Latanoprost: Prostaglandin-Analogon bei Glaukom und okulärer Hypertension

Latanoprost ist ein synthetisches Prostaglandin-F2α-Analogon und gehört zur Erstlinientherapie bei der Behandlung des Offenwinkelglaukoms und der okulären Hypertension. Als Prodrug wird Latanoprost nach Applikation in der Kornea durch Esterasen zur biologisch aktiven freien Säure hydrolysiert, die den intraokulären Druck (IOD) durch Steigerung des uveoskleralen Kammerwasserabflusses effektiv senkt. In Deutschland ist Latanoprost unter dem Originalpräparat Xalatan sowie zahlreichen Generika erhältlich.

Das Glaukom ist eine der häufigsten Ursachen für Erblindung weltweit. Es ist charakterisiert durch eine progressive Schädigung des Sehnervs (Optikusneuropathie), die in den meisten Fällen mit einem erhöhten intraokulären Druck assoziiert ist. Eine frühzeitige und konsequente Drucksenkung ist die einzige evidenzbasierte Maßnahme, um das Fortschreiten der Sehnerv-Schädigung und den damit verbundenen Gesichtsfeldverlust zu verlangsamen.

Wirkmechanismus

Latanoprost ist ein selektiver Agonist an FP-Prostaglandinrezeptoren. Nach topischer Applikation als Augentropfen penetriert der Wirkstoff die Hornhaut und wird durch corneale Esterasen zu Latanoprost-Säure (der aktiven Form) hydrolysiert. Latanoprost-Säure bindet an FP-Rezeptoren im Ziliarkörper und der Uvea, was zu einer Umstrukturierung der extrazellulären Matrix im Ziliarkörper führt. Durch diese Umstrukturierung wird der Widerstand im uveoskleralen Abflussweg reduziert, wodurch mehr Kammerwasser über diesen Alternativweg abfließen kann.

Der uveosklerale Abfluss macht unter physiologischen Bedingungen etwa 10 bis 30 % des gesamten Kammerwasserabflusses aus. Unter Latanoprost kann dieser Anteil auf bis zu 50 % erhöht werden, was zu einer Senkung des intraokulären Drucks um 25 bis 35 % führt. Die drucksenkende Wirkung beginnt etwa 3 bis 4 Stunden nach Applikation, erreicht ihr Maximum nach 8 bis 12 Stunden und hält über 24 Stunden an, was eine einmal tägliche Dosierung ermöglicht.

Im Unterschied zu Betablockern (die den Kammerwasserzufluss reduzieren) oder Karboanhydrasehemmern greift Latanoprost ausschließlich am Abflussweg an. Dieser komplementäre Mechanismus macht Latanoprost zu einem idealen Partner in der Kombinationstherapie mit anderen Antiglaukomatosa.

Anwendungsgebiete

Latanoprost ist als Erstlinientherapie für das Offenwinkelglaukom und die okuläre Hypertension zugelassen. Es kann als Monotherapie eingesetzt werden, wenn der IOD unter der Zieldruckvorgabe gehalten werden soll, oder in der Kombinationstherapie mit anderen Antiglaukomatosa (Betablocker, Karboanhydrasehemmer, Alpha-2-Agonisten) bei unzureichender Druckkontrolle unter Monotherapie.

Fixkombinationen mit Timolol (z. B. Xalacom, Ganfort) vereinfachen das Therapieschema und verbessern die Adhärenz. Diese Kombinationen sind besonders geeignet für Patienten, die bereits zwei separate Tropfen benötigen und von einer vereinfachten Anwendung profitieren würden.

Bei Kindern mit kongenitalem Glaukom ist Latanoprost nach Versagen oder Kontraindikation anderer Therapien einsetzbar, wobei die pädiatrische Erfahrung geringer ist als bei Erwachsenen. Besondere Vorsicht ist bei Kindern unter einem Jahr geboten, da ein erhöhtes systemisches Absorptionsrisiko besteht.

Dosierung und Einnahme

Die empfohlene Dosis beträgt einen Tropfen (ca. 1,5 µg Latanoprost) in das betroffene Auge einmal täglich, vorzugsweise abends. Die abendliche Applikation hat sich in klinischen Studien als wirksamer erwiesen als die morgendliche Einnahme, da der Druckpeak bei vielen Glaukompatienten in den frühen Morgenstunden auftritt. Der Zeitabstand zwischen der Applikation und dem morgendlichen Druckpeak wird dadurch optimiert.

Wichtig: Die Dosis sollte nicht auf zweimal täglich erhöht werden, da häufigere Applikation die drucksenkende Wirkung paradoxerweise abschwächen kann. Bei Anwendung mehrerer Augentropfen sollte ein Abstand von mindestens 5 Minuten zwischen den einzelnen Präparaten eingehalten werden, um Auswascheffekte zu minimieren. Kontaktlinsen sollten vor der Applikation herausgenommen und frühestens 15 Minuten danach wieder eingesetzt werden, da Konservierungsmittel (Benzalkoniumchlorid) die Linsen verfärben können.

Eine Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz oder Leberinsuffizienz ist aufgrund der minimalen systemischen Absorption und des schnellen Metabolismus in der Leber in der Regel nicht notwendig. Ältere Patienten benötigen keine Dosisanpassung.

