Acutane: Häufige Schreibvariante von Accutane (Isotretinoin) bei schwerer Akne
Acutane ist eine in der Bevölkerung häufige Schreibvariante des US Markennamens Accutane, dem ehemaligen Originalpräparat des Wirkstoffs Isotretinoin. Beide Begriffe bezeichnen dasselbe Medikament. Accutane wurde von Roche entwickelt und 1982 in den USA zugelassen, in Deutschland war das Originalpräparat unter dem Namen Roaccutan im Handel. Inzwischen ist Roaccutan vom deutschen Markt weitgehend verschwunden, generische Isotretinoin Präparate (Aknenormin, Isogalen, Isotretinoin Hexal, Acnatac topisch) sind weiterhin verfügbar.
Isotretinoin ist das wirksamste Medikament gegen schwere Akne und das einzige, das die Erkrankung in vielen Fällen dauerhaft heilen kann. Es greift in alle vier pathogenen Faktoren der Akne (Talgproduktion, follikuläre Hyperkeratose, Propionibacterium acnes, Entzündung) ein. Aufgrund der starken Wirksamkeit, aber auch des erheblichen Sicherheits und Teratogenitätsrisikos ist Isotretinoin nur bei schwerer therapieresistenter Akne und unter strenger medizinischer Aufsicht zugelassen. Eine ausführliche Pillar Page finden Sie unter /wirkstoff/isotretinoin.
Wirkmechanismus
Isotretinoin ist die 13 cis Form von Retinsäure (Vitamin A Säure) und entfaltet seine Wirkung über die Bindung an nukleäre Retinoid Rezeptoren (RAR und RXR), die die Genexpression in Talg und Hautzellen regulieren. Folge ist eine drastische Reduktion der Talgdrüsenaktivität (bis zu 90 Prozent), Normalisierung der follikulären Verhornung, indirekte Reduktion von Propionibacterium acnes (durch trockenes Milieu und Talgreduktion) und antientzündliche Wirkung.
Diese pleiotrope Wirkung erklärt die hohe Wirksamkeit, aber auch das breite Nebenwirkungsspektrum. Die Effekte auf Talgdrüsen sind teilweise reversibel, viele Patientinnen und Patienten erleben jedoch dauerhafte Remissionen oder deutliche Verbesserung auch nach Therapieende.
Pharmakokinetisch wird Isotretinoin oral mit fettreicher Mahlzeit besser resorbiert (etwa doppelte Bioverfügbarkeit). Die Substanz wird über CYP3A4 metabolisiert, Halbwertszeit 10 bis 20 Stunden, aktive Metaboliten verlängern die Wirkung. Die Substanz akkumuliert im Fettgewebe und wird nach Therapieende über Wochen bis Monate eliminiert.
Anwendungsgebiete
- Schwere therapieresistente Akne (Acne conglobata, Acne fulminans): primäres Indikationsgebiet
- Mittelschwere Akne mit Versagen anderer Therapien: nach mindestens 3 Monaten konventioneller systemischer Behandlung (Antibiotika, Hormontherapie, topische Retinoide)
- Akne mit Vernarbungstendenz: bei Risiko für dauerhafte Aknenarben
- Rosazea: off label, in niedriger Dosis
- Hidradenitis suppurativa: off label
- Bestimmte Lymphome und Leukämien: in onkologischer Indikation, andere Schemata
Dosierung und Einnahme
Standarddosis: 0,5 bis 1 mg/kg Körpergewicht täglich, aufgeteilt auf eine bis zwei Dosen, möglichst zur Mahlzeit. Kumulative Gesamtdosis 120 bis 150 mg/kg über die gesamte Therapie, was bei 70 kg Körpergewicht etwa 4 bis 6 Monate Therapie bedeutet.
Niedrigdosis Schemata: 0,1 bis 0,3 mg/kg über längere Zeit, mit besserer Verträglichkeit aber langsamerer Wirkung. Bei Rosazea oft niedrigere Dosen.
Einnahme: mit fettreicher Mahlzeit, weil dies die Bioverfügbarkeit verdoppelt. Zwischen den Tagesdosen Abstand einhalten.
Schwangerschaftsverhütung: in Deutschland obligatorisch nach Pregnancy Prevention Programme der EMA mit Aufklärungsbogen, Schwangerschaftstests vor, während und 5 Wochen nach Therapie, sicheren Verhütungsmethoden über den gesamten Zeitraum.
Nebenwirkungen
Sehr häufig: Trockene Haut, Cheilitis (rissige Lippen), trockene Augen mit Bindehautentzündung, trockene Schleimhäute (Nase mit Nasenbluten, Vagina), trockene Kopfhaut mit Haarausfall, Photosensibilität, muskuloskelettale Beschwerden (Myalgie, Arthralgie), Hyperlipidämie, Anstieg der Lebertransaminasen.
