Trazodon: Wirkung bei Depression und Schlafstörungen
Trazodon (Handelsnamen unter anderem Trittico, Thombran sowie Generika) ist ein Antidepressivum aus der Gruppe der serotonergen Antagonisten und Wiederaufnahmehemmer (SARI). In Deutschland ist Trazodon zur Behandlung depressiver Störungen mit oder ohne begleitende Angststörung zugelassen. Wegen seiner stark sedierenden Eigenschaften wird der Wirkstoff zusätzlich häufig in niedriger Dosierung off label bei Schlafstörungen eingesetzt, insbesondere bei Patienten mit Depression, gleichzeitiger Schlafproblematik oder bei Suchtanamnese, bei denen Benzodiazepine vermieden werden sollen.
Trazodon zeichnet sich gegenüber klassischen SSRI durch ein anderes Profil aus. Es bessert nicht nur die Stimmung, sondern verkürzt die Einschlafzeit, verbessert die Schlafkontinuität und stört die sexuelle Funktion deutlich seltener als SSRI. Demgegenüber stehen Müdigkeit am Folgetag, orthostatische Beschwerden und Wechselwirkungen mit anderen serotonergen Substanzen. Eine sorgfältige Indikationsprüfung lohnt sich, weil Trazodon vor allem dann seine Stärken zeigt, wenn Schlafprobleme im Vordergrund stehen.
Wirkmechanismus
Trazodon ist ein multimodal wirkendes Antidepressivum. Es blockiert in niedriger bis mittlerer Dosierung den Serotonin Rezeptor 5 HT2A potent, antagonisiert α1 Adrenozeptoren und blockiert Histamin H1 Rezeptoren, was zusammen die ausgeprägt sedierende Wirkung erklärt. In höherer Dosis kommt eine Hemmung des Serotonin Wiederaufnahmetransporters (SERT) hinzu. Dadurch steigt die synaptische Verfügbarkeit von Serotonin, was den eigentlichen antidepressiven Effekt vermittelt.
Das doppelte Profil macht plausibel, warum Trazodon bei niedrigen Dosen (etwa 25 bis 100 mg zur Nacht) primär als Schlafmittel wirkt, während die antidepressive Wirkung erst bei Dosen ab 150 mg pro Tag verlässlich auftritt. Der aktive Metabolit meta Chlorphenylpiperazin (mCPP), entsteht über CYP3A4 und wirkt selbst serotonerg. Dieser Metabolit erklärt einige Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Kopfschmerzen, vor allem in Kombination mit CYP3A4 Hemmern.
Die Halbwertszeit von Trazodon liegt bei drei bis sechs Stunden, retardierte Formulierungen verlängern die Wirkdauer. Eine relevante anticholinerge Wirkung fehlt, was Trazodon im Vergleich zu Trizyklika bei älteren Menschen besser verträglich macht. Eine vollständige antidepressive Wirkung tritt typischerweise nach zwei bis vier Wochen ein.
Anwendungsgebiete
- Depressive Episoden mit oder ohne begleitende Angststörung, vor allem bei gleichzeitiger Schlafstörung
- Schlafstörungen bei Depression, niedrigdosiert, häufig als Add on zu einem SSRI oder SNRI
- Off Label bei chronischen Schlafstörungen, insbesondere bei Risiko für eine Benzodiazepin Abhängigkeit oder Suchtanamnese
- Off Label bei Schlafstörungen im Alter, vorsichtig dosiert wegen orthostatischer Hypotonie
- Adjuvant bei Reizbarkeit, Aggressivität oder Schlafproblematik bei Demenz, individuelle Abwägung wegen Sturzrisiko
Trazodon ist nicht erste Wahl bei akuten Suizidkrisen, schwerer bipolarer Depression oder bei Patienten mit klinisch relevanter QT Verlängerung. Bei jüngeren Patienten mit Depression sind SSRI in der Regel die initiale Standardtherapie.
Dosierung und Einnahme
Bei Depression: Beginn mit 50 bis 100 mg zur Nacht, langsame Steigerung in Schritten von 50 mg alle drei bis vier Tage bis zur Zieldosis von 150 bis 300 mg pro Tag. Höhere Dosen bis 600 mg pro Tag bei stationärer Behandlung möglich, ambulant in der Regel maximal 400 mg.
Bei Schlafstörungen (off label): 25 bis 100 mg etwa 30 bis 60 Minuten vor dem Schlafengehen. Wegen einer sehr individuellen Empfindlichkeit empfiehlt sich der Beginn mit 25 mg und langsame Steigerung.
Einnahme: idealerweise mit oder kurz nach einer Mahlzeit, weil Übelkeit und Schwindel dadurch reduziert werden. Retard Tabletten dürfen nicht zerkleinert werden, normale Tabletten teilweise teilbar (Bruchkerbe beachten).
Niereninsuffizienz: in der Regel keine Dosisanpassung erforderlich. Leberinsuffizienz: bei eingeschränkter Leberfunktion vorsichtige Dosisanpassung, bei schwerer Insuffizienz Therapieentscheidung individuell. Ältere Patienten: Startdosis halbieren, langsamere Aufdosierung wegen Sturzrisiko.
Nebenwirkungen
Sehr häufig: Müdigkeit, Schläfrigkeit am Folgetag, Schwindel, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen.
