Adenosin: Wirkung bei supraventrikulärer Tachykardie

Adenosin ist ein körpereigenes Purinnukleosid, das in der Notfallmedizin und Kardiologie als hochwirksames Antiarrhythmikum eingesetzt wird (Handelsnamen Adrekar, Adenoscan sowie Generika). In Deutschland ist Adenosin Mittel der ersten Wahl zur akuten Konversion paroxysmaler supraventrikulärer Tachykardien. Daneben kommt es als pharmakologischer Stresstest in der nuklearmedizinischen Belastungs Myokardszintigraphie zum Einsatz, wenn körperliche Belastung nicht möglich ist.

Charakteristisch für Adenosin ist seine extrem kurze Wirkdauer. Die Halbwertszeit liegt bei wenigen Sekunden, weil die Substanz von Erythrozyten und Endothelzellen rasch aufgenommen und enzymatisch abgebaut wird. Diese Eigenschaft ist klinisch ein großer Vorteil, weil unerwünschte Wirkungen schnell verschwinden, gleichzeitig erfordert die Anwendung eine sorgfältige Vorbereitung mit Defibrillationsbereitschaft, Reanimationsteam und kontinuierlichem EKG. Adenosin ist nicht für die Selbstanwendung oder ambulante orale Therapie geeignet.

Wirkmechanismus

Adenosin bindet vor allem an A1 Rezeptoren am Vorhof und im AV Knoten. Aktivierung dieser Gi gekoppelten Rezeptoren führt zur Hyperpolarisation der Zellmembran durch Öffnung von Kalium Kanälen und zur Hemmung der Adenylatzyklase. Im AV Knoten kommt es dadurch zu einer kurzzeitigen, oft mehrere Sekunden andauernden Blockade der Erregungsleitung. Reentry Tachykardien, die über den AV Knoten verlaufen (zum Beispiel AV Knoten Reentry Tachykardie und AV Reentry Tachykardie bei akzessorischer Bahn), werden dadurch unterbrochen.

An A2A Rezeptoren der Gefäßwand wirkt Adenosin vasodilatatorisch, was den Effekt im Myokardperfusionstest erklärt. Während der Adenosin Infusion erweitern sich gesunde Koronararterien deutlich, während stenosierte Bereiche begrenzt reagieren, was den Vergleich zwischen perfundierten und minderperfundierten Arealen ermöglicht. Im zentralen Nervensystem wirkt Adenosin hemmend auf neuronale Aktivität, wobei dieser Effekt durch Coffein und Theophyllin antagonisiert wird.

Adenosin wird in den Zellen durch Adenosindeaminase zu Inosin und durch Adenosinkinase zu AMP umgewandelt. Die effektive Halbwertszeit liegt bei weniger als zehn Sekunden, weshalb die Substanz als rascher Bolus über einen Drei Wege Hahn nahe am Herzen verabreicht und sofort mit Kochsalzlösung nachgespült wird.

Anwendungsgebiete

  • Akute supraventrikuläre Tachykardie einschließlich AV Knoten Reentry Tachykardie und AV Reentry Tachykardie zur diagnostischen Demaskierung und Konversion
  • Differenzialdiagnostische Unterstützung bei Tachykardien mit breitem QRS Komplex, weil Adenosin durch kurze AV Blockade Hinweise auf zugrunde liegende Mechanismen gibt
  • Pharmakologische Stress Myokardszintigraphie oder Stress MRT, wenn körperliche Belastung nicht möglich ist
  • Diagnostische Tests bei Verdacht auf akzessorische Bahnen oder spezifische supraventrikuläre Tachykardie Mechanismen

Adenosin ist nicht zur Frequenzkontrolle bei Vorhofflimmern oder zur Konversion eines instabilen ventrikulären Tachyarrhythmus geeignet. Bei hämodynamisch instabilen Tachykardien ist die elektrische Kardioversion Mittel der Wahl. Bei Wolff Parkinson White Syndrom mit Vorhofflimmern ist Adenosin gefährlich, weil es paradox die Kammerfrequenz erhöhen kann.

Dosierung und Anwendung

Standarddosis Erwachsene: 6 mg als rascher intravenöser Bolus über 1 bis 2 Sekunden, möglichst über einen großlumigen Zugang nahe am Herzen, gefolgt von 10 ml Kochsalzlösung Spülung.

Wenn keine Konversion nach 1 bis 2 Minuten: 12 mg Bolus, gegebenenfalls erneut nach weiteren 1 bis 2 Minuten 12 mg.

Pädiatrisch: 0,1 mg pro kg Körpergewicht als Bolus, gegebenenfalls Steigerung auf 0,2 mg pro kg, maximal 12 mg pro Einzeldosis.

Pharmakologischer Stresstest: Infusion mit 140 µg pro kg pro Minute über sechs Minuten unter EKG Monitoring. Variantes Protokoll mit verkürzter Infusion möglich.

Verabreichung: kontinuierliches EKG, Blutdruck, Pulsoxymetrie, sofortige Defibrillationsbereitschaft. Aufklärung der Patientin oder des Patienten über typische, oft als unangenehm empfundene Symptome wie Brustdruck, Wärmegefühl, kurze Atemnot. Diese Effekte sind erwünscht und Teil des Wirkprinzips, klingen meist binnen Sekunden ab.

Niereninsuffizienz und Leberinsuffizienz: keine Dosisanpassung erforderlich, weil Adenosin in den Zellen abgebaut wird.

