Fluspirilen: Diphenylbutylpiperidin Neuroleptikum als wöchentliches Depot
Fluspirilen ist ein hochpotentes Neuroleptikum (Antipsychotikum) der ersten Generation aus der Gruppe der Diphenylbutylpiperidine, ähnlich wie Pimozid und Penfluridol. Bekannter Handelsname war Imap (intramuskuläre Depot Lösung), das 2005 in Deutschland vom Markt genommen wurde. Aktuell ist Fluspirilen nicht mehr regulär verfügbar, in einigen anderen Ländern wird es noch verschrieben.
Die historische Bedeutung von Fluspirilen liegt in seiner pharmakologischen Sonderstellung als Depot Antipsychotikum mit wöchentlicher intramuskulärer Gabe, was deutlich kürzere Intervalle als andere Depotformen wie Haloperidol Decanoat oder Risperidon Long Acting bot. Klinisch wurde es vor allem in der Akutphase von Schizophrenie und bei chronischen Verläufen mit Compliance Schwierigkeiten genutzt. Seit der Einführung neuerer atypischer Depots (Risperidon, Paliperidon, Aripiprazol) wurde Fluspirilen weitgehend verdrängt und schließlich vom Markt zurückgezogen.
Wirkmechanismus
Fluspirilen ist ein potenter Antagonist am postsynaptischen Dopamin D2 Rezeptor im mesolimbischen, mesokortikalen, nigrostriatalen und tuberoinfundibulären System. Die antipsychotische Wirkung wird vor allem durch die mesolimbische D2 Blockade vermittelt, die positive psychotische Symptome wie Halluzinationen und Wahnvorstellungen reduziert.
Daneben hat Fluspirilen schwache anticholinerge und alpha 1 adrenerge Effekte, was die typischen Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Akkommodationsstörung und orthostatische Hypotonie erklärt. Wie andere typische Neuroleptika erhöht es das Risiko für extrapyramidal motorische Symptome (EPS): Parkinsonoid, Akathisie, akute Dystonie und im Langzeitverlauf Spätdyskinesien.
Pharmakokinetisch wird Fluspirilen als Depot in Mikrokristallform intramuskulär injiziert und über etwa eine Woche kontinuierlich freigesetzt. Diese galenische Eigenschaft erlaubt einmal wöchentliche Injektionen, was im Vergleich zur täglichen oralen Therapie die Adhärenz erleichtert.
Anwendungsgebiete
- Akute und chronische Schizophrenie: historische Hauptindikation
- Schizoaffektive Störungen
- Wahnhafte Störungen: bei chronischem Verlauf
- Manische Phasen bei bipolarer Störung: historisch
- Niedrig dosiert bei Angststörungen: off label, in den 1980er und 1990er Jahren in Deutschland weit verbreitet, heute nicht mehr empfohlen wegen ungünstiger Risiko Nutzen Bilanz
In Deutschland sind aktuell andere Antipsychotika der ersten und zweiten Generation Mittel der Wahl, mit besseren Nebenwirkungsprofilen.
Dosierung und Anwendung
Standarddosis (historisch): 2 bis 10 mg intramuskulär einmal wöchentlich, je nach Indikation und individueller Verträglichkeit. Bei akuter Symptomatik bis 10 mg pro Woche, in der Erhaltungsphase 2 bis 6 mg.
Anwendung: tiefe intramuskuläre Injektion in den Glutealmuskel oder Deltoid Bereich, meist durch medizinisches Personal in einer Praxis oder Klinik. Aufgrund der Mikrokristall Suspension ist die Injektion mitunter schmerzhaft.
Aktueller Status: Fluspirilen ist in Deutschland nicht mehr im Handel. Bei aktuellen Patientinnen und Patienten erfolgt die Umstellung auf moderne Depot Antipsychotika oder orale Therapie unter ärztlicher Begleitung.
Nebenwirkungen
Häufig: extrapyramidal motorische Symptome (Parkinsonoid, Akathisie, akute Dystonie), Müdigkeit, Sedierung, Mundtrockenheit, Verstopfung, Gewichtszunahme, sexuelle Dysfunktion, Hyperprolaktinämie mit Galaktorrhö und Amenorrhö.
