Risperidon: atypisches Antipsychotikum mit dosisabhängigem Profil
Risperidon ist ein atypisches Antipsychotikum aus der Gruppe der Benzisoxazolderivate. Es wird bei Schizophrenie, bei manischen Episoden und zeitlich befristet bei ausgeprägter Aggressivität im Rahmen einer Demenz eingesetzt. Bekannt ist es unter dem Handelsnamen Risperdal und als zahlreiche Generika, verfügbar als Tablette, Schmelztablette, Lösung und als Depotinjektion.
Das Wirkprofil ist stark dosisabhängig. In niedriger Dosierung überwiegt die für atypische Antipsychotika typische Wirkung mit geringem Risiko für Bewegungsstörungen. Mit steigender Dosis nimmt die Blockade der Dopaminrezeptoren zu, und das Nebenwirkungsprofil nähert sich dem klassischer Antipsychotika an.
Wirkmechanismus
Risperidon blockiert Dopamin-D2-Rezeptoren und Serotonin-5-HT2A-Rezeptoren, wobei die Affinität zum Serotoninrezeptor höher ist. Dieses Verhältnis ist das kennzeichnende Merkmal der atypischen Antipsychotika und begründet die vergleichsweise gute Wirkung auf die sogenannte Negativsymptomatik bei niedrigerem Risiko für Bewegungsstörungen.
Zusätzlich bindet der Wirkstoff an adrenerge Alpha-1- und Alpha-2-Rezeptoren sowie an Histamin-H1-Rezeptoren. Daraus ergeben sich Blutdruckabfall beim Aufstehen und eine mäßige dämpfende Wirkung.
Der Abbau erfolgt über das Enzym CYP2D6 zum aktiven Metaboliten 9-Hydroxyrisperidon, der pharmakologisch weitgehend gleichwertig wirkt und selbst als eigenständiger Wirkstoff unter dem Namen Paliperidon im Handel ist. Die Summe aus Muttersubstanz und Metabolit bestimmt die Gesamtwirkung.
Etwa sieben bis zehn Prozent der mitteleuropäischen Bevölkerung sind langsame Verstoffwechsler über CYP2D6. Bei ihnen verschiebt sich das Verhältnis zwischen Muttersubstanz und Metabolit, die Gesamtwirkung bleibt jedoch weitgehend erhalten.
Die Blockade der Dopaminrezeptoren im Hypophysenvorderlappen hebt die hemmende Wirkung des Dopamins auf die Prolaktinausschüttung auf. Unter Risperidon ist der Prolaktinanstieg deshalb ausgeprägter als bei den meisten anderen atypischen Antipsychotika.
Anwendungsgebiete
Zugelassen ist Risperidon bei:
- Schizophrenie bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 15 Jahren
- mäßig schweren bis schweren manischen Episoden bei bipolarer Störung
- kurzzeitiger Behandlung anhaltender Aggression bei Alzheimer-Demenz, wenn nichtmedikamentöse Maßnahmen versagt haben und Eigen- oder Fremdgefährdung besteht
- kurzzeitiger Behandlung anhaltender Aggression bei Kindern ab 5 Jahren mit unterdurchschnittlicher intellektueller Leistungsfähigkeit
Bei Demenz ist die Anwendung ausdrücklich auf höchstens sechs Wochen begrenzt. Grund ist die in Studien beobachtete erhöhte Sterblichkeit und das erhöhte Schlaganfallrisiko bei älteren Patienten mit Demenz unter antipsychotischer Behandlung.
Die Depotform wird zur Erhaltungstherapie bei Schizophrenie eingesetzt, wenn eine zuverlässige tägliche Einnahme nicht gewährleistet ist. Sie wird alle zwei Wochen injiziert.
Dosierung und Einnahme
Übliche Dosierung bei Erwachsenen:
- Schizophrenie: Beginn mit 2 mg täglich, Steigerung auf meist 4 bis 6 mg täglich
- manische Episode: Beginn mit 2 mg täglich, üblicher Bereich 1 bis 6 mg täglich
- Aggression bei Demenz: Beginn mit 0,25 mg zweimal täglich, üblich 0,5 mg zweimal täglich, höchstens 6 Wochen
- ältere Patienten: halbierte Anfangsdosis und langsamere Steigerung
Oberhalb von etwa 6 Milligramm täglich nehmen Bewegungsstörungen deutlich zu, ohne dass die antipsychotische Wirkung im gleichen Maß zunimmt. Höhere Dosierungen bringen daher in der Regel keinen Vorteil.
Die Einnahme kann unabhängig von den Mahlzeiten erfolgen. Schmelztabletten zerfallen im Mund und eignen sich für Patienten mit Schluckproblemen.
Bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion wird die Anfangsdosis halbiert und langsamer gesteigert.
Das Absetzen erfolgt ausschleichend. Ein abruptes Beenden kann Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen und Schlaflosigkeit auslösen sowie einen Rückfall begünstigen.
Nebenwirkungen
Sehr häufig bis häufig:
- Schlaflosigkeit, Angst und Unruhe
- Kopfschmerzen und Müdigkeit
- Bewegungsstörungen wie Muskelsteifigkeit, Zittern und Bewegungsunruhe
- Blutdruckabfall beim Aufstehen
- Gewichtszunahme und gesteigerter Appetit
Bedeutsame weitere Nebenwirkungen:
- Prolaktinerhöhung mit Milchfluss, Brustvergrößerung, Ausbleiben der Regelblutung und sexuellen Funktionsstörungen
- erhöhter Blutzucker und veränderte Blutfette
- Verlängerung der QT-Zeit im EKG
- Spätdyskinesien bei langfristiger Anwendung
Die Prolaktinerhöhung ist unter Risperidon ausgeprägter als unter den meisten anderen atypischen Antipsychotika. Sie kann bei Frauen zum Ausbleiben der Regelblutung und zu Milchfluss führen, bei Männern zu Brustvergrößerung und Erektionsstörungen. Bei anhaltender Erhöhung ist ein Wechsel des Wirkstoffs zu erwägen.
