Candesartancilexetil: Esterprodrug von Candesartan (AT1 Rezeptor Antagonist)
Candesartancilexetil ist ein Esterprodrug von Candesartan, einem Angiotensin II Rezeptor Antagonisten der AT1 Rezeptor Subgruppe (Sartan). In allen Fertigarzneimitteln liegt der Wirkstoff als Prodrug Form vor, weil die freie Säure Candesartan oral kaum resorbiert wird. Bekannte Handelsnamen sind Atacand, Blopress sowie zahlreiche Generika. Eine ausführliche Pillar Page zum Wirkstoff Candesartan finden Sie unter /wirkstoff/candesartan.
Candesartan war eines der ersten Sartane, die in großen Endpunktstudien (CHARM, RESOLVD, SCOPE) bei Herzinsuffizienz, Hypertonie und Sekundärprävention nach Schlaganfall geprüft wurden. Es gehört heute zu den am häufigsten verordneten Sartanen in Deutschland und ist Standard bei essentieller Hypertonie und chronischer Herzinsuffizienz mit reduzierter Pumpfunktion (HFrEF), als Alternative oder Ergänzung zu ACE Hemmern.
Wirkmechanismus und Prodrug Konzept
Candesartancilexetil ist ein Cilexetilester von Candesartan. Während der Resorption durch die Darmwand wird der Cilexetil Ester durch unspezifische Esterasen abgespalten, sodass im Blut die freie Säure Candesartan zirkuliert. Diese Prodrug Form wurde gewählt, weil Candesartan in freier Form sehr schlecht oral resorbiert wird (Bioverfügbarkeit unter 5 Prozent), während Candesartancilexetil eine oral nutzbare Bioverfügbarkeit von etwa 40 Prozent erreicht.
Im Blut bindet Candesartan kompetitiv und mit hoher Affinität an den Angiotensin II Typ 1 Rezeptor (AT1) und blockiert dort die Wirkung von Angiotensin II. Dies führt zu Vasodilatation, reduzierter Aldosteron Sekretion, verbesserter Natriurese und reduzierten Endorganschäden durch das aktivierte Renin Angiotensin Aldosteron System.
Anders als ACE Hemmer hemmt Candesartan nicht die Bildung von Bradykinin, weshalb der typische ACE Hemmer Husten unter Sartanen praktisch nicht auftritt. Candesartan zeichnet sich durch eine besonders lange Halbwertszeit von etwa 9 Stunden bei festen Bindung am Rezeptor aus, was eine ein mal tägliche Einnahme mit gleichmäßigem 24 Stunden Effekt ermöglicht.
Anwendungsgebiete
- Essentielle arterielle Hypertonie: Erstlinientherapie oder in Kombination mit Diuretika und Calciumantagonisten
- Chronische Herzinsuffizienz mit reduzierter LVEF: bei ACE Hemmer Unverträglichkeit oder als Ergänzung
- Diabetische Nephropathie: Reduktion der Proteinurie und Verlangsamung der Progression
- Sekundärprävention nach Schlaganfall: als blutdrucksenkende Maßnahme
- Off label: Migräneprophylaxe (in einigen Studien wirksam)
Dosierung und Einnahme
Hypertonie Erwachsene: Initialdosis 8 mg einmal täglich, Steigerung bis 16 oder 32 mg nach 2 bis 4 Wochen je nach Blutdruck. Maximale Dosis 32 mg täglich.
Herzinsuffizienz: Initialdosis 4 mg einmal täglich, schrittweise Steigerung alle 2 Wochen auf Zieldosis 32 mg täglich.
Niereninsuffizienz: bei eGFR unter 30 ml/min vorsichtige Dosisanpassung. Bei beidseitiger Nierenarterienstenose kontraindiziert.
Leberinsuffizienz: bei mittelschwerer Insuffizienz Dosisreduktion, bei schwerer Insuffizienz mit Cholestase kontraindiziert.
Einnahme: mit oder ohne Nahrung, Tageszeit kann individuell gewählt werden, sollte aber konstant bleiben.
Nebenwirkungen
Häufig: Schwindel, Kopfschmerzen, Hypotonie (vor allem bei erster Dosis), Müdigkeit, Hyperkaliämie, leichter Anstieg des Kreatinins.
Gelegentlich: Übelkeit, Bauchschmerzen, Diarrhö, Pruritus, Hautausschlag, Rückenschmerzen.
Schwerwiegend, selten: akutes Nierenversagen vor allem bei dehydrierten Patientinnen und Patienten oder beidseitiger Nierenarterienstenose; ausgeprägte Hyperkaliämie mit Arrhythmie Risiko; Angioödem (deutlich seltener als unter ACE Hemmern); cholestatische Hepatitis.
