Domperidon
Peripherer Dopamin D2 Antagonist bei Übelkeit und Magenentleerungsstörung
Domperidon ist ein Dopamin D2 Rezeptor Antagonist mit antiemetischen und prokinetischen Eigenschaften. Janssen brachte die Substanz 1978 unter dem Handelsnamen Motilium auf den Markt. In Deutschland sind Motilium und zahlreiche Generika als Tabletten und Suspension verfügbar. Die EMA hat 2014 nach einer umfangreichen Nutzen Risiko Bewertung die Anwendung erheblich eingeschränkt, weil Domperidon mit einem erhöhten Risiko für Herzrhythmusstörungen und plötzlichen Herztod assoziiert wurde.
Die aktuelle Indikation beschränkt sich auf die Kurzzeitbehandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Erwachsenen und Kindern ab 12 Jahren mit einem Körpergewicht von mindestens 35 kg. Alle anderen früheren Indikationen wie chronische Dyspepsie, Sodbrennen oder Stimulation der Laktation sind nicht mehr zugelassen. Die Höchstdauer der Anwendung liegt bei 1 Woche, die Tagesdosis ist auf 30 mg begrenzt. Diese Einschränkung gilt für alle oralen Domperidon Präparate in der Europäischen Union.
Wirkmechanismus
Domperidon wirkt als Antagonist an Dopamin D2 Rezeptoren mit Präferenz für periphere Rezeptoren im Magen Darm Trakt und in der Chemorezeptor Triggerzone am Boden des vierten Ventrikels. Die Chemorezeptor Triggerzone liegt außerhalb der Blut Hirn Schranke, weshalb Domperidon dort wirken kann, ohne in das zentrale Nervensystem zu penetrieren. Dadurch fehlen die zentralen extrapyramidalmotorischen Nebenwirkungen, die unter Metoclopramid typisch sind.
Im oberen Gastrointestinaltrakt wirkt Domperidon prokinetisch. Dopamin hemmt normalerweise die Azetylcholinausschüttung aus myenterischen Neuronen, was die Peristaltik bremst. Durch Blockade dieses hemmenden Mechanismus steigen Motilität des Magenantrum, Koordination der Antrum Duodenum Motorik und Magenentleerung. Der Tonus des unteren Ösophagussphinkters nimmt zu, Reflux wird reduziert.
Die Halbwertszeit liegt bei 7 bis 9 Stunden, die orale Bioverfügbarkeit bei etwa 15 Prozent aufgrund eines ausgeprägten First Pass Metabolismus. Die Metabolisierung erfolgt in der Leber überwiegend durch CYP3A4, die Ausscheidung zu gleichen Teilen hepatisch und renal. Polymorphismen in CYP3A4 oder Komedikation mit CYP3A4 Inhibitoren können Plasmaspiegel und damit das QT Risiko erhöhen.
Anwendungsgebiete
- Kurzzeitbehandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Erwachsenen und Kindern ab 12 Jahren mit einem Körpergewicht von mindestens 35 kg
Zu den historischen Indikationen, die seit 2014 nicht mehr zugelassen sind, gehören chronische Dyspepsie, Sodbrennen, Reflux, Blähungen und die Laktationsstimulation. In einzelnen Ländern außerhalb Europas bestehen noch erweiterte Indikationen, beispielsweise in der Behandlung von diabetischer Gastroparese oder bei Parkinson Patienten mit Übelkeit durch dopaminerge Therapie. In Deutschland und der EU ist die Anwendung streng auf die Akuttherapie beschränkt.
Dosierung und Einnahme
Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren und 35 kg: 10 mg dreimal täglich, 15 bis 30 Minuten vor den Mahlzeiten. Bei nächtlichen Beschwerden zusätzlich 10 mg zur Nacht, maximal 30 mg pro Tag. Die Therapiedauer darf 7 Tage nicht überschreiten.
Die Einnahme vor den Mahlzeiten ist wichtig, weil die Bioverfügbarkeit bei nüchterner Einnahme höher ist. Tabletten mit einem Glas Wasser schlucken, Suspensionen vor Gebrauch schütteln. Bei unzureichender Wirkung soll die Dosis nicht gesteigert werden, stattdessen ärztliche Reevaluation und gegebenenfalls Umstellung auf ein anderes Antiemetikum.
Niereninsuffizienz: bei schwerer Einschränkung (Kreatinin Clearance unter 30 ml/min) 10 mg ein bis zweimal täglich, nicht dreimal. Leberinsuffizienz: bei moderater bis schwerer Einschränkung kontraindiziert, bei leichter Einschränkung mit Vorsicht. Kinder unter 12 Jahren oder unter 35 kg: keine Anwendung in der EU seit 2014. Ältere Patienten: vorsichtige Anwendung wegen erhöhtem QT Risiko, EKG Kontrolle vor Therapiebeginn erwägen.
Nebenwirkungen
Häufig: Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Durchfall, Hyperprolaktinämie mit daraus resultierender Galaktorrhoe, Gynäkomastie, Zyklusstörungen, Potenzstörungen.
Gelegentlich: Angstzustände, Schläfrigkeit, Nervosität, verminderte Libido, Hautausschlag, Juckreiz.
Selten: extrapyramidalmotorische Reaktionen (vor allem bei Überschreitung der empfohlenen Dosis), Krampfanfälle, Agitation, QT Verlängerung, Torsade de Pointes, ventrikuläre Arrhythmien, plötzlicher Herztod.
Wichtigster Grund für die Einschränkung 2014: Beobachtungsstudien und Pharmakovigilanz Signale zeigten ein erhöhtes Risiko für schwerwiegende Herzrhythmusstörungen und plötzlichen Herztod, insbesondere bei älteren Patienten, hohen Dosen und gleichzeitiger CYP3A4 Hemmung. Die niedrigere empfohlene Dosis und die kurze Therapiedauer reduzieren dieses Risiko.
