Perazin: Antipsychotikum bei Schizophrenie und psychomotorischer Unruhe

Perazin ist ein niederpotentes Phenothiazin-Antipsychotikum der ersten Generation, das in Deutschland seit den 1960er Jahren zur Behandlung von Schizophrenie und anderen psychotischen Störungen eingesetzt wird. Als mittelpotentes Antipsychotikum bietet es einen Mittelweg zwischen den stark sedierenden niederpotenten (wie Levomepromazin) und den motorisch belastenden hochpotenten Neuroleptika (wie Haloperidol).

Perazin ist in Deutschland in der klinischen Psychiatrie verbreitet und wird besonders bei Patienten eingesetzt, bei denen eine gewisse Sedierung erwünscht ist (z.B. bei ausgeprägter Agitation) oder bei denen hochpotente Antipsychotika schlecht vertragen werden. Gegenüber Levomepromazin ist die antipsychotische Potenz höher, die Sedierung geringer ausgeprägt.

Wirkmechanismus

Perazin blockiert dopaminerge D2-Rezeptoren im mesolimbischen System (antipsychotische Wirkung), im nigrostriatalen System (Extrapyramidalmotorik) und im tuberoinfundibulären System (Prolaktinerhöhung). Zusätzlich antagonisiert es histaminerge H1-Rezeptoren (Sedierung), muskarinische Acetylcholinrezeptoren (anticholinerge Wirkungen) und alpha-1-adrenerge Rezeptoren (Blutdrucksenkung). Im Vergleich zu hochpotenten Antipsychotika wie Haloperidol ist die D2-Blockade bei Perazin weniger selektiv, woraus eine stärkere Sedierung und weniger ausgeprägte extrapyramidale Nebenwirkungen resultieren.

Anwendungsgebiete

Perazin ist zugelassen für die Behandlung der Schizophrenie und schizophrener Psychosen sowie für psychomotorische Unruhe und Erregungszustände unterschiedlicher Ursache. Es wird sowohl in der Akutbehandlung als auch in der Langzeittherapie zur Rezidivprophylaxe eingesetzt. In der psychiatrischen Notaufnahme findet Perazin als intramuskuläre Injektion Anwendung bei akuter psychomotorischer Erregung.

Dosierung und Einnahme

Die Dosierung variiert stark je nach Indikation und individuellem Ansprechen. Beim Erwachsenen: oral 75 bis 600 mg täglich in drei bis vier Einzeldosen. Bei ambulanter Behandlung oft 75 bis 150 mg täglich, in der Akutbehandlung bis 600 mg täglich unter stationären Bedingungen. Intramuskulär: 50 bis 150 mg bei Bedarf. Ältere Patienten benötigen wegen erhöhter Empfindlichkeit deutlich niedrigere Dosen. Die Dosierung sollte langsam eingeschlichen werden, um Nebenwirkungen zu minimieren.

Nebenwirkungen

Sedierung ist die häufigste und oft erwünschte Nebenwirkung. Extrapyramidalmotorische Störungen (Parkinsonoid, Akathisie, Frühdyskinesien) kommen vor, sind aber weniger häufig als bei hochpotenten Neuroleptika. Anticholinerge Effekte (Mundtrockenheit, Harnretention, Obstipation, Akkommodationsstörungen) treten auf. Orthostatische Hypotonie mit Sturzrisiko ist besonders bei älteren Patienten relevant. Prolaktinerhöhung kann zu Galaktorrhoe, Amenorrhoe und sexuellen Funktionsstörungen führen. Bei Langzeittherapie besteht das Risiko einer tardiven Dyskinesie. Metabolische Effekte (Gewichtszunahme, Glukosetoleranzstörung) sind möglich. QT-Verlängerung erfordert EKG-Monitoring.

Wechselwirkungen

Zentralnervös dämpfende Substanzen (Benzodiazepine, Opioide, Alkohol) verstärken die Sedierung. Anticholinergika addieren ihre Wirkungen mit dem anticholinergen Effekt von Perazin. Antihypertensiva: hypotensive Wirkung wird verstärkt. QT-verlängernde Substanzen (Amiodaron, Makrolide, bestimmte Antihistaminika) erhöhen das Risiko von Herzrhythmusstörungen. Levodopa: Perazin antagonisiert die Wirkung von Levodopa bei Parkinson-Patienten und ist dort kontraindiziert.

Besondere Hinweise

Perazin ist verschreibungspflichtig. Abruptes Absetzen nach längerer Therapie kann zu Rebound-Symptomen und Entzugserscheinungen führen. Patienten sollten keine Kraftfahrzeuge führen, da die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt ist. Bei Sonneneinstrahlung besteht erhöhtes Risiko für Photosensibilisierung. Das maligne neuroleptische Syndrom (MNS), eine seltene aber lebensbedrohliche Komplikation, manifestiert sich als hohes Fieber, Rigor und Bewusstseinsstörung und erfordert sofortiges Absetzen und intensivmedizinische Behandlung.

Das könnte Sie auch interessieren

Häufig gestellte Fragen

Wie unterscheidet sich Perazin von modernen Antipsychotika?

Perazin ist ein typisches (klassisches) Antipsychotikum der ersten Generation. Moderne atypische Antipsychotika (Olanzapin, Risperidon, Quetiapin) haben ein anderes Rezeptorprofil mit geringeren extrapyramidalen Nebenwirkungen, aber oft stärkeren metabolischen Nebenwirkungen. Perazin ist günstiger und in bestimmten Situationen gut etabliert, hat aber weniger Evidenz aus modernen randomisierten Studien.

Warum darf Perazin nicht bei Parkinson-Patienten eingesetzt werden?

Perazin blockiert D2-Dopaminrezeptoren im nigrostriatalen System. Parkinson-Patienten haben bereits einen Dopaminmangel in diesem System; zusätzliche D2-Blockade verschlimmert die motorischen Symptome erheblich. Wenn Parkinson-Patienten ein Antipsychotikum benötigen, werden Substanzen mit geringerer D2-Affinität (Quetiapin, Clozapin) bevorzugt.

Was ist das maligne neuroleptische Syndrom?

Das maligne neuroleptische Syndrom (MNS) ist eine seltene, lebensbedrohliche Komplikation aller Antipsychotika. Es tritt meist innerhalb der ersten zwei Wochen der Therapie oder bei Dosiserhöhung auf und manifestiert sich als hohes Fieber, muskulärer Rigor, Bewusstseinstrübung und autonome Dysregulation. Sofortiges Absetzen und intensivmedizinische Behandlung sind lebensrettend.

Quellen

  • DGPPN-Leitlinie Schizophrenie 2023
  • Fachinformation Taxilan (Perazin), aktueller Stand
  • Leucht S et al: Comparative efficacy of antipsychotics. Lancet 2023