Doxylamin: Antihistaminikum als rezeptfreies Schlafmittel

Doxylamin ist ein Antihistaminikum der ersten Generation und wird als Schlafmittel unter Handelsnamen wie Hoggar Night, Gittalun und Sedaplus vertrieben. Anders als Benzodiazepine und Z-Substanzen ist es rezeptfrei erhältlich, was seine weite Verbreitung erklärt.

Die schlafanstoßende Wirkung ist eigentlich eine Nebenwirkung. Antihistaminika wurden gegen allergische Beschwerden entwickelt; dass die älteren Vertreter müde machen, weil sie ins Gehirn gelangen, wurde nachträglich zur Anwendung gemacht. Daraus folgen die typischen Schwächen: Die Wirkung lässt bereits nach ein bis zwei Wochen deutlich nach, die lange Verweildauer im Körper erzeugt eine Restwirkung am Morgen, und die ausgeprägt anticholinerge Wirkung macht die Substanz für ältere Menschen wenig geeignet. Rezeptfrei bedeutet hier nicht unbedenklich.

Wirkmechanismus

Doxylamin blockiert Histamin-H1-Rezeptoren. Histamin ist im Gehirn einer der Botenstoffe, die Wachheit und Aufmerksamkeit aufrechterhalten. Wird seine Wirkung unterbunden, nimmt der Wachheitsgrad ab und der Einschlafvorgang wird erleichtert.

Entscheidend ist, dass die Substanz die Blut-Hirn-Schranke gut überwindet. Modernere Antihistaminika wie Cetirizin oder Fexofenadin sind so gebaut, dass sie im Gehirn kaum ankommen; sie wirken gegen Allergien, ohne müde zu machen. Bei Doxylamin ist genau das Gegenteil erwünscht.

Neben den Histaminrezeptoren blockiert Doxylamin auch Muskarinrezeptoren, wirkt also anticholinerg. Diese Eigenschaft trägt geringfügig zur Dämpfung bei, verursacht aber überwiegend Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Sehstörungen, Verstopfung, Beschwerden beim Wasserlassen und bei älteren Menschen Verwirrtheit.

Die Wirkung setzt nach etwa 30 bis 60 Minuten ein. Die Halbwertszeit liegt bei rund zehn Stunden und damit deutlich über der von Zolpidem oder Zopiclon. Daraus ergibt sich eine Restwirkung, die bis weit in den Folgetag reicht.

Bei fortlaufender Anwendung passt sich das Histaminsystem an. Die schlafanstoßende Wirkung lässt bereits nach ein bis zwei Wochen deutlich nach, während die anticholinergen Nebenwirkungen unvermindert bestehen bleiben. Das Verhältnis von Nutzen zu Risiko verschlechtert sich also mit der Dauer der Anwendung.

Anwendungsgebiete

Anwendungsgebiete von Doxylamin sind:

  • kurzzeitige Behandlung von Schlafstörungen bei Erwachsenen
  • Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft, in fester Kombination mit Pyridoxin
  • ergänzend bei Erkältungsbeschwerden in Kombinationspräparaten

Als Schlafmittel ist Doxylamin für die kurzzeitige Anwendung gedacht. Die Packungsbeilagen begrenzen die Anwendung ohne ärztliche Rücksprache in der Regel auf etwa zwei Wochen. Danach ist der Nutzen wegen der Gewöhnung ohnehin gering.

Voraussetzung ist die Abklärung der Ursache. Schlafstörungen begleiten häufig eine Depression, eine Angsterkrankung, ein Schlafapnoe-Syndrom, ein Restless-Legs-Syndrom oder chronische Schmerzen. Ein rezeptfreies Schlafmittel überdeckt diese Ursachen, ohne sie zu behandeln, und verzögert damit die richtige Diagnose.

Bei anhaltenden Schlafstörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie die Behandlung mit der besten Langzeitwirkung. Schlafmittel wirken nur, solange sie eingenommen werden.

Die Kombination aus Doxylamin und Pyridoxin bei Schwangerschaftsübelkeit ist ein eigenständiges Anwendungsgebiet mit umfangreicher Datenlage zur Sicherheit. Diese Anwendung ist von der Selbstbehandlung als Schlafmittel klar zu unterscheiden und erfolgt nach ärztlicher Verordnung.

