Dithranol: Wirkung bei Psoriasis
Dithranol (auch Cignolin oder Anthralin, Handelsnamen Micanol, Psoradexan sowie magistrale Rezepturen aus der Apotheke) ist ein klassisches topisches Antipsoriatikum, das seit fast einem Jahrhundert in der Dermatologie eingesetzt wird. In Deutschland gehört Dithranol weiterhin zu den etablierten Optionen bei Plaque Psoriasis, vor allem in spezialisierten Hautkliniken und in der Tagesklinik. Die Substanz wird in unterschiedlichen Stärken (zwischen 0,1 und 3 Prozent) als Salbe, Creme oder Stift verschrieben und individuell auf die Haut des Patienten abgestimmt.
Im Vergleich zu modernen biologischen Therapien wie TNF Inhibitoren, IL 17 Antagonisten oder IL 23 Hemmern ist Dithranol günstig, gut steuerbar und ohne systemische Wirkungen. Die Anwendung ist allerdings aufwändig und hinterlässt typische Hautverfärbungen. In der modernen Psoriasistherapie wird Dithranol oft als Option bei stabilen Plaques, in der Kindertherapie oder bei Patienten gewählt, die systemische Therapien meiden möchten oder aus Sicherheitsgründen nicht erhalten dürfen.
Wirkmechanismus
Der genaue Wirkmechanismus von Dithranol ist nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden mehrere parallele Effekte: Hemmung der epidermalen Hyperproliferation durch Reduktion der Mitochondrienfunktion in Keratinozyten, antientzündliche Wirkung über Reduktion neutrophiler Chemotaxis und proinflammatorischer Zytokine, sowie eine direkte Hemmung der DNA Replikation in proliferativen Zellen.
Klinisch zeigt sich diese Wirkung in einer Normalisierung der epidermalen Differenzierung, Reduktion der charakteristischen Plaque Schuppung und einer langsamen Abheilung der Psoriasisherde über mehrere Wochen. Die Wirkung ist langsam aber nachhaltig: Bei kurzfristigem Behandlungserfolg (Minutentherapie über 30 Minuten) sind erste sichtbare Veränderungen oft nach zwei bis vier Wochen, eine vollständige Abheilung der Plaques nach sechs bis acht Wochen.
Eine systemische Resorption durch die Haut ist gering, weshalb auch bei großflächiger Anwendung systemische Nebenwirkungen praktisch nicht auftreten. Die typische lokale Reizwirkung ist Teil des therapeutischen Effekts und wird in geeigneten Schemata gezielt eingesetzt.
Anwendungsgebiete
- Chronische Plaque Psoriasis, vor allem bei stabilen, gut abgegrenzten Plaques an Stamm und Extremitäten
- Kinderpsoriasis, weil systemische Therapien dort restriktiv eingesetzt werden
- Psoriasis im Rahmen einer Tagesklinik mit Minutentherapie und anschließender UV Therapie
- Adjuvant zu anderen Therapien bei therapierefraktären Plaques, ergänzend zu Glukokortikoiden, Calcipotriol oder UV Therapie
- Off Label bei Alopecia areata in der Vergangenheit, heute selten
Dithranol ist nicht für die Anwendung im Gesicht, an Schleimhäuten, in der Genitalregion oder in intertriginösen Bereichen geeignet, weil dort die dünne Haut zu starken Reizungen führt. Bei pustulöser Psoriasis, akut entzündlicher Psoriasis oder Erythrodermie ist Dithranol kontraindiziert, weil es den Verlauf verschlechtert.
Dosierung und Anwendung
Klassische Therapie: Beginn mit niedriger Konzentration 0,1 bis 0,25 Prozent, Steigerung wöchentlich bis zur Reizschwelle. Anwendung einmal täglich auf die Plaques, mehrere Stunden Einwirkzeit oder über Nacht.
Minutentherapie (Short Contact Therapy): 1 bis 3 Prozent Dithranol für 10 bis 30 Minuten täglich auftragen, dann mit Wasser und milder Seife abwaschen. Diese moderne Variante ist verträglicher und in der ambulanten Praxis am häufigsten.
Stationär oder tagesklinisch: Kombination mit UV Therapie nach Ingram Schema, mit täglicher Steigerung der Konzentration und UV Dosis.
Anwendungstechnik: nur auf die Plaques selbst, gesunde Haut umliegend mit Vaseline oder Zinkpaste schützen. Hände nach Anwendung gründlich waschen, Kleidung kann sich verfärben (deshalb alte Wäsche tragen). Augenkontakt strikt vermeiden.
Therapiedauer: in der Regel 4 bis 8 Wochen, mit individueller Anpassung der Konzentration nach Hautverträglichkeit. Erhaltungstherapie selten, weil Dithranol bei stabiler Psoriasis pausiert wird.
Niereninsuffizienz und Leberinsuffizienz: bei topischer Anwendung in der Regel keine Anpassung erforderlich.
Nebenwirkungen
Sehr häufig: Hautrötung, Brennen, Reizung an der Anwendungsstelle, vor allem in der Anfangsphase. Hautverfärbung in dunkelrot bis bräunlich, die nach Therapieende langsam abklingt.
Häufig: Kontaktdermatitis, Juckreiz, Trockenheit, Verfärbung von Haaren, Nägeln, Kleidung, Wäsche, Möbeln und Fliesen. Verfärbungen auf Haut und Nägeln sind reversibel, auf Textilien oft nicht.
Gelegentlich: bullöse Reaktionen bei sehr hoher Konzentration, allergische Hautreaktionen, Verschlimmerung der Psoriasis bei zu rascher Konzentrationssteigerung.
