Vedolizumab: Wirkung, Anwendung und Hinweise bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen
Vedolizumab ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper aus der Klasse der Integrin-Antagonisten, der zur Behandlung chronisch entzündlicher Darmerkrankungen (CED) eingesetzt wird. Unter dem Handelsnamen Entyvio ist Vedolizumab seit 2014 in der Europäischen Union zugelassen. Es richtet sich gegen das Alpha-4-Beta-7-Integrin auf der Oberfläche von Immunzellen und hemmt dadurch gezielt deren Einwanderung in das Darmgewebe.
Vedolizumab ist das erste darmselektive Biologikum in der CED-Therapie. Diese Darmselektivität unterscheidet es grundlegend von systemisch wirkenden Biologika wie den TNF-Alpha-Inhibitoren oder dem Integrin-Antagonisten Natalizumab, der auch im zentralen Nervensystem wirksam ist. Das günstige systemische Sicherheitsprofil macht Vedolizumab zu einer attraktiven Option für viele Patienten.
Wirkmechanismus
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn entstehen unter anderem durch eine unkontrollierte Einwanderung von Immunzellen, insbesondere von T-Lymphozyten, in die Darmschleimhaut. Diese Zellen tragen auf ihrer Oberfläche das Integrin Alpha-4-Beta-7 (α4β7), das als Andockmolekül an das auf Darmgefäßendothel exprimierte MAdCAM-1 (Mucosal Addressin Cell Adhesion Molecule 1) bindet. Diese Bindung ermöglicht den Einstrom der Immunzellen aus dem Blut in das Darmgewebe.
Vedolizumab bindet hochspezifisch und mit hoher Affinität an das α4β7-Integrin auf aktivierten Lymphozyten und blockiert dadurch die Interaktion mit MAdCAM-1. Die Einwanderung proinflammatorischer Immunzellen in die Darmschleimhaut wird gehemmt, ohne dass systemische Immunfunktionen wesentlich beeinträchtigt werden. Die Selektivität für den Darm ergibt sich daraus, dass MAdCAM-1 nahezu ausschließlich im Gastrointestinaltrakt exprimiert wird.
Im Gegensatz zu Natalizumab, einem anderen Integrin-Antagonisten, blockiert Vedolizumab nicht das Alpha-4-Beta-1-Integrin, das für die Einwanderung von Lymphozyten in das Zentralnervensystem verantwortlich ist. Damit entfällt das bei Natalizumab beschriebene Risiko einer progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie (PML).
Die vollständige Wirkung tritt nicht sofort ein: Vedolizumab benötigt typischerweise mehrere Wochen bis Monate, um die Entzündungsaktivität im Darm zu reduzieren. Dies spiegelt die Zeit wider, die das Darmgewebe benötigt, um nach verminderter Lymphozyteneinwanderung die Entzündungsreaktion abzubauen.
Anwendungsgebiete
Vedolizumab ist zugelassen für die Behandlung von erwachsenen Patienten mit mittelschwerer bis schwerer aktiver Colitis ulcerosa oder aktivem Morbus Crohn, die auf konventionelle Therapien (z.B. Aminosalizylate, Kortikosteroide, Immunsuppressiva) oder auf einen TNF-Alpha-Inhibitor unzureichend angesprochen haben, nicht mehr darauf ansprechen oder diese nicht vertragen.
Im Einzelnen umfasst das Anwendungsgebiet:
- Colitis ulcerosa: mittelschwere bis schwere aktive Erkrankung, einschließlich steroidrefraktärer und steroidabhängiger Verläufe
- Morbus Crohn: mittelschwere bis schwere aktive Erkrankung nach Versagen konventioneller Therapien oder TNF-Alpha-Inhibitoren
- Einsatz bei Patienten mit erhöhtem Infektionsrisiko, bei denen systemisch wirkende Biologika bedenklich sind
- Erhaltungstherapie bei Patienten, die auf die Induktionstherapie angesprochen haben
Vedolizumab kann auch als Erstlinien-Biologikum in Betracht gezogen werden, wenn eine besondere klinische Situation (z.B. hohes Infektionsrisiko, bestimmte Komorbiditäten) gegen TNF-Alpha-Inhibitoren spricht. Die Therapieentscheidung wird stets individuell im Rahmen eines gastroenterologischen Gesprächs getroffen.
Dosierung und Verabreichung
Vedolizumab ist verschreibungspflichtig und wird ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht verabreicht.
Die Standarddosis beträgt 300 mg Vedolizumab als intravenöse Infusion über 30 Minuten. Das Induktionsschema sieht Infusionen in Woche 0, 2 und 6 vor. Bei Patienten, die auf die Induktionstherapie ansprechen, folgt die Erhaltungstherapie mit einer Infusion alle 8 Wochen.
Seit 2020 ist für Patienten in der Erhaltungstherapie, die mindestens zwei intravenöse Infusionen erhalten haben, auch eine subkutane Applikationsform erhältlich. Vedolizumab als Fertigspritze (108 mg) kann vom Patienten oder einer Pflegeperson nach Schulung selbst alle zwei Wochen subkutan injiziert werden. Dieses Vorgehen verbessert die Lebensqualität, da Klinikbesuche für die Infusion entfallen.
Eine Dosisanpassung für ältere Patienten, bei Nieren- oder Leberinsuffizienz wird in den aktuellen Fachinformationen nicht empfohlen, da Vedolizumab als Antikörper nicht renal oder hepatisch eliminiert wird. Bei unzureichendem Ansprechen kann der Arzt die Therapie überdenken oder die Dosierungsintervalle anpassen.
