Acetylcystein: Mukolytikum und Antidot mit antioxidativen Eigenschaften

Acetylcystein (auch N-Acetylcystein, kurz NAC) ist ein Derivat der schwefelhaltigen Aminosäure Cystein und eines der vielseitigsten Arzneimittel in der modernen Medizin. Es findet Verwendung als Mukolytikum (Schleimlöser) bei Erkrankungen der Atemwege mit zähflüssigem Schleim sowie als lebensrettendes Antidot bei Vergiftungen mit Paracetamol (Acetaminophen). Darüber hinaus wird Acetylcystein als Antioxidans und Vorläufer des körpereigenen Glutathions in der Intensivmedizin und Nephrologie eingesetzt. In Deutschland ist der Wirkstoff unter Handelsnamen wie ACC, Fluimucil und zahlreichen Generika erhältlich.

Acetylcystein ist in verschiedenen Darreichungsformen verfügbar: als Brausetabletten, Granulat, Kapseln und Sirup zur oralen Einnahme, als Inhalationslösung für die Aerosoltherapie sowie als Injektions- oder Infusionslösung für die intravenöse Anwendung. Die Kombination aus mukolytischer Wirkung, antioxidativer Kapazität und Antidot-Eigenschaft macht Acetylcystein zu einem der weltweit am meisten eingesetzten Arzneimittel insgesamt.

Wirkmechanismus

Mukolytische Wirkung: Acetylcystein enthält eine freie Thiolgruppe (SH-Gruppe), die in der Lage ist, Disulfidbrücken in den Muzinmolekülen des Bronchialschleims zu spalten. Muzine sind hochmolekulare Glykoproteine, die durch Disulfidbrücken quervernetzt werden und dem Schleim seine zähe, visköse Konsistenz verleihen. Durch die reduktive Spaltung dieser Quervernetzungen wird der Schleim verflüssigt und kann leichter aus den Atemwegen ausgehustet werden. Acetylcystein wirkt sowohl bei topischer Inhalation direkt auf den Schleim als auch nach oraler und intravenöser Gabe über den Blutweg auf bronchiales Sekret.

Antidot bei Paracetamol-Vergiftung: Paracetamol wird in der Leber zu einem hochreaktiven Metaboliten (NAPQI) abgebaut, der bei Überdosierung die zellulären Glutathion-Reserven der Leberzellen erschöpft und zu oxidativen Schäden und Leberversagen führt. Acetylcystein wirkt hier als Vorläufer (Precursor) für die Glutathion-Synthese: Es wird in der Zelle zu Cystein umgewandelt, das dann für die Neusynthese von Glutathion genutzt wird. So regeneriert Acetylcystein die antioxidative Kapazität der Hepatozyten und verhindert oder begrenzt die leberschädigende Wirkung von NAPQI.

Antioxidative und entzündungshemmende Wirkung: Als Glutathion-Vorläufer und direkte Thiolverbindung besitzt Acetylcystein ausgeprägte antioxidative Eigenschaften. Es fängt reaktive Sauerstoffspezies (ROS) direkt ab und steigert die zelluläre Glutathion-Konzentration. Diese Wirkung ist Grundlage zahlreicher Off-Label-Anwendungen und Forschungsansätze.

Anwendungsgebiete

  • Schleimlösend bei Atemwegserkrankungen: Akute und chronische Bronchitis, COPD, Mukoviszidose (Cystische Fibrose), Bronchiektasen; Förderung der Schleimelimination bei erschwertem Abhusten
  • Antidot bei Paracetamol-Vergiftung: Intravenöse Gabe innerhalb von 24 Stunden nach Einnahme; wirksam bis zu 36 Stunden nach Ingestion, besonders effektiv in den ersten 8 bis 10 Stunden
  • Kontrastmittel-induzierte Nephropathie (CIN): Off-Label-Prophylaxe vor jodhaltigem Kontrastmittel bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion (Evidenz widersprüchlich)
  • Intensivmedizin: Unterstützung bei Sepsis, akutem Lungenversagen (ARDS), hepatorenalem Syndrom (Off-Label)
  • Augenheilkunde: Als Augentropfen bei Keratoconjunctivitis sicca (trockene Augen) und kornealen Muzinablagerungen

Dosierung und Anwendung

Mukolytikum oral (Erwachsene): 200 mg drei- bis viermal täglich oder 600 mg einmal täglich als Retard-Formulierung. Kinder 2 bis 6 Jahre: 100 mg zweimal bis dreimal täglich. Kinder 6 bis 14 Jahre: 200 mg zweimal täglich oder 300 mg einmal täglich. Bei Mukoviszidose werden häufig höhere Dosen (bis 900 mg/Tag bei Erwachsenen) eingesetzt.

Inhalation: 3 bis 5 ml einer 10 oder 20 Prozent Lösung; zwei- bis dreimal täglich vernebeln.

Antidot bei Paracetamol-Vergiftung (intravenös): Schema mit drei Infusionen: Erstinfusion 150 mg/kg KG in 200 ml Glukose 5 % über 15 bis 60 Minuten; dann 50 mg/kg KG in 500 ml über 4 Stunden; dann 100 mg/kg KG in 1000 ml über 16 Stunden (Gesamtdosis ca. 300 mg/kg in 21 Stunden). Neuere Protokolle (2-Beutel-Schema) werden diskutiert.

Brausetabletten vollständig in Wasser auflösen. Ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen (mindestens 1,5 bis 2 Liter täglich), da Flüssigkeitszufuhr die mukolytische Wirkung unterstützt. Acetylcystein kann zu den Mahlzeiten eingenommen werden; Nahrung hat keinen wesentlichen Einfluss auf die Resorption.

