Carvedilol: Betablocker mit zusätzlicher gefäßerweiternder Wirkung
Carvedilol ist ein nichtselektiver Betablocker, der zusätzlich Alpha-1-Rezeptoren blockiert. Aus dieser Kombination ergibt sich ein Wirkprofil, das sich von klassischen Betablockern unterscheidet: Neben der Dämpfung der Herzarbeit kommt eine direkte Gefäßerweiterung hinzu.
Der Wirkstoff gehört zu den wenigen Betablockern, für die bei chronischer Herzinsuffizienz eine Senkung der Sterblichkeit belegt ist. Neben Bisoprolol, Metoprololsuccinat und Nebivolol bei älteren Patienten ist er in dieser Indikation eine der Standardsubstanzen. Im Handel ist er unter Namen wie Dilatrend und als zahlreiche Generika.
Wirkmechanismus
Carvedilol blockiert Beta-1- und Beta-2-Adrenozeptoren ohne Selektivität. Die Blockade der Beta-1-Rezeptoren am Herzen senkt Herzfrequenz, Kontraktionskraft und Sauerstoffverbrauch. Damit wird das bei Herzschwäche chronisch überaktivierte sympathische Nervensystem gedämpft, das langfristig zum weiteren Umbau und zur Verschlechterung der Herzfunktion beiträgt.
Zusätzlich blockiert der Wirkstoff Alpha-1-Rezeptoren an den Blutgefäßen. Diese Blockade erweitert die Arterien und senkt den peripheren Widerstand. Für das geschwächte Herz bedeutet das eine geringere Auswurfbelastung, was den bei klassischen Betablockern anfangs ungünstigen Effekt auf die Pumpleistung abmildert.
Carvedilol besitzt keine intrinsische sympathomimetische Aktivität und wirkt zusätzlich antioxidativ. Im Vergleich zu älteren Betablockern beeinflusst es Blutzucker und Blutfette weniger ungünstig, was bei Patienten mit Diabetes von Bedeutung sein kann.
Der Abbau erfolgt in der Leber überwiegend über CYP2D6 und CYP2C9. Die Substanz unterliegt einem ausgeprägten First-Pass-Effekt, die Bioverfügbarkeit liegt bei etwa 25 Prozent.
Anwendungsgebiete
Zugelassen ist Carvedilol bei:
- chronischer stabiler Herzinsuffizienz, zusätzlich zur Standardtherapie
- essenzieller Hypertonie
- chronisch stabiler Angina pectoris
Bei chronischer Herzinsuffizienz mit verminderter Auswurfleistung ist ein Betablocker fester Bestandteil der Basistherapie. Voraussetzung ist ein stabiler Zustand ohne akute Flüssigkeitseinlagerung. Bei dekompensierter Herzinsuffizienz wird nicht neu eingestellt.
Bei Bluthochdruck zählt Carvedilol nicht zu den Substanzen der ersten Wahl. Betablocker kommen dort vor allem infrage, wenn zusätzliche Gründe vorliegen, etwa eine koronare Herzkrankheit, ein durchgemachter Herzinfarkt, Herzinsuffizienz oder eine Frequenzkontrolle bei Vorhofflimmern.
Dosierung und Einnahme
Bei Herzinsuffizienz folgt die Dosierung einem einschleichenden Schema. Ein zu schneller Aufbau kann die Pumpleistung vorübergehend verschlechtern und eine Dekompensation auslösen.
Übliches Schema bei Herzinsuffizienz:
- Beginn mit 3,125 mg zweimal täglich über zwei Wochen
- Verdopplung auf 6,25 mg zweimal täglich, dann 12,5 mg, dann 25 mg zweimal täglich
- Steigerungsintervall mindestens zwei Wochen
- Zieldosis 25 mg zweimal täglich, bei einem Körpergewicht über 85 kg bis 50 mg zweimal täglich
Bei Bluthochdruck und Angina pectoris:
- Beginn mit 12,5 mg täglich über zwei Tage, dann 25 mg täglich
- bei Bedarf Steigerung in Abständen von mindestens zwei Wochen
- Tageshöchstdosis 50 mg
Bei Herzinsuffizienz sollte Carvedilol zu den Mahlzeiten eingenommen werden. Die Nahrung verlangsamt die Aufnahme und mindert dadurch den Blutdruckabfall beim Aufstehen.
Vor jeder Dosissteigerung werden Gewicht, Blutdruck, Puls und Anzeichen einer Verschlechterung überprüft. Eine vorübergehende Verschlechterung in der Aufdosierungsphase ist nicht ungewöhnlich und wird zunächst durch Anpassung der begleitenden Entwässerungstherapie aufgefangen, nicht durch sofortiges Absetzen.
Carvedilol darf nicht abrupt abgesetzt werden. Ein plötzliches Beenden kann bei koronarer Herzkrankheit Angina-pectoris-Anfälle oder einen Herzinfarkt auslösen. Das Ausschleichen erfolgt über ein bis zwei Wochen.
Nebenwirkungen
Sehr häufig bis häufig:
- Schwindel, Kopfschmerzen und Müdigkeit, besonders zu Behandlungsbeginn
- Blutdruckabfall, auch beim Aufstehen
- verlangsamter Puls
- Wassereinlagerungen und Gewichtszunahme
- Sehstörungen und verminderte Tränenproduktion
Weitere Nebenwirkungen:
- Verschlechterung einer Herzinsuffizienz in der Aufdosierungsphase
- Atemwegsverengung bei entsprechend veranlagten Patienten
- kalte Hände und Füße, Verschlechterung von Durchblutungsstörungen
- Magen-Darm-Beschwerden
- Erektionsstörungen
Die Müdigkeit und der Schwindel sind in den ersten Wochen am ausgeprägtesten und lassen im Verlauf meist nach. Diese Phase ist der häufigste Grund für einen vorzeitigen Abbruch, obwohl der langfristige Nutzen gerade bei Herzinsuffizienz erheblich ist.
