Enzalutamid: Androgenrezeptor-Signalhemmer beim Prostatakarzinom

Enzalutamid (Handelsname: Xtandi) ist ein oral wirksamer Androgenrezeptor-Signalhemmer (ARSI), der zur Behandlung verschiedener Stadien des Prostatakarzinoms zugelassen ist. Als Zweitgenerations-Androgenrezeptor-Antagonist bindet Enzalutamid mit etwa fünf- bis achtfach höherer Affinität als Bicalutamid an den Androgenrezeptor (AR). Es verhindert nicht nur die Androgen-Bindung, sondern blockiert auch die nukleäre Translokation des AR-Liganden-Komplexes, die DNA-Bindung und die Rekrutierung von Ko-Aktivatoren. Dadurch wird die androgenvermittelte Transkription von Genen, die das Tumorwachstum fördern, vollständig inhibiert.

Enzalutamid wurde ursprünglich für das kastrationsresistente Prostatakarzinom (CRPC) entwickelt und ist heute auch für hormonempfindliche Stadien zugelassen. Es ist eines der vier zugelassenen ARSI der zweiten Generation (neben Apalutamid, Darolutamid und Abirateron) und hat in mehreren Phase-III-Studien (AFFIRM, PREVAIL, ARCHES, ENZAMET) signifikante Verlängerungen des Gesamtüberlebens und des progressionsfreien Überlebens gezeigt.

Wirkmechanismus

Prostatakarzinomzellen sind in frühen Stadien (und oft auch nach einer Phase der Kastration) abhängig von Androgenrezeptor-Signalwegen für ihr Wachstum. Klassische Antiandrogene der ersten Generation (Bicalutamid, Flutamid) blockieren den Androgenrezeptor kompetitiv, aber die Affinität ist geringer und Resistenzen entstehen durch AR-Überexpression, AR-Amplifikation oder AR-Mutationen (sog. antagonist-to-agonist switch). Enzalutamid wirkt auf drei Ebenen: Erstens verhindert es die Androgenbindung an den Androgenrezeptor mit hoher Affinität. Zweitens hemmt es die Kerntranslokation des AR-Liganden-Komplexes: Das Rezeptordimer kann nicht in den Zellkern wandern. Drittens blockiert es die Bindung des Rezeptors an DNA-Response-Elemente und die Rekrutierung von Koaktivatoren. Die Kombination dieser drei Wirkebenen macht Enzalutamid effektiver als Erstgenerations-Antiandrogene und auch bei manchen AR-amplifizierten Tumoren noch wirksam.

Anwendungsgebiete

Enzalutamid ist zugelassen für: Kastrationsresistentes Prostatakarzinom (CRPC) bei erwachsenen Männern, bei denen die Erkrankung während oder nach einer Docetaxel-Chemotherapie fortschreitet (post-Chemotherapie CRPC, Zulassung nach AFFIRM-Studie). Asymptomatisches oder milde symptomatisches CRPC, bei dem eine Chemotherapie noch nicht indiziert ist (PREVAIL-Studie: prä-Chemotherapie CRPC). Metastasiertes hormonsensitives Prostatakarzinom (mHSPC) in Kombination mit einer Androgendeprivationstherapie (ADT), nach ARCHES- und ENZAMET-Studie. Nicht-metastasiertes kastrationsresistentes Prostatakarzinom (nmCRPC) mit hohem Metastasierungsrisiko (PSA-Verdopplungszeit unter 10 Monate), nach PROSPER-Studie. Die Kombination mit ADT (GnRH-Agonisten oder Relugolix) ist in allen metastasierten Stadien üblich.

Dosierung und Einnahme

160 mg (4 Kapseln à 40 mg) täglich oral, einmal täglich, mit oder ohne Mahlzeit. Die Kapseln müssen als Ganzes geschluckt werden. Bei Patienten mit mäßiger Leberinsuffizienz (Child-Pugh B): keine Dosisanpassung nötig, engmaschige Überwachung. Bei schwerer Leberinsuffizienz (Child-Pugh C): Enzalutamid nicht empfohlen (unzureichende Daten). Niereninsuffizienz: keine Dosisanpassung bei milder bis moderater Einschränkung; bei schwerer Niereninsuffizienz (GFR unter 30 ml/min): Vorsicht, Daten begrenzt. Bei Epilepsieepisoden: Enzalutamid vorübergehend absetzen, nach Überprüfung auf niedrigerer Dosis (80 mg) fortsetzen oder auf Alternativtherapie wechseln. Die Einnahme in Kombination mit starken CYP2C8-Inhibitoren ist zu vermeiden.

Nebenwirkungen

Fatigue und Asthenie sind die häufigsten Nebenwirkungen (bis zu 50 Prozent der Patienten) und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Hitzewallungen durch die Androgensuppression sind sehr häufig. Hypertonie tritt bei einem relevanten Teil der Patienten auf; Blutdruckmonitoring ist zu empfehlen. Stürze und Frakturen sind häufiger als unter Placebo; Sturz- und Frakturprävention sind wichtig. Kognitive Beeinträchtigungen: Gedächtnisschwäche, Aufmerksamkeitsdefizite, Konzentrationsprobleme sind beschrieben; Enzalutamid passiert die Blut-Hirn-Schranke. Krampfanfälle: In Studien bei bis zu 0,5 Prozent der Patienten beschrieben; erhöhtes Risiko bei vorbestehenden Prädispositionen (ZNS-Metastasen, vorherige Krampfanfälle, Alkoholmissbrauch). Weitere typische ADT-Nebenwirkungen: Knochendichteverlust, Libidoverlust, erektile Dysfunktion, metabolisches Syndrom.

