Tibolon: Wirkung in der Hormontherapie

Tibolon (Handelsname Liviella) ist ein synthetisches Steroid mit gemischter östrogener, gestagener und androgener Wirkung. Es gehört zur Substanzklasse der Selective Tissue Estrogenic Activity Regulators (STEAR) und wird zur Hormontherapie bei postmenopausalen Beschwerden eingesetzt. Tibolon wurde von der Firma Organon entwickelt und ist in Deutschland seit den 1990er Jahren als Alternative zur klassischen Östrogen Gestagen Therapie verfügbar. Die Substanz wird täglich oral als Einzeltablette eingenommen und hat den Vorteil, dass keine Östrogen Gestagen Sequenz oder Kombinationsregime notwendig sind.

Tibolon hat in der Therapie des klimakterischen Syndroms eine Stellung gefunden, weil die einzelnen Wirkungen an unterschiedlichen Geweben unterschiedlich ausgeprägt sind. Im Knochengewebe und im Gehirn überwiegt die östrogene Wirkung mit Reduktion vasomotorischer Beschwerden und Schutz vor Osteoporose. Im Endometrium wird durch Metaboliten primär eine gestagene Wirkung entfaltet, was das Risiko einer endometrialen Hyperplasie reduziert. Allerdings hat die LIFT Studie (Long Term Intervention on Fractures with Tibolone) und nachfolgende Untersuchungen Sicherheitsbedenken zum Mammakarzinom Risiko und zum Schlaganfallrisiko bei älteren Patientinnen gezeigt, weshalb die Indikation heute strenger gestellt wird.

Wirkmechanismus

Tibolon ist ein Prodrug, das nach oraler Einnahme in drei pharmakologisch aktive Metaboliten umgewandelt wird: 3 alpha Hydroxytibolon, 3 beta Hydroxytibolon und Delta 4 Tibolon. Die ersten beiden Metaboliten haben überwiegend östrogene Wirkung an Östrogenrezeptoren, während Delta 4 Tibolon eine gestagene und androgene Aktivität entfaltet. Diese Metaboliten haben unterschiedliche Gewebespezifität: in Knochen, Gehirn und Vagina dominiert die östrogene Wirkung, während im Endometrium die gestagene Wirkung überwiegt.

Die Gewebespezifität entsteht durch unterschiedliche lokale Enzymaktivitäten. Im Endometrium wird Tibolon vorwiegend zu Delta 4 Tibolon umgewandelt, was die östrogene Wirkung am Endometrium minimiert und eine endometriale Hyperplasie verhindert. Diese Eigenschaft macht Tibolon zu einer Single Tablet Therapie ohne Notwendigkeit einer separaten Gestagen Komponente, was die Compliance verbessern kann.

Pharmakokinetisch wird Tibolon nach oraler Gabe rasch resorbiert. Die Eliminationshalbwertszeit der Hauptmetaboliten beträgt 5 bis 8 Stunden, sodass eine einmal tägliche Einnahme ausreicht. Der Metabolismus erfolgt überwiegend hepatisch und über Sulfatierung. Die Ausscheidung findet primär über die Galle und in geringerem Maße renal statt.

Anwendungsgebiete

  • Behandlung der klimakterischen Symptome wie Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, vaginale Trockenheit bei postmenopausalen Frauen
  • Prävention der postmenopausalen Osteoporose bei Frauen mit erhöhtem Frakturrisiko, wenn andere Therapieoptionen kontraindiziert sind oder nicht vertragen werden
  • Hormontherapie nach Hysterektomie als Alternative zur Östrogen Monotherapie
  • Adjuvant bei Mammakarzinom Vorgeschichte: nicht empfohlen wegen erhöhten Rezidivrisikos

Die Anwendung beginnt frühestens 12 Monate nach der letzten Menstruation, um irreguläre Blutungen und Fragestellungen zur Endometrium Kontrolle zu vermeiden. Bei Frauen mit anhaltend zyklischen Blutungen wird zunächst mit klassischer Hormontherapie begonnen.