Dosierung und Einnahme

Erwachsene als Schlafmittel:

  • 25 mg Doxylaminsuccinat etwa 30 Minuten vor dem Zubettgehen
  • in Einzelfällen genügen 12,5 mg
  • höchstens 50 mg täglich
  • Anwendung ohne ärztliche Rücksprache in der Regel auf etwa zwei Wochen begrenzt

Ältere Menschen:

  • Anwendung möglichst vermeiden
  • wenn unumgänglich, niedrigste Dosis und kürzeste Dauer
  • besondere Beachtung von Sturzgefahr und Verwirrtheit

Die Einnahme erfolgt etwa 30 Minuten vor dem Zubettgehen mit ausreichend Flüssigkeit. Eine verbleibende Schlafdauer von mindestens sieben bis acht Stunden ist einzuplanen, weil die Substanz sonst weit in den Tag hineinwirkt.

Die Restwirkung am Morgen ist wegen der Halbwertszeit von rund zehn Stunden ausgeprägter als bei den verschreibungspflichtigen Schlafmitteln. Reaktionsfähigkeit und Fahrtüchtigkeit sind auch dann eingeschränkt, wenn sich die Betroffenen ausgeruht fühlen.

Eine Steigerung über die angegebene Dosis hinaus verbessert den Schlaf nicht wesentlich, verstärkt jedoch die anticholinergen Nebenwirkungen deutlich. Bei ausbleibender Wirkung ist eine ärztliche Abklärung angezeigt und keine Dosiserhöhung.

Ein Ausschleichen ist pharmakologisch nicht erforderlich. Nach dem Absetzen kann der Schlaf vorübergehend schlechter sein als zuvor, was zur erneuten Einnahme verleitet und den Kreislauf der Gewöhnung in Gang hält.

Nebenwirkungen

Häufig:

  • Restwirkung am Morgen mit Müdigkeit und Benommenheit
  • Mundtrockenheit
  • Schwindel
  • Kopfschmerz
  • Verstopfung
  • verschwommenes Sehen und Akkommodationsstörungen
  • Magen-Darm-Beschwerden

Weniger häufig, aber bedeutsam:

  • Beschwerden beim Wasserlassen bis zum Harnverhalt
  • Verwirrtheit und Halluzinationen, besonders bei älteren Menschen
  • paradoxe Reaktionen mit Unruhe und Erregung
  • Herzklopfen und Herzrasen
  • erhöhter Augeninnendruck bis zum Glaukomanfall
  • Stürze
  • Blutbildveränderungen

Die anticholinergen Wirkungen sind der wesentliche Nachteil dieser Substanzgruppe. Bei jüngeren Menschen sind sie lästig, bei älteren können sie zu Harnverhalt, Verwirrtheit und Stürzen führen. Doxylamin wird deshalb in Übersichten zu potenziell ungeeigneten Arzneimitteln für ältere Menschen aufgeführt.

Die Verwirrtheit bei älteren Menschen wird häufig nicht mit dem rezeptfreien Schlafmittel in Verbindung gebracht, weil dieses bei der Medikamentenanamnese nicht genannt wird. Bei neu aufgetretener nächtlicher Unruhe oder Desorientiertheit lohnt die gezielte Nachfrage nach Selbstmedikation.

Die Restwirkung am Morgen ist der häufigste Grund für Unzufriedenheit mit der Substanz. Sie wird oft als schlechte Schlafqualität fehlgedeutet, obwohl sie eine Folge der langen Wirkdauer ist.

Bei Überdosierung entsteht ein anticholinerges Syndrom mit Unruhe, Verwirrtheit, Halluzinationen, weiten Pupillen, trockener heißer Haut, Herzrasen und Krampfanfällen. Zusätzlich ist bei Doxylaminvergiftungen eine Schädigung der Skelettmuskulatur mit Nierenbeteiligung beschrieben. Jede Überdosierung erfordert die sofortige ärztliche Behandlung.

Wechselwirkungen

Verstärkung der dämpfenden Wirkung durch:

  • Alkohol
  • Benzodiazepine, Z-Substanzen und andere Schlafmittel
  • Opioide
  • Neuroleptika und sedierende Antidepressiva
  • Antiepileptika und zentral wirksame Muskelrelaxanzien

Verstärkung der anticholinergen Wirkung durch:

  • trizyklische Antidepressiva
  • Mittel gegen Blasenschwäche wie Oxybutynin und Solifenacin
  • Antiparkinsonmittel vom anticholinergen Typ
  • Neuroleptika, insbesondere Clozapin
  • krampflösende Mittel wie Butylscopolamin

Weitere zu beachtende Kombinationen:

  • Monoaminoxidase-Hemmer, deren gleichzeitige Anwendung nicht erfolgen soll
  • Arzneimittel, die die QT-Zeit verlängern

Die Summierung anticholinerger Wirkungen ist das praktisch bedeutsamste Problem. Ältere Menschen nehmen häufig bereits mehrere Arzneimittel mit dieser Eigenschaft ein. Ein rezeptfrei erworbenes Schlafmittel kann in dieser Summe den Ausschlag zu Verwirrtheit, Harnverhalt oder Sturz geben, ohne dass der Zusammenhang erkannt wird.