Schwerwiegend: Teratogenität (extrem hohes Risiko schwerer Fehlbildungen bei Schwangerschaft unter Therapie); psychiatrische Effekte einschließlich Depression, suizidale Gedanken, in Einzelfällen Suizid (Kausalität umstritten, aber FDA und EMA verlangen entsprechende Aufklärung); chronisch entzündliche Darmerkrankungen Verschlechterung; Pankreatitis bei schwerer Hyperlipidämie; gutartige intrakranielle Hypertension (Pseudotumor cerebri), insbesondere in Kombination mit Tetracyclinen; schwere Hauterkrankungen wie Stevens Johnson Syndrom und Erythema multiforme.
Wichtig: jede Schwangerschaft unter Isotretinoin ist eine Notfallsituation, weil bis zu 30 Prozent der Föten schwerste Fehlbildungen entwickeln. Die strikte Einhaltung des Pregnancy Prevention Programme ist nicht verhandelbar.
Wechselwirkungen
- Tetracycline (Doxycyclin, Minocyclin): additives Risiko für Pseudotumor cerebri, Kombination kontraindiziert
- Vitamin A Supplemente: additive Hypervitaminose A, kontraindiziert
- Glukokortikoide systemisch: additive Hyperglykämie, Hyperlipidämie
- Methotrexat: additive Hepatotoxizität
- Hormonelle Kontrazeptiva (Mikropille): möglicherweise reduzierte Wirksamkeit, daher zwei Verhütungsmethoden empfohlen
- Alkohol: additive Hepatotoxizität und Hyperlipidämie
Besondere Hinweise
Schwangerschaft: absolut kontraindiziert. Frauen im gebärfähigen Alter müssen das Pregnancy Prevention Programme vollständig befolgen, was beinhaltet: Aufklärung, Schwangerschaftstest vor jeder Verschreibung, sichere Kontrazeption über die gesamte Therapie und 1 Monat danach, monatliche ärztliche Kontrolle.
Stillzeit: kontraindiziert.
Vor Therapiebeginn: Lebertransaminasen, Lipidstatus (Cholesterin, Triglyzeride), Schwangerschaftstest. Aufklärung der Patientin und Angehörigen über Risiken, vor allem Teratogenität und psychiatrische Effekte.
Monitoring: Lebertransaminasen und Lipidstatus monatlich, Schwangerschaftstest monatlich. Beobachtung psychischer Symptome, Familie und Patientin sollten Veränderungen melden.
Sonnenschutz: photoprotection mit Lichtschutzfaktor 30 oder höher, da Isotretinoin die UV Empfindlichkeit erhöht.
Verschreibungspflicht: Isotretinoin darf in Deutschland nur von Hautärzten oder erfahrenen Allgemeinärzten verordnet werden, mit besonderen Verschreibungsmodalitäten gemäß Pregnancy Prevention Programme.
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Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Acutane und Accutane?
Acutane ist eine häufige Schreibvariante von Accutane, beide bezeichnen denselben Wirkstoff Isotretinoin. Accutane war der Originalmarkenname von Roche in den USA, in Deutschland Roaccutan. Beide sind heute weitgehend durch generische Isotretinoin Präparate ersetzt.
Wirklich heilen kann Isotretinoin meine Akne?
Bei vielen Patientinnen und Patienten führt eine vollständige Therapie mit kumulativer Dosis von 120 bis 150 mg/kg zu einer dauerhaften Remission der Akne, auch nach Therapieende. Etwa 70 bis 80 Prozent erleben eine langfristige Verbesserung, ein Teil benötigt einen zweiten Zyklus nach mehreren Jahren.
Warum ist die Schwangerschaftsverhütung so wichtig?
Isotretinoin ist eines der teratogensten zugelassenen Arzneimittel. Bei Schwangerschaft unter Therapie entwickeln bis zu 30 Prozent der Föten schwerste Fehlbildungen (kraniofazial, kardial, ZNS, Thymus). Daher ist die strikte Einhaltung des Pregnancy Prevention Programme mit zwei sicheren Verhütungsmethoden, monatlichen Schwangerschaftstests und ärztlicher Aufklärung obligatorisch.
Was ist mit der Diskussion um Depression und Suizidalität?
Es gibt Berichte über depressive Verstimmung und in Einzelfällen Suizide unter Isotretinoin. Eine ursächliche Kausalität ist umstritten, vor allem weil Akne selbst depressive Symptome auslösen kann. Trotzdem fordern FDA und EMA eine entsprechende Aufklärung und Beobachtung. Patientinnen, Patienten und Angehörige sollten auf Stimmungsveränderungen achten und im Zweifel die behandelnde Praxis informieren.
Quellen
- EMA Pregnancy Prevention Programme für Isotretinoin
- AWMF S2k Leitlinie Behandlung der Akne
- Gelbe Liste, Isotretinoin Wirkstoffprofil
- BfArM, Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
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