Dosierung und Anwendung

Erwachsene Frauen postmenopausal: 2,5 mg Tibolon einmal täglich oral.

Beginn der Therapie: frühestens 12 Monate nach der letzten Menstruation.

Dauer der Therapie: jährliche Reevaluation des Nutzen Risiko Verhältnisses, in der Regel kein längerer Zeitraum als notwendig.

Verabreichung: mit Wasser einnehmen, vorzugsweise zur gleichen Tageszeit. Mit oder ohne Mahlzeit möglich.

Vergessene Tablette: wenn weniger als 12 Stunden vergangen sind, sofort einnehmen. Sonst auf normalen Einnahmerhythmus zurückkehren.

Niereninsuffizienz: bei mittelschwerer Beeinträchtigung in der Regel keine spezielle Anpassung. Bei schwerer Beeinträchtigung individuelle Beurteilung.

Leberinsuffizienz: bei schwerer Beeinträchtigung kontraindiziert, weil der Metabolismus über die Leber erfolgt.

Wichtig: Tibolon ist kein Verhütungsmittel. Bei Frauen in der frühen Postmenopause noch Schwangerschaftsschutz erforderlich, falls die Menopause nicht eindeutig gesichert ist.

Nebenwirkungen

Sehr häufig: Bauchschmerzen, Gewichtszunahme, Brustempfindlichkeit, postmenopausale Blutungen oder Spotting (vor allem in den ersten Therapiemonaten).

Häufig: Vaginale Pilzinfektionen, vaginaler Ausfluss, Endometrium Verdickung, Akne, Hirsutismus (durch androgene Komponente), Kopfschmerzen, Schwindel, periphere Ödeme, Depressionen, Pruritus.

Gelegentlich: Muskel und Gelenkschmerzen, allergische Hautreaktionen.

Selten bis sehr selten: Mammakarzinom (erhöhtes Risiko bei Langzeitanwendung, vor allem bei Frauen über 60 Jahre), endometrium Karzinom (in einigen Studien erhöht), Ovarialkarzinom, Schlaganfall (vor allem bei älteren Frauen), tiefe Beinvenenthrombose, Lungenembolie, Cholezystitis, Lebertoxizität.

LIFT Studie: bei Frauen über 60 Jahre wurde unter Tibolon ein erhöhtes Schlaganfallrisiko beobachtet, weshalb die Indikation in dieser Altersgruppe streng zu prüfen ist.

Bei prämenopausaler Anwendung oder bei Frauen, deren Menopause nicht gesichert ist, kann Tibolon irreguläre Blutungen verursachen.

Wechselwirkungen

  • CYP3A4 Induktoren (Rifampicin, Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital, Johanniskraut): reduzierte Wirksamkeit von Tibolon, ggf. höhere Dosis erforderlich.
  • Antikoagulanzien wie Warfarin, NOAK: Tibolon kann die antikoagulatorische Wirkung verstärken oder abschwächen, INR Kontrolle bei Cumarinen.
  • Schilddrüsenhormone: bei Substitutionstherapie ggf. Anpassung notwendig wegen Veränderungen der Bindungsproteine.
  • Andere Hormonpräparate: Kombination mit zusätzlichen Östrogenen oder Gestagenen nicht empfohlen.
  • Antiepileptika: möglicher Einfluss auf Plasmaspiegel von Tibolon und der Antiepileptika.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft und Stillzeit: kontraindiziert.

Kontraindikationen: Schwangerschaft und Stillzeit, bekannte oder vermutete Mammakarzinom oder Mammakarzinom in der Vorgeschichte, östrogenabhängige Tumoren, ungeklärte vaginale Blutung, unbehandelte endometriale Hyperplasie, frühere oder aktuelle venöse Thromboembolie, akute oder kürzliche arterielle thromboembolische Ereignisse (Angina pectoris, Myokardinfarkt, Schlaganfall), aktive Lebererkrankung oder Lebertumoren, akute Porphyrie, bekannte Überempfindlichkeit gegen Tibolon.

