Edoxaban: Faktor-Xa-Hemmer zur einmal täglichen Gabe
Edoxaban ist ein direktes orales Antikoagulans aus der Gruppe der Faktor-Xa-Hemmer und wird unter dem Handelsnamen Lixiana vertrieben. Es wird zur Schlaganfallvorbeugung bei nicht valvulärem Vorhofflimmern sowie zur Behandlung und Rezidivprophylaxe tiefer Venenthrombosen und Lungenembolien eingesetzt.
Edoxaban kam als letzter der vier verfügbaren direkten oralen Antikoagulanzien auf den Markt. Es wird einmal täglich eingenommen und teilt diesen Vorteil mit Rivaroxaban, während Dabigatran und Apixaban zweimal täglich gegeben werden. Zwei Besonderheiten prägen die Anwendung: eine klar geregelte Halbierung der Dosis bei bestimmten Konstellationen und ein Warnhinweis für Patienten mit besonders guter Nierenfunktion.
Wirkmechanismus
Edoxaban hemmt selektiv, direkt und reversibel den aktivierten Gerinnungsfaktor X. Dieser Faktor steht am Zusammenfluss des intrinsischen und des extrinsischen Gerinnungswegs und wandelt Prothrombin in Thrombin um. Ein einzelnes Molekül Faktor Xa erzeugt eine Vielzahl von Thrombinmolekülen, weshalb die Hemmung an dieser Stelle besonders wirksam ist.
Anders als Heparin benötigt Edoxaban kein Antithrombin als Vermittler. Es bindet unmittelbar an das aktive Zentrum und erfasst dabei sowohl freies als auch im Prothrombinasekomplex gebundenes Faktor Xa.
Die bereits gebildete Thrombinmenge wird nicht beeinflusst. Die primäre Blutstillung über die Blutplättchen bleibt erhalten, gehemmt wird die Bildung des stabilisierenden Fibringerüsts.
Die Bioverfügbarkeit liegt bei etwa 62 Prozent und ist von der Nahrungsaufnahme unabhängig. Der maximale Blutspiegel wird nach ein bis zwei Stunden erreicht, die Halbwertszeit beträgt zehn bis 14 Stunden. Das reicht für die einmal tägliche Gabe aus.
Etwa die Hälfte der Substanz wird unverändert über die Nieren ausgeschieden, der Rest über Galle und Darm. Edoxaban ist ein Substrat von P-Glykoprotein, wird über die Cytochrom-Enzyme der Leber jedoch nur in geringem Umfang abgebaut. Daraus ergibt sich ein überschaubares Wechselwirkungsprofil.
Anwendungsgebiete
Zugelassen ist Edoxaban bei:
- Vorbeugung von Schlaganfall und systemischer Embolie bei nicht valvulärem Vorhofflimmern mit mindestens einem Risikofaktor
- Behandlung tiefer Venenthrombosen und Lungenembolien bei Erwachsenen
- Vorbeugung erneuter tiefer Venenthrombosen und Lungenembolien
Zu den Risikofaktoren, die bei Vorhofflimmern eine Gerinnungshemmung begründen, zählen unter anderem Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, ein Alter ab 75 Jahren, Diabetes mellitus sowie ein vorangegangener Schlaganfall oder eine vorangegangene Durchblutungsstörung des Gehirns.
Anders als Dabigatran, Rivaroxaban und Apixaban ist Edoxaban nicht zur Vorbeugung venöser Thromboembolien nach Hüft- oder Kniegelenkersatz zugelassen.
Bei akuter Venenthrombose oder Lungenembolie wird Edoxaban nicht sofort begonnen. Vorgeschaltet ist eine mindestens fünftägige Behandlung mit einem parenteralen Antikoagulans, in der Regel niedermolekularem Heparin. Erst danach wird umgestellt, und das parenterale Präparat wird zum Umstellungszeitpunkt beendet. Diese Anforderung teilt Edoxaban mit Dabigatran, während Rivaroxaban und Apixaban von Beginn an eingesetzt werden können.
Bei mechanischen Herzklappenprothesen und bei mittelschwerer bis schwerer Mitralklappenstenose darf Edoxaban nicht verwendet werden.
Dosierung und Einnahme
Standarddosis für alle Anwendungsgebiete:
- 60 mg einmal täglich
Halbierung auf 30 mg einmal täglich, sobald einer der folgenden Punkte zutrifft:
- Kreatinin-Clearance zwischen 15 und 50 ml/min
- Körpergewicht bis einschließlich 60 kg
- gleichzeitige Anwendung von Ciclosporin, Dronedaron, Erythromycin oder Ketoconazol
Die Einnahme erfolgt einmal täglich zu einer beliebigen, möglichst gleichbleibenden Tageszeit, unabhängig von den Mahlzeiten. Die Tablette kann zerteilt oder zerkleinert und in Wasser oder Apfelmus gegeben werden, was die Anwendung über eine Sonde ermöglicht.
