Doxazosin

Selektiver Alpha 1 Blocker bei Hypertonie und benigner Prostatahyperplasie

Doxazosin ist ein langwirksamer selektiver α1 Adrenozeptor Blocker, der 1988 von Pfizer unter dem Handelsnamen Cardura eingeführt wurde. In Deutschland ist er unter den Namen Diblocin und als Generika verfügbar. Die Substanz ist zugelassen zur Behandlung der arteriellen Hypertonie und zur symptomatischen Therapie der benignen Prostatahyperplasie (BPH). Die lange Halbwertszeit erlaubt eine einmal tägliche Gabe, retardierte Formulierungen (XL, GITS) glätten den Plasmaspiegel zusätzlich.

In den Hypertonie Leitlinien der letzten Jahre haben α1 Blocker ihre Rolle als Erstlinienmittel zugunsten von ACE Hemmern, Angiotensin II Rezeptor Blockern, Calciumantagonisten und Thiaziddiuretika eingebüßt. Die ALLHAT Studie zeigte unter Doxazosin eine höhere Rate an Herzinsuffizienz im Vergleich zu Chlortalidon, weshalb die Substanz heute primär als Zusatztherapie bei therapieresistenter Hypertonie und bei Männern mit Prostatabeschwerden zum Einsatz kommt, die beide Indikationen gleichzeitig bedienen lässt.

Wirkmechanismus

Doxazosin blockiert kompetitiv den postsynaptischen α1 Adrenozeptor an der glatten Muskulatur von Arteriolen, Venen und des Trigonum vesicae, des Sphincter internus und der Prostatakapsel. Die Sympathikus vermittelte Vasokonstriktion wird reduziert, der periphere Gefäßwiderstand sinkt, der Blutdruck fällt. Anders als nichtselektive α Blocker wie Phenoxybenzamin bindet Doxazosin selektiv α1 und beeinflusst α2 Rezeptoren kaum, wodurch eine reflektorische Noradrenalinausschüttung mit Tachykardie ausbleibt.

Am unteren Harntrakt relaxiert Doxazosin die glatte Muskulatur der Prostata, der Prostatakapsel und des Blasenhalses. Der Harnfluss verbessert sich, das Restharnvolumen sinkt, Lower Urinary Tract Symptoms (LUTS) wie Pollakisurie, Nykturie, abgeschwächter Harnstrahl und Nachträufeln nehmen ab. Die Prostatagröße selbst wird nicht reduziert, dafür sind 5 α Reduktase Hemmer wie Finasterid oder Dutasterid zuständig.

Die Selektivität gegenüber den drei α1 Subtypen (α1A, α1B, α1D) ist bei Doxazosin gering ausgeprägt, weshalb der Blutdruck mitbeeinflusst wird. Neuere α1A selektive Blocker wie Tamsulosin oder Silodosin wirken stärker an der Prostata und weniger am Gefäßbett, was die kardiovaskulären Nebenwirkungen reduziert, aber andere wie intraoperatives Floppy Iris Syndrom häufiger auftreten lässt.

Anwendungsgebiete

  • Essentielle arterielle Hypertonie als Zusatztherapie bei unzureichender Blutdrucksenkung mit Erstlinienmitteln
  • Therapieresistente Hypertonie in Kombination mit ACE Hemmer, Calciumantagonist und Diuretikum
  • Symptomatische benigne Prostatahyperplasie mit moderaten bis schweren Lower Urinary Tract Symptoms
  • Kombination aus Hypertonie und BPH als eleganter Doppeleffekt bei älteren Männern
  • Phäochromozytom als präoperative Vorbereitung, auch wenn hier Phenoxybenzamin Standard ist

Dosierung und Einnahme

Nicht retardierte Form (Hypertonie): Start mit 1 mg einmal täglich abends, Titration alle 1 bis 2 Wochen bis 2, 4, 8 maximal 16 mg. BPH: Start 1 mg, Steigerung nach Ansprechen bis 4 oder 8 mg. Retardtablette (Cardura XL, GITS): 4 mg einmal täglich, Titration bis 8 mg, bessere Verträglichkeit wegen gleichmäßigerer Plasmaspiegel.

Die Einnahme erfolgt zur gleichen Tageszeit, bevorzugt abends, um die initiale Hypotonie in den Schlaf zu verlegen. Retardtabletten unzerkaut mit Flüssigkeit schlucken, die nicht resorbierte Tablettenhülle kann im Stuhl sichtbar sein und ist unbedenklich. Nach Therapieunterbrechung von mehr als einer Woche Neueinstellung mit Startdosis, um First Dose Phänomene zu vermeiden.

Niereninsuffizienz: keine Dosisanpassung, Doxazosin wird überwiegend hepatisch eliminiert. Leberinsuffizienz: bei schwerer Einschränkung Vorsicht, Dosis niedrig halten, engmaschige Überwachung. Ältere Patienten: erhöhtes Orthostaserisiko, vorsichtige Titration, Blutdruckmessung in liegender und stehender Position.

