Sevofluran: Volatiles Inhalationsanästhetikum in der modernen Allgemeinanästhesie

Sevofluran ist ein fluoriertes volatiles Inhalationsanästhetikum, das seit den 1990er Jahren in der modernen Anästhesie weltweit verbreitet ist. Bekannte Handelsnamen sind Sevorane (Abbvie/AbbVie) und Sevoflurane Generika. Sevofluran hat das ältere Halothan und Enfluran in vielen Ländern weitgehend abgelöst und ist heute zusammen mit Desfluran und Isofluran das meistverwendete Inhalationsanästhetikum.

Sevofluran zeichnet sich durch nicht reizenden Geruch, geringe Reizung der Atemwege und schnelle Anflutung aus, was es besonders für die Inhalations Einleitung bei Kindern und für die ambulante Anästhesie geeignet macht. Es wird sowohl zur Einleitung als auch zur Aufrechterhaltung der Allgemeinanästhesie verwendet.

Wirkmechanismus

Der genaue molekulare Wirkmechanismus volatiler Anästhetika ist nicht abschließend geklärt. Wahrscheinlich wirkt Sevofluran an mehreren Zielstrukturen im ZNS, darunter Verstärkung GABA A vermittelter Hemmung, Hemmung NMDA Rezeptor vermittelter Erregung, Aktivierung von zwei Poren Kaliumkanälen und Modulation glutamaterger Synapsen. Die Summe dieser Effekte führt zu Bewusstlosigkeit, Analgesie, Amnesie und Muskelrelaxation.

Die anästhetische Potenz wird durch den minimalen alveolären Konzentrationswert (MAC) gemessen. Sevofluran hat einen MAC von 2,0 Volumenprozent für Erwachsene, der mit zunehmendem Alter sinkt und bei Kindern etwas höher liegt. Die Aufnahme und Eliminierung erfolgt fast ausschließlich über die Lungen, was eine sehr feine Steuerbarkeit ermöglicht.

Etwa 5 Prozent des aufgenommenen Sevofluran werden in der Leber durch CYP2E1 metabolisiert, wobei anorganisches Fluorid und Hexafluoroisopropanol entstehen. Diese Metabolite können bei sehr hohen oder sehr langen Anwendungen theoretisch nephrotoxisch sein, in der klinischen Praxis ist dies kein relevantes Problem. Bei Kontakt mit trockenem CO2 Absorber kann Sevofluran zur potenziell toxischen Verbindung A umgewandelt werden, was bei modernen Geräten und CO2 Absorbern aber selten klinisch relevant wird.

Anwendungsgebiete

  • Einleitung der Allgemeinanästhesie: per Inhalation, vor allem bei Kindern und bei Patientinnen und Patienten mit erschwerter Venenpunktion
  • Aufrechterhaltung der Allgemeinanästhesie: in Kombination mit Sauerstoff, Lachgas oder anderen Anästhetika
  • Sedierung in der Intensivmedizin: mit speziellen Geräten (AnaConDa) für analgosedierte beatmete Patientinnen und Patienten
  • Bronchodilatation: bei schwerem refraktärem Status asthmaticus als Ultima Ratio

Dosierung und Anwendung

Inhalations Einleitung: Konzentrationen von 4 bis 8 Volumenprozent in einem Sauerstoff Lachgas Gemisch. Bewusstseinsverlust nach 2 bis 3 Atemzügen bei hoher Konzentration. Aufrechterhaltung: 0,5 bis 3 Volumenprozent in Sauerstoff oder Sauerstoff Lachgas Gemisch.

Bei Kindern: oft niedrigere Konzentrationen, weil die MAC altersabhängig variiert. Bei Säuglingen und Kleinkindern besonders sorgfältige Überwachung wegen Bradykardie und Atemdepression.

Anwendung: ausschließlich über speziell zugelassene Anästhesiegeräte mit Verdampfer. Die Anwendung darf nur durch oder unter direkter Aufsicht von Anästhesistinnen und Anästhesisten erfolgen.

Nebenwirkungen

Häufig: postoperative Übelkeit und Erbrechen (PONV) bei etwa 30 Prozent, vor allem bei Frauen und nach längeren Eingriffen; Hypotonie dosisabhängig durch Vasodilatation und negative Inotropie; Bradykardie; Aufwachzittern und postoperatives Delir besonders bei Älteren und bei Kindern (Emergence Delirium).

Selten, aber wichtig: maligne Hyperthermie (genetisch prädisponierte Reaktion mit lebensbedrohlicher Hyperthermie und Muskelrigidität, Therapie mit Dantrolen); QT Verlängerung und Arrhythmien; Hepatotoxizität (sehr selten); Verbindung A Bildung mit theoretischer Nephrotoxizität; postoperative kognitive Dysfunktion vor allem bei Älteren.