Bei nicht valvulärem Vorhofflimmern besteht ein Warnhinweis für Patienten mit besonders guter Nierenfunktion. In der Zulassungsstudie zeigte sich bei einer Kreatinin-Clearance oberhalb von etwa 95 Millilitern pro Minute eine geringere Wirksamkeit gegenüber gut eingestelltem Warfarin. In dieser Konstellation ist die Substanzwahl kritisch zu prüfen. Für die Behandlung von Venenthrombosen gilt der Hinweis nicht.
Vor Behandlungsbeginn wird die Nierenfunktion bestimmt, danach mindestens jährlich und bei Bedarf häufiger. Unterhalb einer Kreatinin-Clearance von 15 Millilitern pro Minute ist die Anwendung nicht vorgesehen.
Wird eine Einnahme vergessen, soll sie am selben Tag nachgeholt und am Folgetag der gewohnte Rhythmus fortgesetzt werden. Eine doppelte Dosis am selben Tag ist nicht zulässig.
Nebenwirkungen
Häufig:
- Nasenbluten
- Blut im Urin
- Blutungen aus dem Magen-Darm-Trakt
- Blutergüsse und Blutungen an der Haut
- Blutarmut
- Schwindel, Kopfschmerz und Übelkeit
- Hautausschlag und Juckreiz
Schwerwiegend:
- schwere Magen-Darm-Blutungen
- Hirnblutungen
- Blutungen im Bauchraum oder in Gelenke
- selten allergische Reaktionen bis zur Anaphylaxie
- selten Anstieg der Leberwerte
Blutungen sind die im Vordergrund stehende Nebenwirkung und Folge des Wirkprinzips. Der Nutzen der Behandlung ergibt sich aus der Abwägung zwischen dem verhinderten Schlaganfall und dem eingegangenen Blutungsrisiko.
In der Zulassungsstudie bei Vorhofflimmern traten schwere Blutungen und insbesondere Hirnblutungen unter Edoxaban seltener auf als unter Warfarin. Blutungen aus dem Magen-Darm-Trakt waren in der höheren Dosierung häufiger.
Warnzeichen sind schwarzer Stuhl, Blut im Erbrochenen oder im Urin, ungewöhnlich große Blutergüsse, eine Blutung, die nicht zum Stillstand kommt, sowie anhaltende Kopfschmerzen, Verwirrtheit oder Schwäche nach einem Sturz. In diesen Fällen ist umgehend ärztliche Hilfe erforderlich.
Wechselwirkungen
Dosisreduktion auf 30 mg täglich bei gleichzeitiger Anwendung von:
- Ciclosporin
- Dronedaron
- Erythromycin
- Ketoconazol
Weitere klinisch bedeutsame Kombinationen:
- Rifampicin senkt den Spiegel deutlich, die Kombination soll vermieden werden
- Johanniskraut, Carbamazepin, Phenytoin und Phenobarbital senken den Spiegel ebenfalls
- Thrombozytenaggregationshemmer wie Acetylsalicylsäure, Clopidogrel, Prasugrel und Ticagrelor erhöhen das Blutungsrisiko
- nichtsteroidale Antirheumatika erhöhen das Risiko für Magen-Darm-Blutungen
- selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer beeinträchtigen die Blutplättchenfunktion und erhöhen das Blutungsrisiko
Die Wechselwirkungen verlaufen fast ausschließlich über das Transportprotein P-Glykoprotein. Da Edoxaban kaum über die Cytochrom-Enzyme der Leber abgebaut wird, ist das Profil enger als bei Rivaroxaban und Apixaban, die zusätzlich über CYP3A4 verstoffwechselt werden.
Die gleichzeitige Gabe eines weiteren gerinnungshemmenden Arzneimittels ist außerhalb einer geplanten Umstellung nicht vorgesehen. Bei der Umstellung von oder auf ein anderes Antikoagulans gelten festgelegte Zeitabstände, die dem Behandlungsplan zu entnehmen sind.
Für die gelegentliche Schmerzbehandlung ist Paracetamol den nichtsteroidalen Antirheumatika vorzuziehen.