Wichtig: Sartane können in Kombination mit anderen RAS Hemmern (ACE Hemmer plus ARB plus Aliskiren) zu einer dualen oder dreifachen RAS Blockade führen, was das Risiko für Hyperkaliämie und Niereninsuffizienz erhöht und meist nicht empfohlen wird.
Wechselwirkungen
- ACE Hemmer und Aliskiren: additive Hyperkaliämie und Nierenfunktionsverschlechterung, Kombination meist nicht empfohlen
- Kaliumsparende Diuretika (Spironolacton, Eplerenon, Triamteren): additive Hyperkaliämie, engmaschiges Kalium Monitoring
- Kaliumsupplemente und Salzersatz mit Kalium: additive Hyperkaliämie
- NSAR: reduzierte antihypertensive Wirkung und additive Nephrotoxizität
- Lithium: erhöhte Lithium Spiegel, Spiegelmonitoring
- Trimethoprim: additive Hyperkaliämie
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: kontraindiziert. Sartane können im zweiten und dritten Trimester schwere fetale Schäden verursachen (renale Hypoplasie, Anhydramnie, Schädelfehlbildung, Lungenhypoplasie, Tod). Bei Frauen im gebärfähigen Alter sichere Kontrazeption erforderlich. Stillzeit: nicht empfohlen, alternative Antihypertensiva wie Methyldopa oder Beta Blocker bevorzugen.
Vor Therapiebeginn: Kreatinin, Elektrolyte, vor allem Kalium, Blutdruck im Stehen und Liegen.
Monitoring: Kreatinin und Kalium nach 1 bis 2 Wochen Therapiebeginn oder Dosisänderung, dann alle 3 bis 6 Monate. Bei Anstieg des Kreatinins um mehr als 30 Prozent oder Kalium über 5,5 mmol/L Therapie überprüfen.
Bei Volumenmangel: ältere Patientinnen und Patienten oder solche unter hochdosierter Diuretikatherapie reagieren mit ausgeprägter Hypotonie auf die erste Dosis. Eine vorsichtige Aufdosierung und gegebenenfalls Volumensubstitution sind empfehlenswert.
Aliskiren Kombination: bei Patientinnen und Patienten mit Diabetes mellitus oder Niereninsuffizienz ist die Kombination Sartan plus Aliskiren kontraindiziert wegen erhöhtem Risiko für Hyperkaliämie und akutes Nierenversagen.
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Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Candesartan und Candesartancilexetil?
Candesartan ist die freie Säure Form, die im Körper wirkt. Candesartancilexetil ist der Cilexetilester (Prodrug), der notwendig ist, weil die freie Säure oral kaum resorbiert wird. Während der Resorption wird der Ester abgespalten, sodass im Blut die wirksame Form zirkuliert. Pharmakologisch ist die Wirkung dieselbe, im klinischen Alltag werden beide Begriffe synonym verwendet.
Wie schnell wirkt Candesartan gegen Bluthochdruck?
Eine Blutdrucksenkung ist innerhalb der ersten Tage messbar, die volle Wirkung entwickelt sich über 4 bis 6 Wochen. Wegen der langen Halbwertszeit hält die antihypertensive Wirkung 24 Stunden an, eine ein mal tägliche Einnahme genügt.
Warum bekomme ich keinen Husten unter Candesartan?
ACE Hemmer hemmen das Enzym ACE, das auch Bradykinin abbaut. Die Akkumulation von Bradykinin in den Bronchien verursacht den typischen ACE Hemmer Husten bei etwa 10 bis 20 Prozent der Patientinnen und Patienten. Sartane wie Candesartan blockieren stattdessen direkt den AT1 Rezeptor, beeinflussen Bradykinin nicht und verursachen daher keinen Reizhusten.
Darf ich Candesartan in der Schwangerschaft nehmen?
Nein. Sartane sind in der Schwangerschaft kontraindiziert wegen schwerer fetaler Schäden. Frauen im gebärfähigen Alter sollten unter Sartantherapie sichere Kontrazeption nutzen und bei Kinderwunsch oder eingetretener Schwangerschaft sofort die behandelnde Praxis informieren, damit auf alternative Antihypertensiva (Methyldopa, Labetalol, Nifedipin) umgestellt werden kann.
Quellen
- EMA, Atacand (Candesartancilexetil) EPAR
- ESC ESH Leitlinie Arterielle Hypertonie und Herzinsuffizienz
- Gelbe Liste, Candesartan Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
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