Nebenwirkungen

Oral häufig: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Sodbrennen; diese gastrointestinalen Beschwerden sind meist mild und klingen bei Einnahme nach der Mahlzeit ab. Bei Brausetabletten kann der für Acetylcystein typische Schwefelgeruch unangenehm wahrgenommen werden.

Inhalation: Bronchospasmus (besonders bei hyperreagiblem Bronchialsystem oder Asthma bronchiale); deshalb sollte Acetylcystein zur Inhalation bei Asthma nur unter strenger Überwachung und ggf. Kombination mit einem Bronchodilatator angewendet werden. Husten, Rhinorrhö und Stomatitis sind möglich.

Intravenöse Anwendung: Anaphylaktoide Reaktionen (keine echten Allergien, sondern pseudoallergische Reaktionen) treten bei bis zu 30 Prozent der Patienten auf, besonders während der ersten Infusion: Flush, Urtikaria, Pruritus, Angioödem, Bronchokonstriktion, Tachykardie. Diese Reaktionen sistieren meist bei Unterbrechung der Infusion und Antihistamingabe; nach Abklingen kann die Infusion langsamer fortgesetzt werden.

Selten: Blutdruckabfall, Krampfanfälle (bei hohen Dosen), Thrombozytopenie.

Wechselwirkungen

Aktivkohle: Bei Paracetamol-Überdosierung kann oral gegebene Aktivkohle die Resorption von oral gegebenem Acetylcystein vermindern. Intravenöses Acetylcystein ist daher die bevorzugte Applikationsform.

Antibiotika (Amoxicillin, Cephalosporine, Tetracycline, Aminoglykoside): Acetylcystein kann die Wirksamkeit mancher Antibiotika in vitro vermindern. Bei gleichzeitiger Einnahme sollten orale Antibiotika zeitlich versetzt (mindestens 2 Stunden) eingenommen werden.

Nitroglyzerin: Kombination kann zu verstärkter Vasodilatation und Kopfschmerzen führen.

Hustenunterdrückende Mittel (Antitussiva wie Codein, Dextromethorphan): Sollten nicht gleichzeitig eingenommen werden, da Antitussiva das Abhusten des durch Acetylcystein verflüssigten Sekrets hemmen. Die Kombination macht therapeutisch keinen Sinn und kann zur Sekretretention führen.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft und Stillzeit: Acetylcystein wird in der Schwangerschaft eingesetzt, wenn der Nutzen das Risiko überwiegt; insbesondere bei Paracetamol-Vergiftung in der Schwangerschaft ist die intravenöse Gabe von Acetylcystein das Mittel der Wahl. Bei topischer Mukolyse und oraler Einnahme bei unkomplizierten Atemwegserkrankungen gelten nach heutigem Kenntnisstand keine schwerwiegenden Bedenken; trotzdem sollte eine ärztliche Rücksprache erfolgen.

Asthma bronchiale und hyperreagibles Bronchialsystem: Inhaliertes Acetylcystein kann einen Bronchospasmus auslösen. Patienten mit Asthma sollten Acetylcystein nicht inhalieren oder nur unter ärztlicher Aufsicht und in Kombination mit einem Bronchodilatator.

Paracetamol-Vergiftung: Je früher Acetylcystein gegeben wird, desto effektiver ist das Antidot. Bei unklarer oder verzögerter Vorstellung (über 8 Stunden nach Einnahme) sollte trotzdem sofort mit der Antidot-Therapie begonnen werden, da Acetylcystein auch später noch protektive Effekte zeigen kann.

Wirksamkeit als Mukolytikum: Die klinische Evidenz für den Nutzen von Acetylcystein als Mukolytikum bei akuter Bronchitis und unkomplizierter Erkältung ist begrenzt. Der Wirkstoff ist bei chronischen Erkrankungen mit erhöhter Schleimproduktion (COPD, Mukoviszidose) besser belegt.

Häufig gestellte Fragen

Hilft Acetylcystein wirklich beim Husten?

Acetylcystein verflüssigt zähen Schleim und kann so das Abhusten erleichtern. Der Nutzen ist bei Erkrankungen mit erhöhter zäher Schleimproduktion (z. B. COPD, Mukoviszidose) gut belegt. Bei akuter Bronchitis oder einfacher Erkältung ist die Datenlage weniger eindeutig; viele Patienten berichten dennoch subjektiv über Erleichterung.

Wie wird Acetylcystein bei Paracetamol-Vergiftung eingesetzt?

Im Notfall wird Acetylcystein intravenös als Dreiphasen-Infusion über etwa 21 Stunden verabreicht. Die sofortige Vorstellung in einer Notaufnahme nach Überdosierung ist entscheidend, da die Wirksamkeit des Antidots mit zunehmender Zeitspanne nach der Einnahme abnimmt.

Ist Acetylcystein dasselbe wie NAC?

Ja, NAC (N-Acetylcystein) ist die wissenschaftliche Kurzbezeichnung für Acetylcystein. Beide Begriffe bezeichnen exakt denselben Wirkstoff.

Quellen

  • Fachinformation ACC akut (Hexal AG), Stand 2024
  • Prescott LF: Paracetamol overdosage: pharmacological considerations and clinical management. Drugs, 1983
  • Acetylcysteine für Paracetamol-Vergiftung: NICE-Guideline NG109, 2019
  • Grandjean EM et al.: Efficacy of oral long-term N-acetylcysteine in chronic bronchopulmonary disease. European Respiratory Journal, 2000
  • Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Monographie Acetylcystein