Flecainide: Englische Schreibweise des Klasse 1c Antiarrhythmikums Flecainid
Flecainide ist die englische Schreibweise des Wirkstoffs Flecainid. In der internationalen Fachliteratur und in den USA wird durchgängig Flecainide verwendet, in Deutschland Flecainid. Pharmakologisch handelt es sich um das gleiche Klasse 1c Antiarrhythmikum nach Vaughan Williams, das vor allem zur Therapie supraventrikulärer Tachykardien und paroxysmalen Vorhofflimmerns eingesetzt wird.
Flecainide wurde 1985 in den USA zugelassen. Die CAST Studie (Cardiac Arrhythmia Suppression Trial) bei Postinfarkt Patienten zeigte unter Klasse 1 Antiarrhythmika eine paradox erhöhte Mortalität, was zu einer engen Indikationsstellung führte. Bei Patienten mit strukturell gesundem Herzen ist Flecainide weiterhin eine der wirksamsten Optionen zur Konversion und zum Erhalt des Sinusrhythmus.
Wirkmechanismus
Flecainide blockiert spannungsabhängige Natriumkanäle vom Typ Nav1.5 in der aktivierten und teilweise inaktivierten Form. Charakteristisch für die Klasse 1c ist die starke Hemmung der Phase 0 des Aktionspotentials mit deutlicher Verlangsamung der Erregungsleitung in Atrium, AV Knoten und Ventrikel. Die Repolarisationsdauer wird kaum verändert.
Klinisch resultiert eine deutliche Verlangsamung der Erregungsleitung mit Verbreiterung des QRS Komplexes im EKG. Diese Eigenschaft macht Flecainide besonders wirksam zur Konversion und Prävention von Vorhofflimmern und supraventrikulären Tachykardien.
Bei Patienten mit struktureller Herzerkrankung kann die Verlangsamung der Erregungsleitung jedoch ventrikuläre Tachykardien begünstigen, weshalb Flecainide hier kontraindiziert ist.
Anwendungsgebiete
- Paroxysmales Vorhofflimmern bei strukturell gesundem Herzen: Konversion in den Sinusrhythmus und Rhythmuserhalt
- Pill in the Pocket Konzept: oral als Bedarfstherapie bei selbstlimitierten Vorhofflimmer Episoden
- Atrioventrikuläre nodale Reentrytachykardie (AVNRT): bei Versagen von Beta Blockern und Calciumantagonisten
- WPW Syndrom mit Reentrytachykardien: Reservetherapie
- Ventrikuläre Tachyarrhythmien bei strukturell gesundem Herzen: selten, in spezialisierten Zentren
- Catecholaminerge polymorphe ventrikuläre Tachykardie (CPVT): Off Label, wirksam wenn Beta Blocker nicht ausreichen
Kontraindiziert bei strukturellen Herzerkrankungen, Postinfarktzustand, schwerer Herzinsuffizienz und bestehenden Reizleitungsstörungen.
Dosierung und Einnahme
Erhaltungstherapie oral: 50 bis 100 mg zweimal täglich, schrittweise Aufdosierung. Maximaldosis 300 bis 400 mg pro Tag.
Pill in the Pocket: 200 bis 300 mg als Einzeldosis bei Auftreten einer Vorhofflimmer Episode, oft in Kombination mit einem AV blockierenden Wirkstoff (Betablocker oder Verapamil), um eine 1:1 Überleitung im Vorhofflattern zu vermeiden.
Akutkonversion intravenös: 1,5 bis 2 mg pro kg Körpergewicht über 10 bis 20 Minuten unter EKG Monitoring im klinischen Setting.
Die orale Einnahme erfolgt unabhängig von Mahlzeiten. Spiegelmonitoring (therapeutischer Bereich 200 bis 1.000 ng/ml) ist bei Risikopatienten sinnvoll.
Kontrollen: EKG vor Therapiebeginn, nach Aufdosierung und im Verlauf alle 3 bis 6 Monate. QRS Verlängerung um mehr als 25 % spricht für eine Dosisreduktion.
Nebenwirkungen
Häufig: Schwindel, Sehstörungen (verschwommenes Sehen, Doppelbilder), Übelkeit, Kopfschmerzen, Asthenie, Tremor, Dyspnoe.
Gelegentlich: Herzklopfen, Bradykardie, AV Block, Herzinsuffizienz Verschlechterung, depressive Verstimmung, Schlafstörungen, Tinnitus, Hautausschlag.
Selten und sehr selten: Proarrhythmie (Verschlechterung bestehender oder Auslösung neuer Arrhythmien), insbesondere ventrikuläre Tachykardien, Stevens Johnson Syndrom, Pneumonitis, Hepatitis, Thrombozytopenie, Leukopenie, Lupus ähnliche Reaktion.
