Golimumab: TNF alpha Antikörper bei Rheuma und CU
Golimumab (Handelsname Simponi, in einigen Ländern auch Simponi Aria) ist ein vollständig humaner monoklonaler IgG1 Kappa Antikörper, der den Tumornekrosefaktor alpha (TNF alpha) bindet und neutralisiert. Der Wirkstoff wurde 2009 von der EMA zugelassen und ist Teil der Anti TNF Therapeutika neben Infliximab, Adalimumab, Etanercept und Certolizumab pegol.
Im Vergleich zu den älteren Anti TNF Wirkstoffen punktet Golimumab mit einer monatlichen subkutanen Injektion (50 mg), die Patienten zu Hause selbst verabreichen können. Für Colitis ulcerosa existiert eine intravenöse Variante (Simponi Aria), für rheumatoide Arthritis steht Simponi Aria in einigen Ländern als alternative Applikationsform zur Verfügung.
Wirkmechanismus
TNF alpha ist ein zentraler Mediator chronisch entzündlicher Erkrankungen. Das Zytokin wird von Makrophagen, T Zellen und anderen Immunzellen produziert, bindet an die Rezeptoren TNFR1 und TNFR2 und aktiviert über NF kappa B und MAP Kinase Wege die Freisetzung weiterer entzündlicher Zytokine, Adhäsionsmoleküle und Matrix Metalloproteinasen. In Geweben wie Synovia, Darmmukosa oder Haut führt das zu Gelenkdestruktion, Ulzerationen und Plaquesbildung.
Golimumab bindet sowohl die lösliche als auch die membrangebundene Form von TNF alpha mit hoher Affinität. Dadurch wird die Bindung an TNF Rezeptoren blockiert und die nachgeschaltete entzündliche Signalkaskade unterbrochen. Klinisch zeigen sich rasche Symptomverbesserung, Reduktion von Akute Phase Proteinen wie CRP, Bremsung der radiographischen Progression bei Arthritiden und Schleimhautheilung bei Colitis ulcerosa.
Anwendungsgebiete
- Rheumatoide Arthritis (RA): mittelschwer bis schwer aktive Form, in Kombination mit Methotrexat, bei Methotrexat Unverträglichkeit auch als Monotherapie
- Psoriasis Arthritis: aktive und progrediente Form bei unzureichendem Ansprechen auf DMARDs
- Axiale Spondyloarthritis: Morbus Bechterew (ankylosierende Spondylitis) und nicht röntgenologische axiale SpA
- Colitis ulcerosa: mittelschwere bis schwere aktive Form bei Erwachsenen, die unzureichend auf konventionelle Therapie ansprechen
- Polyartikuläre juvenile idiopathische Arthritis: bei Kindern ab 2 Jahren mit unzureichendem Ansprechen auf Methotrexat
Dosierung und Anwendung
Subkutan (Simponi): 50 mg einmal monatlich, immer am gleichen Tag des Monats. Bei Patienten über 100 kg Körpergewicht mit unzureichendem Ansprechen kann auf 100 mg monatlich erhöht werden.
Colitis ulcerosa intravenös (Simponi Aria): Induktion 200 mg in Woche 0, 100 mg in Woche 2, anschließend 100 mg alle 4 Wochen. Subkutan: 200 mg Woche 0, 100 mg Woche 2, dann 50 mg alle 4 Wochen (bei Patienten unter 80 kg) oder 100 mg alle 4 Wochen (bei Patienten ab 80 kg).
Die subkutane Injektion erfolgt in den Oberschenkel oder Bauch. Beim ersten Mal wird die Anwendung im klinischen Setting demonstriert; danach können Patienten den Fertigpen oder die Fertigspritze selbständig nutzen. Wichtig ist, die Injektionsstelle zu rotieren und die Lösung vor Anwendung 30 Minuten auf Raumtemperatur kommen zu lassen.
Nebenwirkungen
Sehr häufig (über 10 %): Infektionen der oberen Atemwege, Reaktionen an der Injektionsstelle (Rötung, Schmerz, Pruritus).
Häufig: bakterielle Infektionen, Sinusitis, Bronchitis, Herpes zoster, Anämie, allergische Reaktionen, Schwindel, Kopfschmerz, Hypertonie, Diarrhö, Übelkeit, erhöhte Lebertransaminasen, Pruritus, Hautausschlag.
Gelegentlich: opportunistische Infektionen (Tuberkulose Reaktivierung, invasive Mykosen), Psoriasis paradoxa, Lupus ähnliche Reaktionen, Demyelinisierungen, Leukopenie, Herzinsuffizienz Verschlechterung, Pankreatitis.
Selten und sehr selten: Lymphome (insbesondere hepatosplenisches T Zell Lymphom bei jungen Männern unter Anti TNF plus Thiopurin), Vaskulitis, Hepatitis, schwere allergische Reaktionen.
