Bimatoprost: Prostaglandin Analogon bei Glaukom und Hypotrichose der Wimpern
Bimatoprost ist ein synthetisches Prostaglandin F2alpha Analogon. In der Augenheilkunde wird es seit 2002 eingesetzt, um den erhöhten Augeninnendruck bei Offenwinkelglaukom und okulärer Hypertension zu senken. Bekannt ist es vor allem unter den Handelsnamen Lumigan (Augentropfen) und Latisse (US Markt) sowie Ganfort (Kombinationspräparat mit Timolol). Eine zweite, kosmetisch motivierte Indikation ist die Hypotrichose der Augenwimpern: Hier fördert Bimatoprost als topische Lösung das Wachstum der Wimpern in Länge, Dichte und Pigmentierung.
Die Substanz gehört zur first line Therapie des Glaukoms, denn sie senkt den Augeninnendruck wirksam und ist gut verträglich. Sie tragen das Präparat nur einmal täglich auf, was die Compliance erleichtert. Das wiegt bei einer chronischen, asymptomatischen Erkrankung wie dem Glaukom besonders schwer. Glaukom ist die zweithäufigste Ursache von Erblindung weltweit, in Deutschland sind etwa eine Million Menschen betroffen, wenngleich viele nicht diagnostiziert sind.
Wirkmechanismus
Bimatoprost ist ein Prostamid, eine Variante von Prostaglandin F2alpha. Nach topischer Applikation wird es in der Hornhaut zu freier Säure hydrolysiert, die dann an den FP Prostaglandinrezeptor im Trabekelmaschenwerk und im uveoskleralen Abflusssystem bindet. Der wesentliche Effekt ist eine Verstärkung des uveoskleralen Kammerwasserabflusses, also des sekundären Abflussweges, sowie in geringerem Maß eine Verbesserung des trabekulären Abflusses.
Im Glaukom ist der Augeninnendruck erhöht, weil entweder die Kammerwasserproduktion zu hoch ist oder der Abfluss behindert ist. Eine chronische Drucksteigerung schädigt die Sehnervenfasern an der Papille und führt zur typischen Gesichtsfeldeinschränkung. Bimatoprost senkt den intraokularen Druck (IOD) um etwa 25 bis 33 Prozent, vergleichbar mit anderen Prostaglandin Analoga und stärker als Timolol oder Brimonidin in den meisten Studien.
Die Wirkung auf das Wimpernwachstum erklärt sich durch die Verlängerung der Anagenphase im Haarzyklus und Stimulation der Melanozyten. Diese pleiotrope Wirkung wurde zunächst als Nebeneffekt bei Glaukompatienten beobachtet und später kosmetisch entwickelt.
Anwendungsgebiete
- Primäres Offenwinkelglaukom (POAG): Erstlinientherapie zur Senkung des Augeninnendrucks
- Okuläre Hypertension: Drucksenkung zur Vermeidung der Glaukomprogression
- Pigmentdispersionsglaukom, Pseudoexfoliationsglaukom: sekundäre Glaukomformen mit erhöhtem IOD
- Hypotrichose der Augenwimpern: kosmetische Indikation, in den USA zugelassen, in Europa als off label oder über Cosmeceuticals
- Kombinationstherapie bei unzureichender Drucksenkung mit Monotherapie, häufig in fixen Kombinationen mit Timolol
Dosierung und Anwendung
Glaukom: ein Tropfen Bimatoprost 0,01 oder 0,03 Prozent in den Bindehautsack des betroffenen Auges einmal täglich, vorzugsweise abends. Häufigere Anwendung verstärkt die Wirkung nicht, kann sie sogar abschwächen (Tachyphylaxie).
Wimpernlösung: einmal täglich abends ein Tropfen entlang des oberen Lidrandes mit einem sterilen Applikator auftragen. Sichtbare Effekte nach acht bis zwölf Wochen, volle Wirkung nach 16 Wochen. Nach Absetzen kehrt das Wimpernwachstum innerhalb weniger Monate zum Ausgangsstatus zurück.
Anwendungstipps: Kontaktlinsen vor dem Tropfen entfernen und nach 15 Minuten wieder einsetzen. Nach Eintropfen sanft die Tränenwege im inneren Augenwinkel komprimieren, um systemische Resorption und Geschmacksstörungen zu reduzieren. Mehrere Augentropfen im Abstand von mindestens fünf Minuten anwenden.
Nebenwirkungen
Sehr häufig: Konjunktivale Hyperämie (Augenrötung), gerade in den ersten Wochen ausgeprägt; Wimpernwachstum, Verlängerung und Verdickung; Pruritus, leichter Fremdkörpergefühl, trockene Augen.
Häufig: Irispigmentierung mit verstärkter Bräunung der Iris, vor allem bei mischfarbigen Iriden (irreversibel); periokuläre Hyperpigmentierung der Lidhaut; Vertiefung des oberen Lidsulcus durch periorbitale Lipoatrophie (PAP, prostaglandin associated periorbitopathy).
