Xipamid: Wirkstoff und Diuretikum auch bei Nierenschwäche
Xipamid ist ein thiazidähnliches Diuretikum aus der Gruppe der Sulfonamide. Es fördert die Ausscheidung von Natrium und Wasser und wird bei Bluthochdruck sowie bei Wassereinlagerungen eingesetzt. Im Handel ist es unter Namen wie Aquaphor und als Generika.
Der Wirkstoff nimmt eine Zwischenstellung ein. Er greift wie die klassischen Thiazide am frühdistalen Nierenkanälchen an, behält seine Wirkung aber anders als diese auch bei deutlich eingeschränkter Nierenfunktion. Damit schließt er eine Lücke zwischen den Thiaziden und den stärker wirksamen Schleifendiuretika.
Wirkmechanismus
Xipamid hemmt den Natrium-Chlorid-Cotransporter im frühdistalen Tubulus der Niere. An dieser Stelle werden etwa fünf bis zehn Prozent des filtrierten Natriums zurückgewonnen. Die Blockade führt dazu, dass Natrium und mit ihm Wasser vermehrt ausgeschieden werden.
Die entwässernde Wirkung ist schwächer als die von Schleifendiuretika, hält jedoch mit etwa zwölf bis 24 Stunden deutlich länger an. Für die Blutdrucksenkung ist diese gleichmäßige Wirkung über den Tag von Vorteil.
Die blutdrucksenkende Wirkung erklärt sich nur zum Teil aus der Entwässerung. Nach einigen Wochen normalisiert sich das Blutvolumen weitgehend, während der Blutdruck gesenkt bleibt. Verantwortlich dafür ist eine Abnahme des peripheren Gefäßwiderstands.
Anders als klassische Thiazide wirkt Xipamid auch bei einer glomerulären Filtrationsrate unter 30 Millilitern pro Minute. Der Wirkstoff gelangt offenbar auch bei eingeschränkter Filtrationsleistung in ausreichender Menge an seinen Wirkort.
Anwendungsgebiete
Zugelassen ist Xipamid bei:
- arterieller Hypertonie
- Ödemen kardialer, renaler und hepatischer Ursache
Bei Bluthochdruck werden Diuretika in den Behandlungsempfehlungen als eine der Basissubstanzen geführt, meist in Kombination mit einem ACE-Hemmer, einem Sartan oder einem Calciumkanalblocker. Die Dosierung ist dabei niedrig zu halten, weil die blutdrucksenkende Wirkung schon bei geringen Dosen weitgehend ausgeschöpft ist, während die Stoffwechselnebenwirkungen mit der Dosis zunehmen.
Die erhaltene Wirksamkeit bei eingeschränkter Nierenfunktion ist der praktische Hauptgrund, Xipamid gegenüber Hydrochlorothiazid vorzuziehen. Bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz kann so auf ein Schleifendiuretikum verzichtet werden, wenn eine gleichmäßige Wirkung über den Tag gewünscht ist.
Dosierung und Einnahme
Übliche Dosierung bei Erwachsenen:
- Bluthochdruck: 10 bis 20 mg einmal täglich morgens
- leichte bis mittelschwere Ödeme: 20 bis 40 mg täglich
- schwere Ödeme: bis 80 mg täglich nach ärztlicher Vorgabe
- Erhaltungstherapie: möglichst niedrigste wirksame Dosis
Die Einnahme erfolgt morgens, um nächtliches Wasserlassen zu vermeiden. Bei höheren Dosierungen kann eine Aufteilung auf morgens und frühen Nachmittag sinnvoll sein.
Bei Bluthochdruck ist eine Dosis über 20 Milligramm täglich in der Regel nicht sinnvoll. Die blutdrucksenkende Wirkung nimmt darüber kaum noch zu, während Kaliumverlust, Harnsäureanstieg und Stoffwechselveränderungen deutlich zunehmen.
Die volle blutdrucksenkende Wirkung entwickelt sich über zwei bis vier Wochen. Eine vorzeitige Dosissteigerung ist deshalb selten sinnvoll.
Bei Kombination mit einem ACE-Hemmer oder Sartan sollte die Diuretikadosis zu Beginn niedrig gehalten werden, um einen ausgeprägten Blutdruckabfall bei der ersten Gabe zu vermeiden.
Nebenwirkungen
Häufig und dosisabhängig:
- Kaliummangel mit Muskelschwäche, Wadenkrämpfen und Herzrhythmusstörungen
- Natriummangel, besonders bei älteren Menschen
- Magnesiummangel
- Anstieg der Harnsäure mit Auslösung von Gichtanfällen
- Anstieg von Blutzucker und Blutfetten
Weitere Nebenwirkungen:
- Blutdruckabfall beim Aufstehen mit Schwindel
- Flüssigkeitsmangel mit Eindickung des Blutes
- Magen-Darm-Beschwerden
- erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut
- selten Blutbildveränderungen
Anders als klassische Thiazide führt Xipamid eher zu einer vermehrten Calciumausscheidung. Die bei Hydrochlorothiazid beschriebene calciumsparende Wirkung, die bei Osteoporose als günstig gilt, ist hier nicht in gleichem Maß zu erwarten.
Der Natriummangel ist bei älteren Menschen die klinisch bedeutsamste Nebenwirkung. Er äußert sich unspezifisch mit Verwirrtheit, Schwäche, Übelkeit und Sturzneigung und wird deshalb häufig spät erkannt.