Nebenwirkungen

Sehr häufig (kurzfristig): Brustdruck, Wärmegefühl, Flush, kurze Atemnot, Schwindel, vorübergehende AV Blockade mit Asystolie für wenige Sekunden, Kopfschmerz.

Häufig: Übelkeit, vorübergehende Hypotonie, Erregungsleitungsstörungen, Vorhof oder Kammerextrasystolen.

Gelegentlich bis selten: Bronchospasmus, vor allem bei Asthma oder COPD, prolongierte AV Blockade, Sinusknotendysfunktion, neue Vorhofflimmern Episoden, sehr selten anhaltende Bradykardie oder Asystolie.

Bei Patienten mit Wolff Parkinson White Syndrom und Vorhofflimmern: Adenosin kann die Leitung über die akzessorische Bahn begünstigen und zu schnellen Kammerfrequenzen mit Risiko für Kammerflimmern führen. Hier ist Adenosin kontraindiziert.

Bei Patienten mit Asthma: Bronchospasmus möglich, daher Vorsicht und Bereitschaft mit Bronchodilatatoren.

Wechselwirkungen

  • Coffein und Theophyllin: Antagonisten an Adenosinrezeptoren, deutlich reduzierte Wirkung. Vor pharmakologischen Stresstests sollen Patienten 24 Stunden auf Coffein und 12 bis 24 Stunden auf Theophyllin verzichten.
  • Dipyridamol: hemmt die zelluläre Aufnahme von Adenosin und verstärkt dessen Wirkung deutlich. Bolusdosen müssen reduziert oder die Substanz kann gar nicht eingesetzt werden.
  • Carbamazepin: kann die AV Blockade unter Adenosin verlängern, höhere Vorsicht.
  • Digoxin und Verapamil: theoretisch additive Bradykardie und AV Blockade, klinisch selten relevant bei kurzer Adenosin Wirkung.
  • Beta Blocker und Calcium Antagonisten: keine direkte pharmakologische Wechselwirkung, aber Komedikation kann Sinusknoten und AV Knoten Funktion beeinflussen.
  • Sublinguale Tabletten oder Inhalativa mit Sympathomimetika: keine direkte Interaktion, klinische Beobachtung sinnvoll.

Besondere Hinweise

Schwangerschaft: bei vital indizierter supraventrikulärer Tachykardie kann Adenosin angewendet werden, idealerweise in der Klinik. Stillzeit: wegen sehr kurzer Halbwertszeit klinisch nicht relevant.

Kinder: in der pädiatrischen Notfallmedizin etabliert.

Vor Anwendung: kontinuierliches EKG, intravenöser Zugang, Defibrillator und Notfallausstattung bereit, Aufklärung über kurzfristige Symptome.

Vor pharmakologischen Stresstests: Karenz von Coffein, Theophyllin, Dipyridamol gemäß Protokoll, Asthmaanamnese erfragen, geeigneten alternativen Stress (Dobutamin) bei Asthma erwägen.

Vagusmanöver vor Adenosin: bei stabiler supraventrikulärer Tachykardie sind Karotissinusmassage oder Valsalva Manöver erste Optionen, oft erfolgreich und ohne Medikament. Wenn diese nicht greifen, ist Adenosin Mittel der nächsten Wahl.

Patientenkommunikation: Patienten sollten wissen, dass die kurze Wirkung manchmal sehr unangenehm ist (Brustdruck, Schwindel, Atemnot), aber binnen Sekunden vorbeigeht. Diese Aufklärung reduziert Angst und Stress.

Verkehrstüchtigkeit: nicht relevant durch akute Anwendung, nach kurzer Beobachtungsphase wieder gegeben.

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Häufig gestellte Fragen

Warum ist Adenosin so kurz wirksam?

Adenosin wird in Zellen rasch durch Adenosindeaminase und Adenosinkinase abgebaut, die Halbwertszeit liegt bei weniger als zehn Sekunden. Das ist klinisch ein Vorteil, weil unerwünschte Wirkungen schnell vergehen. Gleichzeitig erfordert die kurze Wirkdauer eine sehr schnelle Bolusgabe direkt am Herzen.

Warum darf ich vor einem Stresstest keinen Kaffee trinken?

Coffein blockiert Adenosinrezeptoren und reduziert die Wirkung des Tests. Eine Karenz von 24 Stunden vor pharmakologischer Stress Myokardszintigraphie ist daher Standard, ebenso für Theophyllin haltige Medikamente. Patienten erhalten meist eine schriftliche Anleitung.

Ist die Asystolie nach Adenosin gefährlich?

Eine kurze Asystolie über wenige Sekunden ist Teil des Wirkprinzips und in der Regel ungefährlich. Sie endet von selbst, sobald der Wirkstoff abgebaut ist. In sehr seltenen Fällen kann eine prolongierte Bradykardie auftreten, weshalb Defibrillation und Notfallteam in Bereitschaft stehen.

Was tun bei Bronchospasmus unter Adenosin?

Adenosin kann bei Asthma einen Bronchospasmus auslösen. Vor Anwendung wird eine Asthmaanamnese erfragt. Beim Auftreten von Atemnot wird ein Beta 2 Agonist wie Salbutamol bereitgehalten. Der Effekt ist meist kurzlebig, weil Adenosin schnell abgebaut wird.

Quellen

Rechtliche Hinweise und Haftungsausschluss

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