Clonidin: Zentraler Alpha 2 Agonist bei Hypertonie, Entzug und Sedierung
Clonidin ist ein zentral wirkender α2 Adrenozeptor Agonist und bindet zusätzlich an Imidazolinrezeptoren (I1). Boehringer Ingelheim entwickelte die Substanz ursprünglich als nasal abschwellendes Mittel, erst danach erkannte man die blutdrucksenkende Wirkung. Als Handelsnamen gelten Catapresan und Paracefan, in Deutschland sind mehrere Generika erhältlich. Seit den 1960er Jahren ist Clonidin in klinischem Gebrauch und zählt damit zu den ältesten noch verwendeten Antihypertensiva.
Die heutige Rolle von Clonidin reicht weit über die Hypertonie hinaus. In der Intensivmedizin nutzt man es zur Sedierung sowie zur Therapie des Alkohol und Opioidentzugs. Die Neurologie setzt es bei ADHS, Tic Störungen und Tourette Syndrom ein, die Anästhesie zur Prämedikation und zur Reduktion des Opioidbedarfs, die Pädiatrie mittlerweile auch off label bei Schlafstörungen hyperaktiver Kinder. So vielseitig die Substanz ist, harmlos ist sie keineswegs: Kreislauf und Rebound Phänomene erfordern Aufmerksamkeit.
Wirkmechanismus
Clonidin bindet als Agonist an präsynaptische α2 Adrenozeptoren in den noradrenergen Kerngebieten des Hirnstamms, insbesondere im Locus coeruleus und in der rostralen ventrolateralen Medulla. Die Aktivierung dieser Autorezeptoren hemmt die zentrale sympathische Ausschüttung. Der periphere Sympathikotonus sinkt, Herzfrequenz und peripherer Gefäßwiderstand nehmen ab, der arterielle Blutdruck fällt.
Zusätzlich aktiviert Clonidin Imidazolin Rezeptoren vom Typ I1 im Bereich der ventrolateralen Medulla oblongata. Diese Rezeptoren vermitteln einen vergleichbaren sympatholytischen Effekt, jedoch mit weniger Sedierung. Neuere Antihypertensiva wie Moxonidin nutzen bevorzugt diesen Weg.
Im Dorsalhorn des Rückenmarks hemmt Clonidin die Weiterleitung nozizeptiver Signale. In Kombination mit Opioiden entsteht ein additiver analgetischer Effekt, der den Opioidbedarf postoperativ und in der Palliativmedizin senkt. Beim Alkohol und Opioidentzug unterdrückt die zentrale Sympathikusdämpfung typische Symptome wie Tachykardie, Schwitzen, Tremor und Unruhe. Der Substitutionsbedarf wird reduziert.
Anwendungsgebiete
- Arterielle Hypertonie: Reservetherapie, bei therapieresistenter Hypertonie in Kombination mit anderen Antihypertensiva
- Hypertensive Entgleisung: intravenöse Gabe im Notfall, rascher blutdrucksenkender Effekt
- Alkoholentzugssyndrom: Reduktion sympathischer Symptome, als adjuvante Therapie zu Benzodiazepinen
- Opioidentzug: Linderung vegetativer Entzugserscheinungen
- Intensivstation: Sedierung und Analgosedierung, vor allem zur Opioid und Benzodiazepin Einsparung
- Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivitätsstörung (ADHS): zweite Wahl nach Methylphenidat und Atomoxetin, auch bei Tic Störungen
- Tourette Syndrom: motorische und vokale Tics
- Menopausale Hitzewallungen: Option, wenn Hormontherapie kontraindiziert ist
- Anästhesie: Prämedikation zur Anxiolyse und Reduktion perioperativer Katecholaminspitzen
Dosierung und Einnahme
Arterielle Hypertonie, orale Therapie: Start mit 75 bis 150 µg zweimal täglich, Titration nach Blutdruck bis maximal 900 µg Tagesdosis. Transdermale Pflaster: in einigen Ländern verfügbar, in Deutschland nicht regulär zugelassen. Intravenös: langsame Applikation über 10 Minuten, meist 75 bis 150 µg Einzeldosis, wegen initialem Blutdruckanstieg vorsichtig titrieren.
Alkohol und Opioidentzug: 75 bis 300 µg alle 6 bis 8 Stunden, individuelle Anpassung nach Blutdruck und Symptomatik. Sedierung auf der Intensivstation: kontinuierliche Infusion mit 0,5 bis 2 µg pro kg und Stunde, unter engmaschigem Monitoring.
Niereninsuffizienz: Dosisreduktion wegen renaler Elimination, Anfangsdosis halbieren. Leberinsuffizienz: keine formale Anpassung, Vorsicht bei schwerer Funktionsstörung. Die Tabletten können mit oder ohne Mahlzeit eingenommen werden.
