Acetazolamid: Karboanhydrasehemmer bei Glaukom und Höhenkrankheit
Acetazolamid ist ein Sulfonamid-Diuretikum, das durch Hemmung des Enzyms Karboanhydrase (Carboanhydrase) wirkt. Dieses Enzym ist an der Produktion von Bikarbonat und Kammerwasser im Auge, an der Regulierung des Liquordrucks im Gehirn und an der Nierenfunktion beteiligt. Die daraus resultierenden Wirkungen machen Acetazolamid zu einem vielseitigen Medikament mit Indikationen in der Ophthalmologie, Neurologie und Notfallmedizin.
Einer der bekanntesten Einsätze von Acetazolamid ist die Prophylaxe und Behandlung der akuten Bergkrankheit (Höhenkrankheit). Bergsteiger und Trekking-Begeisterte, die rasch auf große Höhen aufsteigen, können von Acetazolamid profitieren, da es die Akklimatisation an Höhenlagen beschleunigt.
Wirkmechanismus
Die Karboanhydrase katalysiert die reversible Reaktion CO2 + H2O ⇌ H2CO3 ⇌ H+ + HCO3−. Durch Hemmung dieses Enzyms wird die Bikarbonat-Reabsorption im proximalen Nierentubulus gehemmt, was zu erhöhter renaler Ausscheidung von Bikarbonat, Natrium, Kalium und Wasser führt. Die resultierende metabolische Azidose stimuliert das Atemzentrum zur Hyperventilation, was bei Höhenkrankheit den arteriellen pO2 erhöht. Im Auge hemmt Acetazolamid die Kammerwasserproduktion durch die Ziliarkörperzellen, was den intraokulären Druck senkt. Im zentralen Nervensystem wird die Liquorproduktion reduziert.
Anwendungsgebiete
Acetazolamid ist indiziert für die Behandlung des Offenwinkelglaukoms und als temporäre Vorbereitung vor chirurgischer Glaukomtherapie. Zur Prophylaxe und Behandlung der akuten Bergkrankheit (Höhenkrankheit, AMS) ist Acetazolamid das Mittel der Wahl. In der Neurologie wird es bei bestimmten Formen der Epilepsie (insbesondere Absencen), bei idiopathischer intrakranieller Hypertension (Pseudotumor cerebri) und bei periodischer Lähmung eingesetzt. Außerdem kann es zur Behandlung von Ödemen eingesetzt werden, die auf andere Diuretika nicht ansprechen.
Dosierung und Einnahme
Glaukom: 250 mg zwei- bis viermal täglich oder 500 mg als Retard-Kapsel einmal täglich. Höhenkrankheit-Prophylaxe: 125 bis 250 mg zweimal täglich, beginnend ein bis zwei Tage vor dem Aufstieg und weitergeführt für mindestens zwei Tage nach Erreichen der Zielhöhe. Epilepsie: 4 bis 16 mg/kg täglich in geteilten Dosen. Bei Niereninsuffizienz ist Dosisanpassung oder Kontraindikation zu beachten. Acetazolamid kann mit oder ohne Mahlzeiten eingenommen werden.
Nebenwirkungen
Metabolische Azidose ist die häufigste systemische Nebenwirkung und erklärt Symptome wie Kribbeln in Händen und Füßen (Parästhesien), die typischerweise bei etwa 50 Prozent der Patienten auftreten. Hypokaliämie kann durch erhöhte Kaliumausscheidung entstehen. Nierensteinbildung (Kalzium-Phosphat-Steine) ist möglich, da Acetazolamid den Urin alkalisiert und Zitraturie fördert. Appetitmangel, Übelkeit und Müdigkeit sind häufige Beschwerden. Sulfonamidallergie (Kreuzallergie mit anderen Sulfonamiden) ist bei entsprechend sensibilisierten Patienten zu beachten. Selten: aplastische Anämie und Agranulozytose.
Wechselwirkungen
Acetazolamid kann die Plasmaspiegel von Phenytoin und Lithium erhöhen. Durch Alkalisierung des Urins werden basische Arzneimittel (Amphetamine, Chinin) verstärkt rückresorbiert. Salicylate können durch Acetazolamid-induzierte Azidose in ihrer Toxizität verstärkt werden. Herzglykoside: Hypokaliämie durch Acetazolamid erhöht die Toxizität. Metformin und andere renal ausgeschiedene Substanzen können bei eingeschränkter Nierenfunktion akkumulieren.
Besondere Hinweise
Acetazolamid ist verschreibungspflichtig. Bei nachgewiesener Allergie auf Sulfonamide oder andere Sulfonamid-ähnliche Substanzen (Thiaziddiuretika, Sulfonylharnstoffe) besteht potenzielles Kreuzallergie-Risiko. Kontraindiziert bei schwerem Leber- und Nierenversagen, Nebenniereninsuffizienz, chronischer hyperchlorämischer Azidose und Hypokaliämie. In der Schwangerschaft und Stillzeit sollte Acetazolamid nur nach strenger Indikationsstellung angewandt werden.
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Häufig gestellte Fragen
Wie hilft Acetazolamid gegen Höhenkrankheit?
Acetazolamid bewirkt eine metabolische Azidose, die das Atemzentrum stimuliert und zu tieferer und häufigerer Atmung führt. Dies erhöht den Sauerstoffgehalt im Blut, was bei Höhenlagen mit niedrigem Luftdruck besonders wichtig ist. Außerdem fördert Acetazolamid die renale Ausscheidung von Bikarbonat, was die durch Hyperventilation entstehende respiratorische Alkalose ausgleicht.
Warum kribbeln die Finger bei der Einnahme von Acetazolamid?
Das Kribbeln (Parästhesien) in Fingern, Zehen und im Gesicht ist die häufigste Nebenwirkung und typisches Zeichen der metabolischen Azidose. Es ist harmlos und klingt bei Absetzen ab. Viele Bergsteiger kennen dieses Kribbeln und betrachten es als Zeichen der Wirksamkeit des Medikaments.
Kann Acetazolamid dauerhaft beim Glaukom eingenommen werden?
Acetazolamid kann beim Glaukom langfristig eingesetzt werden, erfordert aber regelmäßige Laborkontrollen (Elektrolyte, Nierenfunktion, Blutbild). Bei Langzeitanwendung steigt das Risiko von Nierensteinen, Elektrolytentgleisungen und in seltenen Fällen hämatologischen Nebenwirkungen. Topische Karboanhydrasehemmer (Dorzolamid als Augentropfen) können als Alternative mit geringeren systemischen Nebenwirkungen erwogen werden.
Quellen
- Wilderness Medical Society: Practice Guidelines for High Altitude Illness 2023
- Fachinformation Diamox (Acetazolamid), aktueller Stand
- EGS-Leitlinie Glaukom 2022