Amoxicillin: Aminopenicillin zur Behandlung bakterieller Infektionen

Amoxicillin ist ein halbsynthetisches Aminopenicillin der Gruppe der Betalaktam-Antibiotika. Es gehört weltweit zu den meistverordneten Antibiotika und wird sowohl in der Humanmedizin als auch in der Pädiatrie sehr häufig eingesetzt. Der Wirkstoff zeichnet sich durch ein breites Wirkspektrum gegen grampositive und einige gramnegative Bakterien aus und ist oral gut bioverfügbar, was ihn besonders für ambulante Therapien geeignet macht.

Amoxicillin ist als Tablette, Kapsel, Saft sowie als parenterale Formulierung erhältlich. Häufig wird es mit dem Betalaktamase-Hemmer Clavulansäure kombiniert (Amoxicillin/Clavulansäure, Handelsnamen u. a. Augmentan), um das Wirkspektrum auf Betalaktamase-produzierende Keime zu erweitern. Seit dem Ablauf des Patentschutzes sind zahlreiche Generika verfügbar.

Wirkmechanismus

Amoxicillin hemmt die bakterielle Zellwandsynthese, indem es kovalent an Penicillin-bindende Proteine (PBP) bindet. Diese Enzyme sind für die Quervernetzung von Peptidoglykan-Strängen verantwortlich, die dem bakteriellen Zellkern Stabilität verleihen. Durch die Hemmung der Transpeptidase-Aktivität der PBP wird die Quervernetzung unterbrochen, die Zellwand geschwächt und der osmotische Druck führt schließlich zur Lyse der Bakterienzelle. Amoxicillin wirkt daher bakterizid, nicht nur bakteriostatisch.

Da menschliche Zellen keine Peptidoglykan-Zellwand besitzen, ist der Wirkmechanismus hochselektiv. Allerdings produzieren viele Bakterienstämme Betalaktamasen, Enzyme, die den Betalaktamring von Amoxicillin spalten und es damit inaktivieren. Dies erklärt die wachsende Resistenzproblematik, der durch die Kombination mit Clavulansäure entgegengewirkt werden kann.

Das Wirkspektrum umfasst unter anderem Streptococcus pneumoniae, Streptococcus pyogenes, Enterococcus faecalis, Haemophilus influenzae (nicht Betalaktamase-bildende Stämme), Escherichia coli (nicht Betalaktamase-bildend), Helicobacter pylori (als Teil der Eradikationstherapie) sowie Listerien. Gegen Staphylokokken, die Penicillinase produzieren, ist Amoxicillin allein wirkungslos.

Anwendungsgebiete

  • Atemwegsinfektionen: Ambulant erworbene Pneumonie (als Mittel der Wahl bei typischen Erregern), akute Sinusitis, akute Otitis media, Tonsillitis durch Streptokokken
  • Harnwegsinfektionen: Unkomplizierte Zystitis (wenn Erregerspektrum und Resistenzlage dies erlauben)
  • Helicobacter-pylori-Eradikation: Standardmäßig in Kombination mit Clarithromycin und einem Protonenpumpenhemmer (Französische Dreifachtherapie)
  • Hautinfektionen: Erysipel durch Streptokokken, infizierte Wunden ohne Betalaktamase-bildende Keime
  • Endokarditisprophylaxe: Vor Eingriffen an Zähnen oder im Mund-Rachen-Bereich bei Risikopatienten
  • Lyme-Borreliose: Frühstadium ohne Organbeteiligung bei Erwachsenen und Kindern
  • Infektionen in der Pädiatrie: Häufig eingesetzt bei Otitis media und Pneumonie im Kindesalter

Dosierung und Einnahme

Erwachsene: Standard-Dosierung 500 mg bis 1000 mg alle 8 Stunden (dreimal täglich) oder 875 mg alle 12 Stunden in der Kombination mit Clavulansäure. Bei leichten Infektionen werden 250 bis 500 mg dreimal täglich verabreicht. Bei schweren Infektionen können bis zu 3 g täglich in Einzeldosen gegeben werden. Die Therapiedauer beträgt je nach Indikation 5 bis 10 Tage; bei der H.-pylori-Eradikation in der Regel 7 bis 14 Tage.

Kinder: 25 bis 50 mg/kg Körpergewicht täglich, aufgeteilt auf 2 bis 3 Einzeldosen. Die maximale Tagesdosis für Kinder wird abhängig vom Gewicht und der Indikation festgelegt. Für Kleinkinder und Säuglinge stehen Säfte mit 250 mg/5 ml zur Verfügung.

Amoxicillin kann unabhängig von Mahlzeiten eingenommen werden, da die Resorption durch Nahrung nicht wesentlich beeinflusst wird. Die Einnahme mit einem vollen Glas Wasser erleichtert das Schlucken und fördert die gleichmäßige Verteilung im Magen-Darm-Trakt. Bei eingeschränkter Nierenfunktion (GFR unter 30 ml/min) ist eine Dosisreduktion oder Verlängerung des Dosierungsintervalls notwendig.

Nebenwirkungen

Häufig (1 bis 10 Prozent der Anwender): Gastrointestinale Beschwerden stehen im Vordergrund: Übelkeit, Durchfall, Völlegefühl, Bauchkrämpfe. Diese Beschwerden treten besonders bei höheren Dosen auf und bessern sich meist im Verlauf der Therapie.

Gelegentlich: Hautausschläge, insbesondere makulopapulöse Exantheme, die nicht zwingend eine Penicillinallergie darstellen. Ein besonderes klinisches Zeichen ist das bei Mononukleose (EBV-Infektion) nahezu regelmäßig auftretende, juckende Exanthem unter Amoxicillin, das kein Zeichen einer echten Penicillinallergie ist, sondern immunologisch bedingt. Orale Candidose kann unter Amoxicillin auftreten, da die physiologische Mundflora geschwächt wird.