Nebenwirkungen
Sehr häufig (über 10 Prozent): Mundtrockenheit, Sedierung und Müdigkeit, orthostatische Hypotonie, Bradykardie.
Häufig (1 bis 10 Prozent): Schwindel, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Obstipation, Übelkeit, Gewichtszunahme, Erektionsstörungen, Depression.
Gelegentlich bis selten: AV Block, Raynaud Phänomen, Hautausschlag, Pruritus, Halluzinationen, Albträume, Hepatitis, Gynäkomastie, Sjögren artige Beschwerden (trockene Augen).
Wichtig: Rebound Hypertonie bei abruptem Absetzen. Binnen 24 bis 48 Stunden nach Therapiestopp kann der Blutdruck überschießend ansteigen, Kopfschmerzen, Tachykardie, Unruhe und in Einzelfällen hypertensive Krisen sind beschrieben. Langzeittherapie darf nur ausschleichend beendet werden.
Wechselwirkungen
- Betablocker: verstärkte Bradykardie, Rebound Hypertonie beim Absetzen verstärkt. Betablocker sollten vor Clonidin ausgeschlichen werden
- Trizyklische Antidepressiva (Amitriptylin, Imipramin): heben die antihypertensive Wirkung auf, Rebound Hypertonie verstärkt
- Neuroleptika, Benzodiazepine, Opioide, Alkohol: verstärkte zentrale Dämpfung, Atemdepression
- Andere Antihypertensiva: additive blutdrucksenkende Wirkung, häufig erwünscht, Monitoring erforderlich
- Digitalisglykoside, Calciumkanalblocker (Verapamil, Diltiazem): additive Bradykardie und AV Überleitungsstörung
- MAO Hemmer: vermehrte Blutdruckschwankungen, Kombination mit Vorsicht
Besondere Hinweise
Absetzen: niemals abrupt beenden. Ausschleichen über 7 bis 14 Tage in kleinen Schritten. Bei Komedikation mit Betablockern diese zuerst ausschleichen, dann Clonidin reduzieren. Während Narkosen Clonidin Therapie nicht unterbrechen, intravenöse Überbrückung möglich.
Kontraindikationen: bradykarde Herzrhythmusstörungen (Sick Sinus Syndrom, AV Block II und III Grades), schwere Depression, schwere Bradykardie, Hypovolämie, schwere zerebrovaskuläre Insuffizienz, gleichzeitige Therapie mit Substanzen, die die AV Überleitung stark verlangsamen.
Schwangerschaft: Erfahrungen begrenzt, Einsatz bei strenger Indikation möglich, besonders bei vorbestehender Hypertonie unter der Geburt. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch, Stillen unter Therapie nicht empfohlen oder nur unter ärztlicher Kontrolle.
Monitoring: Blutdruck und Herzfrequenz regelmäßig, bei intravenöser Gabe und auf der Intensivstation kontinuierlich. Orthostasetests bei ambulant behandelten älteren Patienten. Aufklärung über Sedierungseffekte, insbesondere bei Fahrern und Bedienern von Maschinen.
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Häufig gestellte Fragen
Warum darf ich Clonidin nicht plötzlich absetzen?
Clonidin dämpft zentral den Sympathikus. Setzen Sie es abrupt ab, kommt es zu einer überschießenden adrenergen Gegenregulation. Blutdruckanstiege, Tachykardie, Unruhe und hypertensive Krisen sind beschrieben. Reduzieren Sie das Medikament deshalb über ein bis zwei Wochen schrittweise.
Hilft Clonidin beim Alkoholentzug?
Clonidin dämpft die vegetative Komponente des Alkoholentzugs, also Schwitzen, Tachykardie, Blutdruckanstieg und Tremor. Die Benzodiazepine, die die Anfallsgefährdung im Entzug senken, ersetzt es allerdings nicht. Üblich ist eine Kombinationstherapie unter stationärer Beobachtung.
Macht Clonidin müde?
Ja, Müdigkeit und Konzentrationsschwäche gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen. Meist sind sie zu Therapiebeginn ausgeprägt und lassen nach einigen Wochen oft nach. Fahrtüchtigkeit und Maschinenbedienung können beeinträchtigt sein, besonders in der Einstellphase.
Ist Clonidin bei Kindern erlaubt?
In der Pädiatrie kommt Clonidin bei ADHS, Tic Störungen und Tourette Syndrom zum Einsatz. In vielen europäischen Ländern erfolgt die Anwendung off label, in den USA gibt es eine retardierte Kinderformulierung. Einsatz und Dosisfindung gehören in kinder und jugendpsychiatrische Hände.
Quellen
- EMA, Europäische Arzneimittel-Agentur
- AWMF, Leitlinien Alkoholentzug und Hypertonie
- Gelbe Liste, Clonidin Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
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