Hydroxyzine: Wirkung als sedierendes Antihistaminikum

Hydroxyzine (Handelsnamen Atarax und Generika) ist ein H1 Antihistaminikum der ersten Generation. Es wirkt ausgeprägt sedierend und anxiolytisch. Anders als moderne, nicht sedierende Antihistaminika überwindet Hydroxyzine die Blut Hirn Schranke und entfaltet zentrale Wirkungen. In Deutschland setzen Ärzte den Wirkstoff seit Jahrzehnten in der Allergologie, der Dermatologie und der Psychiatrie ein, vor allem bei Pruritus (Juckreiz), bei generalisierten Angststörungen und bei Schlafanstoßung. Seit 2015 gelten zusätzliche Sicherheitswarnungen wegen QT Verlängerung. Deshalb erfolgt die Anwendung gezielter und mit kardiologischer Risikobewertung.

Hydroxyzine ist verschreibungspflichtig und in mehreren Darreichungsformen erhältlich: Tabletten zu 25 mg, Tropfen, Sirup für Kinder und in einzelnen Ländern als Injektion. Eine wichtige Besonderheit: Hydroxyzine wird teilweise zu Cetirizin metabolisiert, einem modernen, nicht sedierenden Antihistaminikum. In der Praxis kommt Hydroxyzine vor allem dann zum Einsatz, wenn die zentral dämpfende Komponente erwünscht ist, etwa bei Juckreiz mit Schlafstörung oder bei Angst.

Wirkmechanismus

Hydroxyzine ist ein Piperazin Derivat und blockiert kompetitiv H1 Histaminrezeptoren in der Peripherie und im Zentralnervensystem. Diese Blockade verhindert die histamininduzierten Wirkungen wie Juckreiz, Bronchokonstriktion, Vasodilatation und Permeabilitätssteigerung. Da Hydroxyzine aufgrund seiner lipophilen Eigenschaften die Blut Hirn Schranke gut überwindet, blockiert es zentrale H1 Rezeptoren und verursacht Sedierung, Anxiolyse und teilweise antiemetische Wirkung.

Zusätzlich zur H1 Blockade hat Hydroxyzine anticholinerge, antiserotonerge und antialpha adrenerge Eigenschaften, die zur sedativen und anxiolytischen Wirkung beitragen, aber auch typische Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Akkommodationsstörungen und orthostatische Hypotonie auslösen. Die Wirkung am limbischen System trägt zur anxiolytischen Komponente bei und macht Hydroxyzine zur Alternative zu Benzodiazepinen bei generalisierter Angststörung, ohne deren Abhängigkeitsrisiko.

Pharmakokinetisch wird Hydroxyzine nach oraler Gabe rasch resorbiert, der Wirkungseintritt erfolgt innerhalb von 15 bis 30 Minuten, das Maximum nach 2 Stunden. Die Eliminationshalbwertszeit beträgt etwa 14 bis 25 Stunden, sodass eine 1 bis 3 mal tägliche Anwendung ausreicht. Hydroxyzine wird hepatisch über CYP3A4 und Aldehyd Oxidase metabolisiert. Der wichtigste Metabolit Cetirizin hat selbst antihistaminerge Wirkung mit deutlich geringerer zentraler Komponente und einer Halbwertszeit von etwa 10 Stunden.

Anwendungsgebiete

  • Pruritus verschiedener Ursachen, vor allem bei chronischer Urtikaria, atopischer Dermatitis, Pruritus bei Lebererkrankungen oder paraneoplastischem Juckreiz
  • Generalisierte Angststörung, oft als Alternative zu Benzodiazepinen wegen geringerem Abhängigkeitspotenzial
  • Schlafanstoßung bei Angst und Unruhe, kurzfristig zur Schlafinduktion bei chronischem Pruritus mit Schlafstörung
  • Prämedikation in der Anästhesie, zur Sedierung und Anxiolyse vor Operationen
  • Antiemetische Therapie bei Übelkeit, Erbrechen, Reisekrankheit, in spezifischen Indikationen
  • Adjuvante Therapie bei Alkoholentzug oder Opioidentzug, in spezialisierten Settings

Hydroxyzine ist nicht zur Daueranwendung als Schlafmittel geeignet. Die Anwendung erfolgt kurz bis mittelfristig. Bei chronischem Pruritus oder Angststörung kann eine längere Anwendung im Einzelfall sinnvoll sein.