Schwerwiegend: Spätdyskinesien (irreversible Bewegungsstörungen nach langer Anwendung), malignes neuroleptisches Syndrom (selten, lebensbedrohlich, mit Fieber, Muskelrigidität, autonomer Instabilität, Bewusstseinsstörung), Krampfanfälle, QT Verlängerung mit Torsade de Pointes Risiko, hämatologische Veränderungen (Agranulozytose selten), allergische Reaktionen.
Wichtig: bei Älteren ist die Anwendung von typischen Antipsychotika mit erhöhter Mortalität, vor allem kardiovaskulär und durch Pneumonie, assoziiert. Vor Verordnung kritische Risiko Nutzen Abwägung.
Wechselwirkungen
- QT verlängernde Wirkstoffe (Sotalol, Amiodaron, Erythromycin, Antidepressiva): additive QT Verlängerung, Torsade de Pointes Risiko
- Andere ZNS Depressiva (Benzodiazepine, Opioide, Alkohol): additive Sedierung und Atemdepression
- Anticholinergika (Trizyklische Antidepressiva): additive Effekte mit Gefahr für Verwirrtheit, Harnverhalt, Engwinkelglaukom
- Antihypertensiva: additive Hypotonie
- Levodopa: antagonistische Wirkung, Verschlechterung von Parkinson Symptomen
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: Daten begrenzt. Anwendung nur bei strenger Indikation, vor allem im dritten Trimester wegen extrapyramidaler Symptome und Anpassungsstörungen beim Neugeborenen. Stillzeit: nicht empfohlen, da Fluspirilen in die Muttermilch übergeht.
Bei Älteren: Antipsychotika der ersten Generation, insbesondere Depot Präparate, werden bei Älteren mit Demenz nur in Ausnahmefällen empfohlen, weil das Risiko für Schlaganfall, Herzkreislauf Ereignisse und Pneumonie deutlich erhöht ist.
Spätdyskinesien: langfristige Anwendung von typischen Neuroleptika kann irreversible Bewegungsstörungen auslösen. Regelmäßige neurologische Untersuchung und kritische Indikationsüberprüfung sind wichtig.
Modernere Alternativen: bei Schizophrenie sind heute atypische Antipsychotika der zweiten Generation (Risperidon, Olanzapin, Aripiprazol, Paliperidon) mit besseren EPS Profilen Mittel der Wahl. Depot Formen dieser Substanzen sind verfügbar.
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Häufig gestellte Fragen
Warum ist Fluspirilen vom Markt genommen worden?
Fluspirilen wurde 2005 in Deutschland vom Markt zurückgezogen, vor allem wegen ungünstiger Risiko Nutzen Bilanz im Vergleich zu modernen atypischen Antipsychotika. Die häufige off label Anwendung in niedriger Dosis bei Angststörungen wurde kritisch bewertet, da andere Therapien (SSRI, kognitive Verhaltenstherapie) bessere Wirksamkeit und Verträglichkeit zeigen.
Was sind extrapyramidal motorische Symptome?
EPS sind Bewegungsstörungen, die durch die Blockade des Dopamin Rezeptors im Striatum entstehen. Sie umfassen Parkinsonoid (Tremor, Rigor, Akinese), Akathisie (Bewegungsunruhe), akute Dystonien (unwillkürliche Muskelverkrampfungen, vor allem im Gesicht und Hals) und im Langzeitverlauf Spätdyskinesien (oft irreversible unwillkürliche Bewegungen).
Was sind die modernen Alternativen?
Atypische Antipsychotika der zweiten Generation wie Risperidon, Olanzapin, Quetiapin, Aripiprazol und Paliperidon haben in der Regel günstigere EPS Profile und sind heute Standard. Depot Formen sind für Risperidon, Paliperidon, Aripiprazol und Olanzapin verfügbar, mit Intervallen von 2 Wochen bis 3 Monate.
Wie wird die Umstellung von Fluspirilen auf neue Therapien gemacht?
Die Umstellung erfolgt unter fachärztlicher Begleitung, meist durch Überlappung der letzten Fluspirilen Dosis mit dem neuen Antipsychotikum. Die Wahl der neuen Substanz hängt von individuellen Faktoren wie Krankheitsverlauf, Komorbiditäten und Komedikation ab.
Quellen
- Gelbe Liste, Fluspirilen Wirkstoffprofil (historisch)
- DGPPN S3 Leitlinie Schizophrenie
- BfArM Marktrücknahme Fluspirilen 2005
- EMA Pharmakovigilanz Berichte zu typischen Depot Antipsychotika
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