Nebenwirkungen

Lokale Augenreaktionen sind die häufigsten Nebenwirkungen. Konjunktivale Hyperämie (Rötung des Weißen im Auge) tritt bei 5 bis 15 % der Patienten auf und ist oft mild und vorübergehend. Lokale Irritation, Brennen, Jucken und Fremdkörpergefühl werden ebenfalls berichtet. Langfristig kann eine Vertiefung der oberen Lidfalte (tieferer Sulcus orbitalis) und Veränderungen der periorbitalen Haut auftreten.

Eine besondere, häufig unterschätzte Nebenwirkung ist die Irishyperpigmentierung: Bei 10 bis 25 % der Patienten, insbesondere bei gemischtfarbigen Iris (grün-braun, blau-grau-braun), führt Latanoprost zu einer irreversiblen Zunahme des Melaningehalts der Irisstromazellen. Diese Verfärbung ist permanet und bildet sich nach Absetzen nicht zurück. Patienten müssen über diesen Effekt aufgeklärt werden; eine medizinische Gefährdung besteht nicht.

Ebenfalls bekannt ist Hypertrichose der Wimpern: Unter Latanoprost werden die Wimpern länger, dunkler und dichter. Dieser Effekt ist nach Absetzen reversibel. Systemische Nebenwirkungen sind aufgrund der geringen Resorption selten; vereinzelt wurden Asthmaexazerbationen, Brustschmerzen und Arthralgien berichtet.

Wechselwirkungen

Bei gleichzeitiger Anwendung von Latanoprost und anderen Prostaglandin-Analoga (Bimatoprost, Travoprost, Tafluprost) ist keine additive Wirkung zu erwarten; im Gegenteil kann die gleichzeitige Anwendung zweier Prostaglandine den IOD weniger effektiv senken als ein einzelnes Präparat. Diese Kombination sollte daher vermieden werden.

Thimerosal-haltige Augentropfen können in Kombination mit Latanoprost einen Niederschlag bilden. Wird Latanoprost zusammen mit anderen Augentropfen verwendet, die Thimerosal enthalten, sollte ein Abstand von mindestens 5 Minuten eingehalten werden.

Systemische Interaktionen sind aufgrund der geringen Resorption selten klinisch relevant. Theoretisch können NSAID-Augentropfen (z. B. Diclofenac-Augentropfen) die Wirkung von Prostaglandin-Analoga abschwächen, da NSAIDs die Cyclooxygenase hemmen und damit die Prostaglandin-Rezeptor-Signalwege beeinflussen könnten.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft und Stillzeit: Latanoprost ist während der Schwangerschaft kontraindiziert, da Prostaglandine den Uterustonus beeinflussen und Wehen auslösen können. Frauen im gebärfähigen Alter sollten über dieses Risiko aufgeklärt werden und bei Kinderwunsch oder Schwangerschaft den Einsatz anderer Antiglaukomatosa (z. B. Betablocker) mit dem behandelnden Arzt besprechen. In der Stillzeit sollte Latanoprost vermieden werden.

Patienten mit aktiver intraokularer Entzündung (Uveitis, Iritis) sollten Latanoprost nur mit Vorsicht anwenden, da Prostaglandine entzündungsfördernd wirken können. Bei Patienten nach Augenoperationen (Kataraktoperation, Trabekulektomie) sollte Latanoprost vorsichtig eingesetzt werden, da vereinzelt Makulaödeme berichtet wurden.

Benzalkoniumchlorid als Konservierungsmittel in der Standardformulierung kann bei häufiger Anwendung zu chronischer Oberflächenreizung führen. Für empfindliche Patienten oder Trockenes-Auge-Patienten sind konservierungsmittelfreie Einzeldosisbehälter (z. B. Monopräparate ohne BAC) verfügbar.

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Häufig gestellte Fragen

Warum sollte Latanoprost abends angewendet werden?

Klinische Studien zeigen, dass die abendliche Applikation wirksamer ist als die morgendliche, da der Druckpeak bei vielen Glaukompatienten in den frühen Morgenstunden auftritt. Die abendliche Einnahme optimiert den zeitlichen Abstand zum morgendlichen Druckanstieg.

Ist die Augenfarbenveränderung durch Latanoprost gefährlich?

Nein, die Irishyperpigmentierung ist zwar irreversibel, aber medizinisch nicht bedenklich. Sie tritt besonders bei gemischtfarbigen Augen auf und sollte vor Therapiebeginn besprochen werden.

Kann Latanoprost mit anderen Augentropfen kombiniert werden?

Ja, Latanoprost ist gut kombinierbar mit Betablockern oder Karboanhydrasehemmern. Ein Abstand von 5 Minuten zwischen den Applikationen ist einzuhalten. Eine Kombination mit anderen Prostaglandin-Analoga sollte vermieden werden.

Was tun, wenn eine Dosis vergessen wurde?

Den vergessenen Tropfen am nächsten Abend nach dem regulären Einnahmeplan weiter applizieren. Keine doppelte Dosis anwenden, da dies die Wirksamkeit nicht verbessert.

Quellen

  • Fachinformation Xalatan® (Latanoprost 50 µg/ml), Pfizer, aktueller Stand
  • European Glaucoma Society (EGS): Terminology and Guidelines for Glaucoma, 5th Ed., 2021
  • Weinreb RN, Khaw PT. Primary open-angle glaucoma. Lancet. 2004;363(9422):1711–1720
  • Holmström S et al. A pharmacoeconomic comparison of latanoprost, bimatoprost and travoprost. Br J Ophthalmol. 2005
  • Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG): Leitlinie Glaukom, 2020

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