Selten, aber klinisch bedeutsam: Echte Penicillin-Überempfindlichkeitsreaktionen bis hin zur Anaphylaxie (IgE-vermittelt). Das Risiko einer Kreuzreaktion mit Cephalosporinen besteht, ist aber gering (unter 2 Prozent). Clostridium-difficile-assoziierte Diarrhoe (pseudomembranöse Kolitis) kann auftreten, insbesondere bei längerer Therapie oder Risikopatienten. Interstitielle Nephritis, Neutropenie und hämolytische Anämie sind sehr selten.

Wechselwirkungen

  • Allopurinol: Erhöhte Rate an Hautausschlägen (Exanthemen); Kombination nicht empfohlen
  • Orale Antikoagulanzien (Phenprocoumon, Warfarin): Amoxicillin kann die Vitamin-K-Synthese durch Darmbakterien hemmen und so die gerinnungshemmende Wirkung verstärken; INR-Kontrolle empfohlen
  • Methotrexat: Amoxicillin hemmt die renale Ausscheidung; Methotrexat-Toxizität kann ansteigen
  • Orale Kontrazeptiva: Theoretische Wirkungsabschwächung durch Veränderung der Darmflora; klinische Relevanz wird heute als gering eingestuft, dennoch in der Packungsbeilage erwähnt
  • Probenecid: Hemmt tubuläre Sekretion von Amoxicillin; Plasmaspiegel steigen an
  • Andere Antibiotika: Bakteriostatische Antibiotika (Tetracycline, Makrolide) können die bakterizide Wirkung von Amoxicillin abschwächen; Kombination in der Regel vermeiden

Besondere Hinweise

Resistenzentwicklung: Die unsachgemäße Anwendung von Amoxicillin, insbesondere bei viralen Erkältungsinfektionen, fördert die Selektion resistenter Bakterienstämme. Antibiotika wirken ausschließlich gegen bakterielle Infektionen, nicht gegen Viren. Die Therapieentscheidung sollte durch einen Arzt getroffen werden, idealerweise auf Grundlage eines Antibiogramms.

Penicillinallergie: Bei bekannter Penicillinallergie ist Amoxicillin kontraindiziert. Als Alternativen kommen je nach Indikation Makrolide (Azithromycin, Clarithromycin) oder Cephalosporine infrage, wobei das geringe Kreuzreaktionsrisiko mit Cephalosporinen berücksichtigt werden muss. Eine allergologische Abklärung ist bei anamnestischer Penicillinallergie sinnvoll, da echte IgE-vermittelte Reaktionen seltener sind als häufig angenommen.

Schwangerschaft und Stillzeit: Amoxicillin gilt als eines der sichersten Antibiotika in der Schwangerschaft und wird dort bei bakteriellen Infektionen bevorzugt eingesetzt. In der Stillzeit geht ein geringer Anteil in die Muttermilch über; Stillzeit muss nicht unterbrochen werden, eine Überwachung des Säuglings auf Durchfall und orale Candidose ist sinnvoll.

Mononukleose-Exanthem: Bei Verdacht auf EBV-Infektion (Pfeiffersches Drüsenfieber) sollte Amoxicillin nicht eingesetzt werden. Das charakteristische, über den ganzen Körper verteilte masernähnliche Exanthem tritt bei mehr als 80 Prozent der Patienten auf, die in der Akutphase der Mononukleose Aminopenicilline erhalten, und ist immunologischer, nicht allergischer Natur.

Häufig gestellte Fragen

Wie lange dauert es, bis Amoxicillin wirkt?

Eine Besserung der Beschwerden bei bakteriellen Infektionen ist häufig bereits nach 24 bis 48 Stunden spürbar. Die Therapie sollte dennoch vollständig abgeschlossen werden, auch wenn die Symptome früher abklingen, um eine Resistenzentwicklung zu verhindern und ein vollständiges Abheilen sicherzustellen.

Was ist der Unterschied zwischen Amoxicillin und Amoxicillin/Clavulansäure?

Clavulansäure ist ein Betalaktamase-Hemmer ohne nennenswerte eigene antibiotische Aktivität. Die Kombination erweitert das Wirkspektrum von Amoxicillin auf Betalaktamase-produzierende Stämme wie Staphylococcus aureus (nicht MRSA), Haemophilus influenzae (Betalaktamase-positiv) und Klebsiella pneumoniae. Gastrointestinale Nebenwirkungen treten bei der Kombination häufiger auf.

Kann Amoxicillin eine Pilzinfektion verursachen?

Ja, da Amoxicillin die physiologische Bakterienflora der Schleimhäute beeinflusst, kann es zu einer Überwucherung mit Candida albicans kommen. Dies äußert sich als Mundsoor (orale Candidose) oder vaginale Candidose. Bei bekannter Neigung zu Pilzinfektionen kann eine begleitende Prophylaxe mit einem lokalen Antimykotikum sinnvoll sein.

Quellen

  • Fachinformationen zu Amoxicillin-haltigen Präparaten (EMA, BfArM)
  • Leitlinie zur ambulant erworbenen Pneumonie (AWMF-Leitlinie 020-020)
  • Leitlinie zur H.-pylori-Eradikation (AWMF-Leitlinie 021-001)
  • Antibiotika-Resistenz-Übersicht des Robert Koch-Instituts (RKI)
  • Brunton LL et al. Goodman & Gilman's The Pharmacological Basis of Therapeutics. 13. Aufl. McGraw-Hill, 2017.