Wichtige Warnhinweise:
- Vor Therapiebeginn aktiver und latenter Tuberkulose Ausschluss (Quantiferon, Röntgen Thorax)
- Hepatitis B Screening, Reaktivierung bei chronischer HBV möglich
- Lebendimpfungen während der Therapie kontraindiziert
- Bei schweren Infektionen Therapie pausieren
Wechselwirkungen
- Andere Biologika (Anakinra, Abatacept, Rituximab): erhöhtes Infektionsrisiko, Kombination nicht empfohlen
- Lebendimpfstoffe (MMR, Varizellen, Gelbfieber): während der Therapie und mehrere Monate danach kontraindiziert
- CYP450 Substrate: bei Reduktion entzündlicher Zytokine kann die Aktivität bestimmter CYP Enzyme normalisieren; Theophyllin, Warfarin oder Cyclosporin Spiegel ggf. anpassen
- Methotrexat: sinnvolle Kombination, reduziert auch die Bildung anti drug Antikörper gegen Golimumab
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: Erfahrungen wachsen, große Registerdaten zeigen kein erhöhtes Fehlbildungsrisiko. Wenn klinisch erforderlich, kann Golimumab im ersten und zweiten Trimenon eingesetzt werden. Im dritten Trimenon erfolgt aktiver plazentarer Transfer; Lebendimpfungen beim Säugling sollten in den ersten 6 bis 12 Monaten unterbleiben.
Stillzeit: kleine Mengen gehen in die Muttermilch über, werden aber im Säuglingsdarm vermutlich abgebaut. Stillen unter Therapie wird zunehmend als vertretbar eingestuft, individuelle Nutzen Risiko Abwägung.
Operationen: Empfehlungen variieren, oft wird Golimumab vor elektiven Eingriffen für ein bis zwei Dosisintervalle pausiert und nach Wundheilung wieder begonnen.
Reisen: Patienten sollten den Pen kühlen (2 bis 8 °C), für Reisen sind 30 Tage bei Raumtemperatur möglich. Tropenreisen mit hohem Infektionsrisiko sind individuell abzuwägen.
Therapieversagen: Bei sekundärem Wirkverlust können Talspiegel und anti drug Antikörper bestimmt werden. Häufig hilft eine Dosisanpassung, eine Switch auf einen anderen Anti TNF oder ein Klassenwechsel.
Verwandte Wirkstoffe
- Adalimumab, Anti TNF mit ähnlichem Profil und vielen Indikationen
- Infliximab, intravenöser Anti TNF mit langer Erfahrung
- Methotrexat, das Standard cDMARD bei rheumatoider Arthritis
- Tofacitinib, oraler JAK Inhibitor als Alternative
- Dupilumab, Biologikum bei atopischer Dermatitis
Häufig gestellte Fragen
Worin unterscheidet sich Golimumab von Adalimumab?
Beide sind humane Anti TNF Antikörper. Adalimumab wird alle zwei Wochen injiziert, Golimumab nur einmal monatlich. Klinisch bestehen keine wesentlichen Unterschiede in Wirksamkeit oder Sicherheit; die Wahl hängt von Komedikation, Indikationsspektrum und persönlicher Präferenz ab.
Muss vor Therapiebeginn eine Tuberkulose Untersuchung erfolgen?
Ja, das ist verbindlich. TNF alpha ist essenziell für die Aufrechterhaltung tuberkulöser Granulome. Eine Anti TNF Therapie kann eine latente Tuberkulose reaktivieren. Vor Behandlungsstart sind Anamnese, Quantiferon Test und Röntgen Thorax obligat.
Kann ich mit Golimumab in Urlaub fahren?
Ja, der Pen ist 30 Tage außerhalb des Kühlschranks bei Raumtemperatur stabil. Eine Reiseapotheke und ein ärztliches Attest in der Landessprache erleichtern Grenzkontrollen. Bei Reisen in Regionen mit erhöhtem Infektionsrisiko ist eine reisemedizinische Beratung sinnvoll.
Was passiert, wenn Golimumab nach mehreren Jahren plötzlich nicht mehr wirkt?
Sekundärer Wirkverlust ist möglich und betrifft etwa ein Drittel der Patienten innerhalb von fünf Jahren. Ursachen sind oft anti drug Antikörper. Eine Spiegelmessung zeigt, ob die Dosis erhöht oder ein Wechsel sinnvoll ist. Optionen sind andere Anti TNF, JAK Inhibitoren oder Biologika mit anderem Wirkprinzip.
Quellen
- EMA Simponi (Golimumab) EPAR
- BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- AWMF Leitlinien Rheumatoide Arthritis und Colitis ulcerosa
- Gelbe Liste Golimumab Wirkstoffprofil
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