Dosierung und Anwendung

Pruritus Erwachsene: 25 mg 3 bis 4 mal täglich, maximale Tagesdosis 100 mg pro Tag. Bei älteren Patienten Maximaldosis 50 mg pro Tag.

Generalisierte Angststörung Erwachsene: 12,5 bis 25 mg 3 mal täglich, maximale Tagesdosis 100 mg.

Schlafanstoßung: 25 bis 50 mg etwa eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen.

Prämedikation: 50 bis 100 mg eine bis zwei Stunden vor der Operation.

Pädiatrisch: 1 bis 2 mg pro kg pro Tag aufgeteilt auf mehrere Einzeldosen, maximal 50 mg pro Tag bei Kindern unter 40 kg, 100 mg pro Tag ab 40 kg.

Verabreichung: Tabletten oder Tropfen mit Wasser einnehmen, unabhängig von Mahlzeiten. Bei Schlafanstoßung Einnahme abends, bei Pruritus oder Angst über den Tag verteilt.

Niereninsuffizienz: bei mittelschwerer Beeinträchtigung Dosisreduktion (50 Prozent der Standarddosis), bei schwerer Beeinträchtigung Vorsicht. Leberinsuffizienz: Dosisreduktion erwägen wegen Akkumulation der Metaboliten.

Wichtig: wegen QT Verlängerung Maximaldosis 100 mg pro Tag bei Erwachsenen, 50 mg bei älteren Patienten und 2 mg pro kg bei Kindern.

Nebenwirkungen

Sehr häufig: Müdigkeit, Schläfrigkeit, Sedierung. Diese Wirkung kann besonders zu Therapiebeginn ausgeprägt sein.

Häufig: Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, verschwommenes Sehen, Akkommodationsstörung, Schwindel, Übelkeit, Verstopfung, Tremor, Konzentrationsstörung, Schlafstörung paradox.

Gelegentlich bis selten: Hautausschlag, Juckreiz, Tachykardie, Hypotonie, Harnverhalt, Verwirrtheit, Halluzinationen (besonders bei älteren Patienten), Krampfanfälle (bei Überdosierung), Lebertoxizität.

Sehr selten: QT Verlängerung mit Risiko Torsade de Pointes, schwere Hautreaktionen wie Stevens Johnson Syndrom, akute generalisierte exanthematische Pustulose (AGEP), allergische Reaktionen einschließlich Anaphylaxie.

Hinweis: bei älteren Patienten erhöhtes Risiko für anticholinerge Nebenwirkungen, kognitive Beeinträchtigung und Sturzgefahr. Hydroxyzine steht auf der PRISCUS Liste (potenziell inadäquate Medikation für ältere Patienten).

Wechselwirkungen

  • Andere zentral dämpfende Substanzen (Benzodiazepine, Opioide, Alkohol, Antipsychotika): additive Sedierung und Atemdepression. Kombination mit Vorsicht.
  • Anticholinergika (Atropin, trizyklische Antidepressiva, Antiparkinsonmittel): additive anticholinerge Wirkung. Verwirrtheit und Harnverhalt verstärkt.
  • Substanzen mit QT verlängernder Wirkung (Antiarrhythmika der Klasse Ia und III, Makrolide, Fluorchinolone, Antipsychotika, Methadon): kontraindiziert oder strenge Vorsicht.
  • CYP3A4 Inhibitoren (Ketoconazol, Erythromycin, Ritonavir): erhöhter Hydroxyzine Spiegel.
  • MAO Hemmer: verlängerte und verstärkte Wirkung von Hydroxyzine.
  • Antihypertensiva: additive Hypotonie.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: nicht empfohlen, vor allem im ersten Trimester. Bei zwingender Indikation niedrigste wirksame Dosis und kürzeste Dauer. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch, beim Säugling Sedierung möglich. Anwendung nur bei strenger Indikation, ggf. Stillpause oder Alternative.