Nebenwirkungen
Vedolizumab zeigt aufgrund seiner Darmselektivität ein im Vergleich zu systemisch wirkenden Biologika günstigeres Sicherheitsprofil. Schwere systemische Infektionen und opportunistische Infektionen treten seltener auf als unter TNF-Alpha-Inhibitoren.
Häufige Nebenwirkungen (1 bis 10 von 100 Patienten):
- Nasopharyngitis und andere Atemwegsinfektionen
- Kopfschmerzen und Schwindel
- Gelenkschmerzen (Arthralgie)
- Müdigkeit
- Reaktionen an der Infusionsstelle (Schwellung, Rötung, Brennen)
Infusionsreaktionen: Während oder kurz nach der Infusion können Reaktionen wie Übelkeit, Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerzen, Flush oder Blutdruckschwankungen auftreten. Schwere anaphylaktische Reaktionen sind selten. Patienten werden deshalb während der Infusion beobachtet.
Infektionen: Auch wenn das systemische Infektionsrisiko geringer ist als unter TNF-Alpha-Inhibitoren, können Infektionen auftreten. Vor allem Erkrankungen des oberen Respirationstrakts, Bronchitis und Sinusitis wurden berichtet. Bei Anzeichen schwerer Infektionen sollte Vedolizumab vorübergehend pausiert werden.
PML-Risiko: Bislang wurden unter Vedolizumab keine gesicherten PML-Fälle berichtet. Das theoretische Risiko gilt als sehr gering, da Vedolizumab nicht in das zentrale Nervensystem eingreift. Neurologische Symptome sollten dennoch berichtet werden.
Wechselwirkungen
Vedolizumab kann mit anderen Immunsuppressiva (z.B. Azathioprin, 6-Mercaptopurin, Methotrexat) oder Kortikosteroiden kombiniert werden. Die gleichzeitige Anwendung dieser Mittel kann das Infektionsrisiko erhöhen und erfordert engmaschige klinische Überwachung.
Eine Kombination mit anderen Biologika, insbesondere mit anderen Integrin-Antagonisten oder TNF-Alpha-Inhibitoren, ist nicht empfohlen, da keine ausreichenden Sicherheitsdaten vorliegen und das Risiko für Immunsuppression und Infektionen steigen kann.
Lebendimpfstoffe sollten während der Behandlung nicht verabreicht werden. Inaktivierte Impfstoffe können angewendet werden, sollten aber nach Möglichkeit vor Therapiebeginn aktualisiert werden, da die Impfantwort unter Immunsuppression möglicherweise abgeschwächt ist.
Besondere Hinweise
Infektionen: Vor Therapiebeginn müssen aktive schwere Infektionen ausgeschlossen werden. Patienten mit aktiver Tuberkulose dürfen Vedolizumab nicht erhalten. Ein Tuberkulose-Screening ist obligatorisch. Bei chronischen Infektionen oder Immundefizienz ist eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich.
Impfstatus: Vor Beginn der Therapie sollte der Impfstatus überprüft und fehlende Impfungen nachgeholt werden. Lebendimpfstoffe müssen mindestens sechs Wochen vor Behandlungsbeginn abgeschlossen sein.
Schwangerschaft und Stillzeit: Vedolizumab passiert die Plazenta, insbesondere im dritten Trimester. Tierexperimentelle Daten haben keine schädigende Wirkung auf den Fötus gezeigt. Die Entscheidung über den Einsatz in der Schwangerschaft wird individuell abgewogen. In der Stillzeit kann Vedolizumab in geringen Mengen in die Muttermilch übergehen; der behandelnde Arzt sollte eine individuelle Empfehlung geben.
Malignitäten: Aus post-marketing Daten gibt es keine Hinweise auf ein erhöhtes Malignitätsrisiko unter Vedolizumab im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Regelmäßige krebsvorsorge ist dennoch empfehlenswert.
Häufig gestellte Fragen
Wie lange dauert es, bis Vedolizumab wirkt?
Vedolizumab wirkt langsamer als TNF-Alpha-Inhibitoren. Erste klinische Verbesserungen werden oft erst nach 6 bis 14 Wochen bemerkt. Die vollständige Wirkung, einschließlich endoskopischer Heilung, kann Monate in Anspruch nehmen. Die Therapie sollte nicht vorschnell abgebrochen werden.
Kann ich während der Vedolizumab-Therapie geimpft werden?
Inaktivierte Impfstoffe (z.B. Grippe, Pneumokokken, SARS-CoV-2) können verabreicht werden. Lebendimpfstoffe sind kontraindiziert. Der behandelnde Arzt und ein Impfspezialist sollten gemeinsam den optimalen Impfplan festlegen.
Ist Vedolizumab auch als Spritze erhältlich?
Ja, seit 2020 ist für Patienten in der Erhaltungstherapie eine subkutane Fertigspritze verfügbar. Nach Schulung können sich Patienten die Spritze alle zwei Wochen selbst injizieren, was häufige Krankenhausbesuche erspart.
Quellen
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Entyvio Fachinformation (aktuelle Fassung)
- Feagan BG et al.: Vedolizumab as induction and maintenance therapy for ulcerative colitis. N Engl J Med. 2013;369(8):699-710
- Sandborn WJ et al.: Vedolizumab as induction and maintenance therapy for Crohn's disease. N Engl J Med. 2013;369(8):711-721
- Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie: S3-Leitlinie Colitis ulcerosa (aktuelle Fassung)
- Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie: S3-Leitlinie Morbus Crohn (aktuelle Fassung)