Vor Therapie: ausführliche gynäkologische Untersuchung mit Mammographie, Endometrium Ultraschall, allgemeine Anamnese (Thromboserisiko, kardiovaskuläre Vorerkrankungen, Familienanamnese auf hormonabhängige Tumoren), Blutdruck, Gerinnung, Leber und Nierenwerte, ggf. Vitamin D und Knochenstatus.

Während der Therapie: jährliche gynäkologische Kontrolle mit Mammographie, Endometrium Ultraschall, Blutdruck, Reevaluation der Indikation und der Risiken. Bei unklaren Blutungen sofortige diagnostische Abklärung.

Risikoprofil beachten: Frauen über 60 Jahre, Raucherinnen, Patientinnen mit vorbestehender Hypertonie, Adipositas oder Diabetes haben ein erhöhtes Risikoprofil für kardiovaskuläre und thromboembolische Komplikationen.

Lebensstil: ausgewogene Ernährung, ausreichend körperliche Aktivität, Vermeidung von Nikotin, Alkohol in Maßen, Vitamin D und Calcium Substitution bei Osteoporose Risiko.

Verkehrstüchtigkeit: in der Regel nicht beeinträchtigt, bei Schwindel oder Kopfschmerzen Vorsicht.

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Häufig gestellte Fragen

Was unterscheidet Tibolon von einer klassischen Hormonersatztherapie?

Klassische Hormonersatztherapien bestehen aus einem Östrogen, oft kombiniert mit einem Gestagen zum Schutz des Endometriums. Tibolon vereint östrogene, gestagene und androgene Wirkungen in einem Molekül und benötigt keine separate Gestagen Komponente. Außerdem ist die Wirkung gewebespezifisch unterschiedlich, im Endometrium dominiert eine gestagene Komponente, was das Risiko einer Hyperplasie reduzieren soll. Allerdings ist das Sicherheitsprofil bezüglich Mammakarzinom und Schlaganfall in einzelnen Studien nicht günstiger als bei klassischer Hormonersatztherapie.

Für welche Frauen ist Tibolon geeignet?

Tibolon ist eine Option für postmenopausale Frauen mit ausgeprägten klimakterischen Beschwerden oder erhöhtem Osteoporose Risiko, bei denen klassische Hormonersatztherapie nicht vertragen wird oder unerwünschte Blutungen verursacht. Tibolon ist nicht geeignet bei Mammakarzinom Vorgeschichte, hohem Thromboserisiko, Schlaganfallrisiko oder bei Frauen über 60 Jahre ohne strenge Indikation.

Wie lange darf Tibolon eingenommen werden?

Es gibt keine festgelegte Maximaldauer, aber die Therapie soll so kurz wie möglich und so lang wie nötig sein. Mindestens jährliche gynäkologische Reevaluation der Indikation und des Nutzen Risiko Verhältnisses ist obligatorisch. Bei Studien zeigt sich nach 5 Jahren Anwendung ein Anstieg des Mammakarzinom Risikos, daher ist eine längere Anwendung nur bei klarer Indikation und Risikoprofil zu rechtfertigen.

Was tun bei vaginalen Blutungen unter Tibolon?

In den ersten Therapiemonaten können Spotting oder kleinere Blutungen auftreten, die meist von selbst nachlassen. Anhaltende, starke oder erst spät einsetzende Blutungen müssen jedoch immer ärztlich abgeklärt werden, weil sie Hinweis auf eine endometriale Pathologie sein können. Üblicherweise erfolgt eine transvaginale Sonographie und gegebenenfalls eine endometriale Biopsie zur Abklärung.

Quellen

Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss

Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Tibolon ist verschreibungspflichtig und sollte ausschließlich unter gynäkologischer Aufsicht mit individueller Risiko Nutzen Abwägung angewendet werden. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen, maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.