Chlorhexidin: Breitspektrum-Antiseptikum für Mund und Wunde
Chlorhexidin ist ein kationisches Bisbiguanid-Antiseptikum mit breiter antibakterieller Wirksamkeit, das seit den 1950er Jahren in der Medizin und Zahnmedizin eingesetzt wird. Es wirkt gegen grampositive und gramnegative Bakterien, Pilze und umhüllte Viren, nicht jedoch zuverlässig gegen Sporen und nicht-umhüllte Viren. Chlorhexidin ist eines der am besten untersuchten Antiseptika und in zahlreichen Indikationen der Goldstandard.
Besonders in der Zahnmedizin hat Chlorhexidin große Bedeutung: als Mundspülung ist es das wirksamste nicht-mechanische Mittel zur Kontrolle von Plaque und Gingivitis. In der Chirurgie und Intensivmedizin ist es zentral für die Hautantisepsis vor Operationen und zur Prävention katheterassoziierter Infektionen. Die substantive Wirkung (anhaltende antimikrobielle Aktivität nach Applikation) ist ein wesentlicher Vorteil gegenüber anderen Antiseptika.
Wirkmechanismus
Chlorhexidin ist ein kationisches Molekül, das elektrostatisch an die negativ geladenen Phospholipide der Bakterienzellmembran bindet. In niedrigen Konzentrationen führt dies zu einer Permeabilitätsstörung der Membran mit Austritt von Zellinhalt (bakteriostatisch); in höheren Konzentrationen kommt es zur vollständigen Membranlyse (bakterizid). Die Bindung an Schleimhautoberflächen und Zahnoberflächen ermöglicht eine substantive Wirkung: Chlorhexidin wird aus diesen Depots über Stunden langsam freigesetzt und wirkt noch 8 bis 12 Stunden nach der Anwendung antimikrobiell.
Anwendungsgebiete
In der Zahnmedizin wird Chlorhexidin als 0,1 bis 0,2-prozentige Mundspülung bei Gingivitis, nach chirurgischen Eingriffen im Mundbereich und bei Aphten eingesetzt. Zur präoperativen Hautantisepsis (0,5 bis 2%) ist Chlorhexidin oft Povidon-Jod überlegen. In der Intensivmedizin wird Chlorhexidin-Lösung zur Hautantisepsis vor zentralvenösen Katheteranlagen sowie zur Mundpflege bei beatmeten Patienten eingesetzt, um Beatmungspneumonien zu reduzieren. Wundantiseptika auf Chlorhexidin-Basis werden bei infizierten und kontaminierten Wunden angewendet. Chlorhexidin-Chlorid-Gel wird bei Verbrennungen und chronischen Wunden eingesetzt.
Dosierung und Einnahme
Mundspülung: 0,1 bis 0,2-prozentige Lösung, 10 bis 15 ml, 30 bis 60 Sekunden spülen, zwei- bis dreimal täglich nach dem Zähneputzen. Nicht danach ausspülen. Hautantisepsis: 0,5 bis 2-prozentige alkoholische Lösung, auf die trockene Haut aufgetragen und einwirken lassen. Wundspülung: isotonische 0,05-prozentige Lösung, da höhere Konzentrationen zytotoxisch für Wundheilungsgewebe sind. Die Applikationsfrequenz richtet sich nach der Indikation; bei Mundspülungen wird eine Anwendung auf zwei bis drei Wochen begrenzt empfohlen, da längere Anwendung Zahnverfärbungen verursacht.
Nebenwirkungen
Die häufigste und bekannteste Nebenwirkung bei oraler Anwendung ist die reversible bräunlich-gelbliche Zahnverfärbung sowie Verfärbung von Zungenpapillen und Schleimhaut. Diese Verfärbungen sind durch professionelle Zahnreinigung entfernbar. Geschmacksveränderungen während der Anwendungsphase sind häufig. Kontaktallergien und Reizreaktionen kommen selten vor. Das wichtigste Sicherheitssignal ist das Anaphylaxierisiko bei intraoperativer Anwendung (Schleimhäute, Wunden): Es wurden schwere, teils tödliche anaphylaktische Reaktionen beschrieben; diese Risiko besteht bei intravasalem Kontakt stärker als bei topischer Hautanwendung.
Wechselwirkungen
Chlorhexidin ist inkompatibel mit anionischen Substanzen wie Natriumlaurylsulfat (enthalten in vielen Zahnpasten), das die Wirksamkeit durch Komplexbildung neutralisiert. Zwischen Zähneputzen mit Fluoridpasta und Chlorhexidin-Mundspülung sollte daher ein Abstand von mindestens 30 Minuten eingehalten werden. Povidon-Jod und Chlorhexidin sollten nicht gemischt werden, da dies die Wirksamkeit beider Substanzen reduziert.
Besondere Hinweise
Chlorhexidin sollte nicht in das Ohr eingebracht werden (Ototoxizitätsrisiko). Bei Patienten mit bekannter Chlorhexidin-Allergie ist jede Form der Anwendung kontraindiziert. In der Schwangerschaft wird Chlorhexidin als Mundspülung bei eindeutiger Indikation (Gingivitis) als relativ sicher betrachtet; parenterale und intraoperative Anwendungen sollten mit besonderer Vorsicht erfolgen. Notaufnahmen und Operationssäle sollten für die Möglichkeit anaphylaktischer Reaktionen vorbereitet sein.
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Häufig gestellte Fragen
Warum verfärbt Chlorhexidin-Mundspülung die Zähne?
Chlorhexidin bindet an Proteine auf der Zahnoberfläche und reagiert dann mit Gerbstoffen aus Kaffee, Tee, Rotwein oder Nahrungsmitteln zu braunen Verfärbungen (Maillard-Reaktion). Die Verfärbungen sind rein kosmetisch und können durch professionelle Zahnreinigung vollständig entfernt werden. Durch Reduzierung von Tee- und Kaffeekonsum während der Anwendung lassen sich Verfärbungen vermindern.
Warum darf Chlorhexidin nicht ins Ohr?
Chlorhexidin ist ototoxisch, das heißt, es schädigt Haarzellen des Innenohrs bei direktem Kontakt. Eine Anwendung im äußeren Gehörgang oder bei perforiertem Trommelfell kann zu dauerhaftem Hörverlust führen. Für die Ohrendesinfektion existieren spezielle Präparate ohne Chlorhexidin.
Warum sollte zwischen Zahnpasta und Chlorhexidin ein Abstand bestehen?
Viele Zahnpasten enthalten Natriumlaurylsulfat (SLS), ein anionisches Tensid. Chlorhexidin ist kationisch und bildet mit SLS unlösliche Komplexe, die die antimikrobielle Wirkung des Chlorhexidins erheblich reduzieren. Nach dem Zähneputzen sollte daher vor der Chlorhexidin-Mundspülung mindestens 30 Minuten gewartet oder der Mund klar ausgespült werden.
Quellen
- Lim KS et al: Chlorhexidine pharmacology and clinical applications. ANZ J Surg 2022
- Fachinformation Chlorhexamed (Chlorhexidin), aktueller Stand
- EFP Guideline: Periodontitis 2022