Entyvio (Vedolizumab)
Darmselektiver Integrin Antikörper bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn
Entyvio ist der Handelsname des humanisierten monoklonalen Antikörpers Vedolizumab aus dem Hause Takeda. Die Europäische Arzneimittel Agentur erteilte die Zulassung 2014 zur Behandlung erwachsener Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Colitis ulcerosa oder mittelschwerem bis schwerem Morbus Crohn, die auf konventionelle Therapien oder einen TNF α Inhibitor unzureichend angesprochen hatten. Vedolizumab ist in der intravenösen Infusionsform seit Jahren etabliert, seit 2020 steht zusätzlich eine subkutane Fertigspritze zur Erhaltungstherapie zur Verfügung.
Die Besonderheit von Vedolizumab liegt in seiner darmselektiven Wirkung. Anders als TNF α Antikörper, die die systemische Immunantwort breit modulieren, greift Vedolizumab spezifisch in die Einwanderung von Lymphozyten in die Darmwand ein. Das Infektionsrisiko außerhalb des Gastrointestinaltrakts ist dadurch vergleichsweise niedrig, was Vedolizumab zu einer bevorzugten Option bei Patienten mit Komorbiditäten oder nach vorangegangenen schweren Infektionen macht.
Wirkmechanismus
Vedolizumab ist ein IgG1 Antikörper, der hochselektiv das α4β7 Integrin auf der Oberfläche von T Lymphozyten bindet. Integrine sind Adhäsionsmoleküle, die das sogenannte Homing der Immunzellen regulieren. α4β7 bindet an das Addressin MAdCAM 1 (mucosal addressin cell adhesion molecule 1), das in den Endothelzellen der Darmgefäße exprimiert wird. Diese Interaktion ist für das gezielte Einwandern aktivierter Lymphozyten in die Darmschleimhaut verantwortlich.
Durch Bindung an α4β7 blockiert Vedolizumab die Interaktion mit MAdCAM 1. Die Lymphozyten können nicht mehr aus der Blutbahn in das entzündete Darmgewebe einwandern. Die lokale Entzündungsantwort nimmt ab, die Schleimhaut kann heilen. Weil MAdCAM 1 fast ausschließlich im Darm exprimiert wird, bleibt die Wirkung auf diesen Bereich begrenzt. Das Immunsystem an anderen Orten (Lunge, Haut, zentrales Nervensystem) wird nicht nennenswert beeinflusst.
Diese Selektivität ist ein entscheidender Sicherheitsvorteil. Bei anderen Integrin Antikörpern wie Natalizumab, die α4β1 und α4β7 blockieren, besteht ein Risiko für die progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML), ausgelöst durch das JC Virus. Bei Vedolizumab wurde dieses Risiko in Phase III Studien und umfangreicher Postmarketing Surveillance nicht bestätigt.
Anwendungsgebiete
- Colitis ulcerosa: mittelschwere bis schwere aktive Erkrankung bei Erwachsenen mit unzureichendem Ansprechen, Verlust des Ansprechens oder Unverträglichkeit auf konventionelle Therapie oder TNF α Inhibitoren
- Morbus Crohn: mittelschwere bis schwere aktive Erkrankung bei Erwachsenen mit analogem Therapieversagen
- Pouchitis: chronische Entzündung des Ileumpouches nach Kolektomie bei Colitis ulcerosa, Zulassung 2024 erweitert
- Therapierefraktäre CED: Option für Patienten, bei denen vorangegangene Biologika versagt haben oder durch Infektionsrisiko limitiert sind
Dosierung und Verabreichung
Intravenöse Induktion: 300 mg als Infusion über 30 Minuten zu den Wochen 0, 2 und 6. Erhaltungstherapie intravenös: 300 mg alle 8 Wochen, bei Wirkverlust Intervallverkürzung auf 4 Wochen möglich. Subkutane Erhaltung: 108 mg alle 2 Wochen nach abgeschlossener intravenöser Induktion (frühestens ab Woche 6).
Die Infusion wird in einer spezialisierten Einheit verabreicht, eine Überwachung für mindestens eine Stunde nach der Gabe ist üblich. Prämedikationen mit Antihistaminika oder Kortikoiden werden nicht routinemäßig empfohlen. Niereninsuffizienz: keine Dosisanpassung nötig. Leberinsuffizienz: keine Dosisanpassung nötig, Studiendaten bei schwerer Einschränkung fehlen. Ältere Patienten: keine Dosisanpassung, klinische Erfahrung über 75 Jahre begrenzt.
Das Ansprechen wird nach 10 Wochen evaluiert. Patienten ohne Therapieansprechen bis Woche 14 sollten die Behandlung beenden. Bei Ansprechen wird typischerweise über ein Jahr oder länger behandelt, die Dauer richtet sich nach Remissionsstabilität und Schleimhautheilung.
Nebenwirkungen
Sehr häufig (über 10 Prozent): Nasopharyngitis, Kopfschmerzen, Arthralgie.
