Fesoterodin: Muskarinrezeptor Antagonist Prodrug bei überaktiver Blase
Fesoterodin (Handelsname Toviaz, Pfizer) ist ein orales Prodrug. Nach der Resorption hydrolysieren unspezifische Plasma Esterasen den Wirkstoff rasch zum aktiven Metaboliten 5 Hydroxymethyltolterodin (5 HMT). 5 HMT ist auch der aktive Metabolit von Tolterodin. Der Unterschied: Die 5 HMT Bildung aus Fesoterodin hängt nicht von CYP2D6 ab. Das macht Fesoterodin zu einer interessanten Option für Patientinnen und Patienten mit Tolterodin Verträglichkeitsproblemen oder unsicherem CYP2D6 Status.
Fesoterodin wurde 2007 in Europa zur Behandlung der überaktiven Blase (OAB) zugelassen. Bei dieser Indikation steht es zusammen mit Tolterodin, Solifenacin, Darifenacin, Trospiumchlorid und dem nicht anticholinergen Mirabegron als Therapieoption zur Verfügung. Die Wahl richtet sich nach Verträglichkeit, Komorbiditäten und individueller Reaktion.
Wirkmechanismus
Fesoterodin selbst hat keine pharmakologische Wirkung. Im Plasma wird es durch unspezifische Esterasen rasch und vollständig zu 5 HMT konvertiert. 5 HMT ist ein kompetitiver Antagonist an Muskarin Rezeptoren mit ähnlicher Affinität für M1, M2, M3, M4 und M5 Subtypen, ohne ausgeprägte Selektivität.
Im Detrusor der Harnblase blockiert 5 HMT die kontraktile Funktion der M3 Rezeptoren und reduziert die Detrusoraktivität. Folge sind Vergrößerung der funktionellen Blasenkapazität, Reduktion des imperativen Harndrangs und Verminderung der Pollakisurie. Die Wirkung ist mit anderen Antimuskarinika der überaktiven Blase Therapie vergleichbar.
Pharmakokinetisch wird Fesoterodin nach oraler Einnahme rasch zu 5 HMT umgewandelt, mit Bioverfügbarkeit etwa 52 Prozent für 5 HMT. Halbwertszeit etwa 7 Stunden, was die ein mal tägliche Einnahme ermöglicht. Eliminierung über CYP3A4 Metabolismus und renale Ausscheidung.
Anwendungsgebiete
- Überaktive Blase (OAB): Symptome imperativer Harndrang, Pollakisurie, Dranginkontinenz
- Neurogene Blasenüberaktivität: nach Schlaganfall, bei Multipler Sklerose, Parkinson, Spinalverletzungen
- Bei Versagen oder Unverträglichkeit von Tolterodin: Fesoterodin kann eine Alternative sein, weil die 5 HMT Spiegel unabhängig von CYP2D6 sind
Dosierung und Einnahme
Erwachsene: Initialdosis 4 mg einmal täglich, bei unzureichendem Ansprechen Steigerung auf 8 mg einmal täglich nach mindestens 8 Wochen.
Bei Niereninsuffizienz schwer (eGFR unter 30 ml/min): Maximaldosis 4 mg täglich. Bei Leberinsuffizienz mittelschwer: Maximaldosis 4 mg täglich. Bei schwerer Leberinsuffizienz: kontraindiziert.
Bei starken CYP3A4 Hemmern: Maximaldosis 4 mg täglich.
Einnahme: mit oder ohne Nahrung, möglichst zur gleichen Tageszeit. Tablette unzerkaut mit ausreichend Wasser schlucken (Retardtablette, nicht teilen oder kauen).
Therapieerfolg: erste Verbesserung meist innerhalb von 1 bis 2 Wochen, voller Effekt nach 8 bis 12 Wochen.
Nebenwirkungen
Sehr häufig (anticholinerg): Mundtrockenheit (häufigste Nebenwirkung, etwa 30 Prozent), Obstipation, Sehstörungen (Akkommodationsstörung), trockene Augen.
Häufig: Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Harnverhalt vor allem bei Männern mit Prostatahyperplasie, Verwirrtheit besonders bei Älteren, Tachykardie, Übelkeit.
Selten: akutes Engwinkelglaukom, schwere allergische Reaktionen, Anaphylaxie, paralytischer Ileus, QT Verlängerung.
Wichtig, anticholinerge Belastung: Fesoterodin trägt zur sogenannten anticholinergen Last bei, die mit kognitivem Abbau, Demenz und Sturzrisiko assoziiert ist. Vor allem bei älteren Patientinnen und Patienten und bei Polypharmazie sollte die Indikation regelmäßig kritisch geprüft werden, alternative Therapien wie Mirabegron sind eine nicht anticholinerge Option.
