Ranitidin: H2-Blocker, dessen Zulassung seit 2020 ruht
Ranitidin war über Jahrzehnte einer der meistverordneten Magensäureblocker. Der H2-Rezeptorantagonist wurde bei Sodbrennen, Magengeschwüren und Refluxkrankheit eingesetzt und war in niedriger Dosierung auch rezeptfrei erhältlich. Bekannt war er unter Handelsnamen wie Zantic und Sostril.
Seit April 2020 ruhen die Zulassungen ranitidinhaltiger Arzneimittel in der gesamten Europäischen Union. Grund ist der Nachweis der Verunreinigung N-Nitrosodimethylamin, kurz NDMA, die als wahrscheinlich krebserregend beim Menschen eingestuft wird. Ranitidin ist in Deutschland damit nicht mehr verfügbar. Diese Seite erklärt den Hintergrund und die heute gebräuchlichen Alternativen.
Wirkmechanismus
Ranitidin blockiert Histamin-H2-Rezeptoren an den Belegzellen der Magenschleimhaut. Histamin ist einer von drei Botenstoffen, die die Säureproduktion anregen, neben Acetylcholin und Gastrin. Durch die Blockade wird vor allem die nächtliche und die basale Säurebildung vermindert.
Die Hemmung ist weniger vollständig als bei Protonenpumpenhemmern, die das säureproduzierende Enzym als gemeinsame Endstrecke aller drei Signalwege blockieren. Dafür setzte die Wirkung von Ranitidin rascher ein, was den Wirkstoff bei akuten Beschwerden interessant machte.
Ein bekanntes Phänomen war die Toleranzentwicklung. Bereits nach wenigen Tagen kontinuierlicher Anwendung ließ die säurehemmende Wirkung nach, weshalb H2-Blocker für eine Dauertherapie weniger geeignet waren.
Die Verunreinigung NDMA entsteht nach heutigem Kenntnisstand nicht nur während der Herstellung, sondern kann sich auch im fertigen Arzneimittel bei Lagerung aus dem Molekül selbst bilden. Diese Eigenschaft ließ sich durch Änderungen im Herstellungsverfahren nicht zuverlässig beheben und führte letztlich zum Ruhen der Zulassungen.
Anwendungsgebiete
Ranitidin war zugelassen bei:
- Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren
- Refluxkrankheit der Speiseröhre
- Zollinger-Ellison-Syndrom
- Sodbrennen und säurebedingten Magenbeschwerden in der Selbstmedikation
- zur Vorbeugung von Stressulzera bei schwer kranken Patienten
Diese Anwendungsgebiete werden heute durch andere Wirkstoffe abgedeckt. Für die meisten Indikationen sind Protonenpumpenhemmer wie Pantoprazol, Omeprazol oder Esomeprazol die Behandlung der Wahl, da sie die Säureproduktion stärker und anhaltender hemmen.
Innerhalb der H2-Blocker steht Famotidin weiterhin zur Verfügung. Es ist von der NDMA-Problematik nicht in gleicher Weise betroffen und kann eingesetzt werden, wenn ein H2-Blocker gewünscht oder ein Protonenpumpenhemmer nicht geeignet ist.
Bei gelegentlichem Sodbrennen kommen zusätzlich Antazida infrage, die die bereits gebildete Säure neutralisieren und rasch, aber nur kurz wirken.
Dosierung und Einnahme
Da ranitidinhaltige Arzneimittel in der Europäischen Union nicht mehr in Verkehr sind, haben die früheren Dosierungsangaben nur noch dokumentarischen Wert.
Frühere übliche Dosierung bei Erwachsenen:
- Magen- und Zwölffingerdarmgeschwür: 300 mg abends oder 150 mg zweimal täglich
- Refluxkrankheit: 150 mg zweimal täglich
- Selbstmedikation bei Sodbrennen: 75 mg als Einzeldosis
Wer noch Restbestände besitzt, sollte diese nicht mehr einnehmen und über die Apotheke oder den Wertstoffhof entsorgen. Eine Rückgabe in der Apotheke ist der einfachste Weg.
Patienten, die früher dauerhaft mit Ranitidin behandelt wurden, sollten die weitere Behandlung ärztlich abstimmen. Ein ersatzloses Absetzen ist bei Refluxkrankheit oder nach Geschwürerkrankungen nicht sinnvoll.
Nebenwirkungen
Unter der Anwendung von Ranitidin beschrieben wurden:
- Kopfschmerzen und Schwindel
- Müdigkeit
- Magen-Darm-Beschwerden, Durchfall oder Verstopfung
- Hautausschlag
- selten Leberwerterhöhungen
- sehr selten Blutbildveränderungen und Verwirrtheitszustände bei älteren Patienten
Ranitidin galt als gut verträglich. Anders als das ältere Cimetidin beeinflusste es den Hormonhaushalt kaum und führte nicht zu Brustdrüsenvergrößerung beim Mann.
