Levomepromazin: Wirkung, Anwendungsgebiete und Nebenwirkungen
Levomepromazin ist ein niederpotentes Phenothiazin-Antipsychotikum der ersten Generation mit ausgeprägten sedierenden, antiemetischen und anxiolytischen Eigenschaften. Es wurde in den 1950er Jahren entwickelt und ist bis heute sowohl in der Psychiatrie als auch in der Palliativmedizin von Bedeutung. Im Gegensatz zu hochpotenten Antipsychotika wie Haloperidol steht bei Levomepromazin die sedierende Wirkung im Vordergrund.
In der Palliativmedizin nimmt Levomepromazin eine besondere Rolle ein: Es kombiniert antiemetische, anxiolytische und sedierende Eigenschaften in einem einzigen Medikament und ist subkutan applizierbar, was bei sterbenden Patienten einen entscheidenden praktischen Vorteil bietet. Die Substanz ist in vielen Ländern als bevorzugtes Medikament für die Sedierung in der terminalen Phase anerkannt.
Wirkmechanismus
Levomepromazin blockiert dopaminerge D2-Rezeptoren im mesolimbischen System (antipsychotische Wirkung), im Brechzentrum der Area postrema (antiemetische Wirkung) und im tuberoinfundibulären System (Prolaktinerhöhung). Zusätzlich antagonisiert es histaminerge H1-Rezeptoren (Sedierung), muskarinische Acetylcholin-Rezeptoren (anticholinerge Wirkungen) und alpha-1-adrenerge Rezeptoren (Blutdrucksenkung, orthostatische Hypotonie). Diese breite Rezeptorbindung erklärt das vielseitige Wirkspektrum und das umfangreiche Nebenwirkungsprofil.
Anwendungsgebiete
Levomepromazin ist zugelassen für die Behandlung schizophrener Psychosen, für psychomotorische Unruhe und Angstzustände sowie für Schlafstörungen mit ausgeprägter psychotischer oder agitierter Komponente. In der Palliativmedizin wird Levomepromazin breit eingesetzt für die Behandlung von Übelkeit und Erbrechen, Schmerzen (als Koanalgetikum), Angst und Agitation sowie für die palliative Sedierung bei therapierefraktären Symptomen in der Sterbephase. Off-label wird es auch bei Migräne und als Prämedikation vor Operationen eingesetzt.
Dosierung und Einnahme
Die psychiatrische Dosierung variiert stark je nach Indikation: Bei Schizophrenie 25 bis 200 mg täglich in Einzeldosen, bei Schlafstörungen und Angstzuständen 6,25 bis 25 mg abends. In der Palliativmedizin beginnt man mit 6,25 bis 12,5 mg subkutan oder oral und titriert nach Bedarf. Für die subkutane Dauerinfusion (Schmerzpumpe) wird Levomepromazin mit Morphin oder anderen Opioiden kombiniert. Ältere Patienten benötigen aufgrund erhöhter Empfindlichkeit für orthostatische Hypotonie und Sedierung deutlich niedrigere Dosen.
Nebenwirkungen
Sehr häufig ist ausgeprägte Sedierung, die therapeutisch erwünscht oder unerwünscht sein kann. Orthostatische Hypotonie mit Sturzrisiko ist besonders bei älteren Patienten relevant. Durch anticholinerge Wirkung entstehen Mundtrockenheit, Harnretention, Obstipation und Akkommodationsstörungen. Extrapyramidalmotorische Störungen (Akathisie, Parkinsonoid, Frühdyskinesien) kommen bei Levomepromazin weniger häufig vor als bei hochpotenten Antipsychotika, sind aber möglich. Bei Langzeitanwendung besteht das Risiko einer tardiven Dyskinesie. Prolaktinerhöhung kann zu Galaktorrhoe, Amenorrhoe und sexuellen Funktionsstörungen führen.
Wechselwirkungen
Zentralnervöse Dämpfung wird durch alle anderen Sedativa, Hypnotika, Anxiolytika, Alkohol und Opioide verstärkt, was in der Palliativmedizin bewusst genutzt, aber sorgfältig dosiert werden muss. Anticholinerge Wirkungen addieren sich mit anderen Anticholinergika (trizyklische Antidepressiva, bestimmte Antihistaminika). QT-Verlängerung ist möglich, besonders in Kombination mit Amiodaron oder anderen QT-verlängernden Substanzen. Antihypertensiva: hypotensive Wirkung wird verstärkt.
Besondere Hinweise
Levomepromazin ist verschreibungspflichtig. Patienten sollten wegen des Sturzrisikos nach der Einnahme keine Fahrzeuge führen und keine gefährlichen Maschinen bedienen. Plötzliches Absetzen nach langer Einnahme kann Rebound-Symptome und Entzugserscheinungen verursachen. Bei Patienten mit Epilepsie ist Vorsicht geboten, da die Krampfschwelle gesenkt werden kann. Die anticholinergen Effekte sind bei Männern mit Prostatahyperplasie und bei Patienten mit Engwinkelglaukom besonders problematisch.
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Häufig gestellte Fragen
Warum wird Levomepromazin in der Palliativmedizin so häufig eingesetzt?
Levomepromazin vereint mehrere palliativmedizinisch relevante Wirkungen in einer Substanz: Es lindert Übelkeit, reduziert Angst und Unruhe, wirkt sedierend und ist als Koanalgetikum einsetzbar. Zudem lässt es sich subkutan über eine Pumpe verabreichen, was bei Patienten, die nicht mehr schlucken können, entscheidend ist.
Unterscheidet sich Levomepromazin von anderen Antipsychotika?
Ja, Levomepromazin ist ein niederpotentes Antipsychotikum: Die antipsychotische Wirkung ist schwächer ausgeprägt als bei Haloperidol, dafür überwiegen Sedierung, Antiemese und Anxiolyse. Extrapyramidalmotorische Störungen sind seltener. Es ist deshalb weniger für die alleinige Behandlung schwerer Psychosen geeignet, dafür aber wertvoller bei Agitation und in der Palliativmedizin.
Kann Levomepromazin mit Morphin kombiniert werden?
Ja, in der Palliativmedizin ist die Kombination von Levomepromazin und Morphin in einer subkutanen Schmerzpumpe (Syringe Driver) eine häufig und bewährt eingesetzte Praxis. Levomepromazin wirkt antiemetisch gegen opioid-induzierte Übelkeit, verstärkt die Sedierung und ergänzt die analgetische Wirkung des Morphins.
Quellen
- Palliative Care Guidelines UK: Levomepromazine in Palliative Care 2023
- Fachinformation Neurocil (Levomepromazin), aktueller Stand
- Prommer E: Levomepromazine: Revisiting an Old Drug. Am J Hosp Palliat Care 2022