Atenolol: Beta-1-selektiver Betablocker mit renaler Ausscheidung
Atenolol ist ein Beta-1-selektiver Betablocker ohne intrinsische sympathomimetische Aktivität. Es senkt Herzfrequenz, Kontraktionskraft und Blutdruck und wird bei Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit, nach Herzinfarkt und bei bestimmten Herzrhythmusstörungen eingesetzt. Bekannt ist es unter dem Handelsnamen Tenormin und als zahlreiche Generika.
Eine Besonderheit ist die stark hydrophile Eigenschaft. Der Wirkstoff überwindet die Blut-Hirn-Schranke kaum, weshalb zentrale Nebenwirkungen wie Albträume, lebhafte Träume und ausgeprägte Müdigkeit seltener auftreten als bei fettlöslichen Vertretern. Zugleich wird er überwiegend unverändert über die Nieren ausgeschieden, sodass bei eingeschränkter Nierenfunktion angepasst werden muss.
Wirkmechanismus
Atenolol blockiert bevorzugt Beta-1-Adrenozeptoren am Herzen. Die Wirkung von Adrenalin und Noradrenalin an diesen Rezeptoren wird gehemmt, wodurch Herzfrequenz, Schlagkraft und Erregungsleitung abnehmen. Der Sauerstoffverbrauch des Herzmuskels sinkt, was den Nutzen bei koronarer Herzkrankheit erklärt.
Die Selektivität für Beta-1-Rezeptoren ist relativ, nicht absolut. Mit steigender Dosis nimmt sie ab, sodass auch Beta-2-Rezeptoren in Bronchien und Blutgefäßen blockiert werden. Bei Patienten mit Atemwegserkrankungen ist deshalb auch ein selektiver Betablocker nicht ohne Weiteres unbedenklich.
Die blutdrucksenkende Wirkung beruht auf mehreren Mechanismen. Neben der Verringerung des Herzzeitvolumens spielt die Hemmung der Reninfreisetzung in der Niere eine Rolle. Der volle Effekt entwickelt sich erst über ein bis zwei Wochen.
Atenolol wird kaum in der Leber verstoffwechselt und zu etwa 90 Prozent unverändert über die Nieren ausgeschieden. Die Halbwertszeit beträgt bei normaler Nierenfunktion sechs bis sieben Stunden, verlängert sich bei Niereninsuffizienz jedoch erheblich.
Anwendungsgebiete
Zugelassen ist Atenolol bei:
- arterieller Hypertonie
- chronisch stabiler Angina pectoris
- bestimmten Herzrhythmusstörungen, insbesondere tachykarden Formen
- Sekundärprophylaxe nach Herzinfarkt
Bei unkompliziertem Bluthochdruck zählt Atenolol nicht mehr zu den bevorzugten Substanzen. Auswertungen großer Studien zeigten, dass Betablocker und insbesondere Atenolol dem Schlaganfall weniger wirksam vorbeugen als Sartane, ACE-Hemmer, Calciumkanalblocker oder Diuretika, obwohl der Blutdruck vergleichbar gesenkt wird.
Sinnvoll bleibt der Einsatz, wenn ein zusätzlicher Grund für einen Betablocker vorliegt. Dazu zählen koronare Herzkrankheit, Zustand nach Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Frequenzkontrolle bei Vorhofflimmern sowie bestimmte Rhythmusstörungen.
Bei chronischer Herzinsuffizienz ist Atenolol nicht die Substanz der Wahl. Ein Nutzennachweis liegt hier nur für Bisoprolol, Carvedilol, Metoprololsuccinat und bei älteren Patienten Nebivolol vor.
Dosierung und Einnahme
Übliche Dosierung bei Erwachsenen:
- Bluthochdruck: 25 bis 50 mg einmal täglich, bei Bedarf bis 100 mg
- Angina pectoris: 50 bis 100 mg täglich
- Rhythmusstörungen: 50 bis 100 mg täglich
- nach Herzinfarkt: 50 bis 100 mg täglich
Anpassung bei eingeschränkter Nierenfunktion:
- glomeruläre Filtrationsrate 15 bis 35 ml/min: höchstens 50 mg täglich
- glomeruläre Filtrationsrate unter 15 ml/min: höchstens 25 mg täglich oder 50 mg jeden zweiten Tag
- bei Dialyse: Gabe nach der Behandlung unter Überwachung
Die Einnahme erfolgt einmal täglich, unabhängig von den Mahlzeiten. Eine Dosissteigerung über 100 Milligramm täglich bringt in der Regel keinen zusätzlichen Nutzen.
Die volle blutdrucksenkende Wirkung entwickelt sich über ein bis zwei Wochen. Eine vorzeitige Steigerung ist selten sinnvoll.
Atenolol darf nicht abrupt abgesetzt werden. Durch die vermehrte Bildung von Betarezeptoren unter der Behandlung kann ein plötzliches Beenden zu Herzrasen, Blutdruckanstieg und bei koronarer Herzkrankheit zu Angina-pectoris-Anfällen oder einem Herzinfarkt führen. Das Ausschleichen erfolgt über ein bis zwei Wochen.
Nebenwirkungen
Häufig:
- Müdigkeit und Schwäche
- kalte Hände und Füße
- verlangsamter Puls
- Schwindel und Kopfschmerzen
- Magen-Darm-Beschwerden
Gelegentlich bis selten:
- Verschlechterung einer Herzinsuffizienz
- Atemwegsverengung bei entsprechend veranlagten Patienten
- Verschlechterung von Durchblutungsstörungen der Beine
- Erektionsstörungen
- Schlafstörungen, seltener als bei fettlöslichen Betablockern
- Blutzuckerentgleisungen und veränderte Blutfette
Die Müdigkeit in den ersten Wochen ist der häufigste Grund für einen vorzeitigen Abbruch. Sie lässt in der Regel im Verlauf nach.
