Ulipristalacetat: Wirkung in Notfallkontrazeption

Ulipristalacetat (Handelsnamen ellaOne in der Notfallkontrazeption, Esmya bei Uterus myomatosus) ist ein selektiver Progesteronrezeptor Modulator (SPRM) mit zwei klar getrennten Indikationsbereichen. Als 30 mg Einmaldosis ist Ulipristalacetat in Deutschland seit 2009 zur Notfallkontrazeption bis 120 Stunden nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr zugelassen und in der Apotheke ohne Rezept erhältlich. Als 5 mg Tagesdosis war Ulipristalacetat zur Behandlung des Uterus myomatosus zugelassen, die Anwendung wurde wegen seltener schwerer Leberkomplikationen seit 2020 stark eingeschränkt.

Im Vergleich zu Levonorgestrel als Notfallkontrazeptivum (Pille danach) wirkt Ulipristalacetat länger und auch nach beginnendem LH Anstieg. Damit ist die Substanz das Mittel der Wahl, wenn der ungeschützte Verkehr in Zyklusmitte stattfand oder mehr als 72 Stunden zurückliegt. Die Anwendung ist einfach, sicher und wirksam, sofern die Indikation richtig gestellt ist.

Wirkmechanismus

Ulipristalacetat bindet selektiv an den Progesteron Rezeptor und wirkt dort sowohl agonistisch als auch antagonistisch, je nach Gewebe. In der Hypophyse und im Ovar verzögert oder verhindert Ulipristalacetat den Eisprung, indem es den präovulatorischen LH Anstieg unterdrückt. Selbst nach beginnendem LH Anstieg kann der Eisprung um etwa fünf Tage verschoben werden, sodass die Spermien im weiblichen Genitaltrakt nicht mehr lebensfähig sind.

Im Endometrium wirkt Ulipristalacetat antiproliferativ und reduziert die Implantationsfähigkeit. Diese sekundäre Wirkung trägt zur kontrazeptiven Sicherheit bei, ist aber nicht der primäre Mechanismus. Beim Uterus myomatosus reduziert die niedrigdosierte Daueranwendung die Größe von Myomen, weil Progesteron als wachstumsfördernder Faktor blockiert wird.

Pharmakokinetisch zeigt Ulipristalacetat eine rasche orale Bioverfügbarkeit, das Wirkmaximum tritt 1 bis 2 Stunden nach Einnahme ein. Die Halbwertszeit liegt bei rund 32 Stunden. Der Abbau erfolgt überwiegend hepatisch über CYP3A4. Stark wirksame CYP3A4 Hemmer und Induktoren beeinflussen die Spiegel deutlich.

Anwendungsgebiete

  • Notfallkontrazeption bis 120 Stunden (5 Tage) nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder Verhütungsversagen
  • Uterus myomatosus mit präoperativer Tumorverkleinerung, in der EU seit 2020 nur noch unter strengen Auflagen und nach Versagen anderer Therapien
  • Forschung und spezialisierte Indikationen bei hormonsensiblen Erkrankungen, individuell entschieden

Ulipristalacetat ist nicht für die regelmäßige Verhütung geeignet. Eine wiederholte Anwendung in einem Zyklus reduziert die Wirksamkeit. Bei Schwangerschaft ist Ulipristalacetat kontraindiziert, weshalb ein Schwangerschaftstest bei Verdacht vor Anwendung sinnvoll ist.

Dosierung und Einnahme

Notfallkontrazeption: einmalig 30 mg oral, so früh wie möglich nach ungeschütztem Verkehr. Die Wirksamkeit nimmt mit zunehmender Latenz ab, ist aber bis 120 Stunden nachweisbar.

Uterus myomatosus: 5 mg täglich über bis zu drei Monate, individuelle Indikationsstellung nur in spezialisierten Zentren mit regelmäßigen Leberkontrollen, weil seltene aber schwere Leberkomplikationen aufgetreten sind.

Einnahme: Tablette unzerkaut mit Wasser. Bei Erbrechen innerhalb von drei Stunden nach Einnahme erneute Dosis erforderlich, weil die Resorption noch nicht abgeschlossen ist.

Verhütungsmaßnahmen nach Notfallkontrazeption: bis zur nächsten Periode oder bis zur Wiederaufnahme einer regulären Verhütung sollten weitere Maßnahmen wie Kondom angewendet werden.

Niereninsuffizienz: in der Regel keine Dosisanpassung. Leberinsuffizienz: bei moderater Beeinträchtigung Vorsicht, bei schwerer Leberinsuffizienz nicht empfohlen.

Nebenwirkungen

Häufig (Notfallkontrazeption): Kopfschmerzen, Übelkeit, Bauchschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, Brustspannen, Zyklusstörungen mit verfrühter oder verspäteter Periode.

Gelegentlich: Erbrechen, Stimmungsschwankungen, Hautausschlag, Pruritus.

Bei Langzeittherapie (Uterus myomatosus): Hitzewallungen, Veränderungen der Endometriumsdicke, Hormonschwankungen, sehr selten schwere Leberreaktionen mit akutem Leberversagen.