Wechselwirkungen

Enzalutamid ist ein potenter Induktor von CYP3A4, CYP2C9 und CYP2C19 und kann die Plasmaspiegel zahlreicher Arzneimittel deutlich senken: Antikoagulanzien (Warfarin; INR-Kontrolle und Dosisanpassung nötig), Antiepiletika (Carbamazepin, Lamotrigin), Immunsuppressiva (Ciclosporin, Tacrolimus), Statine (Atorvastatin, Simvastatin: reduzierte Wirkung), hormonelle Kontrazeptiva (relevant für Partnerinnen, wenn orale Kontrazeptiva eingesetzt werden). Starke CYP2C8-Hemmer (Gemfibrozil) erhöhen die Enzalutamid-Exposition erheblich; Kombination vermeiden oder Enzalutamid-Dosis auf 80 mg reduzieren. BCRP-Substrate (Rosuvastatin, Pitavastatin, Sulfasalazin): Enzalutamid hemmt BCRP und kann die Exposition dieser Substanzen erhöhen. Interaktionsprüfung vor Therapiebeginn und bei Änderungen der Komedikation ist obligatorisch.

Besondere Hinweise

Enzalutamid ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, das ausschließlich unter onkologischer Fachaufsicht (Urologie, Onkologie) eingesetzt wird. Patienten mit einer Vorgeschichte von Krampfanfällen, ZNS-Erkrankungen oder gleichzeitiger Einnahme von die Anfallsschwelle senkenden Arzneimitteln tragen ein erhöhtes Krampfrisiko und sollten engmaschig überwacht werden. Da Enzalutamid als potenter CYP3A4-Induktor die Wirkung zahlreicher Arzneimittel verringern kann, ist eine vollständige Überprüfung der Komedikation vor und während der Therapie unerlässlich. Patienten im reproduktionsfähigen Alter müssen eine sichere Verhütung verwenden, da Enzalutamid teratogen sein kann. Es sollte nicht mit Enzyminduktoren oder -inhibitoren kombiniert werden, ohne vorherige Anpassung der Dosierungen betroffener Arzneimittel.

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Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Enzalutamid und Bicalutamid?

Bicalutamid ist ein Erstgenerations-Antiandrogen und blockiert den Androgenrezeptor kompetitiv. Es verhindert nur die Androgenbindung, nicht aber die Translokation oder DNA-Bindung des Rezeptors. Bei fortgeschrittenem Prostatakarzinom und AR-Überexpression oder AR-Mutationen kann Bicalutamid sogar als partieller Agonist wirken (Antiandrogen-Withdrawal-Phänomen). Enzalutamid hemmt alle drei Schritte der AR-Signalkaskade mit 5 bis 8-fach höherer Affinität und zeigt in klinischen Studien deutlich überlegene Wirksamkeit beim kastrationsresistenten und metastasierten hormonsensitiven Prostatakarzinom.

Warum muss die Komedikation bei Enzalutamid sorgfältig geprüft werden?

Enzalutamid ist ein sehr potenter Induktor von CYP3A4, CYP2C9 und CYP2C19. Diese drei Enzyme metabolisieren eine große Anzahl häufig verschriebener Arzneimittel: Antikoagulanzien, Statine, Immunsuppressiva, viele Antiepiletika und andere. Durch Enzyminduktion beschleunigt Enzalutamid den Abbau dieser Substanzen, was zu niedrigeren Plasmaspiegeln und damit zu verminderter Wirksamkeit oder sogar Therapieversagen führen kann. Vor Therapiebeginn und bei jeder Änderung der Begleitmedikation muss eine umfassende Interaktionsprüfung (z.B. über www.drugs.com/interaction) durchgeführt werden.

Kann Enzalutamid als Monotherapie ohne ADT gegeben werden?

In den meisten zugelassenen Indikationen wird Enzalutamid in Kombination mit einer Androgendeprivationstherapie (ADT, d.h. GnRH-Agonist oder chirurgische Kastration) eingesetzt. Beim nmCRPC (nicht-metastasiertes CRPC) wird Enzalutamid zusammen mit ADT gegeben. Beim CRPC (kastrationsresistentes Prostatakarzinom) sind die Patienten definitionsgemäß bereits unter ADT, sodass Enzalutamid als Ergänzung zur bestehenden Kastration hinzugefügt wird. Eine Monotherapie ohne jegliche Androgenunterdrückung ist keine zugelassene Indikation für Enzalutamid.

Quellen

  • Scher HI et al. AFFIRM Trial. N Engl J Med 2012
  • EAU-Leitlinien: Prostatakarzinom 2023
  • EMA: Enzalutamid (Xtandi) EPAR 2023