Enzalutamid: Wirkung, Anwendungsgebiete und Hinweise
Enzalutamid ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Androgenrezeptor-Inhibitoren, der in der Onkologie bei bestimmten Formen des Prostatakarzinoms eingesetzt wird. Der Wirkstoff greift in den Signalweg der Androgene ein, die das Wachstum von Prostatakrebszellen stimulieren können. Enzalutamid wurde gezielt entwickelt, um auch bei Krebszellen wirksam zu sein, die gegen ältere Hormontherapien resistent geworden sind. Seit seiner Zulassung gehört Enzalutamid zu den bedeutsamen Wirkstoffen in der modernen Prostatakarzinom-Behandlung.
Wirkweise von Enzalutamid
Androgene wie Testosteron und das noch wirksamere Dihydrotestosteron binden an den Androgenrezeptor in Prostatakrebszellen. Dieser Rezeptor wandert nach der Bindung in den Zellkern und aktiviert dort Gene, die das Zellwachstum und das Zellüberleben fördern. Enzalutamid blockiert diesen Prozess auf mehreren Ebenen.
Erstens konkurriert Enzalutamid mit Androgenen um die Bindestelle am Androgenrezeptor und blockiert diese mit hoher Affinität. Im Vergleich zum älteren Antiandrogen Bicalutamid bindet Enzalutamid deutlich stärker an den Androgenrezeptor. Zweitens hemmt Enzalutamid die Verlagerung des Androgen-Rezeptor-Komplexes in den Zellkern. Drittens wird auch die Bindung des Rezeptorkomplexes an die DNA und damit die Aktivierung androgenabhängiger Gene blockiert. Durch dieses dreifache Wirkprinzip ist Enzalutamid auch bei Zellen wirksam, die Resistenzmechanismen gegen ältere Antiandrogene entwickelt haben.
Da Enzalutamid den Androgenrezeptor-Signalweg deutlich stärker blockiert als ältere Antiandrogene und keinen partiell agonistischen Effekt zeigt, kann es auch bei sogenannten kastrationsresistenten Prostatakarzinomen eingesetzt werden, bei denen Androgenentzug allein nicht mehr ausreicht.
Anwendungsgebiete
Kastrationsresistentes Prostatakarzinom
Das primäre Anwendungsgebiet von Enzalutamid ist das kastrationsresistente Prostatakarzinom (CRPC). Dabei handelt es sich um eine Erkrankungsphase, in der der Tumor trotz einer auf sehr niedrige Testosteronspiegel abzielenden Therapie weiter wächst. Enzalutamid ist sowohl für Patienten zugelassen, die noch keine Chemotherapie erhalten haben (chemotherapienaiv), als auch für solche, bei denen eine Chemotherapie mit Docetaxel bereits nicht mehr ausreichend gewirkt hat.
Metastasiertes hormonsensitives Prostatakarzinom
Enzalutamid ist auch für das metastasierte hormonsensitive Prostatakarzinom (mHSPC) zugelassen, also für Patienten, deren Tumor noch auf Androgensentzug anspricht, aber bereits Metastasen gebildet hat. In dieser Situation wird Enzalutamid in Kombination mit einer Androgendeprivationstherapie eingesetzt. Klinische Studien haben gezeigt, dass die Kombination im Vergleich zur alleinigen Androgendeprivation das Gesamtüberleben und das progressionsfreie Überleben verlängert.
Nicht metastasiertes kastrationsresistentes Prostatakarzinom
Eine weitere Zulassung besteht für das nicht metastasierte kastrationsresistente Prostatakarzinom bei Männern mit einem hohen Risiko für die Entwicklung von Metastasen, erkennbar am rasch ansteigenden PSA-Wert. Auch hier wird Enzalutamid zusammen mit einer Androgendeprivationstherapie angewendet.
Darreichungsform und Dosierung
Enzalutamid ist als Weichkapseln oder Filmtabletten zur oralen Einnahme erhältlich. Die übliche Tagesdosis beträgt 160 mg, aufgeteilt auf vier Kapseln zu je 40 mg oder als entsprechende Tabletten. Die Einnahme erfolgt einmal täglich, mit oder ohne Mahlzeit. Die genaue Dosierung und die Behandlungsdauer legt der behandelnde Onkologe oder Urologe fest und passt sie an den individuellen Verlauf an. Eine Dosisreduktion kann bei bestimmten Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen erforderlich sein.
Hinweise zur Anwendung
Enzalutamid ist ein starker Induktor von Leberenzymen (CYP3A4 und CYP2C9) und kann damit den Abbau vieler anderer Medikamente im Körper beschleunigen. Daraus ergibt sich ein erhebliches Wechselwirkungspotenzial. Vor Therapiebeginn ist eine gründliche Medikamentenanamnese erforderlich. Bestimmte Wirkstoffe dürfen nicht gleichzeitig eingenommen werden, da deren Wirkstoffspiegel durch Enzalutamid stark abgesenkt werden könnten. Die behandelnden Ärzte informieren die Patienten ausführlich über diesen Aspekt.
