Acoramidis: Oraler TTR Stabilisator bei ATTR Kardiomyopathie

Acoramidis (Handelsname Attruby in den USA, Beyonttra in der EU) ist ein oraler hochaffiner Stabilisator des Plasmaproteins Transthyretin (TTR). Der Wirkstoff wurde 2024 in den USA und 2025 in der EU für die Behandlung der wildtypischen oder erblichen Transthyretin Amyloidose mit Kardiomyopathie (ATTR CM) bei Erwachsenen zugelassen. ATTR CM ist eine seltene, aber zunehmend erkannte Ursache der Herzinsuffizienz mit erhaltener Auswurffraktion (HFpEF), insbesondere bei älteren Patienten.

Mit der Zulassung von Acoramidis wurde nach Tafamidis ein zweiter TTR Stabilisator verfügbar. In der zentralen Phase 3 Studie ATTRibute CM zeigte Acoramidis im Vergleich zu Placebo eine signifikante Reduktion kardiovaskulärer Hospitalisierungen und einen Trend zu einer Reduktion der Gesamtmortalität.

Wirkmechanismus

Transthyretin (TTR) ist ein in der Leber produziertes Tetramer Protein, das Thyroxin und Retinol bindendes Protein im Blut transportiert. Bei Transthyretin Amyloidose dissoziiert das Tetramer in Monomere, die fehlfalten und zu Amyloid Fibrillen aggregieren. Diese Fibrillen lagern sich in Geweben ab, vor allem im Herzen (ATTR CM) und in peripheren Nerven (ATTR Polyneuropathie), was zu progressiver Funktionseinschränkung führt.

Acoramidis bindet hochaffin an die Thyroxin Bindungstaschen des Tetramers und stabilisiert dieses gegen Dissoziation. Die Bildung amyloidogener Monomere wird reduziert, das Fortschreiten der Amyloid Ablagerung verlangsamt sich. Im Vergleich zu Tafamidis bindet Acoramidis stärker und führt in In Vitro Studien zu einer höheren TTR Stabilisierung.

Acoramidis wird oral resorbiert und über mehrere Wege metabolisiert. Die Halbwertszeit ermöglicht die zweimal tägliche Einnahme.

Anwendungsgebiete

  • Wildtypische Transthyretin Amyloidose mit Kardiomyopathie (wtATTR CM): die häufigere Form, vor allem bei älteren Männern
  • Erbliche Transthyretin Amyloidose mit Kardiomyopathie (vATTR CM): verschiedene TTR Mutationen, mit unterschiedlicher klinischer Ausprägung
  • Off Label oder in Studien: ATTR Polyneuropathie, Mischformen

Voraussetzung für die Therapie ist die histologisch oder bildgebend (DPD oder PYP Szintigraphie) nachgewiesene ATTR Amyloidose. Eine Differenzierung zwischen wildtypischer und erblicher Form erfolgt mittels TTR Sequenzierung.

Dosierung und Einnahme

Standarddosis: 712 mg zweimal täglich oral, etwa 12 Stunden Abstand. Die Einnahme erfolgt unabhängig von Mahlzeiten.

Die Tabletten werden unzerkaut mit Wasser geschluckt. Bei vergessener Einnahme sollte die nächste Dosis zur regulären Zeit eingenommen werden, keine doppelte Dosis.

Die Therapie ist als Langzeittherapie konzipiert. Therapieerfolg wird klinisch (Symptomatik, NYHA Klasse, 6 Minuten Gehtest) und biochemisch (NT proBNP, Troponin) sowie kardiologisch (Echokardiographie, kardiales MRT) beurteilt.

Nebenwirkungen

Häufig: Diarrhö, Bauchschmerzen, Blähungen.

Gelegentlich: Übelkeit, leichter Anstieg der Lebertransaminasen, Hautausschlag.

Selten: schwere allergische Reaktionen, Hepatitis.

Insgesamt zeigt Acoramidis ein günstiges Verträglichkeitsprofil. Die häufigsten gastrointestinalen Beschwerden treten meist zu Therapiebeginn auf und bessern sich oft im Verlauf.

