Lavendelöl: pflanzliches Mittel bei ängstlicher Unruhe
Lavendelöl wird als Arzneimittel in Form eines besonders aufbereiteten Extrakts aus den Blüten des Echten Lavendels eingesetzt. Bekannt ist es unter dem Handelsnamen Lasea, dessen Wirkstoff als Silexan bezeichnet wird. Anwendungsgebiet sind Unruhezustände bei ängstlicher Verstimmung.
Unter den pflanzlichen Arzneimitteln nimmt diese Zubereitung eine Sonderstellung ein, weil für sie kontrollierte klinische Studien vorliegen. Der praktisch entscheidende Punkt ist das Wirkprinzip: Silexan greift nicht am GABA-A-Rezeptor an, an dem Benzodiazepine wirken. Es macht deshalb nicht abhängig, dämpft nicht und beeinträchtigt die Reaktionsfähigkeit nicht. Dafür setzt die Wirkung erst nach etwa zwei Wochen ein, und für den akuten Zustand ist die Substanz nicht geeignet.
Wirkmechanismus
Silexan ist ein durch Wasserdampfdestillation gewonnenes Öl aus den Blütenrispen von Lavandula angustifolia. Die beiden mengenmäßig bedeutendsten Bestandteile sind Linalool und Linalylacetat, deren Anteile durch das Herstellungsverfahren in einem festgelegten Bereich gehalten werden.
Nach derzeitigem Kenntnisstand hemmt Silexan spannungsabhängige Calciumkanäle an den Nervenzellen. Der verminderte Calciumeinstrom dämpft die Freisetzung erregender Botenstoffe und senkt damit die Übererregbarkeit, die der ängstlichen Anspannung zugrunde liegt.
Entscheidend ist, was die Substanz nicht tut. Sie bindet nicht an den GABA-A-Rezeptor, an dem Benzodiazepine und Z-Substanzen angreifen. Daraus folgen die drei praktisch wichtigsten Eigenschaften: kein Abhängigkeitspotenzial, keine Toleranzentwicklung und keine Beeinträchtigung der Reaktionsfähigkeit.
Untersucht wurde daneben eine Wirkung auf Serotoninrezeptoren, die zum angstlösenden Effekt beitragen könnte. Der Mechanismus ist nicht abschließend geklärt.
Die Wirkung baut sich langsam auf. Eine Besserung wird in der Regel nach etwa zwei Wochen bemerkbar, die volle Wirkung nach sechs Wochen. Für die Behandlung eines akuten Angst- oder Unruhezustands ist die Substanz damit nicht geeignet.
Anwendungsgebiete
Anwendungsgebiet ist:
- Unruhezustände bei ängstlicher Verstimmung bei Erwachsenen
Gemeint ist damit eine anhaltende innere Anspannung mit Nervosität, Grübeln, Unruhe und dadurch bedingten Einschlafstörungen, die noch nicht das Ausmaß einer behandlungsbedürftigen Angsterkrankung erreicht. In diesem Bereich zwischen normaler Belastung und diagnostizierter Erkrankung liegt der eigentliche Platz der Substanz.
Der Nutzen liegt vor allem im Vergleich zu den Alternativen. Für leichte bis mittlere Anspannungszustände stehen sonst Benzodiazepine mit ihrem Abhängigkeitspotenzial oder sedierende Antihistaminika mit ihren anticholinergen Wirkungen zur Verfügung. Silexan hat weder das eine noch das andere Problem.
Bei einer diagnostizierten Angsterkrankung wie der generalisierten Angststörung, der Panikstörung oder der sozialen Phobie ist die Substanz kein Ersatz für die leitliniengerechte Behandlung. Diese stützt sich auf Psychotherapie und, wo erforderlich, auf Antidepressiva.
Bei einer Depression ist Lavendelöl nicht angezeigt. Ängstliche Anspannung ist ein häufiges Begleitsymptom depressiver Erkrankungen; wird nur dieses behandelt, bleibt die eigentliche Erkrankung unbehandelt.
