Benserazid: Peripherer DOPA Decarboxylase Hemmer in Madopar (mit Levodopa)
Benserazid ist ein peripherer Hemmer der aromatischen L Aminosäure Decarboxylase (DOPA Decarboxylase). Es wird ausschließlich in fester Kombination mit Levodopa als Madopar (Roche) zur Behandlung der Parkinson Erkrankung eingesetzt, in den USA und einigen anderen Ländern wird stattdessen Carbidopa als Decarboxylase Hemmer mit Levodopa kombiniert (Sinemet, Stalevo).
Die Kombination Levodopa plus Benserazid wurde 1973 zugelassen und hat die Parkinson Therapie revolutioniert. Reines Levodopa wird im Körper bereits in der Peripherie zu Dopamin metabolisiert, was das Anflutungsprofil im Gehirn schwächt und periphere Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Hypotonie verstärkt. Durch die periphere Decarboxylase Hemmung gelangt mehr Levodopa unverändert über die Blut Hirn Schranke in das ZNS, wo es dann zu Dopamin umgewandelt werden kann. So sinkt die benötigte Dosis um etwa 75 Prozent und die Verträglichkeit verbessert sich erheblich.
Wirkmechanismus
Bei der Parkinson Erkrankung gehen dopaminerge Neurone in der Substantia nigra zugrunde, mit einem Mangel an Dopamin im Striatum. Da Dopamin selbst nicht die Blut Hirn Schranke passieren kann, wird die Vorstufe Levodopa eingesetzt, die im Gehirn durch die DOPA Decarboxylase zu Dopamin umgewandelt wird.
Das Problem ist, dass das Enzym DOPA Decarboxylase auch peripher in vielen Geweben (Darm, Leber, Niere, Blutgefäße) vorkommt. Ohne Hemmer werden etwa 95 Prozent der oralen Levodopa Dosis bereits in der Peripherie zu Dopamin umgewandelt, was nutzlose periphere Nebenwirkungen verursacht und die zerebral verfügbare Menge stark reduziert. Benserazid hemmt selektiv die periphere DOPA Decarboxylase, kann jedoch die Blut Hirn Schranke nicht überqueren und beeinflusst die zerebrale Decarboxylase Aktivität nicht.
Folge ist eine deutlich höhere zerebrale Verfügbarkeit von Levodopa und damit eine bessere antiparkinsone Wirkung bei deutlich geringerer Dosis. Pharmakokinetisch wird Benserazid selbst nur teilweise resorbiert und nahezu vollständig peripher metabolisiert, sodass die zerebrale Wirkung allein auf der Substanzlevodopa beruht.
Anwendungsgebiete
- Idiopathische Parkinson Erkrankung: in Kombination mit Levodopa als Standardtherapie ab mittelschwerer Symptomatik
- Symptomatischer Parkinsonismus: bei sekundären Parkinson Formen (postenzephalitisch, vaskulär, traumatisch)
- Restless Legs Syndrom: off label, kurzzeitige Therapie nur mit Vorsicht wegen Augmentationsrisiko
- Atypische Parkinson Syndrome: Multisystematrophie, progressive supranukleäre Parese mit oft begrenztem Ansprechen
Dosierung und Einnahme
Madopar Standardform: festes Verhältnis 4:1 Levodopa zu Benserazid. Übliche Anfangsdosis 50/12,5 mg dreimal täglich, schrittweise Steigerung um 50/12,5 mg alle 3 bis 7 Tage bis zur effektiven Dosis (üblich 200 bis 800 mg Levodopa pro Tag, in fortgeschrittener Erkrankung höher).
Madopar Retardform: verzögerte Freisetzung für Erhaltungsphase und nächtliche Symptome. Madopar dispers: Brausetabletten mit raschem Wirkungseintritt für On Off Phänomen oder morgendliche Akinese.
Einnahme: mindestens 30 Minuten vor oder 60 Minuten nach proteinreicher Mahlzeit, da Aminosäuren aus der Nahrung um die Resorption an der Blut Hirn Schranke konkurrieren und die Wirkung abschwächen können. Eine zu schnelle Aufdosierung kann Übelkeit, Erbrechen und orthostatische Hypotonie auslösen.
Bei Niereninsuffizienz und Leberinsuffizienz: vorsichtige Titration. Bei schwerer Leberinsuffizienz mit Vorsicht.
Nebenwirkungen
Sehr häufig (vor allem zu Beginn): Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, orthostatische Hypotonie, Schwindel, Kopfschmerzen, Schlafstörungen.
Häufig: Dyskinesien (unwillkürliche Bewegungen), motorische Fluktuationen mit On Off Phänomen, vor allem nach mehrjähriger Therapie; Schlafattacken (plötzliches Einschlafen vor allem beim Autofahren), psychische Symptome (Halluzinationen, Verwirrtheit, Depression, Angst), Impulskontrollstörungen (Spielsucht, Hypersexualität, Esssucht, zwanghaftes Einkaufen), rötliche Verfärbung von Urin und Schweiß.
