Cefaclor: Orales Cephalosporin der 2. Generation bei bakteriellen Infektionen
Cefaclor ist ein orales Cephalosporin-Antibiotikum der zweiten Generation und zeichnet sich durch ein breites Wirkspektrum aus, das grampositive und wichtige gramnegative Erreger umfasst. Es wurde 1979 von der FDA zugelassen und gehört zu den meistverordneten oralen Antibiotika bei Atemwegsinfektionen, HNO-Infektionen und Harnwegsinfekten. In Deutschland ist Cefaclor unter dem Handelsnamen Panoral sowie als zahlreiche Generika erhältlich. Es ist oral bioverfügbar und erreicht zuverlässige Gewebespiegel in Atemwegen, Mittelohr und Harnwegen.
Cephalosporine der zweiten Generation haben gegenüber den Erstgenerations-Cephalosporinen eine verbesserte Aktivität gegen gramnegative Erreger wie Haemophilus influenzae, Moraxella catarrhalis und Enterobacteriaceae, während die Aktivität gegen grampositive Erreger wie Streptococcus pyogenes und Streptococcus pneumoniae erhalten bleibt. Dies macht Cefaclor besonders geeignet für Infektionen der oberen und unteren Atemwege, bei denen häufig ein Spektrum aus gram-positiven und gram-negativen Erregern vorliegt.
Wirkmechanismus
Cefaclor wirkt als Beta-Lactam-Antibiotikum durch Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese. Es bindet kovalent an Penicillin-bindende Proteine (PBPs), die als Transpeptidasen die Quervernetzung der Peptidoglykanstränge in der bakteriellen Zellwand katalysieren. Durch die Blockade dieser Enzyme wird die Zellwandsynthese unterbrochen, was zu einer strukturell instabilen Zellwand führt. Die daraus resultierende osmotische Instabilität bewirkt eine Lyse der Bakterienzelle.
Cefaclor ist Penicillinase-labil, d. h. es wird von bestimmten bakteriellen Beta-Laktamasen (insbesondere Staphylokokken-Penicillinase) gespalten und inaktiviert. Im Vergleich zu Cephalosporinen der dritten Generation ist Cefaclor anfälliger für Beta-Laktamase-produzierende Stämme. Es hat keine Aktivität gegen Extended-Spectrum-Beta-Laktamase (ESBL)-produzierende Enterobacteriaceae oder methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA).
Das Wirkspektrum von Cefaclor umfasst grampositive Erreger (Streptococcus pyogenes, Streptococcus pneumoniae, Staphylococcus aureus methicillin-sensibel) und gramnegative Erreger (Haemophilus influenzae, Moraxella catarrhalis, E. coli, Klebsiella pneumoniae, Proteus mirabilis). Atypische Erreger (Mycoplasma, Chlamydien, Legionellen) sowie Enterococcen und Pseudomonas aeruginosa sind intrinsisch resistent.
Anwendungsgebiete
- Tonsillitis und Pharyngitis: durch Streptococcus pyogenes (Gruppe A), wenn Penicillin nicht eingesetzt werden kann
- Otitis media acuta (Mittelohrentzündung): durch H. influenzae, Moraxella catarrhalis, Pneumokokken
- Akute Sinusitis: bakterielle Superinfektion mit H. influenzae oder Pneumokokken
- Akute exazerbierte chronische Bronchitis (AECB): durch H. influenzae und Moraxella catarrhalis
- Community-acquired Pneumonie (CAP), leicht: ambulant erworbene Pneumonie ohne Hospitalisierungsindikation
- Harnwegsinfektionen (unkompliziert): Zystitis durch E. coli, Klebsiella, Proteus mirabilis
- Haut- und Weichteilinfektionen: durch Staphylokokken und Streptokokken (nicht MRSA)
Dosierung und Einnahme
Die Standarddosis für Erwachsene beträgt 250 mg dreimal täglich bei unkomplizierten Infektionen wie Tonsillitis, Harnwegsinfektionen und Sinusitis. Bei schwereren Infektionen (Pneumonie, Otitis media) wird eine Dosis von 500 mg dreimal täglich empfohlen. Die maximale Tagesdosis beträgt 4 g, die in der Regel nur in sehr schweren Fällen ausgeschöpft wird. Die Behandlungsdauer beträgt typischerweise 7 bis 10 Tage; bei Streptokokken-Tonsillitis sollten mindestens 10 Tage therapiert werden, um ein Rezidiv und rheumatisches Fieber zu vermeiden.
