Cefpodoxim
Orales Cephalosporin der dritten Generation bei Atemwegs und Harnwegsinfekten
Cefpodoxim ist ein orales Cephalosporin der dritten Generation, das als Prodrug Cefpodoxim Proxetil formuliert wird. Nach Resorption im Dünndarm spaltet die intestinale und plasmatische Esterase den Proxetilester ab und setzt den aktiven Wirkstoff frei. Cefpodoxim ist in Deutschland unter Handelsnamen wie Orelox und Podomexef sowie als zahlreiche Generika verfügbar. Es gehört zu den bevorzugten oralen Cephalosporinen für die ambulante Therapie, weil es ein breites gramnegatives Spektrum mit guter Stabilität gegenüber vielen β Laktamasen kombiniert.
Das Anwendungsspektrum umfasst Atemwegs und Harnwegsinfekte sowie unkomplizierte Haut und Weichteilinfektionen. Im Vergleich zu Cefuroxim, dem klassischen Cephalosporin der zweiten Generation, ist das gramnegative Spektrum erweitert, die Wirkung auf grampositive Erreger (Staphylokokken) etwas schwächer. Die aktuellen S3 Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und der Paul Ehrlich Gesellschaft sehen Cefpodoxim als Reserve Option, damit die Wirksamkeit oraler Cephalosporine für Patienten mit Penicillin Unverträglichkeit oder multiresistenten Erregern erhalten bleibt.
Wirkmechanismus
Wie alle β Laktam Antibiotika hemmt Cefpodoxim die Zellwandsynthese gramnegativer und grampositiver Bakterien. Das Molekül bindet an Penicillin Binde Proteine (PBPs), Transpeptidasen in der bakteriellen Zellwand. Durch diese Bindung wird die Quervernetzung der Peptidoglykanketten unterbrochen. Die Zellwand verliert ihre Stabilität, osmotische Druckschwankungen führen zur Lyse der Bakterien.
Cefpodoxim ist stabil gegenüber einer Reihe von β Laktamasen, die klassische Penicilline und einige Cephalosporine der zweiten Generation inaktivieren. Gegen Extended Spectrum β Lactamases (ESBL) und AmpC β Laktamasen ist die Substanz jedoch nicht ausreichend wirksam. Bei Verdacht auf ESBL Erreger, häufig bei rezidivierenden Harnwegsinfekten nach Krankenhausaufenthalten, ist eine gezielte mikrobiologische Resistenztestung nötig.
Das Spektrum umfasst Streptococcus pneumoniae, Streptococcus pyogenes, Moraxella catarrhalis, Haemophilus influenzae, Escherichia coli, Klebsiella pneumoniae, Proteus mirabilis und Neisseria gonorrhoeae. Enterokokken, Pseudomonas aeruginosa, MRSA und Anaerobier wie Bacteroides fragilis sind von Natur aus resistent.
Anwendungsgebiete
- Akute unkomplizierte Sinusitis bei Therapieversagen auf Amoxicillin oder bei Penicillin Unverträglichkeit
- Akute Otitis media bei Kindern und Erwachsenen, meist als Zweitlinie
- Akute Exazerbation einer chronischen Bronchitis bei bakterieller Genese
- Community acquired Pneumonie in leichter Ausprägung, nicht als Erstlinie in der aktuellen S3 Leitlinie
- Akute Pyelonephritis und komplizierte Harnwegsinfekte bei Erwachsenen, auch bei Schwangeren unter strenger Indikation
- Tonsillitis und Pharyngitis bei Streptokokken A mit Penicillin Unverträglichkeit
- Haut und Weichteilinfektionen durch empfindliche Streptokokken und Staphylokokken
- Unkomplizierte Gonorrhö bei Alternativen, heute aufgrund Resistenzlage zurückhaltend verwendet
Dosierung und Einnahme
Erwachsene: üblicherweise 200 mg zweimal täglich, bei Pyelonephritis 400 mg zweimal täglich. Kinder ab 15 kg Körpergewicht: 4 bis 5 mg pro kg zweimal täglich, entsprechend Altersgruppen Fertigsuspensionen. Die Therapiedauer liegt typischerweise bei 5 bis 10 Tagen, bei Pyelonephritis 10 bis 14 Tage.
Die Resorption ist stark von der gleichzeitigen Nahrungsaufnahme abhängig. Einnahme zu oder unmittelbar nach einer Mahlzeit erhöht die Bioverfügbarkeit deutlich und gehört zur Standardempfehlung. Die Tabletten sollten mit ausreichend Flüssigkeit geschluckt werden.
Niereninsuffizienz: Dosisanpassung ab einer Kreatinin Clearance unter 40 ml/min. Typischerweise wird das Dosisintervall verlängert (200 mg einmal täglich oder einmal alle 48 Stunden). Bei Hämodialyse Applikation nach der Dialyse. Leberinsuffizienz: keine formale Anpassung erforderlich, Cefpodoxim wird überwiegend renal eliminiert.
Nebenwirkungen
Häufig (1 bis 10 Prozent): Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Hautausschlag, vaginale Candidose, Erhöhung der Leberenzyme.