Wichtig: die maligne Hyperthermie ist eine seltene, aber lebensbedrohliche Komplikation. Bei Verdacht (Anstieg von endtidaler CO2 Konzentration, Tachykardie, Muskelrigidität, Hyperthermie) sofortige Beendigung der Sevofluran Anwendung, Hyperventilation mit 100 Prozent Sauerstoff, Dantrolen Gabe und symptomatische intensivmedizinische Therapie.

Wechselwirkungen

  • Andere ZNS Depressiva (Opioide, Benzodiazepine, Propofol): additive Wirkung, geringere Sevofluran Konzentrationen ausreichend
  • Nicht depolarisierende Muskelrelaxantien (Rocuronium, Vecuronium): Verstärkung und Verlängerung der Wirkung
  • Sympathomimetika (Adrenalin): erhöhtes Arrhythmie Risiko
  • Calciumantagonisten: additive Hypotonie
  • St. Johanniskraut und CYP2E1 Induktoren: theoretisch erhöhte Metaboliten Bildung

Besondere Hinweise

Schwangerschaft und Stillzeit: Sevofluran wird in der Geburtshilfe und bei Kaiserschnitt eingesetzt. Bei stillenden Patientinnen kann nach kurzen Eingriffen weitergestillt werden, da Sevofluran rasch über die Lunge eliminiert wird.

Maligne Hyperthermie Disposition: Patientinnen und Patienten mit familiärer Disposition oder positivem Triggertest für maligne Hyperthermie dürfen kein Sevofluran erhalten. Alternative Anästhesieverfahren (totale intravenöse Anästhesie mit Propofol, Regionalanästhesie) sind angezeigt. Eine Sevofluran kontaminierte Anästhesie Maschine muss vor Anwendung sorgfältig dekontaminiert werden.

Postoperative Phase: Patientinnen und Patienten sollten im Aufwachraum überwacht werden, bis sie wach, kreislaufstabil und orientiert sind. Übelkeit und Erbrechen können prophylaktisch behandelt werden (Dexamethason, Ondansetron).

Umweltaspekte: Inhalationsanästhetika sind Treibhausgase mit erheblichem CO2 Äquivalent. Moderne Konzepte zur Reduktion von Frischgasflüssen (Niedrigfluss Anästhesie) und Recycling Geräten reduzieren den Umweltimpakt.

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Häufig gestellte Fragen

Warum wird Sevofluran besonders bei Kindern verwendet?

Sevofluran hat einen nicht reizenden Geruch und reizt die Atemwege weniger als andere Inhalationsanästhetika. Bei Kindern wird die Anästhesie häufig per Maske mit Sevofluran eingeleitet, weil Venenpunktionen am wachen Kind oft schwierig und traumatisch sind. Nach Bewusstseinsverlust kann dann ein intravenöser Zugang gelegt werden.

Was ist maligne Hyperthermie?

Maligne Hyperthermie ist eine seltene, genetisch bedingte Reaktion auf bestimmte Anästhetika, vor allem volatile Inhalationsanästhetika und depolarisierende Muskelrelaxantien (Succinylcholin). Sie führt zu unkontrollierter Skelettmuskel Aktivierung, schwerer Hyperthermie, Acidose, Rhabdomyolyse und kann ohne Behandlung tödlich verlaufen. Die Therapie mit Dantrolen hat die Prognose seit den 1980er Jahren deutlich verbessert. Patientinnen und Patienten mit familiärer Disposition sollten dies vor jeder Anästhesie ankündigen.

Warum bin ich nach der Operation übel?

Postoperative Übelkeit und Erbrechen (PONV) ist eine der häufigsten Nebenwirkungen von Inhalationsanästhetika und tritt bei etwa 30 Prozent der Patientinnen und Patienten auf. Risikofaktoren sind weibliches Geschlecht, Nichtraucher, Reiseübelkeit in der Anamnese und längere Eingriffsdauer. Prophylaxe mit Dexamethason und Ondansetron, alternativ Regionalanästhesie oder totale intravenöse Anästhesie mit Propofol reduzieren das Risiko erheblich.

Wann wache ich nach Sevofluran wieder auf?

Sevofluran wird sehr rasch über die Lunge eliminiert. Bei Beendigung der Zufuhr sinkt die Konzentration im Gehirn innerhalb von 5 bis 10 Minuten so weit ab, dass die Patientinnen und Patienten erwachen. Diese schnelle Eliminierung macht Sevofluran besonders geeignet für ambulante und kurze Eingriffe.

Quellen

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