Wichtige Sicherheitspunkte:
- Proarrhythmische Effekte sind die gefährlichste Komplikation, vor allem bei strukturell vorgeschädigtem Herzen
- Vor Therapiebeginn Echokardiographie zur Beurteilung der LV Funktion
- EKG Kontrollen bei Aufdosierung und Verlaufsbeobachtung
- Pill in the Pocket Konzept setzt eine vorherige supervidierte Einnahme im klinischen Setting voraus, um die individuelle Verträglichkeit zu prüfen
- Vorsicht bei Elektrolytstörungen, vor allem Hypokaliämie
Wechselwirkungen
- Andere Antiarrhythmika (Amiodaron, Sotalol, Klasse 1a Substanzen): additive Wirkung, Risiko für Proarrhythmie, Kombination meist meiden
- Beta Blocker und Calciumkanalblocker: additive negativ inotrope und chronotrope Wirkung, klinisch oft erwünscht in der Pill in the Pocket Strategie, jedoch kontrolliert
- CYP2D6 Hemmer (Paroxetin, Fluoxetin, Bupropion, Chinidin): Spiegelerhöhung, Vorsicht
- Digoxin: Anstieg der Digoxinspiegel um etwa 15 %
- Diuretika: Hypokaliämie verstärkt Toxizität
- Cimetidin: moderate Spiegelerhöhung
- Alkalisierung des Urins (Acetazolamid, Natriumbicarbonat): reduzierte renale Ausscheidung von Flecainide
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: Flecainide ist eines der wenigen Antiarrhythmika mit guter Datenlage in der Schwangerschaft, besonders zur Therapie fetaler Tachykardien. Bei mütterlichen Indikationen individuelle Abwägung.
Stillzeit: Übergang in die Milch, klinisch meist tolerabel.
Kontraindikationen: kürzlich abgelaufener Myokardinfarkt, schwere Herzinsuffizienz, ausgeprägte Reizleitungsstörungen ohne Schrittmacher, schwere Niereninsuffizienz.
Niereninsuffizienz: Dosisreduktion erforderlich. Bei einer GFR unter 35 ml/min wird in der Regel die halbe Dosis empfohlen.
Lebererkrankungen: verlängerte Halbwertszeit, Vorsicht.
Pill in the Pocket Konzept: Voraussetzung sind ein strukturell gesundes Herz, eine vorherige supervidierte Einnahme im Krankenhaus zur Beurteilung der Verträglichkeit, eine ausreichende Selbstwahrnehmung der Vorhofflimmer Episoden und gemeinsame Vereinbarung der Indikationskriterien (z. B. Episodendauer, Frequenz). Eine vorausgehende AV blockierende Komedikation reduziert das Risiko der schnellen Überleitung im Vorhofflattern.
Patientenkommunikation: klare Anweisungen, wann das Medikament eingesetzt wird, wann ein Notfall vorliegt und welche Symptome eine ärztliche Vorstellung erfordern.
Verwandte Wirkstoffe
- Flecainid, deutsche Schreibung des gleichen Wirkstoffs
- Propafenon, weiteres Klasse 1c Antiarrhythmikum
- Chinidin, Klasse 1a Antiarrhythmikum
- Mexiletin, Klasse 1b Antiarrhythmikum
- Dabigatranetexilat als Antikoagulation bei Vorhofflimmern
Häufig gestellte Fragen
Flecainide oder Flecainid?
Beides bezeichnet den gleichen Wirkstoff. Flecainide ist die englische, Flecainid die deutsche Schreibweise.
Warum nicht bei Patienten nach Herzinfarkt?
Die CAST Studie zeigte 1989, dass Klasse 1c Antiarrhythmika bei Patienten nach Herzinfarkt zu einer Erhöhung der Mortalität führen können, vermutlich durch Proarrhythmie auf vernarbtem Myokard. Seitdem ist Flecainide bei strukturellen Herzerkrankungen kontraindiziert. Bei strukturell gesundem Herzen bleibt der Wirkstoff jedoch eine sehr effektive Option.
Was bedeutet Pill in the Pocket?
Patienten mit seltenen, gut tolerierten Vorhofflimmer Episoden können nach Schulung Flecainide bei Bedarf selbst einnehmen, um den Sinusrhythmus wiederherzustellen. Voraussetzung ist die vorherige Erprobung im Krankenhaus, ein strukturell gesundes Herz und eine begleitende AV blockierende Medikation. Die Strategie ermöglicht ambulante Konversionen ohne Krankenhausaufenthalt.
Wie wird der Therapieerfolg überprüft?
Regelmäßige EKG Kontrollen, Ereignisrekorder oder Wearables zur Erfassung der Episodenfrequenz, klinische Beurteilung der Symptome und Echokardiographie zur Verlaufsbeobachtung. Bei Verschlechterung oder neuen Beschwerden kardiologische Reevaluation.
Quellen
- EMA Europäische Arzneimittelagentur
- BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- AWMF Leitlinie Vorhofflimmern
- Gelbe Liste Flecainid Wirkstoffprofil
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