Sehr selten, aber relevant: akute Leberentzündung mit Cholestase und Transaminasenanstieg, in einzelnen Fällen mit Notwendigkeit einer Lebertransplantation. Diese Komplikation hat zur Einschränkung der EU Zulassung in der Myombehandlung geführt.

Bei Notfallkontrazeption: die Einmaldosis ist in der Regel sehr gut verträglich. Schwere Nebenwirkungen sind sehr selten.

Wechselwirkungen

  • Starke CYP3A4 Induktoren (Rifampicin, Carbamazepin, Phenytoin, Johanniskraut, einige antiretrovirale Substanzen): reduzieren die Wirksamkeit von Ulipristalacetat. In Notfallkontrazeption Alternative wie Kupferspirale erwägen.
  • Starke CYP3A4 Hemmer (Itraconazol, Ketoconazol, Ritonavir, Clarithromycin, Grapefruitsaft): erhöhte Spiegel.
  • Hormonelle Kontrazeptiva: Ulipristalacetat hat eine kompetitive Wirkung am Progesteronrezeptor. Eine hormonelle Kontrazeption sollte erst fünf Tage nach Ulipristalacetat begonnen oder fortgesetzt werden, weil sonst die Wirkung beider Substanzen reduziert ist.
  • Levonorgestrel als Notfallkontrazeptivum: keine Kombination, weil sich beide gegenseitig beeinflussen können. Bei Levonorgestrel Versagen Ulipristalacetat als Alternative nicht erste Wahl.
  • Antazida und Säurehemmer: keine relevanten Wechselwirkungen.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: Ulipristalacetat ist in einer bestehenden Schwangerschaft kontraindiziert, weil eine antiprogesterone Wirkung den Erhalt der Schwangerschaft gefährdet. Vor Anwendung bei zyklusspezifischer Unsicherheit Schwangerschaftstest. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch, eine Stillpause von etwa 7 Tagen nach Einnahme wird empfohlen. Während dieser Zeit Milch abpumpen und verwerfen.

Bei Adipositas: mit zunehmendem Körpergewicht sinkt die Wirksamkeit von Notfallkontrazeptiva. Bei BMI über 30 sollte alternativ eine Kupferspirale erwogen werden, die unabhängig von Gewicht und Zyklusphase die zuverlässigste Notfallkontrazeption darstellt.

Vor Anwendung: klare Indikation prüfen, Zyklusanamnese, Ausschluss bestehender Schwangerschaft. Aufklärung über Wirksamkeit, Nebenwirkungen, Verhalten nach Einnahme, regelmäßige Verhütung für Folgemonate.

Nach Anwendung: bei verspäteter oder ausbleibender Periode sollte ein Schwangerschaftstest erfolgen. Bei länger anhaltenden Beschwerden, starker Blutung oder Verdacht auf Schwangerschaft ärztliche Abklärung.

Wann zum Arzt: bei sehr starker Blutung, Bauchschmerzen, Hinweisen auf eine Schwangerschaft trotz Notfallkontrazeption, Verdacht auf extrauterine Schwangerschaft (Schmerzen, Schmierblutung, Schwindel).

Lifestyle: die Notfallkontrazeption ist eine Akutlösung. Eine zuverlässige reguläre Verhütung (orale Pille, Hormonspirale, Kupferspirale, Kondom) ist nachhaltig wirksamer und schützt zusätzlich teils vor Geschlechtskrankheiten.

Verkehrstüchtigkeit: bei Schwindel oder ausgeprägter Müdigkeit individuell beurteilen.

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Häufig gestellte Fragen

Wie lange nach ungeschütztem Verkehr ist Ulipristalacetat wirksam?

Bis 120 Stunden, also fünf Tage. Die Wirksamkeit ist am höchsten in den ersten 24 Stunden und nimmt mit zunehmender Latenz ab. Bei sehr später Einnahme oder bei Adipositas ist eine Kupferspirale die zuverlässigste Alternative.

Worin unterscheidet sich Ulipristalacetat von Levonorgestrel als Pille danach?

Beide verzögern oder verhindern den Eisprung. Ulipristalacetat wirkt auch nach beginnendem LH Anstieg und ist bis 120 Stunden zugelassen. Levonorgestrel ist auf 72 Stunden begrenzt und wirkt nur, solange der LH Anstieg noch nicht begonnen hat. In Zyklusmitte oder bei langer Latenz ist Ulipristalacetat die wirksamere Wahl.

Kann ich nach Ulipristalacetat sofort wieder die Pille einnehmen?

Eine hormonelle Kontrazeption sollte erst etwa fünf Tage nach Ulipristalacetat fortgesetzt werden, weil sich beide Substanzen am Progesteronrezeptor gegenseitig beeinflussen. In der Zwischenzeit ergänzend Kondom verwenden, um eine zuverlässige Verhütung zu sichern.

Ist Ulipristalacetat bei Adipositas weniger wirksam?

Studien zeigen eine reduzierte Wirksamkeit bei höherem Körpergewicht und BMI über 30. Bei Adipositas ist die Kupferspirale als Notfallkontrazeption deutlich zuverlässiger, weil ihre Wirkung unabhängig von Gewicht und Zyklusphase ist. Eine ärztliche oder apothekerliche Beratung ist sinnvoll.

Quellen

Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss

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