Für Kinder orientiert sich die Dosierung am Körpergewicht: 20 bis 40 mg/kg/d in 3 Einzeldosen, maximal 1 g/d. Kinder über 40 kg erhalten die Erwachsenendosis. Bei schweren Infektionen (Otitis media, Sinusitis) ist die höhere Dosierung von 40 mg/kg/d zu bevorzugen. Cefaclor-Retardtabletten können zweimal täglich eingenommen werden und verbessern die Adhärenz; sie sollten mit einer Mahlzeit eingenommen werden, da Nahrung die Resorption verbessert. Die konventionellen Kapseln können unabhängig von Mahlzeiten eingenommen werden.
Bei Niereninsuffizienz ist eine moderate Dosisanpassung erforderlich: Bei GFR 10 bis 50 ml/min kann die Standarddosis in der Regel beibehalten werden; bei GFR unter 10 ml/min sollten Dosis oder Intervall angepasst werden. Cefaclor wird teilweise durch Hämodialyse eliminiert; eine Supplementdosis nach Dialyse kann notwendig sein.
Nebenwirkungen
Häufige Nebenwirkungen (1 bis 10 %): Gastrointestinale Beschwerden wie Durchfall, Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Cefaclor verursacht etwas häufiger gastrointestinale Nebenwirkungen als andere orale Cephalosporine, was auf seine chemische Struktur zurückgeführt wird. Insbesondere bei Kindern wurden reversible serumkrankheitsartige Reaktionen berichtet (Fieber, Exanthem, Arthralgie), die innerhalb einiger Tage nach Absetzen abklingen.
Gelegentliche Nebenwirkungen (0,1 bis 1 %): Urtikaria, Hautausschlag, Pruritus, eosinophile Pneumonitis und erhöhte Leberenzyme (ALT, AST). Selten wurden anaphylaktische Reaktionen, Lyell-Syndrom (toxisch epidermale Nekrolyse), Stevens-Johnson-Syndrom und Agranulozytose beschrieben.
Kreuzallergie mit Penicillinen: Bei Patienten mit Penicillinallergie besteht eine Kreuzallergiewahrscheinlichkeit von etwa 1 bis 2 % für Cephalosporine. Die früher angenommene Häufigkeit von 10 % wurde durch neuere immunologische Daten revidiert. Trotzdem sollte bei bekannter schwerer Penicillinallergie (Anaphylaxie, schwere Urtikaria) eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen und eine Alternative erwogen werden.
Wechselwirkungen
Probenecid hemmt die renale tubuläre Sekretion von Cefaclor und erhöht dadurch dessen Plasmaspiegel und Halbwertszeit. Diese Interaktion kann therapeutisch genutzt werden, um Cefaclor-Spiegel zu erhöhen, ist jedoch klinisch in der Praxis selten von Relevanz.
Antazida (Aluminiumhydroxid, Magnesiumhydroxid) können die Resorption von Cefaclor geringfügig reduzieren. Die Einnahme sollte mit einem zeitlichen Abstand von 1 bis 2 Stunden erfolgen. H2-Blocker und Protonenpumpenhemmer haben keinen klinisch relevanten Einfluss auf die Cefaclor-Resorption.
Antikoagulanzien (Warfarin, Phenprocoumon): Wie andere Antibiotika kann Cefaclor durch Veränderung der Darmflora die Vitamin-K-Produktion reduzieren und die Wirkung von Antikoagulanzien potenzieren. Patienten unter oraler Antikoagulation sollten unter Cefaclor-Therapie engmaschig auf INR kontrolliert werden. Oralkontrazeptiva: theoretische Interaktion durch Veränderung der Darmflora möglich, klinische Relevanz bei modernen niedrigdosierten Pillen jedoch gering.
