Lanreotid: Lang wirksames Somatostatin Analogon als Tiefdepot
Lanreotid (Handelsname Somatuline Autogel) ist ein synthetisches Octapeptid Somatostatin Analogon mit deutlich verlängerter Wirkdauer im Vergleich zum natürlichen Somatostatin. Eingeführt 1989, ist Lanreotid heute eine etablierte Therapieoption bei Akromegalie und neuroendokrinen Tumoren. Charakteristisch ist die Verfügbarkeit als Tiefdepot Autogel mit einer einmal monatlichen subkutanen Anwendung.
Im Vergleich zum verwandten Wirkstoff Octreotid bietet Lanreotid Autogel eine längere Wirkdauer und eine einfachere Verabreichung über vorgefüllte Spritzen, die auch durch geschulte Patientinnen oder Angehörige zu Hause angewendet werden können.
Wirkmechanismus
Lanreotid bindet selektiv an die Somatostatin Rezeptoren SSTR2 und SSTR5 mit hoher Affinität. Diese Rezeptoren finden sich auf zahlreichen endokrinen und neuroendokrinen Zellen sowie auf vielen Tumorzellen. Die Aktivierung führt zu:
- Hemmung der Wachstumshormon Sekretion aus der Hypophyse
- Reduktion der IGF 1 Spiegel im Plasma
- Hemmung der Sekretion von Glukagon, Insulin, Gastrin, VIP und anderen gastrointestinalen Hormonen
- Antiproliferative Wirkung auf neuroendokrine Tumoren mit SSTR Expression
- Vasokonstriktion im Splanchnikusgebiet (Reduktion des portalvenösen Drucks)
Die antitumorale Wirkung besteht aus zwei Komponenten: Symptomkontrolle bei hormonsezernierenden Tumoren (Karzinoid Syndrom) und antiproliferative Wirkung mit Stabilisierung des Tumorwachstums.
Anwendungsgebiete
- Akromegalie: bei Patienten mit unzureichender Kontrolle nach Operation oder Strahlentherapie, oder als Bridging Therapie
- Gastroenteropankreatische neuroendokrine Tumoren (GEP NET): Symptomkontrolle bei Karzinoid Syndrom (Flush, Diarrhö) und antiproliferative Therapie bei gut bis moderat differenzierten Tumoren
- Hypophysentumoren mit TSH Sekretion (TSHom): in Einzelfällen
- Variköse Blutung im Hepatosystem: Off Label, Octreotid ist hier üblicher
Dosierung und Anwendung
Akromegalie und GEP NET: 60, 90 oder 120 mg subkutan alle 4 Wochen, individuell anhand IGF 1, Wachstumshormon und klinischer Symptomatik titriert. Bei progredientem Verlauf kann das Dosisintervall auf 14 Tage verkürzt werden.
Anwendung: tiefe subkutane Injektion in die obere Glutealregion. Die vorgefüllte Spritze wird vor Anwendung etwa 30 Minuten auf Raumtemperatur gebracht. Nach gründlicher Hautdesinfektion erfolgt die Injektion senkrecht in eine Hautfalte.
Patientinnen und Angehörige können nach Schulung die Selbstinjektion zu Hause durchführen. Bei Unsicherheit bleibt die Anwendung in der Praxis möglich.
Therapieerfolg: Beurteilung über IGF 1 und Wachstumshormon (Akromegalie), Tumormarker und klinische Symptome (NET). Bildgebung alle 6 bis 12 Monate.
Nebenwirkungen
Sehr häufig: Diarrhö, weicher Stuhl, Bauchschmerzen, Übelkeit, Cholezystolithiasis (Gallensteine, oft asymptomatisch), Reaktionen an der Injektionsstelle.
Häufig: Hypoglykämie oder Hyperglykämie (durch Hemmung von Glukagon und Insulin gleichzeitig), erhöhte Lebertransaminasen, Pankreatitis, Bradykardie, Müdigkeit, Hautausschlag.
Gelegentlich: Gallensteinkomplikationen mit Cholezystitis, Glukosestoffwechselstörungen, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Haarausfall, allergische Reaktionen.
Selten: akute Pankreatitis, Kardiomyopathie, schwere allergische Reaktionen.
