Glucagon: Wirkung bei Hypoglykämie und Notfall

Glucagon ist ein körpereigenes Peptidhormon der Alpha Zellen der Pankreasinseln und der Hauptgegenspieler von Insulin. Im Stoffwechsel reguliert es die Glykogenfreisetzung aus der Leber und stabilisiert den Blutzucker zwischen den Mahlzeiten. Als Arzneimittel ist Glucagon (Handelsnamen GlucaGen sowie Generika, neue intranasale Form Baqsimi) in der Notfalltherapie der schweren Hypoglykämie etabliert. Daneben hat es spezialisierte Anwendungen in der Endoskopie, der Kardiologie bei Beta Blocker oder Calcium Antagonisten Vergiftung und in der Diagnostik.

Die Anwendung im Hypoglykämie Notfall ist besonders bedeutsam für Angehörige und Freunde von Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1. Wenn die betroffene Person nicht mehr ansprechbar ist und keine Glukose oral aufnehmen kann, ist Glucagon eine lebensrettende Möglichkeit, den Blutzucker rasch anzuheben. Die intranasale Form hat in den letzten Jahren die Schwellenangst gesenkt, weil keine Injektion mehr erforderlich ist.

Wirkmechanismus

Glucagon bindet an den Glucagonrezeptor, einen Gs gekoppelten Rezeptor auf Hepatozyten, Herzmuskelzellen und glatter Muskulatur. Aktivierung führt zur Erhöhung von cAMP und damit zur Aktivierung der Proteinkinase A. In der Leber werden Glykogenphosphorylase aktiviert und Glykogensynthase gehemmt, sodass Glykogen rasch zu Glukose abgebaut und in die Blutbahn freigesetzt wird. Zusätzlich werden Glukoneogenese und Lipolyse stimuliert.

Am Herzen entfaltet Glucagon eine positiv inotrope und positiv chronotrope Wirkung, die unabhängig von Beta Adrenozeptoren ist. Diese Eigenschaft macht Glucagon zur etablierten Antidot Option bei Beta Blocker und in geringerem Maße bei Calcium Antagonisten Vergiftung. An der glatten Muskulatur des Magen Darm Trakts wirkt Glucagon spasmolytisch und wird daher in der Endoskopie und Radiologie eingesetzt, etwa bei Untersuchungen des oberen Magen Darm Trakts oder zur Reduktion peristaltischer Bewegung im MRT.

Die Halbwertszeit von Glucagon beträgt nur etwa drei bis sechs Minuten. Der Abbau erfolgt enzymatisch in Leber und Niere. Wegen der kurzen Wirkdauer ist eine wiederholte Gabe oder eine begleitende orale Glukosezufuhr bei Hypoglykämie wichtig, sobald der Patient ansprechbar wird.

Anwendungsgebiete

  • Schwere Hypoglykämie bei bewusstseinsgetrübten Personen mit Diabetes, vor allem unter Insulintherapie, intramuskulär, subkutan oder intranasal
  • Beta Blocker Vergiftung mit ausgeprägter Bradykardie und Hypotonie, intravenös als Bolus und nachfolgend Infusion
  • Calcium Antagonisten Vergiftung, ergänzend zur sonstigen Therapie
  • Endoskopie und Radiologie zur Hemmung der Magen Darm Peristaltik, vor allem bei Magen Spiegelung, ERCP und MRT der Bauchorgane
  • Diagnostische Tests, etwa bei Phäochromozytom Verdacht
  • Adjuvant in der Pädiatrie bei Kindern mit Hypoglykämie unter Diabetestherapie oder bei seltenen Stoffwechselerkrankungen

Glucagon ersetzt in der Hypoglykämie nicht eine professionelle Notfallversorgung. Bei länger anhaltender Bewusstseinstrübung, fehlender Reaktion oder rezidivierenden Episoden ist der Rettungsdienst zu rufen.

Dosierung und Anwendung

Schwere Hypoglykämie Erwachsene: 1 mg subkutan oder intramuskulär. Wenn nach 10 bis 15 Minuten keine Besserung, gegebenenfalls eine zweite Dosis. Sobald der Patient ansprechbar ist, orale Kohlenhydratzufuhr (Saft, Glukose Gel, Mahlzeit), weil Glucagon nur kurz wirkt und die Leberglykogenreserven begrenzt sein können.

Intranasal (Baqsimi): 3 mg in ein Nasenloch sprühen, keine tiefe Einatmung erforderlich. Anwendung auch bei bewusstlosen Personen möglich.

Pädiatrisch: Kinder unter 25 kg 0,5 mg subkutan oder intramuskulär, ältere Kinder 1 mg. Intranasale Form ab definierter Altersgrenze gemäß Fachinformation.

Beta Blocker Vergiftung: initial 5 bis 10 mg intravenös als Bolus, anschließend kontinuierliche Infusion 2 bis 5 mg pro Stunde, je nach Klinik. Begleitend Volumengabe, Vasopressoren, gegebenenfalls hochdosiertes Insulin Glukose Schema.

Endoskopie und Radiologie: 0,2 bis 1 mg intravenös oder intramuskulär kurz vor Untersuchung. Wirkungseintritt rasch, Wirkdauer wenige Minuten.