Eine Anwendung zur reinen Behandlung von Schlafstörungen ohne begleitende ängstliche Anspannung entspricht nicht dem Anwendungsgebiet.
Dosierung und Einnahme
Erwachsene:
- eine Weichkapsel mit 80 mg einmal täglich
- Einnahme unzerkaut mit ausreichend Flüssigkeit
- Einnahme zu einer gleichbleibenden Tageszeit
Die Kapsel wird unzerkaut geschluckt. Ein Öffnen oder Zerbeißen ist zu vermeiden, weil das Öl dann im Mund freigesetzt wird und der Geschmack als unangenehm empfunden wird.
Die Einnahme unabhängig von den Mahlzeiten ist möglich. Wird das für die Substanz typische Aufstoßen als störend empfunden, kann die Einnahme zu einer Mahlzeit oder abends versucht werden.
Geduld ist erforderlich. Eine Besserung tritt in der Regel erst nach etwa zwei Wochen ein, die volle Wirkung nach sechs Wochen. Wer eine sofortige Wirkung erwartet, setzt die Behandlung häufig vorzeitig ab.
Zeigt sich nach sechs Wochen regelmäßiger Einnahme keine Besserung, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. Dahinter kann eine behandlungsbedürftige Angsterkrankung oder eine Depression stehen.
Ein Ausschleichen ist nicht erforderlich. Die Substanz kann jederzeit abgesetzt werden, ohne dass Entzugserscheinungen oder eine Verschlechterung über das Ausgangsniveau hinaus zu erwarten sind.
Nebenwirkungen
Häufig:
- Aufstoßen mit Lavendelgeschmack
Gelegentlich bis selten:
- Übelkeit und Bauchbeschwerden
- Durchfall
- Hautausschlag und Juckreiz
- allergische Reaktionen
Das Aufstoßen mit Lavendelgeschmack ist die charakteristische und mit Abstand häufigste Nebenwirkung. Es ist unbedenklich, wird von manchen Anwendern jedoch als störend empfunden und ist der häufigste Grund für einen Abbruch. Die Einnahme zu einer Mahlzeit kann es abmildern.
Das Nebenwirkungsprofil ist insgesamt günstig. In den vorliegenden Untersuchungen unterschied sich die Häufigkeit der Nebenwirkungen mit Ausnahme des Aufstoßens kaum von der unter Scheinmedikament.
Von Bedeutung ist vor allem, was nicht auftritt. Es kommt zu keiner Dämpfung, keiner Beeinträchtigung der Reaktionsfähigkeit und keiner Gewöhnung. Auch anticholinerge Wirkungen wie Mundtrockenheit, Harnverhalt oder Verwirrtheit sind nicht zu erwarten.
Allergische Reaktionen sind möglich, insbesondere bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Lippenblütler. Hautausschlag, Juckreiz oder Schwellungen erfordern das Absetzen.
Wechselwirkungen
Klinisch bedeutsame Wechselwirkungen sind bislang nicht bekannt. In Untersuchungen zum Wechselwirkungspotenzial zeigte sich keine nennenswerte Beeinflussung der abbauenden Leberenzyme.
Zu beachten bleibt:
- die gleichzeitige Einnahme weiterer beruhigender Mittel ist selten sinnvoll und sollte ärztlich abgestimmt werden
- bei bestehender Behandlung mit Antidepressiva oder Benzodiazepinen ist die zusätzliche Einnahme mit dem behandelnden Arzt zu besprechen
- eine Verstärkung der Wirkung von Alkohol ist nicht beschrieben, ein Verzicht bei ängstlicher Anspannung dennoch sinnvoll
Das Fehlen relevanter Wechselwirkungen ist ein praktischer Vorteil, besonders bei älteren Menschen mit umfangreicher Begleitmedikation. Bei diesen Patienten ist die anticholinerge und dämpfende Gesamtbelastung häufig bereits hoch, und Silexan trägt dazu nichts bei.
Anders als Johanniskraut, das ebenfalls pflanzlich ist und zahlreiche schwerwiegende Wechselwirkungen aufweist, ist bei Lavendelöl keine Enzyminduktion zu erwarten. Der Unterschied ist erheblich und sollte nicht durch die gemeinsame Einordnung als pflanzliches Mittel verwischt werden.
