Aclidinium: LAMA Bronchodilatator bei COPD
Aclidinium (Handelsnamen Eklira Genuair, Bretaris Genuair, in Kombination mit Formoterol als Duaklir Genuair und Brimica Genuair) ist ein lang wirksamer Muskarinrezeptor Antagonist (LAMA) zur inhalativen Therapie der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD). 2012 in der EU zugelassen, gehört Aclidinium zur Standardgruppe der bronchodilatatorisch wirksamen Inhalationswirkstoffe.
Im Vergleich zu anderen LAMAs (Tiotropium, Glycopyrronium, Umeclidinium) hat Aclidinium eine kürzere systemische Halbwertszeit und ein günstiges kardiovaskuläres Sicherheitsprofil, was vor allem bei multimorbiden COPD Patienten relevant ist. Charakteristisch ist die zweimal tägliche Anwendung über den Genuair Inhalator, ein atemzuggesteuertes Trockenpulver System mit visuellem und akustischem Feedback bei korrekter Inhalation.
Wirkmechanismus
Aclidinium ist ein quartäres Ammonium Anticholinergikum, das kompetitiv an Muskarinrezeptoren bindet. Klinisch relevant sind in den Atemwegen vor allem M3 Rezeptoren auf der glatten Bronchialmuskulatur. Ihre Aktivierung durch Acetylcholin aus dem N. vagus führt zu Bronchokonstriktion und Schleimsekretion. Aclidinium hemmt diese Wirkung selektiv und führt zu einer Bronchodilatation.
Im Vergleich zu kurzwirksamen Anticholinergika wie Ipratropium hat Aclidinium eine deutlich höhere Bindungsaffinität an M3 und eine längere Verweildauer am Rezeptor. Gleichzeitig dissoziiert es schnell von M2 Rezeptoren, was eine selektive Bronchodilatation ohne ausgeprägte kardiale Effekte begünstigt.
Der systemisch resorbierte Anteil wird rasch zu inaktiven Metaboliten abgebaut, weshalb anticholinerge Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Harnverhalt oder Engwinkelglaukom Verschlechterung selten sind.
Anwendungsgebiete
- Erhaltungstherapie der COPD: bei symptomatischen Patienten zur Verbesserung der Lungenfunktion, zur Reduktion der Symptome und zur Vorbeugung von Exazerbationen
- Kombinationstherapie: mit dem LABA Formoterol als Fixkombination Duaklir Genuair zweimal täglich, bei unzureichender Wirkung der Monotherapie
- Asthma bronchiale: nicht zugelassen; in Asthma kommen LAMAs nur zusätzlich zu ICS und LABA zum Einsatz, dann mit anderen Wirkstoffen wie Tiotropium
LAMAs werden gemäß GOLD Empfehlungen vor allem in den Gruppen B und E (also bei symptomatischen Patienten oder solchen mit gehäuften Exazerbationen) eingesetzt.
Dosierung und Anwendung
Standarddosis: 322 µg Aclidiniumbromid (entsprechend 400 µg Aclidinium Salzform) zweimal täglich, morgens und abends, durch Inhalation aus dem Genuair Inhalator.
Anwendung:
- Genuair vorbereiten: Schutzkappe abnehmen, Knopf ganz nach unten drücken, dann loslassen (Farbfenster zeigt grün)
- Mund und Lippen fest um das Mundstück legen
- Tief und kräftig einatmen, ein Klickgeräusch zeigt erfolgreiche Inhalation
- Atem 5 bis 10 Sekunden anhalten, dann ausatmen
- Schutzkappe wieder aufsetzen
- Bei Bedarf nach Inhalation Mund mit Wasser ausspülen, um Mundtrockenheit zu reduzieren
Der Genuair Inhalator hat ein Zählwerk, das die verbleibenden Inhalationen anzeigt, sowie ein Rotsignal, das vor der letzten Dosis warnt. Verbrauchte Inhalatoren werden nicht wiederverwendet.
Nebenwirkungen
Häufig: Kopfschmerzen, Nasopharyngitis, Sinusitis, Husten, Diarrhö, Übelkeit, Mundtrockenheit, Heiserkeit.
Gelegentlich: Tachykardie, Palpitationen, Stomatitis, Geschmacksstörungen, Hautausschlag, Pruritus, Harnverhalt (vor allem bei Männern mit Prostatahyperplasie), Sehstörungen.
Selten: Engwinkelglaukom Anfall, Bronchospasmus paradox, schwere allergische Reaktionen mit Angioödem, Atembeschwerden.