Bei Diabetikern können Betablocker die Warnzeichen einer Unterzuckerung wie Herzklopfen und Zittern abschwächen und die Erholungsphase verlängern. Schwitzen bleibt als Warnsignal erhalten. Eine engmaschigere Blutzuckerkontrolle ist zu Behandlungsbeginn sinnvoll.
Bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit und beim Raynaud-Syndrom können sich die Beschwerden durch die Blockade der Beta-2-vermittelten Gefäßerweiterung verstärken.
Wechselwirkungen
Klinisch bedeutsame Kombinationen:
- Calciumkanalblocker vom Verapamil- oder Diltiazemtyp können zu ausgeprägter Bradykardie und Erregungsleitungsstörungen führen, die intravenöse Kombination ist kontraindiziert
- Antiarrhythmika verstärken die Wirkung auf Frequenz und Erregungsleitung
- Insulin und orale Antidiabetika wirken verstärkt, Warnzeichen der Unterzuckerung werden verschleiert
- nichtsteroidale Antirheumatika schwächen die blutdrucksenkende Wirkung ab
- Clonidin darf bei gleichzeitiger Betablockade nicht abrupt abgesetzt werden, es droht ein starker Blutdruckanstieg
- Adrenalin kann bei blockierten Beta-Rezeptoren zu überschießendem Blutdruckanstieg führen
Da Atenolol kaum über Leberenzyme abgebaut wird, sind Wechselwirkungen auf dieser Ebene selten. Die praktisch bedeutsamen Wechselwirkungen ergeben sich aus der Addition von Wirkungen auf Herzfrequenz und Blutdruck.
Besondere Hinweise
Atenolol darf nicht angewendet werden bei:
- dekompensierter Herzinsuffizienz
- AV-Block zweiten und dritten Grades ohne Schrittmacher
- Sick-Sinus-Syndrom und ausgeprägter Bradykardie
- kardiogenem Schock und schwerer Hypotonie
- unbehandeltem Phäochromozytom
- metabolischer Azidose
Bei Asthma bronchiale ist besondere Zurückhaltung geboten. Auch die Beta-1-Selektivität schützt nicht zuverlässig, weil sie mit steigender Dosis abnimmt.
Bei Phäochromozytom darf ein Betablocker nur nach vorheriger Alphablockade gegeben werden, sonst droht eine hypertensive Krise.
Vor Operationen sollte der Anästhesist über die Einnahme informiert werden. Ein Absetzen vor dem Eingriff ist in der Regel nicht sinnvoll.
In der Schwangerschaft kann Atenolol das Wachstum des ungeborenen Kindes beeinträchtigen. Für die Behandlung von Bluthochdruck in der Schwangerschaft stehen besser untersuchte Alternativen zur Verfügung. Der Wirkstoff geht in die Muttermilch über und kann beim gestillten Säugling zu Bradykardie führen.
Zu Behandlungsbeginn kann das Reaktionsvermögen durch Müdigkeit und Schwindel beeinträchtigt sein.
Häufig gestellte Fragen
Warum ist Atenolol bei Bluthochdruck nicht mehr erste Wahl?
Auswertungen großer Studien zeigten, dass Betablocker und insbesondere Atenolol dem Schlaganfall weniger wirksam vorbeugen als Sartane, ACE-Hemmer, Calciumkanalblocker oder Diuretika, obwohl der Blutdruck vergleichbar gesenkt wird. Sinnvoll bleibt der Einsatz, wenn ein zusätzlicher Grund für einen Betablocker vorliegt.
Muss die Dosis bei Nierenschwäche angepasst werden?
Ja, zwingend. Atenolol wird zu etwa 90 Prozent unverändert über die Nieren ausgeschieden und reichert sich bei eingeschränkter Funktion an. Ab einer Filtrationsrate unter 35 Millilitern pro Minute gelten reduzierte Höchstdosen, unter 15 Millilitern pro Minute wird die Dosis nochmals halbiert.
Macht Atenolol weniger müde als andere Betablocker?
Atenolol ist stark wasserlöslich und gelangt kaum ins Gehirn. Zentrale Nebenwirkungen wie Albträume, lebhafte Träume und Schlafstörungen treten deshalb seltener auf als bei fettlöslichen Vertretern wie Metoprolol oder Propranolol. Allgemeine Müdigkeit als Folge der verminderten Herzarbeit bleibt jedoch möglich.
Darf man Atenolol einfach absetzen?
Nein. Unter der Behandlung bildet der Körper vermehrt Betarezeptoren. Ein abruptes Absetzen kann deshalb zu Herzrasen, Blutdruckanstieg und bei koronarer Herzkrankheit zu Angina-pectoris-Anfällen oder einem Herzinfarkt führen. Das Ausschleichen erfolgt über ein bis zwei Wochen.
Ist Atenolol bei Herzschwäche geeignet?
Nein, hier ist es nicht die Substanz der Wahl. Ein Nutzennachweis bei chronischer Herzinsuffizienz liegt nur für Bisoprolol, Carvedilol, Metoprololsuccinat und bei älteren Patienten Nebivolol vor. Bei bestehender Herzschwäche sollte auf einen dieser Wirkstoffe umgestellt werden.
Quellen
- Fachinformation Tenormin 50 mg Filmtabletten, Neuraxpharm Arzneimittel GmbH.
- Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie
- Nationale VersorgungsLeitlinie Chronische Herzinsuffizienz
- Lindholm LH, Carlberg B, Samuelsson O (2005): Should beta blockers remain first choice in the treatment of primary hypertension? A meta-analysis. Lancet 366(9496):1545-1553.
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