Bei Diabetikern können Betablocker die Warnzeichen einer Unterzuckerung wie Herzklopfen und Zittern abschwächen. Schwitzen bleibt als Warnsignal erhalten. Carvedilol beeinflusst den Zuckerstoffwechsel weniger ungünstig als ältere Betablocker.
Die verminderte Tränenproduktion ist besonders für Kontaktlinsenträger relevant.
Wechselwirkungen
Klinisch bedeutsame Kombinationen:
- Calciumkanalblocker vom Verapamil- oder Diltiazemtyp können zusammen mit Carvedilol zu ausgeprägter Bradykardie und Erregungsleitungsstörungen führen
- Antiarrhythmika verstärken die Wirkung auf Frequenz und Erregungsleitung
- CYP2D6-Hemmer wie Fluoxetin oder Paroxetin erhöhen den Carvedilolspiegel
- Rifampicin senkt den Spiegel deutlich
- Insulin und orale Antidiabetika wirken verstärkt, Warnzeichen der Unterzuckerung werden verschleiert
- Ciclosporin und Digoxin erreichen unter Carvedilol höhere Spiegel
- nichtsteroidale Antirheumatika schwächen die blutdrucksenkende Wirkung ab
Die Kombination mit Verapamil oder Diltiazem in intravenöser Form ist kontraindiziert. Bei oraler Kombination ist eine engmaschige Überwachung von Puls und Blutdruck erforderlich.
Besondere Hinweise
Carvedilol darf nicht angewendet werden bei:
- dekompensierter Herzinsuffizienz mit Flüssigkeitseinlagerung
- AV-Block zweiten und dritten Grades ohne Schrittmacher
- Sick-Sinus-Syndrom und ausgeprägter Bradykardie
- Asthma bronchiale und bronchospastischen Erkrankungen
- schwerer Leberfunktionsstörung
- kardiogenem Schock und schwerer Hypotonie
Wegen der nichtselektiven Betablockade ist Carvedilol bei Asthma kontraindiziert. Bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung ohne ausgeprägte bronchospastische Komponente kann ein Betablocker unter Abwägung eingesetzt werden, dann jedoch bevorzugt ein Beta-1-selektiver Vertreter.
Bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit und beim Raynaud-Syndrom können sich die Beschwerden verstärken.
Vor einer Operation sollte der Anästhesist über die Einnahme informiert werden. Ein Absetzen vor dem Eingriff ist in der Regel nicht sinnvoll.
Bei Phäochromozytom darf ein Betablocker nur nach vorheriger Alphablockade gegeben werden.
Zu Behandlungsbeginn und nach Dosissteigerungen kann das Reaktionsvermögen durch Schwindel beeinträchtigt sein.
Häufig gestellte Fragen
Was unterscheidet Carvedilol von anderen Betablockern?
Carvedilol blockiert zusätzlich Alpha-1-Rezeptoren an den Blutgefäßen und erweitert dadurch die Arterien. Das senkt den Widerstand, gegen den das Herz auswerfen muss, und mildert den bei klassischen Betablockern anfangs ungünstigen Effekt auf die Pumpleistung. Zudem beeinflusst es Blutzucker und Blutfette weniger ungünstig.
Warum wird Carvedilol bei Herzschwäche so langsam aufdosiert?
Ein Betablocker dämpft zunächst die Pumpleistung, bevor der langfristige Nutzen eintritt. Ein zu schneller Aufbau kann deshalb eine Verschlechterung bis zur Dekompensation auslösen. Die Dosis wird daher alle zwei Wochen verdoppelt, beginnend mit 3,125 Milligramm zweimal täglich.
Warum soll man Carvedilol zum Essen einnehmen?
Nahrung verlangsamt die Aufnahme in den Blutkreislauf. Dadurch entstehen keine hohen Spitzenkonzentrationen, was den Blutdruckabfall beim Aufstehen und den damit verbundenen Schwindel verringert. Bei Herzinsuffizienz wird die Einnahme zu den Mahlzeiten deshalb ausdrücklich empfohlen.
Darf man Carvedilol bei Asthma nehmen?
Nein. Carvedilol blockiert auch Beta-2-Rezeptoren in den Bronchien und kann dadurch eine Atemwegsverengung auslösen. Bei Asthma ist der Wirkstoff kontraindiziert. Ist ein Betablocker medizinisch notwendig, kommt ein Beta-1-selektiver Vertreter unter Abwägung infrage.
Kann man Carvedilol einfach absetzen?
Nein. Ein abruptes Absetzen kann bei koronarer Herzkrankheit Angina-pectoris-Anfälle, Herzrhythmusstörungen oder einen Herzinfarkt auslösen. Das Ausschleichen erfolgt über ein bis zwei Wochen in ärztlicher Absprache.
Quellen
- Fachinformation Dilatrend 25 mg Tabletten, Roche Pharma AG.
- Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische Herzinsuffizienz
- Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie
- Gelbe Liste Pharmindex: Wirkstoffprofil Carvedilol
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