Gelegentlich (0,1 bis 1 Prozent): allergische Reaktionen (Urtikaria, Pruritus), pseudomembranöse Kolitis durch Clostridioides difficile, Superinfektionen mit nicht empfindlichen Erregern, interstitielle Nephritis, Blutbildveränderungen (Eosinophilie, Thrombozytose).
Selten: Anaphylaxie, Stevens Johnson Syndrom, toxische epidermale Nekrolyse, hämolytische Anämie, akutes Nierenversagen, Krampfanfälle vor allem bei Niereninsuffizienz und hohen Dosen.
Wichtig: Bei blutig schleimigem Durchfall während oder bis zu zwei Monate nach Therapieende muss an eine Clostridioides difficile assoziierte Kolitis gedacht werden. Antibiotikatherapie sofort beenden und diagnostizieren.
Wechselwirkungen
- Protonenpumpenhemmer, H2 Rezeptor Antagonisten, Antazida: reduzieren die Resorption, Abstand von mindestens zwei Stunden halten
- Orale Antikoagulantien (Warfarin, Phenprocoumon): verstärkter antikoagulatorischer Effekt möglich, INR engmaschig kontrollieren
- Probenecid: hemmt die renale Ausscheidung, Plasmaspiegel Cefpodoxim steigen
- Orale Kontrazeptiva: theoretische Wirkabschwächung durch Beeinflussung der Darmflora, klinisch meist nicht relevant, zusätzliche Barrieremethode in Hochrisikosituationen erwägen
- Aminoglykoside, Schleifendiuretika: additives Nephrotoxizitätsrisiko bei gleichzeitiger Gabe
Besondere Hinweise
Penicillinallergie: Bei Patienten mit schwerer Penicillin Sofortreaktion besteht eine Kreuzreaktivität in etwa 1 bis 10 Prozent der Fälle mit Cephalosporinen. Eine detaillierte Allergieanamnese ist obligat. Bei Verdacht auf Typ I Reaktion ist eine allergologische Abklärung vor Einsatz sinnvoll.
Schwangerschaft: Cefpodoxim ist nicht teratogen. Bei strenger Indikation (Pyelonephritis in der Schwangerschaft) ist die Anwendung möglich, die europäischen Leitlinien listen Cephalosporine als vertretbare Option. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch ist gering, Stillen unter Therapie möglich, beim Säugling kann es zu Durchfall oder Candidose kommen.
Antibiotic Stewardship: Cefpodoxim ist kein Reservemittel der allerhöchsten Kategorie, sollte aber nicht leichtfertig als Erstlinie bei unkomplizierten Infekten verschrieben werden. Die Erstlinienempfehlung ist weiterhin Amoxicillin, bei Harnwegsinfekten Nitrofurantoin oder Fosfomycin Trometamol.
Monitoring: bei längerer Therapie Leber und Nierenretentionswerte, Blutbild, bei Risikopatienten auch Gerinnung kontrollieren. Patienten sollten über Anzeichen einer Clostridioides difficile Infektion und über Therapietreue (vollständige Kur) aufgeklärt werden.
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Häufig gestellte Fragen
Warum muss ich Cefpodoxim mit dem Essen einnehmen?
Cefpodoxim ist ein Prodrug mit schlechter Löslichkeit in reiner Magensäure. Nahrung erhöht die Resorption um etwa 50 Prozent. Nüchtern eingenommen erreicht der Wirkstoff möglicherweise keine ausreichende Gewebekonzentration, was die Behandlung scheitern lässt. Am besten zu einer Hauptmahlzeit einnehmen.
Kann Cefpodoxim die Pille entwerten?
Die theoretische Wechselwirkung besteht in der Beeinflussung der Darmflora und der Resorption von Östrogenen. Moderne klinische Daten zeigen aber keinen klinisch relevanten Wirkverlust hormoneller Kontrazeptiva unter den meisten Antibiotika außer Rifampicin. Bei Durchfall oder Erbrechen während der Antibiose kann die Pillenwirkung jedoch abnehmen, dann ist eine zusätzliche Barrieremethode sinnvoll.
Darf ich Cefpodoxim bei Penicillinallergie nehmen?
Bei einer leichten Exanthemreaktion in der Vergangenheit ist die Anwendung in der Regel möglich. Bei dokumentierter Anaphylaxie oder schwerer Sofortreaktion auf Penicillin ist Cefpodoxim kontraindiziert, weil eine Kreuzreaktion nicht ausgeschlossen werden kann. Im Zweifel sollte vor Therapiebeginn eine allergologische Abklärung erfolgen.
Wann muss ich einen Arzt aufsuchen?
Bei blutigem oder schleimigem Durchfall, starkem Hautausschlag, Atemnot, Gesichtsschwellungen oder hohem Fieber während der Therapie sofort ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Das gilt auch, wenn die ursprünglichen Beschwerden sich nach drei Tagen nicht bessern. Dann muss die Diagnose oder die Therapie überprüft werden.
Quellen
- EMA, Europäische Arzneimittel-Agentur
- AWMF, S3 Leitlinien zu Atemwegs und Harnwegsinfekten
- Paul Ehrlich Gesellschaft für Chemotherapie
- Gelbe Liste, Cefpodoxim Wirkstoffprofil
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