Wechselwirkungen
- Andere anticholinerge Wirkstoffe (Trizyklische Antidepressiva, Diphenhydramin, Atropin): additive anticholinerge Belastung
- Cholinesterasehemmer (Donepezil, Galantamin, Rivastigmin): gegenseitige Aufhebung der Wirkung
- Starke CYP3A4 Hemmer (Ketoconazol, Itraconazol, Clarithromycin, HIV Proteasehemmer): erhöhte 5 HMT Spiegel, Maximaldosis 4 mg
- Starke CYP3A4 Induktoren (Rifampicin, Phenytoin, Carbamazepin, Johanniskraut): reduzierte Spiegel, Wirkung kann abnehmen
- QT verlängernde Wirkstoffe: additive QT Verlängerung
- Alkohol: verstärkt Müdigkeit und kognitive Effekte
Besondere Hinweise
Schwangerschaft und Stillzeit: Daten begrenzt, Anwendung nur nach strenger Indikation. Bei Bedarf werden in der Schwangerschaft Verhaltensmaßnahmen und Beckenbodentraining bevorzugt.
Engwinkelglaukom: Fesoterodin kann den Augeninnendruck erhöhen und ist bei unbehandeltem Engwinkelglaukom kontraindiziert.
Harnverhalt: Patientinnen und Patienten mit Restharn oder Harnblasenentleerungsstörung sollten vor Therapie urologisch abgeklärt werden.
Verkehrstüchtigkeit: Fesoterodin kann zu verschwommenem Sehen, Schwindel und Müdigkeit führen, was die Verkehrstüchtigkeit beeinträchtigen kann.
Vorteil bei CYP2D6 Polymorphismus: bei Tolterodin hängt die Wirkstoffspiegel stark vom CYP2D6 Metabolisierertyp ab. Fesoterodin wird durch unspezifische Esterasen aktiviert, was zu gleichmäßigeren Spiegeln führt. Bei Patientinnen und Patienten mit Tolterodin Spiegelschwankungen oder Wirkungsproblem kann ein Wechsel auf Fesoterodin sinnvoll sein.
Das könnte Sie auch interessieren
- Tolterodin, anderer Muskarinrezeptor Antagonist mit gleichem aktiven Metaboliten
- Solifenacin, M3 selektiver Antagonist
- Mirabegron, Beta 3 Adrenozeptor Agonist als nicht anticholinerge Alternative
- Oxybutynin, älteres Anticholinergikum
- Trospium, quartäres Anticholinergikum mit weniger zentralen Effekten
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Vorteil von Fesoterodin gegenüber Tolterodin?
Beide haben denselben aktiven Metaboliten (5 HMT). Fesoterodin wird jedoch durch Plasma Esterasen aktiviert, unabhängig vom CYP2D6 Metabolisierertyp. Bei Tolterodin schwanken die Spiegel je nach CYP2D6 Status. Das kann bei einigen Patientinnen und Patienten Wirkungsprobleme oder vermehrte Nebenwirkungen verursachen. Fesoterodin bietet hier gleichmäßigere Spiegel.
Wie schnell wirkt Fesoterodin?
Erste Verbesserungen spüren Sie oft schon nach 1 bis 2 Wochen, die volle Wirkung entwickelt sich über 8 bis 12 Wochen. Spricht die Therapie nach 8 Wochen nicht ausreichend an, lässt sich die Dosis auf 8 mg steigern. Bleibt der Erfolg weiterhin aus, kommt ein Wechsel auf einen anderen Wirkstoff oder auf Mirabegron in Betracht.
Was kann ich gegen die Mundtrockenheit tun?
Helfen können häufiges Trinken kleiner Mengen Wasser, zuckerfreie Bonbons oder Kaugummi, künstlicher Speichel als Spray oder Gel sowie eine sorgfältige Mundhygiene zur Vermeidung von Karies und Soor. Bei unerträglicher Mundtrockenheit kann ein Wechsel auf Mirabegron, das nicht anticholinerg wirkt, sinnvoll sein.
Darf ich Fesoterodin bei Demenz nehmen?
Anticholinergika können kognitive Symptome verschlechtern, bei langfristiger Anwendung erhöht sich das Risiko für Demenz. Bei Patientinnen und Patienten mit Demenz oder unter Cholinesterasehemmer Therapie sollten Sie Fesoterodin möglichst vermeiden. Als nicht anticholinerge Option kommt hier Mirabegron infrage.
Quellen
- EMA, Toviaz (Fesoterodin) EPAR
- DGU S2k Leitlinie überaktive Blase
- Gelbe Liste, Fesoterodin Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
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