Wichtige Punkte:
- Aclidinium ist nicht zur akuten Therapie eines Asthma oder COPD Anfalls geeignet, dafür sind kurzwirksame Bronchodilatatoren wie Salbutamol oder Ipratropium notwendig
- Bei Patienten mit Engwinkelglaukom oder Prostatahyperplasie sorgfältige Aufklärung über Symptome, die einen Arztbesuch erfordern
- Bei Bronchospasmus nach Inhalation Therapie sofort beenden und alternative Therapie einleiten
Wechselwirkungen
- Andere Anticholinergika (Tiotropium, Glycopyrronium, Umeclidinium, Ipratropium): additive anticholinerge Wirkung, Kombination nicht empfohlen
- Sympathomimetika (LABA, SABA): sinnvolle Kombination zur Bronchodilatation, wie in Duaklir Genuair
- Inhalative Glukokortikoide: sinnvolle Kombination bei Patienten mit häufigen Exazerbationen oder Asthma COPD Overlap
- Andere QT verlängernde Wirkstoffe: theoretisch additive Wirkung, klinisch unter Aclidinium selten relevant
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: begrenzte Daten, Anwendung nur bei klarer Indikation und nach Nutzen Risiko Abwägung.
Stillzeit: Übergang in die Milch nicht ausreichend untersucht.
Engwinkelglaukom: Aclidinium kann den Augeninnendruck erhöhen. Patienten sollten über Symptome wie Augenschmerz, gerötete Augen, verschwommenes Sehen, Sehen von Halos um Lichter aufgeklärt sein.
Prostatahyperplasie: Risiko für Harnverhalt, vor allem bei Männern mit bestehender Symptomatik.
Schwere kardiovaskuläre Erkrankungen: Daten zu Patienten mit instabiler kardiovaskulärer Grundlage sind begrenzt; Aclidinium gilt aber im Klassenvergleich als kardiovaskulär verträglich.
Niereninsuffizienz: keine Dosisanpassung erforderlich.
Leberinsuffizienz: keine Dosisanpassung erforderlich.
Inhalationstechnik: regelmäßige Überprüfung der Technik, da auch erfahrene Patienten mit der Zeit Fehler machen. Apothekenkommunikation und Schulungsmaterialien helfen, die Effektivität langfristig zu sichern.
Verwandte Wirkstoffe
- Glycopyrronium, weiterer LAMA
- Umeclidinium, einmal täglicher LAMA
- Olodaterol, LABA mit langer Wirkdauer
- Formoterolfumarat Dihydrat, LABA in der Fixkombination Duaklir
- Fluticasone, ICS in vielen COPD Triple Therapien
Häufig gestellte Fragen
Ist Aclidinium für den akuten Anfall geeignet?
Nein. Aclidinium wirkt langsam einsetzend und ist als Erhaltungstherapie konzipiert. Für akute Atemnot oder einen plötzlichen Anfall sind kurzwirksame Bronchodilatatoren wie Salbutamol oder Ipratropium notwendig.
Warum zweimal täglich, wenn andere LAMAs einmal täglich wirken?
Die zweimal tägliche Anwendung deckt Symptome auch in der zweiten Tageshälfte zuverlässig ab und kann morgendliche Beschwerden lindern. Studien zeigen, dass die zweimal tägliche Dosierung von Aclidinium besonders auf nächtliche und morgendliche Symptome günstig wirkt. Patientenpräferenzen unterscheiden sich; manche bevorzugen die einmal tägliche Gabe, andere die regelmäßige Erinnerung durch die zweimal tägliche Routine.
Was tun bei Mundtrockenheit?
Mundspülen nach der Inhalation ist die einfachste Maßnahme. Zuckerfreie Bonbons oder Kaugummi regen den Speichelfluss an. Bei ausgeprägter Mundtrockenheit kann der Wirkstoff auch ein Hinweis darauf sein, dass die Dosis im Rahmen der Schicht zu hoch oder die Inhalationstechnik suboptimal ist; eine Überprüfung lohnt sich.
Was bedeutet das rote Fenster am Genuair?
Das Farbfenster wechselt nach jeder erfolgreichen Inhalation von grün auf rot. Das rote Fenster zeigt also, dass die Dosis korrekt eingenommen wurde. Erscheint das Fenster nach der Inhalation nicht rot, sollte die Inhalation wiederholt werden, da die Dosis möglicherweise nicht in die Atemwege gelangt ist. Wenn sich das Fenster gar nicht bewegt, ist der Inhalator möglicherweise leer.
Quellen
- EMA Eklira Genuair (Aclidinium) EPAR
- BfArM Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
- AWMF NVL COPD und GOLD Leitfaden
- Gelbe Liste Aclidinium Wirkstoffprofil
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