Gelegentlich bis selten: zystoides Makulaödem (vor allem bei Pseudophakie und Aphakie), Reaktivierung Herpes simplex Keratitis, Uveitis, Asthmaauslösung bei Patienten mit bronchialer Hyperreagibilität, Kopfschmerzen.
Wichtig, kosmetische Effekte: Patientinnen und Patienten müssen vor Therapiebeginn über die mögliche dauerhafte Veränderung der Augenfarbe und der periorbitalen Region aufgeklärt werden, da diese irreversibel sein können.
Wechselwirkungen
- Andere Prostaglandin Analoga (Latanoprost, Travoprost): kein additiver Nutzen bei Kombination, eher konkurrierende Effekte
- Timolol und andere Betablocker am Auge: additive IOD Senkung, sinnvoll als Kombinationstherapie (Ganfort, Combigan)
- Pilocarpin: beide IOD senkend, klinisch verträglich
- Systemische Betablocker: additiver Effekt mit topischen Betablockern, besondere Vorsicht bei Asthma und Herzinsuffizienz
- Brimonidin (Alpha 2 Agonist): additiv, oft Kombinationstherapie
Besondere Hinweise
Schwangerschaft und Stillzeit: Bimatoprost ist nicht für die Anwendung während der Schwangerschaft empfohlen, weil Prostaglandine theoretisch Wehen auslösen können. In der Stillzeit liegen keine ausreichenden Daten vor, das Risiko für den Säugling wird als gering eingeschätzt, eine fachärztliche Abwägung ist erforderlich.
Kontaktlinsen: die meisten Bimatoprost Präparate enthalten Benzalkoniumchlorid als Konservierungsmittel, das von weichen Kontaktlinsen aufgenommen wird. Linsen vor dem Tropfen entfernen und nach 15 Minuten wieder einsetzen. Konservierungsmittelfreie Einzeldosis Präparate sind eine Alternative bei trockenen Augen oder Unverträglichkeit.
Therapieadhärenz: Glaukom ist asymptomatisch, viele Patientinnen und Patienten lassen die Therapie schleifen. Diese Therapieuntreue ist die häufigste Ursache des Sehnervenschadens unter laufender Verschreibung. Erinnerungssysteme, fixe Kombinationen mit weniger Tropfen und ausführliche Aufklärung verbessern die Adhärenz.
Wechseln nach unzureichender Wirkung: wenn der IOD nach vier bis sechs Wochen nicht ausreichend gesenkt ist, kann auf ein anderes Prostaglandin Analogon gewechselt oder ein zweites Wirkprinzip ergänzt werden. Bei trotzdem unzureichender Druckkontrolle stehen Lasertherapie (SLT) und chirurgische Verfahren zur Verfügung.
Das könnte Sie auch interessieren
- Latanoprost, weiteres Prostaglandin Analogon
- Timolol, Betablocker zur IOD Senkung
- Brimonidin, Alpha 2 Agonist
- Dorzolamid, Carboanhydrase Hemmer
- Pilocarpin, Cholinergikum am Auge
Häufig gestellte Fragen
Werden meine Augen wirklich braun unter Bimatoprost?
Bei mischfarbigen Iriden (grün braun, blau braun, hasel) kann sich die Pigmentierung dauerhaft verändern, weil das Mittel die Melanozyten in der Iris stimuliert. Bei rein blauen oder rein braunen Augen ist der Effekt selten oder kaum sichtbar. Die Veränderung verläuft langsam und schmerzfrei und ist nach Absetzen in der Regel nicht reversibel. Vor Therapiebeginn klärt Ihr Augenarzt Sie darüber auf.
Wann sollte ich die Augentropfen anwenden?
Wenden Sie die Tropfen idealerweise einmal abends an. Häufigere Anwendung steigert die Wirkung nicht, sondern kann sie sogar abschwächen. Wenn Sie weitere Augentropfen benötigen, halten Sie mindestens fünf Minuten Abstand ein und geben Sie das aktive Prostaglandin als letztes.
Kann ich mit Bimatoprost meine Wimpern wachsen lassen?
In den USA ist eine kosmetische Bimatoprost Lösung (Latisse) zugelassen, in Europa nicht. Die Wirkung ist real, aber begrenzt: Die Wimpern werden länger, dichter und dunkler, kehren nach Absetzen jedoch zum Ausgangsstatus zurück. Bedenken Sie mögliche Nebenwirkungen wie periorbitale Hyperpigmentierung und Augenreizung; eine ärztliche Beratung ist sinnvoll.
Was tun bei roten Augen unter Bimatoprost?
Eine konjunktivale Hyperämie tritt in den ersten Wochen häufig auf und ist meist mild. Bei stärkerer oder anhaltender Rötung informieren Sie Ihren Augenarzt; eventuell wird eine konservierungsmittelfreie Variante oder ein anderes Präparat verordnet. Eine Tachyphylaxie nach mehreren Wochen ist häufig.
Quellen
- EMA, Lumigan (Bimatoprost) EPAR
- Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft, Glaukom Leitlinien
- Gelbe Liste, Bimatoprost Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
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