Wichtige Punkte:

  • Bei anhaltenden gastrointestinalen Beschwerden symptomatische Therapie und ggf. Ernährungsberatung
  • Leberwerte vor Therapie und periodisch im Verlauf
  • Bei akuter Verschlechterung der Herzinsuffizienz oder Symptomprogression kardiologische Reevaluation

Wechselwirkungen

  • Schilddrüsenhormone: Acoramidis bindet an die Thyroxin Bindungstaschen von TTR. Die Schilddrüsenhormonbindung im Blut kann verändert sein, klinische Relevanz meist gering, dennoch TSH und freies T4 bei Auffälligkeiten kontrollieren
  • Vitamin A (Retinol bindendes Protein): möglicherweise leicht erhöhte Retinol Spiegel
  • Andere Wirkstoffe: klinisch relevante Wechselwirkungen bisher selten beschrieben

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: Daten begrenzt, bei klarer Indikation individuelle Abwägung. Frauen im gebärfähigen Alter sollten verlässlich verhüten, da Tierdaten unzureichend sind.

Stillzeit: Daten fehlen.

Kinder: nicht zugelassen.

Indikationsstellung: Voraussetzung ist die nachgewiesene ATTR CM. Bei Verdacht erfolgt die Diagnostik in spezialisierten Amyloidose Zentren mit Echokardiographie, kardialer MRT, DPD oder PYP Szintigraphie und ggf. Biopsie.

Therapiekontrollen: klinische und kardiologische Beurteilung alle 3 bis 6 Monate. Echokardiographie und biochemische Marker (NT proBNP, Troponin) zur Verlaufsbeurteilung. Bei Patientinnen und Patienten mit erblicher Form auch genetische Beratung.

Patientenkommunikation: ATTR CM ist eine chronische Erkrankung. Acoramidis verlangsamt das Fortschreiten, kann aber bestehende Schäden nicht rückgängig machen. Frühzeitige Therapie bei nachgewiesener Diagnose verbessert die Prognose. Realistische Aufklärung über die langfristige Natur der Therapie und die Bedeutung der Therapietreue ist wichtig.

Verwandte Wirkstoffe

Häufig gestellte Fragen

Was ist ATTR CM?

Transthyretin Amyloidose mit Kardiomyopathie ist eine fortschreitende Erkrankung, bei der sich Amyloidfibrillen aus fehlgefalteten TTR Proteinen im Herzmuskel ablagern. Folge sind Herzwandverdickung, eingeschränkte diastolische Funktion und Herzinsuffizienz. Wildtypische Form betrifft vor allem ältere Männer, erbliche Form kann jünger und mit Polyneuropathie auftreten.

Wie unterscheidet sich Acoramidis von Tafamidis?

Beide stabilisieren TTR und verlangsamen das Fortschreiten der ATTR CM. Acoramidis bindet stärker an die Thyroxin Bindungstaschen und führt in vitro zu höherer Stabilisierung. Klinische Direktvergleiche fehlen weitgehend; beide Wirkstoffe sind etablierte Optionen.

Heilt Acoramidis die Erkrankung?

Nein. Acoramidis verlangsamt das Fortschreiten der Amyloid Ablagerung, kann aber bereits bestehende Schäden nicht rückgängig machen. Eine frühzeitige Therapie nach Diagnosestellung ist daher wichtig.

Wie wird ATTR CM diagnostiziert?

Bei klinischem Verdacht (HFpEF, Niedrigvoltage EKG, Rechtsherzinsuffizienz, bilaterales Karpaltunnelsyndrom in der Anamnese) erfolgt die Diagnostik mit Echokardiographie, kardialer MRT, DPD oder PYP Szintigraphie und Genetik. Eine endomyokardiale Biopsie ist heute selten notwendig.

Quellen

Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss

Die auf dieser Seite bereitgestellten Informationen dienen ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellen keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieempfehlung dar. Sie ersetzen nicht den Rat eines approbierten Arztes oder Apothekers. Arzneimittel sollten stets nur nach ärztlicher Verordnung oder apothekenpflichtiger Abgabe eingenommen werden. Alle Angaben basieren auf zum Zeitpunkt der Erstellung veröffentlichten Fachinformationen und anerkannten wissenschaftlichen Quellen; maßgeblich ist stets die jeweils aktuelle Fachinformation des Herstellers. Sanoliste übernimmt keine Haftung für Vollständigkeit, Aktualität oder Richtigkeit der dargestellten Informationen. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie den Notruf 112.