Glycopyrronium: Wirkung als peripheres Anticholinergikum
Glycopyrronium (auch Glycopyrrolat genannt, Handelsnamen Seebri Breezhaler in der COPD Therapie, Sialanar als orale Lösung bei Hypersalivation, Robinul intravenös in der Anästhesie) ist ein quartäres Anticholinergikum mit überwiegend peripherer Wirkung. Im Gegensatz zu tertiären Anticholinergika wie Atropin oder Scopolamin überquert Glycopyrronium die Blut Hirn Schranke kaum. Das macht es besonders wertvoll, weil zentrale Nebenwirkungen wie Verwirrtheit, Halluzinationen oder Sedierung deutlich seltener auftreten.
In Deutschland hat Glycopyrronium drei klinisch relevante Anwendungsbereiche: als langwirksames Anticholinergikum zur Inhalation bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD), als orale Lösung zur Behandlung der schweren Hypersalivation bei Kindern mit neurologischen Erkrankungen und als parenterales Adjuvans in der Anästhesie zur Reduktion sekretorischer und vagaler Reflexe. Die topische Anwendung als Lösung gegen axilläre Hyperhidrose ist eine weitere relevante Indikation.
Wirkmechanismus
Glycopyrronium blockiert kompetitiv muskarinische Acetylcholinrezeptoren der Subtypen M1 bis M3 in glatter Muskulatur, Drüsen und am Herzen. An der Bronchialschleimhaut führt die M3 Blockade zur Bronchodilatation und reduziert die Schleimsekretion. An exokrinen Drüsen (Speichel, Schweiß, Bronchialdrüsen) hemmt Glycopyrronium die Sekretion deutlich. Am Herzen wirkt es über M2 Blockade leicht frequenzsteigernd.
Die quartäre Ammoniumstruktur und die hohe Polarität verhindern eine relevante Passage durch die Blut Hirn Schranke. Daraus erklärt sich der klinische Vorteil gegenüber Atropin oder Scopolamin: weniger zentrale Nebenwirkungen, weniger Verwirrtheit, weniger Sedierung. Bei älteren Patienten und in der Pädiatrie ist diese Eigenschaft besonders wertvoll.
Die Pharmakokinetik unterscheidet sich nach Anwendungsweg. Inhalativ wirkt Glycopyrronium lange (24 Stunden Bronchodilatation), die systemische Resorption ist gering. Oral hat es eine geringe Bioverfügbarkeit (etwa 3 bis 5 Prozent), weshalb mehrfache tägliche Gaben nötig sind. Intravenös tritt die Wirkung innerhalb von 1 Minute ein, die Halbwertszeit liegt bei rund 0,8 bis 1,3 Stunden, die Wirkdauer beträgt 2 bis 3 Stunden.
Anwendungsgebiete
- Chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), inhalativ als langwirksames Anticholinergikum (LAMA), oft in Fixkombination mit langwirksamen Beta 2 Agonisten
- Schwere Hypersalivation bei Kindern mit neurologischen Erkrankungen (zum Beispiel Cerebralparese), orale Lösung
- Reduktion sekretorischer und vagaler Reflexe in der Anästhesie, parenterale Anwendung gemeinsam mit Opioiden oder Muskelrelaxansantagonisten
- Antagonisierung nicht depolarisierender Muskelrelaxanzien, in Kombination mit Neostigmin als peripheres Anticholinergikum zur Reduktion bradykarder und bronchospastischer Effekte
- Axilläre Hyperhidrose, topische Lösung in spezialisierter dermatologischer Anwendung
- Palliative Sekretkontrolle bei Rasselatmung am Lebensende, parenteral oder subkutan
Glycopyrronium ist nicht erste Wahl bei akuten allergischen Reaktionen, Asthma als Erstmedikament oder bei zentralnervöser Anwendung. Eine Selbstmedikation gibt es nicht.
Dosierung und Anwendung
COPD inhalativ: 50 µg einmal täglich (Seebri Breezhaler), als Pulverinhalation. Bei Fixkombinationen mit Beta 2 Agonisten oder Glukokortikoiden sind die Dosierungen entsprechend angepasst.
Hypersalivation Kinder (Sialanar): Beginn 12,8 µg pro kg Körpergewicht drei mal täglich (entspricht Glycopyrroniumbromid 16 µg pro kg drei mal täglich), Steigerung bis zur klinischen Wirkung, maximal 64 µg pro kg drei mal täglich Glycopyrroniumbromid.
Anästhesie intravenös: 0,2 bis 0,4 mg als Bolus, in Kombination mit Neostigmin 0,01 bis 0,02 mg pro kg Glycopyrronium. Bei Bradykardie 0,1 bis 0,2 mg intravenös.
Palliative Sekretkontrolle: 0,2 bis 0,4 mg subkutan alle 4 bis 6 Stunden oder kontinuierliche Infusion 0,6 bis 2,4 mg pro 24 Stunden.
Niereninsuffizienz: bei eGFR unter 30 ml pro Minute Vorsicht und reduzierte Dosis, weil Glycopyrronium überwiegend renal eliminiert wird. Leberinsuffizienz: in der Regel keine Dosisanpassung erforderlich.
Anwendungstechnik inhalativ: Pulverinhalator korrekt vorbereiten, tiefer schneller Atemzug, Atem 5 bis 10 Sekunden anhalten, anschließend ausatmen. Nach Inhalation Mund spülen.
Hände waschen nach oraler Anwendung von Sialanar, weil ein versehentlicher Augenkontakt zu Pupillenerweiterung und Sehstörungen führen kann.