Häufig (1 bis 10 Prozent): Infektionen der oberen Atemwege, Sinusitis, Bronchitis, Gastroenteritis, Fatigue, Fieber, Hautausschlag, Pruritus, Rückenschmerzen, Myalgie, Hypertonie, infusionsassoziierte Reaktionen (Hautrötung, Schüttelfrost, Übelkeit).
Gelegentlich: Lokalreaktionen an der subkutanen Injektionsstelle (Rötung, Schmerz, Juckreiz), Analfissuren, Pneumonie, Herpes zoster, orale Candidose.
Selten und wichtig: schwere Überempfindlichkeitsreaktionen einschließlich Anaphylaxie, Lebertransaminasenerhöhungen, opportunistische Infektionen. Progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML) wurde unter Vedolizumab in Zulassungsstudien nicht beobachtet, theoretisch kann ein Restrisiko nicht ausgeschlossen werden, unklare neurologische Symptome müssen umgehend abgeklärt werden.
Wechselwirkungen
- Lebendimpfstoffe (MMR, Varizellen, Gelbfieber, BCG, orale Polio): während und bis 3 Monate nach Therapie vermeiden, Impfstatus vor Therapiebeginn optimieren
- TNF α Inhibitoren (Infliximab, Adalimumab): nicht gleichzeitig einsetzen, höheres Infektionsrisiko ohne klaren Zusatznutzen
- Natalizumab: Kombination vermeiden, Additive Integrin Blockade potenziell gefährlich
- Kortikosteroide, Thiopurine (Azathioprin, 6 Mercaptopurin), Methotrexat: Kombination klinisch üblich, Infektionsrisiko moderat erhöht
- Totimpfstoffe (Influenza, Pneumokokken, COVID 19): können unter Vedolizumab gegeben werden, Immunantwort teils abgeschwächt
Besondere Hinweise
Screening vor Therapiestart: Tuberkulose Test, Hepatitis B und C Serologie, Überprüfung des Impfstatus. Aktive schwere Infektion: Kontraindikation, Therapie erst nach Ausheilung beginnen.
Schwangerschaft: begrenzte Daten, im Register der Takeda PIANO Studie bei CED Patientinnen kein Anstieg von Fehlbildungen. Fortführung bei stabiler Remission wird in aktuellen ECCO Leitlinien als vertretbar eingestuft, individuelle gastroenterologische und gynäkologische Abwägung notwendig. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch in geringen Mengen nachgewiesen, Stillen unter Therapie laut aktuellen Empfehlungen möglich.
Monitoring: klinisches Ansprechen, Stuhlfrequenz, Rektalblutungen, fäkales Calprotectin, Endoskopie und Schleimhauthistologie zur Beurteilung der mukosalen Heilung. Bei Wirkverlust Antikörpertiter und Talspiegel bestimmen, Intervallverkürzung möglich. Regelmäßige Routinelaborkontrollen (Blutbild, Leberwerte, Entzündungsparameter).
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Häufig gestellte Fragen
Wie lange dauert es, bis Entyvio wirkt?
Der Wirkeintritt ist vergleichsweise langsam. Viele Patienten spüren erste Verbesserungen zwischen Woche 6 und Woche 10, volle Remission kann weitere Monate benötigen. Wer bis Woche 14 gar nicht anspricht, sollte die Therapie nicht fortführen.
Ist Vedolizumab sicherer als TNF Blocker?
Wegen der Darmselektivität sind systemische Infektionen unter Vedolizumab seltener als unter TNF α Inhibitoren. Das gilt besonders für Atemwegsinfektionen, Tuberkulose Reaktivierung und opportunistische Infektionen. Bei älteren Patienten und bei Patienten mit hohem Infektionsrisiko ist das ein häufig genutztes Argument für die Erstlinie.
Kann ich von der Infusion auf die Fertigspritze wechseln?
Ja. Nach abgeschlossener intravenöser Induktion (mindestens zwei Infusionen) kann auf die subkutane Erhaltungstherapie mit 108 mg alle zwei Wochen umgestellt werden. Die Fertigspritze oder der Autoinjektor werden nach Schulung zu Hause angewendet, was Krankenhausbesuche reduziert.
Kann ich unter Entyvio geimpft werden?
Totimpfstoffe wie die saisonale Grippeimpfung, die Pneumokokken und die COVID 19 Impfung sind unter Therapie möglich und werden ausdrücklich empfohlen, die Immunantwort ist aber teilweise abgeschwächt. Lebendimpfstoffe (MMR, Varizellen, Gelbfieber) dürfen nicht unter laufender Therapie verabreicht werden, sie sollten wenn möglich vor dem Therapiestart aufgefrischt werden.
Quellen
- EMA, Entyvio (Vedolizumab) EPAR
- ECCO, European Crohn and Colitis Organisation Leitlinien
- AWMF, S3 Leitlinien Colitis ulcerosa und Morbus Crohn
- Gelbe Liste, Vedolizumab Wirkstoffprofil
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