Selten: ausgeprägte Hautreizung mit nässenden Erosionen, Verschlechterung benachbarter gesunder Haut, sekundäre bakterielle Infektion.
Hinweis: die typische Hautrötung um den behandelten Bereich ist Teil des Wirkprinzips und kein Behandlungsfehler. Eine zu starke Reizung erfordert allerdings Konzentrationsreduktion oder Therapiepause.
Wechselwirkungen
- Andere topische Antipsoriatika wie Calcipotriol oder Glukokortikoide: sequenzielle Anwendung möglich, gleichzeitige Anwendung am gleichen Hautareal kann die Wirkung beider beeinflussen. Calcipotriol wird von Dithranol oxidativ inaktiviert, sodass eine zeitliche Trennung sinnvoll ist.
- UV Therapie: erwünschte Synergie im Ingram Schema, aber stärkere Reizwirkung. Vorsichtige UV Dosissteigerung und Hautmonitoring.
- Topische Retinoide wie Tazaroten oder Adapalen: zusätzliche Hautreizung, Kombination mit Vorsicht.
- Topische Calcineurininhibitoren wie Tacrolimus, Pimecrolimus: in Kombination möglich, Hautirritation kann sich aber summieren.
- Methotrexat oder Biologika systemisch: keine direkten Wechselwirkungen, weil Dithranol nicht systemisch resorbiert wird. Sequenzielle Anwendung in der Therapieplanung möglich.
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: begrenzte Daten. Bei klarer Indikation kurzzeitig auf kleinem Areal nach individueller Beratung möglich. Stillzeit: nicht auf der Brust und in der Nähe der Brustwarze anwenden, sonst meist akzeptabel.
Kinder: Dithranol ist eine etablierte Option bei kindlicher Psoriasis ab dem Schulalter, weil systemische Therapien dort restriktiv eingesetzt werden. Eine ärztliche Begleitung ist sinnvoll.
Hautreinigung nach Anwendung: mit Wasser und milder Seife. Hartnäckige Verfärbungen können mit speziellen Lösungen entfernt werden, lassen sich aber meist nicht vollständig sofort beseitigen.
Schutz der Umgebung: alte dunkle Kleidung tragen, Bettlaken durch Schutzauflage abdecken, Badewanne nach Anwendung sofort reinigen, weil die Verfärbungen sonst dauerhaft bleiben.
Augenschutz: bei Anwendung am Kopf oder im Stirnbereich Augen mit Vaseline und Schutzauflage abdecken. Bei versehentlichem Augenkontakt sofort spülen und ärztlich abklären.
Lifestyle bei Psoriasis: Lichttherapie, Stressmanagement, Vermeidung von Triggern wie Alkohol, Nikotin und Infekte, Hautpflege mit fettreichen Emollientien zwischen den Behandlungsperioden, gegebenenfalls psychologische Begleitung bei Belastung durch sichtbare Plaques.
Verkehrstüchtigkeit: nicht beeinträchtigt durch topische Anwendung.
Das könnte Sie auch interessieren
- Triamcinolonacetonid, mittelpotentes topisches Glukokortikoid bei Psoriasis
- Betamethasonvalerat, weiteres topisches Glukokortikoid
- Methotrexat, klassisches systemisches Antipsoriatikum
- Secukinumab, IL 17 Antagonist als modernes Biologikum
- Ustekinumab, IL 12 IL 23 Antagonist als Biologikum
Häufig gestellte Fragen
Warum verfärbt Dithranol meine Haut?
Dithranol oxidiert in Anwesenheit von Sauerstoff und Licht zu farbigen Zerfallsprodukten. Diese Verfärbungen sind ein typisches Zeichen der Wirkung und nicht schädlich. Auf der Haut sind sie reversibel und blassen nach Therapieende über Wochen ab. Auf Textilien und manchen Oberflächen können sie dauerhaft bleiben.
Wie unterscheidet sich Dithranol von biologischen Therapien?
Dithranol ist ein topisches, klassisches Antipsoriatikum mit lokal begrenzter Wirkung und ohne systemische Effekte. Biologika wie TNF Inhibitoren oder IL 23 Antagonisten sind systemische Therapien für mittelschwere bis schwere Psoriasis mit hoher Wirksamkeit, höheren Kosten und mehr potenziellen Risiken. Bei stabiler Plaque Psoriasis kann Dithranol eine kostengünstige und gut steuerbare Option sein.
Was ist die Minutentherapie?
Die Minutentherapie (Short Contact Therapy) ist eine moderne Anwendungsform, bei der höhere Dithranol Konzentrationen (1 bis 3 Prozent) für nur 10 bis 30 Minuten auf die Plaques aufgetragen und anschließend abgewaschen werden. Sie ist verträglicher als die klassische Übernachtanwendung und in der ambulanten Praxis am häufigsten.
Was tun bei zu starker Hautreizung?
Konzentration reduzieren, Therapie pausieren, milde rückfettende Pflege auftragen, gegebenenfalls topisches Glukokortikoid kurzfristig einsetzen. Eine moderate Rötung ist erwünscht, eine starke nässende Reizung erfordert Therapieanpassung. Bei sehr ausgeprägter Reaktion ärztliche Abklärung sinnvoll.
Quellen
- Gelbe Liste, Dithranol Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- AWMF, Leitlinien zu Psoriasis vulgaris
- Deutsche Dermatologische Gesellschaft
Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss
Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Arzneimittel sollten stets nur nach ärztlicher Verordnung oder apothekenpflichtiger Abgabe eingenommen werden. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen, maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.