Häufig: orthostatische Hypotonie mit Schwindel beim Aufstehen, Benommenheit, Übelkeit, Verstopfung, verschwommenes Sehen, Unruhe, Tremor.
Gelegentlich bis selten: kardiale Reizleitungsstörungen mit QT Verlängerung, Tachykardie, Arrhythmien, allergische Hautreaktionen, Hyponatriämie (vor allem bei älteren Patienten), Leberenzymerhöhung.
Selten, aber relevant: Priapismus, eine schmerzhafte und länger als vier Stunden andauernde Erektion. Diese kardiale Notfallsituation erfordert sofortige urologische Behandlung, sonst droht eine bleibende erektile Dysfunktion. Patienten sind beim Therapiestart explizit aufzuklären.
Suizidalität: in den ersten Wochen jeder antidepressiven Therapie kann das Suizidrisiko bei jüngeren Erwachsenen vorübergehend erhöht sein. Engmaschige ärztliche Begleitung ist Teil der sicheren Behandlung.
Wechselwirkungen
- CYP3A4 Hemmer (Erythromycin, Clarithromycin, Ketoconazol, Itraconazol, Ritonavir, Grapefruitsaft): erhöhte Trazodonspiegel, mehr Sedierung und Hypotonie.
- CYP3A4 Induktoren (Carbamazepin, Phenytoin, Rifampicin, Johanniskraut): reduzierte Trazodonspiegel, Wirksamkeit kann sinken.
- SSRI, SNRI, MAO Hemmer, Trizyklika, Triptane, Tramadol, Linezolid, Methylenblau: erhöhtes Risiko für Serotoninsyndrom, Kombination nur mit Bedacht.
- Antihypertensiva: additive Hypotonie, Stürze möglich.
- QT verlängernde Wirkstoffe (Amiodaron, Sotalol, Citalopram in höherer Dosis, Methadon, einige Antibiotika und Antimykotika): kumulatives Risiko für Torsade de Pointes.
- Alkohol, Benzodiazepine, Z Substanzen, Antihistaminika erster Generation: verstärkte zentrale Dämpfung, Atemdepression möglich.
- Digoxin, Phenytoin: Spiegelveränderungen möglich, Monitoring empfohlen.
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: Daten begrenzt. Bei zwingender Indikation Nutzen Risiko Abwägung, bevorzugte Präparate sind in der Regel SSRI mit besserer Datenlage. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch in geringen Mengen, individuelle Entscheidung in Absprache mit Pädiater und Psychiater.
Kinder und Jugendliche: keine Zulassung. Anwendung nur in spezialisierten Zentren und individuellen Ausnahmen.
Kardiale Vorerkrankungen: EKG vor Therapiebeginn bei Patienten mit Risikofaktoren wie Bradykardie, Elektrolytstörungen, struktureller Herzerkrankung, anamnestischen Synkopen oder familiärer QT Verlängerung. Auch unter Therapie EKG Kontrollen erwägen, vor allem bei Dosissteigerung.
Absetzen: Trazodon nicht abrupt absetzen, sondern über mindestens zwei Wochen ausschleichen, um Absetzphänomene wie Schlafstörungen, Reizbarkeit, Schwindel oder grippeähnliche Symptome zu vermeiden.
Fahrtüchtigkeit: in der Eindosierungsphase und am Folgetag häufig eingeschränkt. Berufstätige sollen die ersten Tage Aktivitäten mit Sturz oder Unfallrisiko meiden.
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Häufig gestellte Fragen
Macht Trazodon abhängig?
Trazodon hat im Unterschied zu Benzodiazepinen kein klassisches Suchtpotenzial. Beim abrupten Absetzen können jedoch Absetzphänomene wie Schlafstörungen, Schwindel oder Reizbarkeit auftreten. Deshalb wird die Therapie schrittweise ausgeschlichen, üblicherweise über zwei bis vier Wochen.
Warum wirkt eine niedrige Dosis schon beim Einschlafen?
Schon in niedriger Dosierung blockiert Trazodon Histamin H1, alpha 1 Adrenozeptoren und 5 HT2A. Das führt zu deutlicher Sedierung. Die antidepressive Wirkung benötigt eine ausreichend hohe Hemmung des Serotonin Wiederaufnahmetransporters und tritt erst bei höheren Dosen verlässlich ein.
Was tun bei Priapismus unter Trazodon?
Eine schmerzhafte Erektion, die länger als vier Stunden anhält, ist ein urologischer Notfall. Nicht abwarten, sondern direkt eine Notaufnahme oder einen urologischen Bereitschaftsdienst aufsuchen. Eine rasche Behandlung schützt vor bleibenden Schäden am Schwellkörper.
Darf ich unter Trazodon Alkohol trinken?
Alkohol verstärkt die zentrale Dämpfung. Schon kleine Mengen können zu ausgeprägter Müdigkeit, Schwindel und Stürzen führen, Atemdepression ist im Einzelfall möglich. Während der Eindosierung ist Alkohol zu meiden, später nur in Maßen und nicht in zeitlicher Nähe zur Einnahme.
Quellen
- Gelbe Liste, Trazodon Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- AWMF, S3 Leitlinie Unipolare Depression
- EMA, Europäische Arzneimittelagentur
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