Nebenwirkungen
Häufig: Mundtrockenheit, Verstopfung, Harnverhalt, verschwommenes Sehen mit Akkommodationsstörung, Hautrötung, vermehrte Hautwärme.
Gelegentlich: Tachykardie, Palpitationen, Übelkeit, Bauchschmerzen, allergische Hautreaktionen, lokale Reizung an der Anwendungsstelle (inhalativ oder topisch).
Selten: Engwinkelglaukom Anfall bei prädisponierten Patienten, paradoxe Bronchospasmen, AV Block bei höheren Dosen, akute Verwirrtheit (sehr selten wegen geringer ZNS Gängigkeit, dennoch möglich bei sehr hohen Dosen oder bei alten Patienten).
Hitzeintoleranz: Anticholinergika reduzieren das Schwitzen, was bei Hitzewellen das Risiko für Hyperthermie erhöht. Vor allem bei älteren Menschen und Kindern darauf achten und ausreichend trinken.
Bei Kindern unter Sialanar: Verhaltensänderungen, Schlafstörungen, Verstopfung, vermehrte Atemwegsinfekte und Wachstumsbeobachtung sind klinisch zu monitorisieren.
Wechselwirkungen
- Andere Anticholinergika (Trizyklika, Antihistaminika erster Generation, Spasmolytika, andere inhalative Anticholinergika wie Tiotropium): additive anticholinerge Wirkung mit Verwirrtheit, Tachykardie und Harnverhalt.
- Cholinesterasehemmer (Donepezil, Rivastigmin, Pyridostigmin): pharmakologischer Antagonismus, gegenseitige Wirkungsabschwächung.
- Beta Blocker: keine spezifische Wechselwirkung, in der COPD Therapie können beide kombiniert werden.
- Sympathomimetika (Beta 2 Agonisten wie Salbutamol, Formoterol, Indacaterol): synergistische bronchodilatatorische Wirkung erwünscht, häufige Fixkombination.
- Antiarrhythmika: Vorsicht bei Tachykardie Risiko, vor allem mit Klasse Ia und III Substanzen.
- Magen Darm motilitätsfördernde Substanzen (Metoclopramid, Domperidon, Prucaloprid): gegenseitige Wirkungsabschwächung.
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: Daten begrenzt. Bei zwingender Indikation Anwendung nach individueller Risiko Nutzen Abwägung. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch nicht ausreichend untersucht, Anwendung nur nach individueller Beratung.
Kinder: Sialanar ist ab 3 Jahren bei schwerer Hypersalivation in neurologischen Indikationen zugelassen. Ab Kindheit Vorsicht wegen anticholinerger Wirkungen, regelmäßige Verlaufskontrollen.
Ältere Patienten: trotz geringer ZNS Gängigkeit Vorsicht wegen Sturzrisiko, Verstopfung und Harnverhalt. Niedrige Startdosis, regelmäßige klinische Beurteilung.
Vor Therapiebeginn: Anamnese auf Engwinkelglaukom, schwere Magen Darm Erkrankung mit Atonie, Myasthenia gravis, Prostatahyperplasie mit Restharn. Diese Konstellationen sind Kontraindikationen oder Konstellationen mit besonderer Vorsicht.
Bei Asthma: Glycopyrronium ist nicht primär für Asthma zugelassen. Bei COPD mit Asthma Komponente individuelle Bewertung.
Bei Sialanar: orale Lösung 30 Minuten vor oder mindestens 2 Stunden nach einer Mahlzeit einnehmen, weil Nahrung die Bioverfügbarkeit reduziert.
Verkehrstüchtigkeit: verschwommenes Sehen kann Auto fahren beeinträchtigen, individuelle Beurteilung. Bei stabiler Therapie meist erhalten.
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Häufig gestellte Fragen
Worin unterscheidet sich Glycopyrronium von Atropin?
Beide blockieren muskarinische Rezeptoren. Atropin ist tertiär und ZNS gängig, Glycopyrronium quartär und kaum ZNS gängig. Daraus ergeben sich weniger zentrale Nebenwirkungen wie Verwirrtheit oder Sedierung unter Glycopyrronium, was vor allem bei älteren Menschen und Kindern relevant ist.
Warum wird Glycopyrronium in der COPD eingesetzt?
Als langwirksames Anticholinergikum (LAMA) entspannt es die Bronchialmuskulatur über 24 Stunden und reduziert die Bronchialsekretion. In Studien verbessert es Lungenfunktion, körperliche Leistungsfähigkeit und Exazerbationsrate. Häufig wird es mit langwirksamen Beta 2 Agonisten oder ICS in Fixkombinationen angewendet.
Was ist Sialanar?
Sialanar ist eine orale Lösung mit Glycopyrroniumbromid zur Behandlung schwerer Hypersalivation bei Kindern und Jugendlichen mit chronischen neurologischen Erkrankungen wie Cerebralparese. Die Therapie reduziert den Speichelfluss, der bei diesen Patienten zu Hautreizungen, Aspiration und sozialer Beeinträchtigung führen kann.
Welche Nebenwirkungen sind besonders zu beachten?
Mundtrockenheit, Verstopfung und Harnverhalt sind häufig und meist tolerierbar. Verschwommenes Sehen kann Tätigkeiten mit hoher Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Bei Engwinkelglaukom oder Prostatahyperplasie mit Restharn ist die Anwendung kritisch, eine ärztliche Anamnese vor Therapiestart obligat.
Quellen
- Gelbe Liste, Glycopyrronium Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- AWMF, Leitlinien zu COPD und Hypersalivation
- GOLD Initiative, COPD Empfehlungen
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