Niereninsuffizienz und Leberinsuffizienz: in der Notfallanwendung keine relevante Anpassung. Bei chronischer hepatischer Erkrankung kann die Wirksamkeit reduziert sein, weil Leberglykogenreserven begrenzt sind.

Nebenwirkungen

Häufig: Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, vorübergehende Tachykardie, Reboundhypoglykämie nach Wirkungsende.

Gelegentlich: allergische Hautreaktionen, lokale Reaktion an der Injektionsstelle, intranasal Niesen, Augentränen, Reizung der Nasenschleimhaut.

Selten, aber relevant: Anaphylaxie, Hyperkaliämie, ausgeprägte Hyperglykämie nach hoher Dosis bei Patienten ohne Hypoglykämie.

Bei Phäochromozytom: Auslösung einer hypertensiven Krise möglich, weil Glucagon die Katecholaminfreisetzung stimuliert.

Reboundhypoglykämie: nach Wirkungsende kann der Blutzucker erneut abfallen. Daher orale Kohlenhydrate und Mahlzeit nach Wiedererlangen des Bewusstseins, gegebenenfalls Beobachtung in der Klinik.

Wechselwirkungen

  • Insulin und orale Antidiabetika: gegenläufige Wirkung, in der akuten Hypoglykämie ist die Wirkung von Glucagon trotz laufender Therapie wichtig.
  • Beta Blocker: Glucagon ist in höherer Dosis Antidot, niedrige Dosen wirken bei Beta Blocker assoziierten Bradykardien geringer.
  • Vitamin K Antagonisten (Warfarin, Phenprocoumon): Glucagon kann theoretisch die Antikoagulation verstärken, klinisch bei Akutanwendung selten relevant.
  • Indomethacin: kann die hyperglykämische Wirkung von Glucagon abschwächen.
  • Anticholinergika: in der Endoskopie alternative spasmolytische Optionen, gemeinsame Anwendung selten.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: Anwendung bei vital indizierter schwerer Hypoglykämie möglich, weil das Risiko der Hypoglykämie für Mutter und Kind das mögliche Risiko des Wirkstoffs deutlich überwiegt. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch klinisch nicht relevant, weil orale Aufnahme durch Säugling kaum systemische Wirkung erzeugt.

Kinder: in der pädiatrischen Diabetologie etabliert.

Phäochromozytom, Insulinom: Kontraindikationen, weil paradoxe Reaktionen drohen.

Schulung: Angehörige und enge Bezugspersonen von Menschen mit Diabetes Typ 1 sollten in die Anwendung von Glucagon eingewiesen werden, idealerweise im Rahmen der Diabetes Schulung. Die intranasale Form senkt die Anwendungshürde deutlich.

Aufbewahrung: Pulver mit Lösungsmittel in Doppelkammern, Kühlung gemäß Fachinformation, Verfallsdatum prüfen, mehrere Notfallpackungen an wichtigen Orten (zu Hause, am Arbeitsplatz, im Auto).

Nach der Akutbehandlung: orale Kohlenhydrate, ärztliche Reevaluation der Diabetestherapie, Anpassung von Insulindosen, Identifikation auslösender Faktoren wie Sport, Mahlzeitenfehler, Alkohol.

Verkehrstüchtigkeit: nach Hypoglykämie und Glucagon Notfall ist Autofahren mindestens für mehrere Stunden zu vermeiden, weil kognitive Funktionen oft noch nicht voll wiederhergestellt sind.

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Häufig gestellte Fragen

Wann setze ich Glucagon ein?

Bei schwerer Hypoglykämie, wenn die betroffene Person nicht mehr in der Lage ist, sicher zu trinken oder zu essen, etwa bei Bewusstseinstrübung, Krampfanfall oder Bewusstlosigkeit. Eine vorherige Schulung von Angehörigen ist wichtig, um in der Akutsituation richtig zu reagieren. Sobald der Patient ansprechbar ist, sind orale Kohlenhydrate Pflicht.

Wirkt Glucagon auch bei Alkoholkonsum?

Bei stark alkoholbedingter Hypoglykämie sind die Leberglykogenreserven oft erschöpft und Glucagon wirkt unzureichend. In diesem Fall ist intravenöse Glukose über den Rettungsdienst die sicherere Option. Auch bei längerer Nahrungskarenz oder schwerer Lebererkrankung kann Glucagon weniger effektiv sein.

Was passiert nach Glucagon Anwendung?

Der Blutzucker steigt rasch, die Person wird wieder ansprechbar. Die Wirkung hält wenige Minuten bis maximal eine Stunde an. Daher orale Kohlenhydrate, Mahlzeit, Beobachtung. Eine Reboundhypoglykämie ist möglich, weshalb bei Diabetes mellitus Typ 1 in der Klinik weiter überwacht wird.

Brauche ich Glucagon für Hypoglykämie bei Typ 2 Diabetes?

Nicht regelhaft, weil schwere Hypoglykämien unter typischer Typ 2 Therapie selten sind. Bei intensivierter Insulintherapie oder Sulfonylharnstoffen mit Risiko schwerer Hypoglykämien kann ein Notfallset sinnvoll sein. Die Indikation legt das diabetologische Team individuell fest.

Quellen

Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss

Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Glucagon zur Notfallanwendung gehört in eine umfassende Diabetes Schulung mit ärztlicher Begleitung. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen, maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.