Spätdyskinesien sind unwillkürliche Bewegungen vor allem im Gesichtsbereich, die nach längerer Behandlung auftreten und nicht immer vollständig zurückgehen. Sie erfordern eine ärztliche Neubewertung der Therapie.
Sehr selten tritt ein malignes neuroleptisches Syndrom mit hohem Fieber, Muskelstarre und Bewusstseinstrübung auf. Dieser Zustand ist ein Notfall.
Wechselwirkungen
Klinisch relevante Kombinationen:
- CYP2D6-Hemmer wie Fluoxetin, Paroxetin oder Bupropion erhöhen den Spiegel der Muttersubstanz
- Carbamazepin und andere Enzyminduktoren senken den Wirkspiegel deutlich, eine Dosisanpassung ist nötig
- Substanzen, die die QT-Zeit verlängern, erhöhen das Risiko für Herzrhythmusstörungen
- blutdrucksenkende Mittel verstärken den orthostatischen Blutdruckabfall
- Levodopa und andere Dopaminagonisten werden in ihrer Wirkung abgeschwächt
- Alkohol und dämpfende Substanzen verstärken die Sedierung
Bei Patienten mit Parkinson-Krankheit oder Lewy-Body-Demenz kann Risperidon die Beweglichkeit deutlich verschlechtern und die Empfindlichkeit gegenüber Antipsychotika ist erhöht. In dieser Gruppe ist besondere Zurückhaltung geboten.
Besondere Hinweise
Kontrollen während der Behandlung:
- Körpergewicht, Nüchternblutzucker und Blutfette
- Blutdruck, besonders in der Eindosierungsphase
- Prolaktinspiegel bei entsprechenden Beschwerden
- EKG bei Herzvorerkrankungen
- regelmäßige Prüfung auf Bewegungsstörungen
Bei älteren Patienten mit Demenz besteht ein erhöhtes Risiko für Schlaganfall und Tod. Die Anwendung ist auf sechs Wochen begrenzt und setzt eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung voraus.
Der Blutdruckabfall beim Aufstehen erhöht das Sturzrisiko, insbesondere zu Beginn der Behandlung und bei älteren Menschen. Langsames Aufstehen und eine vorsichtige Eindosierung verringern dieses Risiko.
In Schwangerschaft und Stillzeit ist eine Abwägung erforderlich. Bei Anwendung im letzten Schwangerschaftsdrittel können beim Neugeborenen Bewegungsstörungen und Anpassungsstörungen auftreten.
Das Reaktionsvermögen kann beeinträchtigt sein. Über die Fahrtauglichkeit entscheidet der behandelnde Arzt.
Häufig gestellte Fragen
Ab welcher Dosis treten unter Risperidon Bewegungsstörungen auf?
Oberhalb von etwa 6 Milligramm täglich nehmen Muskelsteifigkeit, Zittern und Bewegungsunruhe deutlich zu, weil die Blockade der Dopaminrezeptoren dann sehr ausgeprägt ist. Die antipsychotische Wirkung steigt in diesem Bereich nicht mehr im gleichen Maß, weshalb höhere Dosierungen selten sinnvoll sind.
Warum steigt unter Risperidon der Prolaktinspiegel?
Dopamin hemmt normalerweise die Ausschüttung von Prolaktin in der Hirnanhangsdrüse. Risperidon blockiert die Dopaminrezeptoren auch dort und hebt diese Hemmung auf. Die Folge können Milchfluss, Ausbleiben der Regelblutung, Brustvergrößerung und sexuelle Funktionsstörungen sein.
Was ist der Unterschied zwischen Risperidon und Paliperidon?
Paliperidon ist der aktive Abbauprodukt von Risperidon, chemisch 9-Hydroxyrisperidon. Es wird auch als eigenständiges Arzneimittel angeboten. Da es nicht erst über CYP2D6 gebildet werden muss, ist es weniger anfällig für Wechselwirkungen an diesem Enzym und wird überwiegend über die Nieren ausgeschieden.
Warum darf Risperidon bei Demenz nur sechs Wochen gegeben werden?
In Studien mit älteren Patienten mit Demenz zeigte sich unter antipsychotischer Behandlung eine erhöhte Sterblichkeit und ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Die Zulassung beschränkt die Anwendung deshalb auf höchstens sechs Wochen bei anhaltender Aggression, wenn nichtmedikamentöse Maßnahmen nicht ausreichen.
Wie wird Risperidon als Depot angewendet?
Die Depotform wird alle zwei Wochen in den Muskel injiziert und gibt den Wirkstoff über diesen Zeitraum kontinuierlich ab. Sie kommt in der Erhaltungstherapie der Schizophrenie zum Einsatz, wenn eine zuverlässige tägliche Tabletteneinnahme nicht gesichert ist.
Quellen
- Fachinformation Risperdal Filmtabletten, Janssen-Cilag GmbH.
- AWMF S3-Leitlinie Schizophrenie
- AWMF S3-Leitlinie Demenzen
- Gelbe Liste Pharmindex: Wirkstoffprofil Risperidon
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