Für Hydrochlorothiazid wurde ein erhöhtes Risiko für weißen Hautkrebs unter langfristiger hoher Anwendung beschrieben. Ob dieser Befund auf andere Sulfonamiddiuretika übertragbar ist, ist nicht abschließend geklärt. Ein konsequenter Sonnenschutz ist unabhängig davon sinnvoll.
Wechselwirkungen
Klinisch relevante Kombinationen:
- Digitalisglykoside wirken bei Kaliummangel verstärkt, das Risiko für Rhythmusstörungen steigt
- Kortikosteroide und Abführmittel verstärken den Kaliumverlust
- nichtsteroidale Antirheumatika schwächen die Wirkung ab und belasten die Nierenfunktion
- Lithium wird verzögert ausgeschieden, der Spiegel steigt
- andere blutdrucksenkende Mittel verstärken die Blutdrucksenkung
- Antidiabetika können in ihrer Wirkung abgeschwächt werden
Bei gleichzeitiger Gabe von Substanzen, die die QT-Zeit verlängern, ist der durch das Diuretikum verursachte Kalium- und Magnesiummangel besonders kritisch, weil er das Risiko für gefährliche Rhythmusstörungen erhöht.
Besondere Hinweise
Xipamid darf nicht angewendet werden bei:
- schwerem Kalium- oder Natriummangel
- Nierenversagen mit fehlender Harnproduktion
- schwerer Leberfunktionsstörung und Leberkoma
- Gicht mit häufigen Anfällen
- bekannter Überempfindlichkeit gegen Sulfonamide
Kontrollen während der Behandlung:
- Kalium, Natrium und Magnesium, besonders in den ersten Wochen
- Kreatinin und glomeruläre Filtrationsrate
- Harnsäure und Blutzucker
- Blutdruck und Körpergewicht
Bei älteren Menschen sind engmaschigere Kontrollen der Elektrolyte angezeigt, weil sowohl Natriummangel als auch Flüssigkeitsmangel häufiger auftreten und schwerer erkannt werden.
In der Schwangerschaft ist die Anwendung nicht angezeigt, da die Entwässerung die Durchblutung des Mutterkuchens vermindern kann. In der Stillzeit kann die Milchbildung gehemmt werden.
Bei Durchfall, Erbrechen oder starkem Schwitzen steigt das Risiko für Flüssigkeits- und Elektrolytmangel. In solchen Situationen ist ärztlicher Rat einzuholen.
Häufig gestellte Fragen
Was für ein Wirkstoff ist Xipamid?
Xipamid ist ein thiazidähnliches Diuretikum, also ein entwässernder Wirkstoff aus der Gruppe der Sulfonamidderivate. Anders als Hydrochlorothiazid wirkt er auch bei eingeschränkter Nierenfunktion. Eingesetzt wird er bei Bluthochdruck und bei Wasseransammlungen infolge von Herz-, Nieren- oder Lebererkrankungen.
Was ist der Unterschied zwischen Xipamid und Hydrochlorothiazid?
Beide hemmen den Natrium-Chlorid-Cotransporter im frühdistalen Nierenkanälchen. Xipamid behält seine Wirkung jedoch auch bei einer glomerulären Filtrationsrate unter 30 Millilitern pro Minute, während Hydrochlorothiazid dort weitgehend unwirksam wird. Zudem führt Xipamid eher zu vermehrter Calciumausscheidung.
Wie lange dauert es, bis Xipamid den Blutdruck senkt?
Die entwässernde Wirkung setzt innerhalb weniger Stunden ein, die volle blutdrucksenkende Wirkung entwickelt sich jedoch erst über zwei bis vier Wochen. Eine vorzeitige Dosissteigerung ist deshalb meist nicht sinnvoll.
Warum soll die Dosis bei Bluthochdruck niedrig bleiben?
Die blutdrucksenkende Wirkung ist bereits bei niedriger Dosierung weitgehend ausgeschöpft. Höhere Dosen bringen kaum zusätzliche Senkung, verstärken aber Kaliumverlust, Harnsäureanstieg sowie die ungünstigen Effekte auf Blutzucker und Blutfette.
Welche Blutwerte müssen kontrolliert werden?
Kalium, Natrium und Magnesium sollten besonders in den ersten Wochen kontrolliert werden, außerdem Kreatinin, Harnsäure und Blutzucker. Bei älteren Menschen sind engmaschigere Kontrollen sinnvoll, weil Natriummangel dort häufiger auftritt und unspezifisch verläuft.
Wann sollte man Xipamid einnehmen?
Morgens, damit die entwässernde Wirkung nicht in die Nacht fällt und den Schlaf durch häufiges Wasserlassen stört. Bei höheren Dosierungen kann eine Aufteilung auf morgens und frühen Nachmittag sinnvoll sein.
Quellen
- Fachinformation Aquaphor 20 mg Tabletten, MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG.
- Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie
- Gelbe Liste Pharmindex: Wirkstoffprofil Xipamid
- BfArM: Risikoinformationen zu Hydrochlorothiazid und Hautkrebsrisiko
Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss
Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Arzneimittel sollten stets nur nach ärztlicher Verordnung oder apothekenpflichtiger Abgabe eingenommen werden. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen; maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.