Wichtige Punkte:
- Cholezystolithiasis ist sehr häufig, meist asymptomatisch, bei Symptomen Ultraschallkontrolle
- Glukosestoffwechsel regelmäßig kontrollieren, vor allem bei Diabetes
- Bei Bradykardie EKG Kontrolle
- Reaktionen an der Injektionsstelle meist mild und vorübergehend
Wechselwirkungen
- Antidiabetika: Glukosestoffwechselveränderungen, Anpassung der Insulin oder OAD Dosis
- Bradykardisierende Substanzen (Beta Blocker, Calciumkanalblocker, Digoxin): additive Bradykardie, Vorsicht
- Cyclosporin: reduzierte Cyclosporin Spiegel, ggf. Anpassung
- Bromocriptin: erhöhte Bromocriptin Spiegel
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: begrenzte Daten, individuelle Abwägung. Bei klarer Indikation und sorgfältiger Beobachtung möglich.
Stillzeit: Daten begrenzt, Übergang in geringen Mengen möglich.
Diabetes mellitus: engmaschige Blutzuckerkontrolle, da Lanreotid sowohl Hyper als auch Hypoglykämie auslösen kann.
Cholezystolithiasis: bei Beginn der Therapie und bei Beschwerden Ultraschall der Gallenblase. Asymptomatische Steine erfordern keine Therapie.
Schilddrüsenfunktion: bei Akromegalie ohnehin regelmäßig kontrolliert, auch unter Therapie sinnvoll.
Kontrolltermine: nach 3 bis 6 Monaten Reevaluation der Wirksamkeit über IGF 1, Wachstumshormon, klinische Symptome und Bildgebung. Bei NET zusätzlich Tumormarker (Chromogranin A, 5 HIES) und Bildgebung.
Patientenkommunikation: die monatliche Injektion erfordert eine zuverlässige Routine. Nach Schulung kann die Selbstinjektion zu Hause erfolgen, was Komfort und Adhärenz verbessert. Eine Aufklärung über typische Nebenwirkungen wie Diarrhö und Cholezystolithiasis erleichtert das Krankheitsmanagement.
Verwandte Wirkstoffe
- Octreotid, verwandtes Somatostatin Analogon
- Aflibercept, VEGF Trap als ophthalmologische und onkologische Therapie
- Regorafenib, Multikinaseinhibitor
- Sotorasib, KRAS G12C Inhibitor
Häufig gestellte Fragen
Wer kommt für Lanreotid in Frage?
Patientinnen und Patienten mit Akromegalie, bei denen nach Operation oder Strahlentherapie keine ausreichende biochemische Kontrolle erreicht wurde. Außerdem bei gastroenteropankreatischen neuroendokrinen Tumoren (GEP NET) zur Symptomkontrolle und antiproliferativen Therapie. Voraussetzung ist die Expression von Somatostatin Rezeptoren, die in der Bildgebung mit Octreoscan oder DOTATATE PET CT nachweisbar ist.
Was unterscheidet Lanreotid von Octreotid?
Beide sind Somatostatin Analoga mit ähnlichem Wirkprofil. Lanreotid Autogel wird einmal monatlich tief subkutan in die Glutealregion injiziert, Octreotid LAR intramuskulär. Lanreotid kann nach Schulung zu Hause selbst angewendet werden, was bei Octreotid weniger üblich ist.
Warum bekomme ich häufig Diarrhö?
Somatostatin Analoga reduzieren die Sekretion gastrointestinaler Hormone und beeinflussen Motilität und Resorption. Diarrhö und weiche Stühle sind häufig zu Therapiebeginn, bessern sich oft im Verlauf. Diätetische Anpassungen und ggf. Loperamid können Beschwerden lindern. Bei dauerhafter starker Diarrhö ärztliche Abklärung.
Muss ich auf meine Gallenblase achten?
Ja. Somatostatin Analoga reduzieren die Gallenblasenmotilität, was zur Bildung von Gallensteinen führen kann. Vor Therapiebeginn und bei Beschwerden ist eine Ultraschallkontrolle sinnvoll. Asymptomatische Steine erfordern in der Regel keine Therapie, bei Symptomen oder Komplikationen kann eine cholezystektomische Versorgung notwendig werden.
Quellen
- EMA Somatuline Autogel (Lanreotid) EPAR
- BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- AWMF Leitlinien Akromegalie und neuroendokrine Tumoren
- Gelbe Liste Lanreotid Wirkstoffprofil
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