Enzalutamid kann die Krampfschwelle senken, was bei Patienten mit vorbekannten Krampfanfällen oder entsprechenden Risikofaktoren besonders zu berücksichtigen ist. Bei Auftreten von Krampfanfällen muss die Therapie sofort abgebrochen und ein Arzt aufgesucht werden. Fahrzeuge sollten mit Vorsicht geführt werden, da psychiatrische Nebenwirkungen und Müdigkeit die Reaktionsfähigkeit beeinflussen können.
Unerwünschte Wirkungen
Enzalutamid hat ein charakteristisches Nebenwirkungsprofil, über das die behandelnden Ärzte ausführlich aufklären:
- Müdigkeit und allgemeine Schwäche sind häufige Beschwerden, besonders zu Beginn der Therapie
- Hitzewallungen als Folge des niedrigen Androgenspiegels treten häufig auf
- Bluthochdruck kann sich unter der Therapie entwickeln oder verstärken und erfordert Kontrolle
- Kopfschmerzen und Schwindel werden von einem Teil der Patienten berichtet
- Gedächtnisstörungen und kognitive Veränderungen können auftreten
- Knochen- und Muskelschmerzen sind möglich
- Krampfanfälle treten in seltenen Fällen auf, stellen aber eine wichtige Nebenwirkung dar
- Stürze und Knochenbrüche, auch bedingt durch osteoporotische Veränderungen unter Androgenmangel
- Erhöhte Leberwerte wurden beobachtet
Wechselwirkungen
Enzalutamid ist ein starker Induktor von CYP3A4 und CYP2C8. Dadurch werden viele andere Arzneimittel schneller abgebaut, was ihre Wirksamkeit verringern kann. Besonders relevant ist dies für Wirkstoffe, die ebenfalls über diese Enzyme abgebaut werden, darunter bestimmte Antikoagulantien, Immunsuppressiva, Analgetika und andere Krebsmedikamente. Gleichzeitig können Hemmer von CYP2C8 den Enzalutamid-Spiegel im Blut erhöhen. Die vollständige Liste potenzieller Wechselwirkungen ist umfangreich und wird im Rahmen der ärztlichen Betreuung besprochen.
Enzalutamid auf Sanoliste
Auf Sanoliste finden Sie Urologen und Onkologen, die bei Prostatakarzinom und verwandten Erkrankungen kompetente Diagnostik und Therapiebegleitung anbieten. Die Therapie mit Enzalutamid erfordert eine engmaschige ärztliche Betreuung und regelmäßige Kontrolluntersuchungen, unter anderem hinsichtlich PSA-Verlauf, Knochendichte und Begleiterkrankungen.
Die Informationen auf dieser Seite dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und ersetzen nicht das Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt. Enzalutamid ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel und darf nur unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden.
Häufige Fragen zu Enzalutamid
Was bedeutet kastrationsresistentes Prostatakarzinom?
Als kastrationsresistentes Prostatakarzinom wird eine Erkrankungsphase bezeichnet, in der der Prostatakrebs trotz einer Therapie weiter fortschreitet, die den Testosteronspiegel auf Kastrationsniveau (sehr niedrig) gesenkt hat. Dies geschieht entweder durch chirurgische Entfernung der Hoden oder durch medikamentöse Androgenunterdrückung. Die Bezeichnung bedeutet nicht, dass der Tumor komplett unabhängig von Androgenen ist, sondern dass er unter den sehr niedrigen Testosteronspiegeln weiter wächst. Enzyme im Tumor können selbst Androgene aus Vorstufen produzieren oder der Rezeptor kann überempfindlich auf geringe Hormonspiegel reagieren. Hier setzt Enzalutamid an.
Wie unterscheidet sich Enzalutamid von Bicalutamid?
Beide Wirkstoffe sind Antiandrogene, die am Androgenrezeptor angreifen. Der wesentliche Unterschied liegt in der Stärke und Vollständigkeit der Rezeptorblockade sowie im Wirkmechanismus. Bicalutamid ist ein partieller Antagonist und kann in manchen Situationen auch schwach agonistisch wirken. Dies ist einer der Gründe, warum Tumoren unter Bicalutamid Resistenzen entwickeln können. Enzalutamid bindet stärker an den Rezeptor und hemmt zusätzlich die Verlagerung des Rezeptors in den Zellkern sowie die Andocken an die DNA. Diese überlegene Blockade erklärt, warum Enzalutamid auch bei Patienten wirken kann, deren Tumor gegenüber Bicalutamid resistent geworden ist.
Muss Enzalutamid zusammen mit anderen Hormonen eingenommen werden?
In den meisten Anwendungsgebieten wird Enzalutamid nicht allein, sondern zusammen mit einer Androgendeprivationstherapie eingesetzt. Diese kann entweder medikamentös durch sogenannte GnRH-Agonisten oder GnRH-Antagonisten erfolgen, die die Testosteronproduktion im Körper unterdrücken, oder durch operative Entfernung der Hoden. Die Kombination zielt darauf ab, den Androgenspiegel so gering wie möglich zu halten und gleichzeitig den Androgenrezeptor-Signalweg direkt zu blockieren. In einigen Zulassungssituationen ist eine bestehende Androgendeprivation Voraussetzung für die Anwendung von Enzalutamid.