettsäuresynthese. Durch Hemmung von ACL sinkt der intrazelluläre Acetyl-CoA-Spiegel, was die nachgelagerte HMG-CoA-Synthese und damit die Cholesterinproduktion reduziert.

Entscheidend ist die Gewebespezifität: Das aktivierende Enzym ACSVL1 wird nur in der Leber exprimiert, nicht im Skelettmuskel. Dadurch akkumuliert Bempedoyl-CoA nicht in Muskelzellen, was erklärt, warum Bempedoinsäure keine Myopathie oder Rhabdomyolyse verursacht. Die hepatische LDL-Rezeptor-Expression wird durch den Cholesterinentzug hochreguliert, was die verstärkte LDL-Aufnahme aus dem Blut bewirkt.

Anwendungsgebiete

  • Primäre Hypercholesterinämie oder gemischte Dyslipidämie als Zusatz zu diätischen Maßnahmen, in Kombination mit einem Statin oder anderen lipidsenkenden Therapien, wenn das LDL-Ziel nicht erreicht wird
  • Statinunverträglichkeit: Als Monotherapie oder in Kombination mit Ezetimib bei Patienten, die Statine nicht vertragen
  • Kardiovaskuläre Risikoreduktion bei Hochrisikopatienten mit manifester ASCVD oder multiplen Risikofaktoren (nach CLEAR Outcomes-Studie)
  • Erhältlich als Monopräparat (Nilemdo, 180 mg) und als Fixkombination mit Ezetimib 10 mg (Nustendi)

Dosierung und Einnahme

Standarddosis: 180 mg einmal täglich, oral, unabhängig von Mahlzeiten. Keine Titration erforderlich. Die Kombination mit Ezetimib als Fixkombination (Nustendi: 180 mg/10 mg) vereinfacht die Einnahme bei Patienten, die beide Substanzen benötigen.

Niereninsuffizienz: Bei leichter bis moderater Einschränkung (GFR 30–89 ml/min) keine Dosisanpassung. Bei schwerer Niereninsuffizienz (GFR <30 ml/min) liegen begrenzte Daten vor; Vorsicht geboten. Leberinsuffizienz: Bei schwerer Leberinsuffizienz kontraindiziert; bei milder bis moderater Einschränkung keine Dosisanpassung, aber engmaschige Leberwertkontrollen empfohlen. Ältere Patienten: Keine Dosisanpassung erforderlich; Studienpopulationen enthielten viele über 65-Jährige.

Nebenwirkungen

Häufig (1–10 %): Hyperurikämie und Gichtanfälle (Bempedoinsäure hemmt den renalen OAT2-Transporter, der Harnsäure ausscheidet; Häufigkeit ca. 3–4 % in Studien), Anämie, erhöhte Kreatinin- und Harnstoffwerte, Muskelkrämpfe (deutlich seltener als bei Statinen), Rückenschmerzen, Bauchschmerzen.

Gelegentlich (0,1–1 %): Erhöhte Lebertransaminasen (ALT/AST), Sehnenruptur (insbesondere Achillessehne; seltenes, aber ernst zu nehmendes Signal), Magen-Darm-Beschwerden, Hypertonie.

Wichtige Sicherheitshinweise: Bei Patienten mit vorbestehender Gicht oder Hyperurikämie ist Vorsicht geboten. Das Risiko für Sehnenrupturen war in den Studien erhöht (OR ca. 1,9–2,0 versus Placebo). Patienten sollten bei Sehnen- oder Gelenkschmerzen die Therapie pausieren und ärztlichen Rat einholen.

Wechselwirkungen

  • Simvastatin: Bempedoinsäure erhöht die Simvastatin-Plasmaspiegel um ca. 2-fach über Hemmung des OATP1B1-Transporters; Simvastatin-Dosis auf maximal 20 mg/Tag begrenzen
  • Pravastatin: Ähnlicher Effekt wie bei Simvastatin; Pravastatin-Dosis auf maximal 40 mg/Tag begrenzen
  • Ciclosporin: Erhöhte Bempedoinsäure-Exposition möglich; Kombination nicht empfohlen
  • Fibrate (insbesondere Gemfibrozil): Mögliche Verstärkung des Hyperurikämie-Effekts; Kombination mit Vorsicht
  • Harnsäuresenkende Mittel (Allopurinol, Febuxostat): Dosisanpassung bei vorbestehender Gouttherapie erforderlich, da Bempedoinsäure die Harnsäure erhöht

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: Kontraindiziert. Cholesterinsenkende Therapien sind in der Schwangerschaft grundsätzlich nicht indiziert; Cholesterin ist für die fetale Entwicklung essenziell. Frauen im gebärfähigen Alter müssen wirksam verhüten. Stillzeit: Tierexperimentelle Daten zeigen eine Beeinflussung der Leber- und Fettstoffwechselentwicklung; Stillen kontraindiziert.

Kontraindikationen: Schwangerschaft und Stillzeit; schwere Leberinsuffizienz; bekannte Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff.

Monitoring: Leberenzyme (ALT/AST) vor und 8–12 Wochen nach Therapiebeginn; danach bei klinischen Zeichen. Harnsäure und Nierenfunktion bei Risikopatienten. LDL-Cholesterin 4–6 Wochen nach Beginn zur Wirksamkeitsbeurteilung.

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Häufig gestellte Fragen

Ist Bempedoinsäure eine Alternative zu Statinen?

Bempedoinsäure ist kein vollwertiger Statin-Ersatz, da sie LDL nur um 15–25 % senkt (Statine um 30–60 %). Sie ist aber eine wertvolle Option für Patienten, die Statine wegen Muskelschmerzen nicht vertragen. In Kombination mit Ezetimib können LDL-Senkungen von 35–40 % erreicht werden, was für viele Patienten ausreicht.

Warum verursacht Bempedoinsäure keine Muskelschmerzen?

Der Wirkstoff wird nur in der Leber aktiviert, da das aktivierende Enzym ACSVL1 im Skelettmuskel nicht exprimiert wird. Dadurch reichert sich der aktive Metabolit nicht in Muskelzellen an, was erklärt, warum Myopathien und Rhabdomyolyse unter Bempedoinsäure deutlich seltener auftreten als unter Statinen.

Warum erhöht Bempedoinsäure die Harnsäure?

Bempedoinsäure hemmt den OAT2-Transporter in der Niere, der normalerweise Harnsäure in den Urin transportiert. Wird dieser Transporter gehemmt, steigt der Harnsäurespiegel im Blut. Bei Patienten mit vorbestehender Gicht oder Hyperurikämie kann es zu Gichtanfällen kommen; diese Patienten sollten engmaschig überwacht werden.

Wann ist Bempedoinsäure besser geeignet als PCSK9-Inhibitoren?

Bempedoinsäure ist eine orale Tablette und damit deutlich einfacher anzuwenden als PCSK9-Inhibitoren, die alle 2–4 Wochen subcutan injiziert werden müssen. Sie ist auch kostengünstiger. PCSK9-Inhibitoren senken LDL hingegen um 50–60 % und eignen sich besser bei sehr hohem LDL oder familiärer Hypercholesterinämie.

Quellen

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