Nebenwirkungen

Häufig (1 bis 10 Prozent): Schwindel, Kopfschmerzen, Müdigkeit, orthostatische Hypotonie, Ödeme, Palpitationen, Übelkeit, verstopfte Nase, Infekte der Atemwege.

Gelegentlich (0,1 bis 1 Prozent): Synkope (besonders nach erster Einnahme), Rhinitis, Gewichtszunahme, Tachykardie, trockener Mund, Erektionsstörungen, Harninkontinenz bei Frauen.

Selten: Leberfunktionsstörungen, Hautausschlag, Alopezie, Priapismus (urologischer Notfall, sofortige Vorstellung), Thrombozytopenie, intraoperatives Floppy Iris Syndrom bei Kataraktoperationen.

First Dose Phänomen: Bei der ersten Einnahme, besonders bei bereits antihypertensiv behandelten Patienten, droht eine ausgeprägte Orthostase mit Synkope. Einstieg mit niedrigster Dosis am Abend, Patienten über das Phänomen aufklären. Nach mehrtägiger Pause die Titration neu beginnen.

Wechselwirkungen

  • Andere Antihypertensiva: additive Blutdrucksenkung, erwünscht, aber Orthostaserisiko steigt
  • Phosphodiesterase 5 Hemmer (Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil): deutliche Hypotonie möglich, Mindestabstand 4 Stunden, vorsichtige Dosistitration
  • Nitrate: stark potenzierte Blutdrucksenkung bis Synkope, Kombination nur unter ärztlicher Aufsicht
  • NSAR: können antihypertensive Wirkung abschwächen
  • Starke CYP3A4 Hemmer (Clarithromycin, Itraconazol, Ritonavir): theoretisch erhöhte Plasmaspiegel Doxazosin, relevante klinische Konsequenzen selten
  • Alkohol: verstärkte Vasodilatation, erhöhtes Sturzrisiko

Besondere Hinweise

Floppy Iris Syndrom: Patienten, die vor einer Kataraktoperation oder einer anderen Augenoperation Doxazosin einnehmen, sollten den Operateur unbedingt informieren. Das intraoperative Floppy Iris Syndrom kann die Operation erschweren, besondere chirurgische Vorsichtsmaßnahmen sind nötig. Ein präoperatives Absetzen wird nicht empfohlen.

Kontraindikationen: bekannte Überempfindlichkeit, orthostatische Dysregulation, Harnabflussstörungen, chronische Harnwegsinfekte, Blasensteine, schwere Leberfunktionsstörung.

Schwangerschaft: unzureichende Daten, Anwendung nur, wenn andere Optionen nicht verfügbar. Stillzeit: Übergang in die Muttermilch nicht abschließend quantifiziert, Stillen nicht empfohlen.

Monitoring: Blutdruckmessung in liegender und stehender Position, bei BPH Symptomfragebogen (IPSS), Uroflowmetrie. Bei Männern Restharnbestimmung und PSA Basiswert, da Doxazosin PSA nicht verändert, eine Prostatadiagnostik aber vor Therapiebeginn sinnvoll ist.

Ausschleichen bei Absetzen? Im Unterschied zu β Blockern und Clonidin ist ein allmähliches Absetzen nicht zwingend, ein Rebound Effekt ist nicht beschrieben. Bei Wiederbeginn nach Pause muss jedoch erneut titriert werden.

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Häufig gestellte Fragen

Warum ist Doxazosin keine Erstlinientherapie mehr bei Hypertonie?

Die ALLHAT Studie zeigte unter Doxazosin eine höhere Rate an Herzinsuffizienz als unter Chlortalidon. Auch die Senkung harter kardiovaskulärer Endpunkte war weniger überzeugend als bei ACE Hemmern oder Diuretika. Deshalb empfehlen aktuelle Leitlinien α Blocker nur als Zusatztherapie bei therapieresistenter Hypertonie.

Wann bemerke ich eine Wirkung bei Prostatabeschwerden?

Eine Verbesserung des Harnstrahls und der Blasenentleerung wird oft schon in der zweiten bis vierten Woche bemerkbar. Die maximale Wirkung stellt sich nach etwa 8 Wochen ein. Bei ausbleibender Besserung sollte die Therapie überdacht und eine alternative Option wie ein 5 α Reduktase Hemmer oder eine operative Therapie diskutiert werden.

Warum am Abend einnehmen?

Die Abendeinnahme verlegt die stärkste Blutdrucksenkung in die Schlafphase und reduziert das Risiko einer Synkope durch orthostatische Hypotonie. Besonders die erste Dosis wird deshalb kurz vor dem Zubettgehen genommen. Sollte dennoch Schwindel auftreten, langsam aus dem Liegen oder Sitzen aufrichten.

Muss ich den Augenarzt informieren?

Ja, vor jeder Augenoperation, besonders vor einer Kataraktoperation. Das intraoperative Floppy Iris Syndrom kann den Eingriff verkomplizieren. Der Operateur kann dann spezielle chirurgische Techniken oder Iriserweiternde Hilfsmittel einsetzen. Präoperatives Absetzen wird nicht empfohlen, weil auch nach längerer Pause das Phänomen auftreten kann.

Quellen

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