Alkohol verstärkt die Dämpfung erheblich und ist während der Anwendung zu meiden.

Weil Doxylamin rezeptfrei erhältlich ist, erscheint es in keiner Verordnungsliste. Bei der Prüfung von Wechselwirkungen muss deshalb aktiv nach Selbstmedikation gefragt werden.

Besondere Hinweise

Doxylamin darf nicht angewendet werden bei:

  • Engwinkelglaukom
  • Prostatavergrößerung mit Restharnbildung
  • akutem Asthmaanfall
  • Epilepsie
  • schwerer Leberfunktionsstörung
  • gleichzeitiger Anwendung von Monoaminoxidase-Hemmern
  • Kindern unter einem bestimmten Alter je nach Zubereitung

Besondere Vorsicht ist geboten bei:

  • älteren Menschen wegen Verwirrtheit und Sturzgefahr
  • chronischen Atemwegserkrankungen
  • Herzrhythmusstörungen
  • Blasenentleerungsstörungen
  • Schlafapnoe-Syndrom

Rezeptfrei bedeutet nicht risikoarm. Die Substanz hat ein relevantes Nebenwirkungsprofil und ein deutliches Wechselwirkungspotenzial. Eine dauerhafte Selbstbehandlung von Schlafstörungen ist nicht angemessen.

Bei älteren Menschen sollte auf Doxylamin nach Möglichkeit verzichtet werden. Die anticholinerge Belastung, die Sturzgefahr und das Risiko für Verwirrtheit überwiegen den Nutzen in der Regel.

Die Fahrtüchtigkeit ist am Morgen nach der Einnahme eingeschränkt, auch bei subjektivem Wohlbefinden. Bei verkürzter Schlafdauer gilt das verstärkt.

Für die Anwendung als Schlafmittel in der Schwangerschaft gilt Zurückhaltung. Davon zu unterscheiden ist die ärztlich verordnete Kombination mit Pyridoxin bei Schwangerschaftsübelkeit, für die eine umfangreiche Datenlage zur Sicherheit vorliegt.

Hält eine Schlafstörung länger als zwei Wochen an, ist eine ärztliche Abklärung erforderlich, statt die Selbstbehandlung fortzusetzen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Wirkstoff in Hoggar Night?

Der Wirkstoff in Hoggar Night ist Doxylaminsuccinat, ein Antihistaminikum der ersten Generation. Es blockiert Histamin-H1-Rezeptoren im Gehirn und senkt dadurch den Wachheitsgrad. Eine Tablette enthält üblicherweise 25 Milligramm.

Wie lange darf man Doxylamin als Schlafmittel nehmen?

Ohne ärztliche Rücksprache in der Regel etwa zwei Wochen. Danach ist der Nutzen ohnehin gering, weil die schlafanstoßende Wirkung bereits nach ein bis zwei Wochen deutlich nachlässt, während die anticholinergen Nebenwirkungen unvermindert bestehen bleiben.

Warum ist man am nächsten Morgen noch müde?

Die Halbwertszeit von Doxylamin liegt bei rund zehn Stunden und damit deutlich über der von Zolpidem oder Zopiclon. Ein erheblicher Teil der Substanz ist am Morgen noch wirksam. Reaktionsfähigkeit und Fahrtüchtigkeit sind eingeschränkt, auch wenn man sich ausgeruht fühlt.

Ist Doxylamin für ältere Menschen geeignet?

Nur eingeschränkt. Die ausgeprägt anticholinerge Wirkung kann zu Harnverhalt, Verwirrtheit, Sehstörungen und Stürzen führen. Doxylamin wird deshalb in Übersichten zu potenziell ungeeigneten Arzneimitteln für ältere Menschen aufgeführt. Nach Möglichkeit sollte darauf verzichtet werden.

Warum wird Doxylamin bei Schwangerschaftsübelkeit eingesetzt?

In fester Kombination mit Pyridoxin ist Doxylamin ein etabliertes Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft, für das eine umfangreiche Datenlage zur Sicherheit vorliegt. Diese Anwendung erfolgt nach ärztlicher Verordnung und ist von der Selbstbehandlung als Schlafmittel klar zu unterscheiden.

Quellen

Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss

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