Schwerwiegend, selten: malignes neuroleptisches ähnliches Syndrom bei abruptem Absetzen, hämolytische Anämie, Leukopenie, Hyperpigmentierung der Haut, Verschlechterung Engwinkelglaukom.
Wichtig: Patientinnen und Patienten und Angehörige sollten über Impulskontrollstörungen aufgeklärt werden, weil diese spät erkannt und schwerwiegende Folgen haben können (finanzieller Ruin, Beziehungsabbruch). Schlafattacken können das Autofahren gefährlich machen.
Wechselwirkungen
- MAO Hemmer (nicht selektive wie Tranylcypromin): hypertensive Krise, Kombination kontraindiziert
- Selektive MAO B Hemmer (Selegilin, Rasagilin): erlaubt und oft kombiniert
- Antipsychotika (klassische und einige atypische): Antagonismus über D2 Blockade, Wirkungsverlust und Verschlechterung der Parkinson Symptome
- Metoclopramid: antagonistische Wirkung an D2, kontraindiziert
- Eisen Präparate: reduzieren Levodopa Resorption durch Komplexbildung, zeitlich getrennt einnehmen
- Proteinreiche Mahlzeiten: reduzieren Levodopa Wirksamkeit
- Antihypertensiva: additive Hypotonie
Besondere Hinweise
Schwangerschaft und Stillzeit: Daten begrenzt, in der Schwangerschaft nur bei klarer Indikation. Bei jungen Patientinnen sollte eine Therapieplanung individuell erfolgen.
Therapieabbruch: langsam ausschleichen, nie abrupt absetzen, da malignes neuroleptisches ähnliches Syndrom mit Fieber, Muskelrigidität und Bewusstseinsstörung droht.
Verkehrstüchtigkeit: wegen Schlafattacken, Verwirrtheit und Hypotonie ist die Fahrtauglichkeit individuell zu prüfen. Bei Schlafattacken Fahrverbot bis zur Stabilisierung.
Augenuntersuchung: bei längerer Therapie regelmäßige ophthalmologische Kontrolle wegen seltener Engwinkelglaukom Verschlechterung.
Wearing Off und Dyskinesien: nach mehrjähriger Therapie verkürzt sich die Wirkdauer einzelner Dosen (Wearing Off) und Dyskinesien können auftreten. Strategien sind häufigere kleinere Dosen, Retardformulierungen, Kombination mit Dopamin Agonisten, MAO B oder COMT Hemmern.
Das könnte Sie auch interessieren
- Levodopa, der Hauptwirkstoff bei Parkinson
- Carbidopa, alternativer DOPA Decarboxylase Hemmer (Sinemet)
- Entacapon, COMT Hemmer in Stalevo
- Rasagilin, MAO B Hemmer
- Pramipexol, Dopamin Agonist
Häufig gestellte Fragen
Warum kann Benserazid nicht alleine eingenommen werden?
Benserazid hat keine eigene Wirkung gegen Parkinson Symptome. Es dient nur dazu, die periphere Umwandlung von Levodopa zu Dopamin zu hemmen, sodass mehr Levodopa das Gehirn erreicht. Ohne Levodopa hat Benserazid keinen Nutzen.
Warum muss ich Madopar nüchtern einnehmen?
Aminosäuren aus proteinhaltiger Nahrung konkurrieren mit Levodopa um den gleichen Aminosäure Transporter im Darm und an der Blut Hirn Schranke. Wenn Madopar mit oder kurz nach einer eiweißreichen Mahlzeit eingenommen wird, gelangt deutlich weniger Levodopa ins Gehirn und die Wirkung lässt nach. Daher mindestens 30 Minuten vor oder 60 Minuten nach proteinreichen Mahlzeiten einnehmen.
Was sind Impulskontrollstörungen unter Levodopa?
Etwa 5 bis 15 Prozent der Patientinnen und Patienten unter dopaminerger Therapie entwickeln Impulskontrollstörungen wie Spielsucht, Hypersexualität, zwanghaftes Einkaufen oder Essen. Das Risiko ist unter Dopamin Agonisten höher als unter Levodopa, kann aber auch unter Madopar auftreten. Patientinnen, Patienten und Angehörige sollten darauf achten und das Behandlungsteam informieren, damit die Therapie angepasst werden kann.
Was ist das On Off Phänomen?
Nach mehrjähriger Levodopa Therapie verkürzt sich die Wirkdauer einzelner Dosen, mit Wechsel zwischen guter Beweglichkeit (On) und Akinese (Off). Strategien sind häufigere kleinere Dosen, Retardformulierungen, Kombination mit COMT oder MAO B Hemmern, Dopamin Agonisten oder bei schweren Verläufen Apomorphin Pumpe oder Tiefe Hirnstimulation.
Quellen
- EMA Fachinformationen Madopar
- DGN Leitlinie Idiopathisches Parkinson Syndrom
- Gelbe Liste, Benserazid und Madopar Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss
Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Arzneimittel sollten stets nur nach ärztlicher Verordnung oder apothekenpflichtiger Abgabe eingenommen werden. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen; maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.