Besondere Hinweise
Edoxaban darf nicht angewendet werden bei:
- akuter klinisch relevanter Blutung
- Läsionen mit hohem Blutungsrisiko wie aktivem Magengeschwür oder kurz zurückliegender Hirnblutung
- schwerer Leberfunktionsstörung mit Gerinnungsbeeinträchtigung
- unkontrolliertem schwerem Bluthochdruck
- mechanischen Herzklappenprothesen
- Schwangerschaft und Stillzeit
- gleichzeitiger Gabe eines anderen Antikoagulans außer im Rahmen einer Umstellung
Ein spezifisches Gegenmittel für Edoxaban ist in Deutschland nicht zugelassen. Bei schweren Blutungen kommen allgemeine Maßnahmen zum Einsatz, dazu zählen das Absetzen der Substanz, mechanische Blutstillung, Volumen- und Transfusionstherapie sowie gegebenenfalls die Gabe von Prothrombinkomplexkonzentrat. Aktivkohle kann sinnvoll sein, wenn die Einnahme kurz zurückliegt.
Vor planbaren Eingriffen wird Edoxaban in der Regel mindestens 24 Stunden vorher abgesetzt. Bei hohem Blutungsrisiko des Eingriffs oder eingeschränkter Nierenfunktion verlängert sich der Abstand. Die Wiederaufnahme erfolgt, sobald eine ausreichende Blutstillung erreicht ist.
Beim Antiphospholipidsyndrom werden direkte orale Antikoagulanzien nicht empfohlen.
Bei geplanter Spinal- oder Epiduralanästhesie ist besondere Vorsicht geboten, da Blutungen in den Wirbelkanal zu bleibenden Lähmungen führen können. Die vorgeschriebenen zeitlichen Abstände zur letzten Einnahme und zur Katheterentfernung sind einzuhalten.
Betroffene sollten einen Antikoagulationsausweis mitführen und vor jedem ärztlichen oder zahnärztlichen Eingriff auf die Einnahme hinweisen.
Häufig gestellte Fragen
Wann wird die Edoxaban-Dosis auf 30 mg halbiert?
Sobald einer von drei Punkten zutrifft: eine Kreatinin-Clearance zwischen 15 und 50 Millilitern pro Minute, ein Körpergewicht bis einschließlich 60 Kilogramm oder die gleichzeitige Anwendung von Ciclosporin, Dronedaron, Erythromycin oder Ketoconazol. Es genügt ein einziges zutreffendes Kriterium.
Warum wird bei Thrombose zuerst Heparin gegeben?
Bei akuter tiefer Venenthrombose oder Lungenembolie ist eine mindestens fünftägige Behandlung mit einem parenteralen Antikoagulans vorgeschaltet, bevor auf Edoxaban umgestellt wird. So wurde die Substanz in den Zulassungsstudien geprüft. Rivaroxaban und Apixaban können dagegen von Beginn an eingesetzt werden.
Was bedeutet der Hinweis bei guter Nierenfunktion?
Bei Vorhofflimmern zeigte sich in der Zulassungsstudie oberhalb einer Kreatinin-Clearance von etwa 95 Millilitern pro Minute eine geringere Wirksamkeit gegenüber gut eingestelltem Warfarin. In dieser Konstellation ist die Substanzwahl kritisch zu prüfen. Für die Behandlung von Venenthrombosen gilt der Hinweis nicht.
Gibt es ein Gegenmittel für Edoxaban?
Ein spezifisches Gegenmittel ist in Deutschland nicht zugelassen. Bei schweren Blutungen kommen allgemeine Maßnahmen zum Einsatz, darunter Absetzen der Substanz, mechanische Blutstillung, Transfusionen und gegebenenfalls Prothrombinkomplexkonzentrat. Für Dabigatran steht mit Idarucizumab dagegen ein spezifischer Antikörper zur Verfügung.
Darf die Tablette geteilt werden?
Ja. Edoxaban kann zerteilt oder zerkleinert und in Wasser oder Apfelmus eingenommen werden, was auch die Gabe über eine Sonde ermöglicht. Das unterscheidet die Substanz von Dabigatran, dessen Kapseln unter keinen Umständen geöffnet werden dürfen.
Quellen
- Fachinformation Lixiana 15 mg, 30 mg und 60 mg Filmtabletten, Daiichi Sankyo Deutschland GmbH.
- EMA: Europäischer Beurteilungsbericht zu Lixiana
- AWMF S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und der Lungenembolie
- Giugliano RP, Ruff CT, Braunwald E et al. (2013): Edoxaban versus Warfarin in Patients with Atrial Fibrillation. New England Journal of Medicine 369(22):2093-2104.
Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss
Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Arzneimittel sollten stets nur nach ärztlicher Verordnung oder apothekenpflichtiger Abgabe eingenommen werden. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen; maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.