Besondere Hinweise
Lavendelöl darf nicht angewendet werden bei:
- bekannter Überempfindlichkeit gegen Lavendel oder Lippenblütler
- Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren mangels ausreichender Daten
Zurückhaltung ist geboten bei:
- Schwangerschaft und Stillzeit mangels ausreichender Daten
- schwerer Leber- oder Nierenfunktionsstörung
- bestehender Behandlung wegen einer psychischen Erkrankung
Die Substanz ist kein Notfallmittel. Bei einer akuten Panikattacke oder einem akuten Erregungszustand wirkt sie nicht. Der Nutzen liegt in der regelmäßigen Einnahme über Wochen.
Anhaltende Angst, Panikattacken, Vermeidungsverhalten oder eine deutliche Einschränkung des Alltags gehören ärztlich abgeklärt. Eine Selbstbehandlung über Monate hinweg ohne Abklärung verzögert die richtige Diagnose.
Bei zusätzlich bestehender gedrückter Stimmung, Interessenverlust, Antriebslosigkeit oder Schlafstörungen mit frühem Erwachen ist an eine Depression zu denken. In diesem Fall ist Lavendelöl nicht die angemessene Behandlung.
Das Fehlen von Abhängigkeit und Dämpfung macht die Substanz für ältere Menschen und für Berufstätige mit erhöhten Anforderungen an die Aufmerksamkeit besser geeignet als die üblichen Alternativen.
Pflanzlich bedeutet nicht wirkungslos und nicht risikofrei. Bei bestehender Dauermedikation ist die Einnahme mit dem behandelnden Arzt oder der Apotheke abzustimmen.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Wirkstoff in Lasea?
Der Wirkstoff in Lasea ist Silexan, ein durch Wasserdampfdestillation gewonnenes Öl aus den Blüten des Echten Lavendels. Eine Weichkapsel enthält 80 Milligramm. Die mengenmäßig bedeutendsten Bestandteile sind Linalool und Linalylacetat.
Macht Lavendelöl abhängig?
Nein. Silexan greift nicht am GABA-A-Rezeptor an, an dem Benzodiazepine wirken. Es gibt kein Abhängigkeitspotenzial, keine Toleranzentwicklung und keine Entzugserscheinungen. Die Substanz kann jederzeit abgesetzt werden, ein Ausschleichen ist nicht erforderlich.
Wie lange dauert es, bis Lavendelöl wirkt?
Eine Besserung tritt in der Regel nach etwa zwei Wochen ein, die volle Wirkung nach sechs Wochen. Für einen akuten Angst- oder Unruhezustand ist die Substanz nicht geeignet. Zeigt sich nach sechs Wochen keine Besserung, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.
Warum stößt man nach der Einnahme auf?
Das Aufstoßen mit Lavendelgeschmack ist die charakteristische und häufigste Nebenwirkung, verursacht durch das ätherische Öl selbst. Es ist unbedenklich. Die Einnahme zu einer Mahlzeit kann es abmildern. Die Kapsel sollte unzerkaut geschluckt werden.
Beeinträchtigt Lavendelöl die Fahrtüchtigkeit?
Nein. Silexan wirkt nicht dämpfend und beeinträchtigt die Reaktionsfähigkeit nicht. Darin unterscheidet es sich von Benzodiazepinen und von sedierenden Antihistaminika wie Doxylamin, die beide die Fahrtüchtigkeit einschränken.
Quellen
- Fachinformation Lasea 80 mg Weichkapseln, Dr. Willmar Schwabe GmbH & Co. KG.
- EMA: Pflanzliche Monographie zu Lavandulae aetheroleum
- AWMF S3-Leitlinie Behandlung von Angststörungen
- Kasper S, Gastpar M, Müller WE et al. (2010): Silexan, an orally administered Lavandula oil preparation, is effective in the treatment of subsyndromal anxiety disorder. International Clinical Psychopharmacology 25(5):277-287.
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