Besondere Hinweise
Kreuzallergie Penicillin: Vor Verordnung von Cefaclor muss die Allergievorgeschichte des Patienten erhoben werden. Bei schwerer Penicillinallergie (Anaphylaxie, Stevens-Johnson-Syndrom, Lyell-Syndrom) ist Cefaclor kontraindiziert. Bei leichter Penicillinallergie (unkomplizierter Exanthem) kann Cefaclor unter Beobachtung eingesetzt werden. Das Kreuzreaktivitätsprofil basiert auf der Seitenkette an Position 7 des Beta-Lactam-Rings; Cefaclor hat eine andere Seitenkette als Ampicillin/Amoxicillin und ist damit weniger kreuzreaktiv als früher angenommen.
Resistenzlage: Die lokale Resistenzsituation sollte bei der Antibiotikaauswahl berücksichtigt werden. In Deutschland zeigen H. influenzae und Moraxella catarrhalis zunehmend Beta-Laktamase-Produktion (ca. 15 bis 30 % der H.-influenzae-Stämme), was die Wirksamkeit von Cefaclor einschränken kann. In diesen Fällen sind Beta-Laktam/Beta-Laktamaseinhibitor-Kombinationen (Amoxicillin/Clavulansäure) oder Cephalosporine der dritten Generation vorzuziehen.
Schwangerschaft und Stillzeit: Cefaclor gilt als sicher in der Schwangerschaft (keine Teratogenität in Tierstudien, FDA-Kategorie B). Es geht in geringen Mengen in die Muttermilch über; eine vorübergehende Unterbrechung des Stillens ist nach aktuellen Leitlinien nicht erforderlich. Das gestillte Kind sollte auf gastrointestinale Reaktionen beobachtet werden.
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Häufig gestellte Fragen
Kann ich Cefaclor bei Penicillinallergie einnehmen?
Bei leichter Penicillinallergie (z. B. einfachem Hautausschlag) kann Cefaclor in der Regel eingesetzt werden. Bei schwerer Penicillinallergie (Anaphylaxie) ist es kontraindiziert. Die Kreuzallergierate liegt bei 1 bis 2 %, deutlich niedriger als früher angenommen. Eine genaue Allergieanamne und ärztliche Einschätzung ist zwingend notwendig.
Wie lange muss ich Cefaclor einnehmen?
Die Behandlungsdauer beträgt in der Regel 7 bis 10 Tage. Bei Streptokokken-Tonsillitis sind mindestens 10 Tage notwendig, um Rezidive und rheumatisches Fieber zu verhindern. Das Antibiotikum sollte immer vollständig eingenommen werden, auch wenn die Symptome früher abklingen.
Darf ich Cefaclor in der Schwangerschaft nehmen?
Cefaclor gilt als relativ sicher in der Schwangerschaft (FDA-Kategorie B) und zeigt keine teratogenen Effekte in Tierstudien. Bei klinischer Notwendigkeit kann es eingesetzt werden. Ärztliche Verordnung und Überwachung sind selbstverständlich erforderlich.
Wirkt Cefaclor auch gegen Pneumokokken?
Ja, Cefaclor ist gegen Streptococcus pneumoniae (Pneumokokken) aktiv. Es eignet sich für leichte, ambulant erworbene Pneumonien. Bei schwereren Pneumonien, Verdacht auf atypische Erreger (Mycoplasma, Chlamydien) oder multiresistente Pneumokokken sind andere Antibiotika (Fluorchinolon, Makrolid) vorzuziehen.
Quellen
- Fachinformation Panoral® 500 mg Hartkapseln, Almirall, aktueller Stand
- Macy E, Romano A, Khan D. "Practical Management of Antibiotic Hypersensitivity." J Allergy Clin Immunol Pract. 2017;5(3):577–586
- S3-Leitlinie Behandlung von erwachsenen Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie, AWMF, 2021
- Weinstein MP et al. Performance Standards for Antimicrobial Susceptibility Testing, CLSI M100. 2023
- European Committee on Antimicrobial Susceptibility Testing (EUCAST): Clinical Breakpoints, aktueller Stand
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