Das für den Marktrückzug entscheidende Problem war keine Nebenwirkung im pharmakologischen Sinn, sondern die Verunreinigung mit NDMA. Diese Substanz gehört zu den Nitrosaminen und wird von der Internationalen Krebsforschungsagentur als wahrscheinlich krebserregend beim Menschen eingestuft.
Nach Einschätzung der europäischen Arzneimittelbehörde ist das individuelle Risiko für Patienten, die Ranitidin eingenommen haben, gering. Eine besondere Nachsorge wurde nicht empfohlen. Bei Sorgen ist das ärztliche Gespräch der richtige Weg.
Wechselwirkungen
Beschriebene Wechselwirkungen von Ranitidin:
- verminderte Aufnahme von Arzneimitteln, die eine saure Umgebung benötigen, etwa bestimmte Azol-Antimykotika und einige Krebsmedikamente
- veränderte Aufnahme von Eisenpräparaten
- geringe Beeinflussung des Cytochrom-P450-Systems, deutlich schwächer ausgeprägt als bei Cimetidin
Diese Wechselwirkungen sind auf die heutigen Alternativen nur teilweise übertragbar. Protonenpumpenhemmer beeinflussen die Aufnahme säureabhängiger Arzneimittel stärker, weil sie den Magen-pH-Wert deutlicher anheben.
Bei einer Umstellung von Ranitidin auf einen Protonenpumpenhemmer sollte die übrige Medikation daher auf mögliche Wechselwirkungen überprüft werden.
Besondere Hinweise
Ranitidinhaltige Arzneimittel sind in der Europäischen Union seit April 2020 nicht mehr verkehrsfähig. Das Ruhen der Zulassungen wurde durch die europäische Arzneimittelbehörde veranlasst, nachdem sich zeigte, dass NDMA nicht nur bei der Herstellung entsteht, sondern sich auch im fertigen Produkt bilden kann.
Heutige Alternativen je nach Beschwerdebild:
- Protonenpumpenhemmer wie Pantoprazol, Omeprazol oder Esomeprazol bei Refluxkrankheit, Geschwüren und dauerhaftem Säureschutz
- Famotidin als weiterhin verfügbarer H2-Blocker
- Antazida zur raschen Neutralisation bei gelegentlichem Sodbrennen
- Alginate als Barriere gegen den Rückfluss von Mageninhalt
Bei anhaltenden Beschwerden im Oberbauch ist eine ärztliche Abklärung angezeigt. Warnzeichen wie Schluckstörungen, ungewollter Gewichtsverlust, wiederholtes Erbrechen, schwarzer Stuhl oder Blutarmut erfordern eine zeitnahe Untersuchung.
Eine dauerhafte Selbstbehandlung von Sodbrennen über mehrere Wochen ohne ärztliche Abklärung ist nicht empfehlenswert, unabhängig vom gewählten Wirkstoff.
Häufig gestellte Fragen
Warum ist Ranitidin vom Markt genommen worden?
In ranitidinhaltigen Arzneimitteln wurde die Verunreinigung N-Nitrosodimethylamin nachgewiesen, die als wahrscheinlich krebserregend beim Menschen gilt. Da sich die Substanz nicht nur bei der Herstellung bildet, sondern auch im fertigen Produkt entstehen kann, ruhen die Zulassungen in der Europäischen Union seit April 2020.
Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich früher Ranitidin genommen habe?
Nach Einschätzung der europäischen Arzneimittelbehörde ist das individuelle Risiko gering. Eine besondere Nachsorge wurde nicht empfohlen. Wer beunruhigt ist, sollte das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt suchen.
Was kann man statt Ranitidin nehmen?
Für die meisten Anwendungsgebiete sind Protonenpumpenhemmer wie Pantoprazol, Omeprazol oder Esomeprazol die Behandlung der Wahl. Innerhalb der H2-Blocker steht Famotidin weiterhin zur Verfügung. Bei gelegentlichem Sodbrennen kommen Antazida oder Alginate infrage. Die Auswahl sollte ärztlich oder apothekerlich abgestimmt werden.
Was mache ich mit Restbeständen?
Restbestände sollten nicht mehr eingenommen werden. Die Entsorgung erfolgt am einfachsten über die Apotheke, alternativ über den kommunalen Wertstoffhof. Arzneimittel gehören nicht in die Toilette oder das Waschbecken.
Sind Protonenpumpenhemmer auch von Nitrosaminen betroffen?
Die NDMA-Problematik betraf Ranitidin in besonderer Weise, weil sich die Verunreinigung aus dem Molekül selbst bilden kann. Nitrosaminfunde gab es auch bei anderen Wirkstoffgruppen, etwa bei bestimmten Sartanen, dort ließ sich das Problem jedoch durch geänderte Herstellungsverfahren beheben. Protonenpumpenhemmer sind in gleicher Weise nicht betroffen.
Quellen
- EMA: Ruhen der Zulassungen ranitidinhaltiger Arzneimittel
- BfArM: Informationen zu Nitrosaminverunreinigungen in Arzneimitteln
- AWMF S2k-Leitlinie Gastroösophageale Refluxkrankheit
- Gelbe Liste Pharmindex: Wirkstoffprofil Ranitidin
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