Wechselwirkungen
- QT verlängernde Arzneimittel (Amiodaron, Sotalol, Chinidin, Makrolide, Chinolone, Antidepressiva, Methadon, Ondansetron): additive QT Verlängerung, Kombination meiden oder strenges EKG Monitoring
- Starke CYP3A4 Inhibitoren (Ketoconazol, Itraconazol, Voriconazol, Clarithromycin, Erythromycin, Ritonavir): deutliche Erhöhung des Plasmaspiegels, Kombination kontraindiziert
- Moderate CYP3A4 Inhibitoren (Fluconazol, Amiodaron, Diltiazem, Verapamil, Grapefruitsaft): vorsichtige Anwendung, niedrigste Dosis wählen
- Anticholinergika: antagonistische Wirkung auf die prokinetische Komponente
- Levodopa, Apomorphin (Parkinson Therapie): Blockade peripherer Dopamin Rezeptoren mindert die Übelkeit unter diesen Substanzen, ohne die antiparkinsonistische Wirkung im ZNS aufzuheben
- Antazida, Protonenpumpenhemmer, H2 Blocker: können Resorption theoretisch verändern, klinische Relevanz gering
Besondere Hinweise
EKG vor Therapie: Bei Risikopatienten (Alter über 60 Jahre, bekannte Herzerkrankung, Elektrolytstörungen, gleichzeitige QT verlängernde Medikamente) ist ein EKG mit QTc Bestimmung vor Therapiebeginn sinnvoll. QTc über 450 ms bei Männern oder 470 ms bei Frauen sind Warnsignale.
Kontraindikationen: bekannte Überempfindlichkeit, signifikante QT Verlängerung, Elektrolytstörungen wie Hypokaliämie oder Hypomagnesiämie, Bradyarrhythmien, Herzinsuffizienz, gleichzeitige Einnahme starker CYP3A4 Inhibitoren, Prolaktinom, gastrointestinale Blutung, mechanische Obstruktion oder Perforation, moderate bis schwere Leberinsuffizienz.
Schwangerschaft: Daten begrenzt, Anwendung nur bei vitaler Indikation. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch, Hinweise auf Risiko für Säugling, Stillen unter Therapie nicht empfohlen. Die frühere Indikation Stimulation der Milchbildung ist nicht mehr zugelassen.
Ältere Patienten und Herz Kreislauf Risiko: Die Kombination aus Domperidon und gleichzeitiger Einnahme QT verlängernder Medikamente erhöht das Arrhythmierisiko erheblich. Bei älteren Patienten ist eine sorgfältige Arzneimittelprüfung vor jeder Domperidon Verordnung notwendig. Die kurze Anwendungsdauer von maximal 7 Tagen ist strikt einzuhalten.
Monitoring: bei Risikopatienten EKG und Elektrolyte vor Therapiebeginn. Bei Hyperprolaktinämie Symptomen (Galaktorrhoe, Zyklusstörungen) Therapieende erwägen und Prolaktin messen. Nach Therapieende rasche Normalisierung der Plasmaspiegel innerhalb von 1 bis 2 Tagen.
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- Levodopa, dopaminerge Therapie bei Parkinson
Häufig gestellte Fragen
Warum darf ich Domperidon nur kurz nehmen?
Die EMA hat 2014 festgestellt, dass Domperidon bei längerer oder höher dosierter Anwendung das Risiko für schwerwiegende Herzrhythmusstörungen und plötzlichen Herztod erhöht. Die Indikation wurde deshalb auf die kurzfristige Behandlung von Übelkeit und Erbrechen bei Erwachsenen und älteren Kindern beschränkt, Tagesdosis maximal 30 mg, Therapiedauer höchstens 7 Tage.
Was ist der Unterschied zu Metoclopramid?
Metoclopramid überwindet die Blut Hirn Schranke und kann zentrale Nebenwirkungen wie extrapyramidalmotorische Störungen, Schläfrigkeit und Spätdyskinesien auslösen. Domperidon wirkt fast ausschließlich peripher, was zentrale Effekte reduziert. Dafür hat Domperidon ein höheres Risiko für QT Verlängerung und Herzrhythmusstörungen. Die Wahl richtet sich nach individuellem Risikoprofil.
Warum wirkt Domperidon bei Parkinson Patienten?
Dopaminerge Therapien wie Levodopa oder Apomorphin verursachen häufig Übelkeit, weil sie auf die Chemorezeptor Triggerzone im Gehirn wirken. Domperidon blockiert dort den Dopaminrezeptor, ohne die antiparkinsonistische Wirkung im zentralen Nervensystem zu beeinträchtigen, weil es die Blut Hirn Schranke kaum überwindet. In Deutschland ist diese Anwendung off label, in einigen Ländern zugelassen.
Darf ich Domperidon zur Milchbildung einnehmen?
Nein. Die Anwendung zur Laktationsstimulation wurde 2014 aus der zugelassenen Indikation entfernt. Die Evidenzlage war gering, das Herz Kreislauf Risiko bei längerer Therapie nicht vertretbar. Bei unzureichender Milchbildung sollten andere, nichtmedikamentöse Maßnahmen wie häufiges Anlegen, Stillberatung oder alternative Methoden unter gynäkologischer oder hebammen Betreuung bevorzugt werden.
Quellen
- EMA, Europäische Arzneimittel-Agentur
- AWMF, Leitlinien zu Übelkeit und Erbrechen
- Gelbe Liste, Domperidon Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
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