Kinder: ab 12 Monaten zugelassen, jedoch QT Risiko beachten. Anwendung nicht als Schlafmittel ohne ärztliche Indikation.

Ältere Patienten: Vorsicht wegen anticholinerger Nebenwirkungen, kognitiver Beeinträchtigung, Sturzgefahr und QT Verlängerung. Maximale Tagesdosis 50 mg.

Kontraindikationen: bekannte Überempfindlichkeit gegen Hydroxyzine oder Cetirizin, kongenitales Long QT Syndrom, gleichzeitige Anwendung mit QT verlängernden Substanzen, schwere Niereninsuffizienz, schwere Demenz mit anticholinerger Empfindlichkeit, Engwinkelglaukom, Prostatahypertrophie mit Restharn.

Vor Anwendung: Anamnese auf kardiale Vorerkrankungen, Synkopen, Familienanamnese auf plötzlichen Herztod. Bei Risiko EKG zur Beurteilung der QT Zeit. Komedikation überprüfen.

Während der Therapie: bei Risikopatienten EKG Kontrolle, klinische Verlaufskontrolle hinsichtlich Wirksamkeit und Nebenwirkungen.

Lebensstil: kein Alkohol während der Therapie, sicherheitsbedachtes Verhalten wegen Sedierung. Bei chronischer Anwendung regelmäßige ärztliche Reevaluation der Indikation.

Verkehrstüchtigkeit: Hydroxyzine kann die Reaktionsfähigkeit erheblich beeinträchtigen. Für die ersten Tage und nach Dosisanpassungen kein Autofahren oder Bedienen schwerer Maschinen. Im stabilen Verlauf individuelle Beurteilung mit dem behandelnden Arzt.

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Häufig gestellte Fragen

Wann wirkt Hydroxyzine besser als ein modernes Antihistaminikum?

Bei akutem starkem Juckreiz mit Schlafstörung oder bei generalisierter Angststörung kann die zentral dämpfende und anxiolytische Wirkung von Hydroxyzine erwünscht sein. Hier bietet der Wirkstoff gegenüber nicht sedierenden Antihistaminika wie Loratadin oder Cetirizin Vorteile. Bei reinen allergischen Symptomen ohne diese Komponente sind moderne, nicht sedierende Antihistaminika in der Regel besser geeignet.

Macht Hydroxyzine süchtig?

Hydroxyzine löst keine körperliche oder psychische Abhängigkeit aus. Anders als Benzodiazepine lässt es sich daher als anxiolytisches Mittel ohne Suchtgefahr einsetzen. Allerdings können sich eine Toleranz und eine psychische Gewöhnung an die schlaffördernde Wirkung entwickeln. Beim Absetzen nach längerer Anwendung sind keine Entzugssymptome zu erwarten. Schlafstörungen können jedoch vorübergehend wieder auftreten.

Warum ist die QT Verlängerung unter Hydroxyzine wichtig?

Eine verlängerte QT Zeit kann zu Torsade de Pointes Tachykardien führen, einer lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörung. Daher gelten seit 2015 verschärfte Anwendungshinweise mit Maximaldosen, Vorsicht bei älteren Patienten und Kontraindikation bei kongenitalem Long QT Syndrom oder Komedikation mit QT verlängernden Substanzen. Vor Therapiebeginn ist bei Risikopatienten eine EKG Kontrolle empfohlen.

Welche Beziehung besteht zwischen Hydroxyzine und Cetirizin?

Cetirizin ist der wichtigste pharmakologisch aktive Metabolit von Hydroxyzine. Bei der Einnahme von Hydroxyzine werden etwa 60 Prozent zu Cetirizin metabolisiert. Cetirizin ist ein modernes, nicht sedierendes Antihistaminikum und heute selbst als eigenes Arzneimittel etabliert. Wer nur eine antihistaminische Wirkung ohne Sedierung wünscht, ist mit Cetirizin daher meist besser beraten als mit Hydroxyzine.

Quellen

Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss

Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Hydroxyzine ist verschreibungspflichtig und sollte nur unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden, mit Beachtung der QT Risiken und individuellen Komorbiditäten. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen, maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.